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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

„basis“: Sommerausstellung 2010 in Frankfurt am Main

Von potentieller Dummheit war die Rede, als der Frankfurter Kulturdezernent Professor Felix Semmelroth unlängst die Sommerausstellung 2010 von „basis“, des Vereins zur „Förderung kreativer Produktionsmöglichkeiten und Inhalte“, im Atelierhaus Gutleutstrasse eröffnete. Denn von Dummheit zeugte es, wenn eine weltoffene Stadt wie Frankfurt am Main nichts unternähme, um ihre Künstlerinnen und Künstler nicht nur zu fördern, sondern auch deren Arbeit in die Stadtgesellschaft hinein zu kommunizieren. So stellt das Kulturdezernat unter anderem 40 preiswerte Ateliers bereit. Darüber hinaus fördert es, wiederum unter anderem, den Verein „basis“ mit seinen 45 Arbeits- und Produktionsräumen in der Elbe- sowie weiteren 75 entsprechenden Räumen in der Gutleutstrasse (nicht zu vergessen ferner die Unterstützung der 45 Ateliers von „atelierfrankfurt“ in der Hohenstaufenstrasse). Neben den regelmässigen Sonderausstellungen dieser Ateliers legen deren jährliche, von den Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern vielbesuchte und geschätzte „Open Doors“ ein beredtes Zeugnis ab von der in der Stadt reich versammelten künstlerischen Kreativität und Leistungsfähigkeit.

Zurück nun zur „basis“-Sommerausstellung 2010: „Feeding the World“ lautet trefflich ihr Motto, und wahrlich: Kunst versteht sich – und wird unserem Eindruck nach mehr und mehr verstanden (gerade auch an einem Banken- und Dienstleistungsstandort wie Frankfurt am Main) – als ein unverzichtbares Grundnahrungsmittel. An der aktuellen, sommerlich-künstlerischen „basis“-Nähr-Aktion beteiligen sich Isabel Albrecht, Verónica Aguilera, Valentin Beinroth, Johanna Bieligk, Nicolaj Dudek, Wiebke Grösch, Özlem Günyol, Florian Jenett, Stefanie Kettel, Sandra Kranich, Astrid Korntheuer, Levent Kunt, Mustafa Kunt, Frank Metzger, Nashun Nashunbatu, Stefanie Pretnar, Katharina Schücke und Oliver Voss. Erstmals wird eine derartige Ausstellung in einem der basis-Häuser kuratiert: von dem in Berlin lebenden freien Autor und Kurator Ludwig Seyfarth.

Wieder einmal haben wir die Qual der Wahl: Die Arbeiten von neun Künstlerinnen und Künstlern stellen wir exemplarisch vor als einen Querschnitt durch die bis zum 12. September 2010 dauernde Ausstellung, die sich Kunsthungrige keinesfalls entgehen lassen sollten. Lassen Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, im besten Sinne mit Kunst „füttern“.

Astrid Korntheuer,1979 in Schwelm geboren, studierte von 1999 bis 2005 an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach bei den Professoren rosalie, Heiner Blum und Frank Schumacher. Sie arrangiert für ihre fantastischen fotografischen Arbeiten die verschiedensten Materialien, die sich bei nachhaltiger Betrachtung als ein behutsam wie sorgfältig entwickeltes kompositorisches Ganzes erweisen. Verblüffend die räumliche Tiefenwirkung, gleichsam „Dreidimensionalität“ ihrer Fotografien der Serie „Nature morte“. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Frankfurt am Main und Offenbach.

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Astrid Korntheuer, „Nature Morte 113“, 2009, Injektprint Aludibond, 115 x 142,5 x 5 cm (im oberen Teil leider mit einem störenden Lichtreflex)

Der 1975 in Würzburg geborene Florian Jenett kam nach dem Besuch der Stuttgarter Freien Kunstschule P.Art an die Offenbacher HfG, an der er bis 2007 bei den Professoren Heiner Blum und David Linderman studierte.

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Florian Jenett, „1 t ct“, 2009, 4347,82 Euro in Centstücken, FIBC BigBag-Sack, 2 Euro Pool-Paletten, 80 x 80 x 110 cm

Sinnlich wie aberwitzig der mit einer Tonne „Kupfer“-Eurocents gefüllte über einen Meter hohe Bauschutt-Sack, dem angesichts des enormen Gewichts lediglich der Gegenwert von gut 4300 Euro entspricht – groteskes Sinnbild einer aus den Fugen geratenen, dazu stets von geldentwertender Inflation wie Deflation bedrohten Finanzwelt. Grotesk auch eine weitere Arbeit des Künstlers: Auf dem Rücken liegende Uralt-Monitore bespielt er mit live in Internet-Nachrichtenportalen (sic!) verbreiteten Werbebannern: Zerrbild – oder schlimmer gar Abbild – einer sogenannten, noch dazu globalisierten „Informations“-Gesellschaft.

L1006033-650 Florian Jenett, „Phishing At The River Of News, 2009, 20 Computermonitore, sechs Video-Splitter, Mac Mini, Masse variabel

Auch Nicolaj Dudek studierte, nach zunächst einem Diplom-Studium der Geologie an der Universität Frankfurt am Main, an der HfG in Offenbach, an der er 2000 das Diplom im Bereich Zeichnen ablegte. Einen zeichnerischen Seismographen seiner visuellen Umwelt könnte man den Künstler nennen. Seine „Reisenden“ lässt Dudek in fantasievollen, traumhaft imaginierten Welten erscheinen und wieder verschwinden – Zeitreisen im steten Werden und Vergehen.

L1006055-650 Nicolaj Dudek, Reisender (Travellor) I, 2010, Tusche auf Papier, 261 x 198 cm

Valentin Beinroth, 1974 in Stuttgart geboren, ist ebenfalls Absolvent der Offenbacher HfG, an der er von 2000 bis 2008 bei Professor Heiner Blum studierte. Der Künstler, ständig auf der Suche nach neuen Möglichkeiten einer Vermessung – will sagen Aneignung – der Welt, rekurriert aktuell auf einen Referenzwürfel der NASA von einem Zentimeter Kantenlänge zur Fotografie von Meteoriten. Beinroth vergrössert dieses Mass auf die mesopotamische sogenannte Nippur-Elle von 51,8 cm Länge, den ältesten überlieferten, auf die Zeit um 2800 v. Chr. datierten Messgegenstand, der seinerseits auf eine bereits um 3500 v. Chr. bekannte Masseinheit zurückgeht.

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Valentin Beinroth, „ScaleCube“, 2010, Holz, Farbe, Aluminiumpigment, Seitenlänge je 51,8 cm

Erneut zu einer grossartige Arbeit hat sich das Künstlerduo Özlem Günyol und Mustafa Kunt gefunden: Sie zeichneten auf die Stirnwand des grossen Ausstellungsraumes im Erdgeschoss, zu einem zweieinhalb Meter messenden Rund verdichtet, die Umrisse sämtlicher Länder dieser Erde übereinander. Günyol und M. Kunt, 1977 und 1978 in Ankara geboren, studierten an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste – Städelschule – in Frankfurt am Main bei den Professoren Ayse Erkmen beziehungsweise Wolfgang Tillmans und Willem de Rooij; sie leben und arbeiten in Frankfurt am Main. Sah man je eine überzeugendere visuelle Übersetzung dieser „einen Welt“?

 

L1006050-650 Özlem Günyol, Mustafa Kunt, „Caseless Doodle“, 2009, Wandzeichnung mit Pigmenttinte, Durchmesser 256 cm

Bleiben wir weiter bei den Städelschülern und Städelschülerinnen: Katharina Schücke, 1982 in Dresden geboren, studiert seit 2001 bei Professor Tobias Rehberger. In ihrer aktuell gezeigten Arbeit setzt sie sich mit dem Offenen und Geschlossenen auseinander: Verfremdete Saloon-Schwingtüren im langen Flur des Erdgeschosses im „basis“-Haus stehen für beides. Und Schücke ist in radikaler Weise konsequent: Bis zum Ende der Ausstellung steht dort die ausgehängte Tür zu ihrem Atelier – samt dem unter der Klinke baumelnden Schlüsselbund.

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Katharina Schücke, „The Crazy Barbarian Couple II Part I“ (links), 2010, Silbergelatine auf Holz, Sprühfarbe, Pendelscharniere, PUR Leim, Dachlatten, Tischlerplatte, 120 x 60 x 4 und 120 x 100 x 4 cm; „The Crazy Barbarian Couple II Part II“ (rechts), 2010, Ateliertür, Sprühfarbe, Kleiderhaken, Schlüsselbund, 195 x 90 x 3 cm

Eine Städel-Schülerin auch Stefanie Kettel: 1981 in Adenau geboren, studierte sie an der Frankfurter Hochschule von 2001 bis 2007 bei den Professoren Hermann Nitsch und Simon Starling. Kettel lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. Landschaften – das Gesicht der Erde. Darin Menschen, hier zwei Frauen in vermutlich heimatlichen Trachten, verträumt-versponnen. Ein mächtiges, kristallines Gebilde bricht herein – oder ist es nicht bereits ein konstituierender, künstlerisch formulierter Bestandteil unseres Seins?

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Stefanie Kettel, „Lass dich niemals täuschen, indem du daran zweifelst“, 2010, Öl und Lack auf Baumwolle, 130 x 170 cm

Weder HfG-ler noch Städelschüler war Levent Kunt – 1978 in Ankara geboren – , mit dem wir unseren Bilderbogen beschliessen: Er studierte Kunst an der Hacettepe Universität seiner Heimatstadt, später an der Universität Mainz und an der Akademie der Bildenden Künste Wien. Levent Kunt lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Im Kreis liegt alles beschlossen – zum Ring der Neonröhre gehören fünf feinste kleinformatige, gerahmte Zeichnungen, Studien, die einem mit einem Turnreifen von 1,80 Meter Durchmesser hantierenden Pariser Strassenkünstler nachgehen. In der Zusammenschau erschliesst sich die feinsinnige Arbeit.

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Levent Kunt, „Le Spectacle“ part/1, 2009, Neonröhre, Durchmesser 180 cm

Kehren wir zurück zu der einleitenden Ansprache von Kulturdezernent Felix Semmelroth: Nein, die Frankfurter Stadtgesellschaft ist keineswegs dumm, sondern hungrig nach aktueller Kunst, und sie tut klug und gut daran, sich einen fütternden Kunstverein „basis“ mit seinen beiden Atelierhäusern und regelmässigen Ausstellungen zu leisten.

Sommerausstellung 2010 im Atelierhaus „basis“: „Feeding the World“, bis 12. September 2010

(abgebildete Werke © jeweilige Künstler; Fotos: FeuilletonFrankfurt

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