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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for August, 2010

Pisa von innen (3)

Dienstag, 24. August 2010

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Pisa von innen
Eine authentische Erzählung

von © Salias I.

Erster Teil (3)

Dienstag, 4.3.8

Halb betäubt würge ich den Wecker ab, schalte die Nachtlampe ein, bei schalem Licht versuche ich, die Augen offen zu halten, mich zu orientieren: Die Kopfschmerzen sind weg, das ist gut, heute acht Stunden Unterricht: sehr schlimm!
Du bist doch krank, raunt mir meine Frau zu; obwohl schlaftrunken sorgt sie sich: Ich solle nicht gehen! – Doch doch, es geht doch, ich muss gehen, murmle ich, ich bin ja wieder gesund. Den schlimmsten Tag der Woche habe ich hinter mir.

Am schlimmsten heute: die 10 X2 (da bin ich Klassenlehrer). Kollege B, der Stellvertretende Schulleiter, nannte meine Klasse beim Elternabend „die böseste Klasse, die wir seit Jahren hatten“. – Ja, das könne man doch nicht so hinnehmen, meinte eine der entsetzten Mütter. – „Da bleibt uns gar nichts anderes übrig“, sagte Herr B, „solche Klassen finden Sie an jeder Schule.“
Dass die Klasse besonders böse sei, stimmt nicht so ganz: Erstens haben wir jedes Jahr ähnliche Klassen, zweitens ist die Klasse ebenso wenig „böse“ wie ihre Schüler; man kann sie, wenn sie vereinzelt auftreten, sogar gern haben, ein jeder mit seinen Schwächen und Macken: Der A, der so Macho ist, dass er bei jeder kleinen Kritik, und sei sie noch so berechtigt, aufbraust, (weiterlesen…)

Biennale Venedig ohne Christoph Schlingensief

Sonntag, 22. August 2010

Nun hat sie sich doch durchgesetzt, sie tritt mit ihrem hässlichen Gesicht ans Tageslicht; wir wollten sie partout nicht wahrhaben, hatten alles versucht, sie zurückzudrängen, in das Reich des Schweigens zu verbannen, ihre Existenz zu negieren: Die böse Frage nach dem Plan B, für den Fall, dass etwas doch einträte, was nicht hätte eintreten dürfen: der frühzeitige Tod des grossen Künstlers Christoph Schlingensief. Er sollte zur nächstjährigen Biennale in Venedig den deutschen Pavillon gestalten.

Aber es kann nach dem Tod dieses Mannes keinen Plan B für Venedig geben. Wenn es jetzt überhaupt noch etwas geben sollte, so müsste dies ein vollkommener Neuanfang sein. Im wahrsten Sinne aller Zeitrechnung bei der Stunde 0. Denn Schlingensief ist nicht zu ersetzen.

Sollte man am Ende den deutschen Pavillon im kommenden Jahr leer stehen lassen, um dem Publikum die Möglichkeit zu geben, sich vorzustellen, was dieser herausragende Künstler uns in jenem Haus in den Giardini Pubblici alles hätte erzählen können?

Christoph Schlingensief erlag am 21. August 2010 im Alter von 49 Jahren seinem Krebsleiden.

“basis”: Sommerausstellung 2010 in Frankfurt am Main

Sonntag, 22. August 2010

Von potentieller Dummheit war die Rede, als der Frankfurter Kulturdezernent Professor Felix Semmelroth unlängst die Sommerausstellung 2010 von “basis”, des Vereins zur “Förderung kreativer Produktionsmöglichkeiten und Inhalte”, im Atelierhaus Gutleutstrasse eröffnete. Denn von Dummheit zeugte es, wenn eine weltoffene Stadt wie Frankfurt am Main nichts unternähme, um ihre Künstlerinnen und Künstler nicht nur zu fördern, sondern auch deren Arbeit in die Stadtgesellschaft hinein zu kommunizieren. So stellt das Kulturdezernat unter anderem 40 preiswerte Ateliers bereit. Darüber hinaus fördert es, wiederum unter anderem, den Verein “basis” mit seinen 45 Arbeits- und Produktionsräumen in der Elbe- sowie weiteren 75 entsprechenden Räumen in der Gutleutstrasse (nicht zu vergessen ferner die Unterstützung der 45 Ateliers von “atelierfrankfurt” in der Hohenstaufenstrasse). Neben den regelmässigen Sonderausstellungen dieser Ateliers legen deren jährliche, von den Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern vielbesuchte und geschätzte “Open Doors” ein beredtes Zeugnis ab von der in der Stadt reich versammelten künstlerischen Kreativität und Leistungsfähigkeit.

Zurück nun zur “basis”-Sommerausstellung 2010: “Feeding the World” lautet trefflich ihr Motto, und wahrlich: Kunst versteht sich – und wird unserem Eindruck nach mehr und mehr verstanden (gerade auch an einem Banken- und Dienstleistungsstandort wie Frankfurt am Main) – als ein unverzichtbares Grundnahrungsmittel. An der aktuellen, sommerlich-künstlerischen “basis”-Nähr-Aktion beteiligen sich Isabel Albrecht, Verónica Aguilera, Valentin Beinroth, Johanna Bieligk, Nicolaj Dudek, Wiebke Grösch, Özlem Günyol, Florian Jenett, Stefanie Kettel, Sandra Kranich, Astrid Korntheuer, Levent Kunt, Mustafa Kunt, Frank Metzger, Nashun Nashunbatu, Stefanie Pretnar, Katharina Schücke und Oliver Voss. Erstmals wird eine derartige Ausstellung in einem der basis-Häuser kuratiert: von dem in Berlin lebenden freien Autor und Kurator Ludwig Seyfarth.

Wieder einmal haben wir die Qual der Wahl: Die Arbeiten von neun Künstlerinnen und Künstlern stellen wir exemplarisch vor als einen Querschnitt durch die bis zum 12. September 2010 dauernde Ausstellung, die sich Kunsthungrige keinesfalls entgehen lassen sollten. Lassen Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, im besten Sinne mit Kunst “füttern”.

Astrid Korntheuer,1979 in Schwelm geboren, studierte von 1999 bis 2005 an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach bei den Professoren rosalie, Heiner Blum und Frank Schumacher. Sie arrangiert für ihre fantastischen fotografischen Arbeiten die verschiedensten Materialien, die sich bei nachhaltiger Betrachtung als ein behutsam wie sorgfältig entwickeltes kompositorisches Ganzes erweisen. Verblüffend die räumliche Tiefenwirkung, gleichsam “Dreidimensionalität” ihrer Fotografien der Serie “Nature morte”. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Frankfurt am Main und Offenbach.

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Astrid Korntheuer, “Nature Morte 113″, 2009, Injektprint Aludibond, 115 x 142,5 x 5 cm (im oberen Teil leider mit einem störenden Lichtreflex)

Der 1975 in Würzburg geborene Florian Jenett kam nach dem Besuch der Stuttgarter Freien Kunstschule P.Art an die Offenbacher HfG, an der er bis 2007 bei den Professoren Heiner Blum und David Linderman studierte.

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Florian Jenett, “1 t ct”, 2009, 4347,82 Euro in Centstücken, FIBC BigBag-Sack, 2 Euro Pool-Paletten, 80 x 80 x 110 cm

Sinnlich wie aberwitzig der mit einer Tonne “Kupfer”-Eurocents gefüllte über einen Meter hohe Bauschutt-Sack, dem angesichts des enormen Gewichts lediglich der Gegenwert von gut 4300 Euro entspricht – groteskes Sinnbild einer aus den Fugen geratenen, dazu stets von geldentwertender Inflation wie Deflation bedrohten Finanzwelt. Grotesk auch eine weitere Arbeit des Künstlers: Auf dem Rücken liegende Uralt-Monitore bespielt er mit live in Internet-Nachrichtenportalen (sic!) verbreiteten Werbebannern: Zerrbild – oder schlimmer gar Abbild – einer sogenannten, noch dazu globalisierten “Informations”-Gesellschaft.

L1006033-650 Florian Jenett, “Phishing At The River Of News, 2009, 20 Computermonitore, sechs Video-Splitter, Mac Mini, Masse variabel

Auch Nicolaj Dudek studierte, nach zunächst einem Diplom-Studium der Geologie an der Universität Frankfurt am Main, an der HfG in Offenbach, an der er 2000 das Diplom im Bereich Zeichnen ablegte. Einen zeichnerischen Seismographen seiner visuellen Umwelt könnte man den Künstler nennen. Seine “Reisenden” lässt Dudek in fantasievollen, traumhaft imaginierten Welten erscheinen und wieder verschwinden – Zeitreisen im steten Werden und Vergehen.

L1006055-650 Nicolaj Dudek, Reisender (Travellor) I, 2010, Tusche auf Papier, 261 x 198 cm

Valentin Beinroth, 1974 in Stuttgart geboren, ist ebenfalls Absolvent der Offenbacher HfG, an der er von 2000 bis 2008 bei Professor Heiner Blum studierte. Der Künstler, ständig auf der Suche nach neuen Möglichkeiten einer Vermessung – will sagen Aneignung – der Welt, rekurriert aktuell auf einen Referenzwürfel der NASA von einem Zentimeter Kantenlänge zur Fotografie von Meteoriten. Beinroth vergrössert dieses Mass auf die mesopotamische sogenannte Nippur-Elle von 51,8 cm Länge, den ältesten überlieferten, auf die Zeit um 2800 v. Chr. datierten Messgegenstand, der seinerseits auf eine bereits um 3500 v. Chr. bekannte Masseinheit zurückgeht.

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Valentin Beinroth, “ScaleCube”, 2010, Holz, Farbe, Aluminiumpigment, Seitenlänge je 51,8 cm

Erneut zu einer grossartige Arbeit hat sich das Künstlerduo Özlem Günyol und Mustafa Kunt gefunden: Sie zeichneten auf die Stirnwand des grossen Ausstellungsraumes im Erdgeschoss, zu einem zweieinhalb Meter messenden Rund verdichtet, die Umrisse sämtlicher Länder dieser Erde übereinander. Günyol und M. Kunt, 1977 und 1978 in Ankara geboren, studierten an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste – Städelschule – in Frankfurt am Main bei den Professoren Ayse Erkmen beziehungsweise Wolfgang Tillmans und Willem de Rooij; sie leben und arbeiten in Frankfurt am Main. Sah man je eine überzeugendere visuelle Übersetzung dieser “einen Welt”?

L1006050-650 Özlem Günyol, Mustafa Kunt, “Caseless Doodle”, 2009, Wandzeichnung mit Pigmenttinte, Durchmesser 256 cm

Bleiben wir weiter bei den Städelschülern und Städelschülerinnen: Katharina Schücke, 1982 in Dresden geboren, studiert seit 2001 bei Professor Tobias Rehberger. In ihrer aktuell gezeigten Arbeit setzt sie sich mit dem Offenen und Geschlossenen auseinander: Verfremdete Saloon-Schwingtüren im langen Flur des Erdgeschosses im “basis”-Haus stehen für beides. Und Schücke ist in radikaler Weise konsequent: Bis zum Ende der Ausstellung steht dort die ausgehängte Tür zu ihrem Atelier – samt dem unter der Klinke baumelnden Schlüsselbund.

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Katharina Schücke, “The Crazy Barbarian Couple II Part I” (links), 2010, Silbergelatine auf Holz, Sprühfarbe, Pendelscharniere, PUR Leim, Dachlatten, Tischlerplatte, 120 x 60 x 4 und 120 x 100 x 4 cm; “The Crazy Barbarian Couple II Part II” (rechts), 2010, Ateliertür, Sprühfarbe, Kleiderhaken, Schlüsselbund, 195 x 90 x 3 cm

Eine Städel-Schülerin auch Stefanie Kettel: 1981 in Adenau geboren, studierte sie an der Frankfurter Hochschule von 2001 bis 2007 bei den Professoren Hermann Nitsch und Simon Starling. Kettel lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. Landschaften – das Gesicht der Erde. Darin Menschen, hier zwei Frauen in vermutlich heimatlichen Trachten, verträumt-versponnen. Ein mächtiges, kristallines Gebilde bricht herein – oder ist es nicht bereits ein konstituierender, künstlerisch formulierter Bestandteil unseres Seins?

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Stefanie Kettel, “Lass dich niemals täuschen, indem du daran zweifelst”, 2010, Öl und Lack auf Baumwolle, 130 x 170 cm

Weder HfG-ler noch Städelschüler war Levent Kunt – 1978 in Ankara geboren – , mit dem wir unseren Bilderbogen beschliessen: Er studierte Kunst an der Hacettepe Universität seiner Heimatstadt, später an der Universität Mainz und an der Akademie der Bildenden Künste Wien. Levent Kunt lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Im Kreis liegt alles beschlossen – zum Ring der Neonröhre gehören fünf feinste kleinformatige, gerahmte Zeichnungen, Studien, die einem mit einem Turnreifen von 1,80 Meter Durchmesser hantierenden Pariser Strassenkünstler nachgehen. In der Zusammenschau erschliesst sich die feinsinnige Arbeit.

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Levent Kunt, “Le Spectacle” part/1, 2009, Neonröhre, Durchmesser 180 cm

Kehren wir zurück zu der einleitenden Ansprache von Kulturdezernent Felix Semmelroth: Nein, die Frankfurter Stadtgesellschaft ist keineswegs dumm, sondern hungrig nach aktueller Kunst, und sie tut klug und gut daran, sich einen fütternden Kunstverein “basis” mit seinen beiden Atelierhäusern und regelmässigen Ausstellungen zu leisten.

Sommerausstellung 2010 im Atelierhaus “basis”: “Feeding the World”, bis 12. September 2010

(abgebildete Werke © jeweilige Künstler; Fotos: FeuilletonFrankfurt

Pisa von innen (2)

Samstag, 21. August 2010

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Pisa von innen
Eine authentische Erzählung

von © Salias I.

Erster Teil (2)

5. + 6. Stunde: 12 FOS I2

Vor den Zwölfern, die nach dem Vorangegangenen die reine Freude sind, stürze ich mich zur Einführung in die Elektrochemie in Experimente, um zu demonstrieren, wie eine elektrische Spannung aus den Stoffen entstehen kann. Dabei amüsiert mich heimlich die Manipulierbarkeit der Schüler, wie ich sie vorführe:
„Ich habe hier eine Kupferelektrode“, raune ich, wie ein Zauberer einen Stab vor dem Publikum schwenkend. „Diese Elektrode ist mit dem Messgerät verbunden, und hier kommt eine Zinkelektrode, die an den anderen Pol des Messgerätes angeschlossen ist: Was wird passieren, wenn ich gleich beide Elektroden zusammenhalte?“ (weiterlesen…)

Realitätsverlust

Freitag, 20. August 2010

Realitätsverlust

wenn wir keine Angst
vorm Altern hätten
dann müssten viele
den Gürtel enger schnallen
- die Schönheitschirurgen
- die Pharmaindustrie
- die Beauty-Farmen
- die Kosmetik-Branche
mit ihren Anti-Aging-Produkten…

wenn wir keine Angst
vorm Altern hätten
dann wär die Grübelei zu Ende
wir hätten mehr Zeit
für unsere Alten
und wir hätten Geld
für die
die von unserer Angst nichts wissen
nur Armut, Hunger, Elend kennen

wenn wir einfach sein könnten
wie wir sind
dann wären wir viel freier
wir könnten uns Lachfalten lachen
und wir hätten die Stirn
dieselbe zu runzeln
über die
die daran verdienen wollen
- die Schönheitschirurgen
- die Pharmaindustrie
- die Beauty-Farmen
- die Kosmetik-Branche
mit ihren Anti-Aging-Produkten…

(Ich sehe wohl ein,
dass ich phantasiere!)

© Claudia Johann

“Was unternehmen die Kids eigentlich heutzutage, wenn sie die Schule schwänzen?

Nun… jetzt kann ich’s ja verraten: Ich begab mich sommers – und vor allem winters – in den warmen, ruhigen Schutz der Stadtbibliothek! Ich liebte die unzähligen zu Büchern gebundenen Geheimnisse, die in langen, hohen Regalen nur darauf zu warten schienen, von mir gelüftet zu werden… Vor allem mochte ich Kurzgeschichten/Novellen, wie z. B. von Guy de Maupassant, Somerset Maugham und Maxim Gorki…
Gorki (eigentlich Alexej Maximowitsch Peschkow) heißt der “Bittere”. Er stammte aus ärmsten Verhältnissen, und aus der Bitternis seines Lebens heraus wurde Gorki zum Beschützer der Erniedrigten und Beleidigten… und beeindruckte mich sehr!
Bis ich anfing Gedichte zu schreiben, war’s noch ein langer Weg… doch vielleicht wurde damals, in jener eher unrühmlichen Zeit, der Grundstein dafür gelegt… ?!?!?”

Bild und Text: Claudia Johann