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Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for Juni, 2010

Die “Türckische Cammer” in Dresden

Samstag, 12. Juni 2010

Selbst auf dem Kriegsschauplatz höfische Pracht
Die “Türckische Cammer” in Dresden

Von Renate Feyerbacher

Im März 2010 wurde die “Türckische Cammer” im Dresdner Residenzschloss feierlich eröffnet. Ihr Bestand ist eine der prachtvollsten Sammlungen ihrer Art. Beutestücke aus Schlachten gegen die Osmanen, gegen das osmanische Reich, zu dem nicht nur Türken, sondern auch Kurden, Georgier und Armenier gehörten, erzählen von der Faszination des Orients.

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Residenzschloss Dresden, Innenhof, Foto: Kolossos, wikimedia commons GFDL

Das Augusteische Zeitalter

In allem war er masslos: im Essen, im Trinken, im Sex und in der Sammelleidenschaft, die uns Nachgeborenen heute zugute kommt. Die Rede ist von Kurfürst Friedrich August I. von Sachsen, besser bekannt als August der Starke (1670 bis 1733). Er wurde 1694 – nach dem plötzlichen Tod seines älteren, kinderlosen Bruders, Kurfürst Johann Georg IV., durch eine Blattern-Epidemie – Herrscher über die Sachsen und 1697 als König August II. von Polen gekrönt. Dazu hatte er die polnischen Adeligen kräftig bestochen und war zuvor, obwohl er Oberhaupt der evangelisch-lutherischen Landeskirche war, zum Katholizismus übergetreten. Der polnische König musste katholisch sein. Sachsen verlor dadurch die Führungsrolle unter den evangelischen Reichsständen, aber die Religionsfreiheit blieb garantiert. In religiösen Fragen handelte August äusserst pragmatisch. Selbst die Kaiserkrone strebte er an.

Seine Ehefrau blieb eine überzeugte Protestantin. Nie betrat sie polnischen Boden.

Pompös nach seinem Vorbild König Ludwig XIV. von Frankreich präsentiert sich der Kurfürst und König auf einem Wandbild, dem “Fürstenzug” am Langen Gang des “Stallhofs” des Residenzschlosses, das Wilhelm Walther als Sgrafitto 1876 vollendete. Da es schnell verwitterte, wurde es Anfang des letzten Jahrhunderts auf 25000 Fliesen aus Meißner Porzellan übertragen und überstand 1945 fast unbeschadet die Bombennacht.

Recht kühn sieht er aus, dieser Kurfürst, aber die Rolle des grossen Feldherrn, die von ihm erwartet wurde, erfüllte er nicht. 1702 wurde das sächsisch-polnische Heer nördlich von Krakau und wenige Jahre später erneut bei Fraustadt durch die Schweden besiegt. August verlor sogar zeitweilig die polnische Krone, die er erst 1716 zurück erhielt. An den weiteren Kriegshandlungen der Nordischen Kriege, die noch fünf Jahre dauerten, war das sächsische Heer kaum noch beteiligt.

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“Goldener Reiter”: Reiterstandbild (1732/1736) August des Starken von Ludwig Wiedemann auf dem Dresdner Neumarkt, Foto: © Renate Feyerbacher

Ein cleverer Unternehmer, Waffennarr und Kunstliebhaber war der Kurfürst. Er lässt die Porzellanmanufaktur Meißen gründen, nachdem Johann Friedrich Böttger (1682 bis 1719) die Herstellung von Porzellan gelungen war, ebenso die Olbernhauer Waffenschmiede. Er beschäftigt unter anderem die Barockarchitekten George Bähr (1666 bis 1738), der die Frauenkirche erbaut, und Matthäus Daniel Pöppelmann (1662 bis 1736), der ihm den herrlichen Zwinger entwirft. Balthasar Perlmoser (1651 bis 1732) kommt als Hofbildhauer in die Residenzstadt. Der bedeutendste Orgelbauer seiner Zeit, Gottfried Silbermann (1683 bis 1753), ist nicht nur in Dresden, sondern in den Kirchen ganz Sachsens aktiv. Die Italienische Oper gelangt auch in Dresden zu höchster Blüte.

Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) wirkt in Leipzig, von wo aus – nach Heidelberg – auch das Universitätswesen in Deutschland seinen Anfang nimmt.

Der Sohn August des Starken, sein Nachfolger Friedrich August II. Kurfürst von Sachsen und König August III. von Polen, führt dieses Mäzenatentum weiter. Ihm ist der Reichtum der Gemäldegalerie Alter Meister zu verdanken.

August der Starke, ein Orient-Begeisterter

Die “Türckische Cammer” ist kein neues Museum im Dresdner Residenzschloss, sondern Teil einer historischen Sammlung, die bisher in der Rüstkammer ihr Zuhause hatte. Sie ist eine authentische Neuerfindung, die mit den Ausstellungen der anderen Räume: der Rüstkammer, des “Neuen Grünen Gewölbes”, des “Historischen Grünen Gewölbes” und den Festräumen, deren Gestaltung noch geplant ist, den höfischen Prunk und Glanz des Barock und der Renaissance im Residenzschloss präsentieren soll.

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Türckische Cammer, Residenzschloss Dresden, Wandvitrine im Aufbau: osmanische Waffen des 16. Jahrhunderts u. v. m., © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Rüstkammer, Foto: Hans-Peter Klut und Elke Estel

Der Name “Türckische Cammer” wurde erstmals 1614 genannt. Die Sammlung geht also nicht auf August den Starken zurück, sondern hat ihre Wurzeln schon im 16. Jahrhundert. So erhielt Kurfürst Christian I. zu seiner Machtübernahme orientalische Geschenke, vor allem Prunkwaffen, die aus Italien kamen, und immer mehr diplomatische Präsente kamen hinzu. Besondere Kostbarkeiten der frühen Sammelzeit sind die Bögen mit Originalbespannung von 1586 und faltbare Ledertrinkbecher.

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Türckische Cammer, Residenzschloss Dresden, Foyer, Johann Geord Spiegels diplomatische Mission 1712 bis 1714, Zeltfragment, Schnappschlossgewehr, Sättel, Steigbügel, Pusukan (Streitkolben), Karbatsche (Peitsche), © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Rüstkammer, Foto: David Brandt

Woher kam diese Leidenschaft für osmanische Waffen und Gegenstände? Denn befreundet waren sie ja nicht, die Osmanen mit den Habsburgern und den Sachsen. Die erste Belagerung Wiens durch die Türken war 1529, die zweite 1683, bei der die sächsischen Truppen Seite an Seite mit den kaiserlichen kämpften und siegten. In den Jahren danach kam es immer wieder zu Kämpfen, aber August der Starke, Befehlshaber des kaiserlichen Heers, war zunächst nicht siegreich, erst wieder 1698 mit seinem polnischen Heer. Der Frieden von Karlowitz stand bevor. Als “Türkenbezwinger” liess er sich feiern.

Freundschaft ist also nicht das Motiv der grossen Sammelleidenschaft. War sie nur eine Marotte absolutistischer Herrscher? Bewunderung des Feindes? War sie ein Modegag der Zeit? Von “Türkenmode” war die Rede. Zeitweilig verkleidete sich der Kurfürst als Sultan. Die Figur hatte er dazu. Oder war es doch schon der Beginn eines Kulturaustausches? Turgut Saner, Wissenschaftler an der Universität Istanbul, glaubt das nicht: “Formen eines imaginären Orients werden niemals ein ernsthafter Teil der visuellen Kultur Europas”, umgekehrt gehen “europäische Formen im Osmanischen Reich hingegen … über eine blosse Mode hinaus”. Ein einseitiger Kulturaustausch? Peter-Klaus Schuster, ehemaliger Generaldirektor der Staatlichen Museen in Berlin, formuliert es so: “In Dresden ist Weltkultur als Hofkultur sesshaft geworden.”

Impressionen wie bei 1001 Nacht

Im ersten Raum, der Sammelleidenschaft August des Starken gewidmet, schlägt den Besucher sofort ein lebensnah gestalteter Araberhengst in seinen Bann. Prächtig ist sein Zaumzeug. Pferde und Kamele, aber auch orientalische Ankäufe und Geschenke hatte er seine Kammerdiener in der Türkei erwerben lassen.

Sechzig Pferde wurden im kurfürstlichen Stallgebäude gehalten. Sie wurden so bewundert und geschätzt, dass hölzerne Ebenbilder nach genauen Farbangaben, Merkmalen etc., die man auch schriftlich festhielt, geschaffen wurden. Im Laufe der Jahrhunderte reduzierte sich die Zahl dieser Holzexemplare, die letzten verbrannten 1945.

Nun wurden wieder für die Türckische Cammer Pferde, jedes ein Unikat, originalgetreu laut Aufzeichnungen durch den Bildhauer Walter Hilpert geschnitzt. Acht sind in der Ausstellung zu sehen, geschmückt mit prächtigem Reitzeug.

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Türckische Cammer, Residenzschloss Dresden, Bärengartenflügel, osmanische und orientalisierende Waffen des 16. und 17. Jahrhunderts; links: Rossharnisch und Panzerhemd (spätes 15./Anfang 16. Jahrhundert), rechts: Reitzeug Johann-Michael-Garnitur (Prag 1610 bis 1612), © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Rüstkammer, Foto: David Brandt

Die abgedunkelten Räume, die fast nächtliche Atmosphäre, die das Dresdner Architektenbüro Peter Kulka gestaltete, vermitteln orientalische Faszination. Das reduzierte Licht schont die textilen Exponate. Andere werden durch gezieltes Licht besonders hervorgehoben. Wunderbar heben sich die Objekte vom dunkelblauen Hintergrund ab. Allerdings erschlägt ihre Fülle den Besucher.

Höhepunkt dieser auf rund 750 m² Ausstellungsfläche präsentierten, etwa 600 Objekte wie kostbarste Prunkreitzeuge, Panzerhemden, Helme, Fahnen, Waffen, Gewänder und Kunstwerke umfassenden Schau ist der dritte Raum, eine lange Galerie. Hier sind die zwei reich verzierten Wesir-Zelte aus dem Besitz August des Starken zu bewundern. Jetzt glaubt man wirklich, in 1001 Nacht einzutauchen – nach all den vielen waffenklirrenden Objekten ein wirkliches Erlebnis. Entspannung und Bewunderung kommt in diesem – wie ein osmanisches Heiligtum anmutenden – Zelt auf.

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Türckische Cammer, Residenzschloss Dresden, Zeltgalerie: das grosse Dreimastzelt (20 m lang, 8 m breit, 6 m hoch), osmanisch, 17. Jahrhundert, © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Rüstkammer, Foto: David Brandt

Ein Fest für die Augen ist das zwanzig Meter lange, acht Meter breite und etwa sechs Meter hohe Hauptzelt, dessen Innenraum mit flächendeckenden Blütenranken, blütengefüllten Medaillons und goldenen Wolkenbändern verziert ist.

Diese Ausschmückung nimmt Bezug auf die Gärten des Paradieses, wie es Muslime sich vorstellen. Applikationen aus verschiedenfarbigem Atlas, aus Baumwolle und aus vergoldetem Leder sind die Materialien.

August der Starke brauchte das Zelt zum Repräsentieren und Feiern, wohl kaum zum paradiesischen Meditieren. Glanzvolle Feste waren die Hochzeit seines Sohnes mit der Kaisertochter 1719 und elf Jahre später seine grosse Truppenschau, das so genannte Zeithainer Lager, an dem König Friedrich Wilhelm I. von Preussen wie auch Janitscharen und Ulanen teilnahmen. Sie waren ausgerüstet mit osmanischen und sächsischen Waffen, angefertigt in lokalen Werkstätten im orientalischen Stil.

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Türckische Cammer, Residenzschloss Dresden, Zeltgalerie: das grosse Dreimastzelt (20 m lang, 8 m breit, 6 m hoch), osmanisch, 17. Jahrhundert, © Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Rüstkammer, Foto: David Brandt

Wie konnten diese Zelte die Jahrhunderte und vor allem den Zweiten Weltkrieg überdauern? Bis 1939 wurden sie im Lichthof des Johanneums gezeigt, dann verpackt und ausgelagert und waren 70 Jahre lang der Öffentlichkeit verborgen.

Von Oktober 1994 bis März 2009 wurden die Zelte von fachkundigen Textilrestauratorinnen in der Paramentenwerkstatt der Veltheim-Stiftung in Helmstedt unter Leitung von Friederike Ebner von Eschenbach restauriert. Bis zu 34 Mitarbeiterinnen waren an den Zelten beschäftigt. Londoner Textilrestauratoren hatten zuvor den Auftrag abgelehnt, weil sie ihn für unausführbar hielten. Wie neu erscheinen die floralen Ornamente. 38 Restaurierungsgemeinschaften haben insgesamt an den Exponaten der Türckischen Cammer gearbeitet.

Ein Lob verdient der Oberkonservator der Rüstkammer, Holger Schuckelt. Die Neuschaffung der Türckischen Cammer ist sein Lebenswerk. 20 Jahre hat der Dessauer, studierter Orient-Archäologe, geforscht und geplant, gesucht und zusammengetragen (denn die Exponate waren auf mehrere Depots verteilt), beauftragt und mitgestaltet. Eine Meisterleistung.

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Fürstenzug, Residenzschloss Dresden, Stallhof, Langer Gang, nach dem 1876 vollendeten Sgraffito von Wilhelm Walther neu hergestellt von der Königlichen Porzellan-Manufaktur Meißen 1905-1906, Foto: © Renate Feyerbacher
Die Darstellung zeigt Johann Georg IV.,  Friedrich August I. bzw. König August II. von Polen sowie Friedrich August II. bzw. König August III. von Polen.

Zaubermeister und Zauberlehrlinge

Dienstag, 8. Juni 2010

Sie hat so etwas wie einen Ewigkeitswert, solange es Menschen geben wird: Goethes Ballade vom Zauberlehrling.

Doch heute mit dem entscheidenden Unterschied: Der Zaubermeister (BP-Konzern) kennt die den Spuk  (2 bis 3 Millionen Liter Öl ergiessen sich täglich in den Golf von Mexiko) beendende Zauberformel ebensowenig wie seine Zauberlehrlinge. Und es gibt viele Zauberlehrlinge: wir alle, von Präsident Obama angefangen bis zu uns selbst an unserer Stammtankstelle in Frankfurt am Main, an der wir auch heute vormittag wieder einmal volltanken wollen.

Schauen wir doch mal, liebe Leserinnen und Leser, beim alten Goethe ‘rein, der Zauberlehrling verwandelt den Besen in einen Knecht, der ihm das Wasser (heute das Öl) hereinträgt, aber der Knecht lässt sich nicht mehr beherrschen und überflutet mit dem Wasser Haus und Hof, Sie kennen die Geschichte sicher noch aus dem Schulunterricht:

… “Stehe! stehe!
Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen! –
Ach, ich merk’ es! Wehe! wehe!
Hab’ ich doch das Wort vergessen!

Ach das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.

Nein, nicht länger
Kann ich’s lassen;
Will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!

O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh’ ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
Steh doch wieder still!

Willst’s am Ende
Gar nicht lassen?
Will dich fassen,
Will dich halten,
Und das alte Holz behende
Mit dem scharfen Beile spalten.

Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nun auf dich werfe,
Gleich, o Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich! brav getroffen!
Seht, er ist entzwey!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich athme frei!

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(Bildnachweis: US Coast Guard, Anchor-handling tugboats battle the blazing remnants of the off shore oil rig Deepwater Horizon, 21 April 2010)

Wehe! wehe!
Beide Theile
Stehn in Eile
Schon als Knechte
Völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!

Und sie laufen! Naß und nässer
Wird’s im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör’ mich rufen! –
Ach da kommt der Meister!
Herr, die Noth ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd’ ich nun nicht los” …

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(Bildnachweis: NASA, Sunlight illuminated the lingering oil slick off the Mississippi Delta on May 24, 2010)

Aber anders, als in Goethes Ballade, kann der Zaubermeister (BP-Konzern) nicht helfen.

Nein, die Geister, die wir riefen, werden wir nicht mehr los, nicht bei der Nutzung der Atomkraft und nicht bei den Tiefseebohrungen nach den letzten paar Barrel Öl.

Pervers: Der US-amerikanische Staat, die amerikanische Gesellschaft verfügen über keine eigenen Mittel, die Katastrophe einzudämmen, vielmehr sind sie hilflos und ohnmächtig auf die Technik, das know-how und die Logistik eben jenes Hauptverursachers der Ölpest, des BP-Konzerns, angewiesen. In Europa und in Deutschland wäre es vermutlich kaum anders. Das ist sytemisch bedingt: Wer Überlebenswichtiges auf einen allein der Profitmaximierung verpflichteten Öl- und Energiekonzern verlagert und nicht einmal eine funktionsfähige Aufsicht über diesen gewährleistet, erhält irgendwann die Quittung für ein solch verantwortungsloses Handeln. Und da weder die sogenannten “Funktionseliten” noch die Masse Mensch (sprich: Wählerinnen und Wähler) in diesem System lernfähig sind, wird es gewiss nicht die letzte Quittung gewesen sein.

Yes, we can? No, we can’t!

Das grüne Kanapee / 12

Sonntag, 6. Juni 2010

Mal ein wenig hinsetzen, auf’s grüne Kanapee, und habust zuhören? Aber bitte: hier spricht er höchstpersönlich!

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(©  habust ; Foto: GearedBull wikimedia commons GFDL)

Blütenstaub: Wolfgang Laib im MMK-Double

Freitag, 4. Juni 2010

“Blütenstaub von Haselnuss, 1980″

so lautet der Titel einer Arbeit von Wolfgang Laib, die er im Mai 1981 im Kabinett für aktuelle Kunst in Bremerhaven installierte und im April 2010 im Rahmen der Ausstellungsreihe “Double” des Frankfurter Museums für Moderne Kunst MMK im von Gregor Schneider rekonstruierten “Kabinett für aktuelle Kunst” wiederholte.

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Knapp 30 Jahre also ist es her, dass sich Wolfgang Laib zum ersten Mal andächtig und in versammelter Haltung auf dem Boden knieend über seine Arbeit beugte: Er bedeckte eine Glasplatte mit Blütenstaub, in der gemeinen Sprache auch Pollen genannt. Es ist Blütenstaub von Haselnuss.

Haselnuss erblüht, weiträumig betrachtet, in den Monaten ab Januar bis in den April hinein. Laib hat dieses staubfeine Material – dem Titel seiner Arbeit entsprechend – wohl bereits im Winter und Frühjahr 198o mit dem Fleiss einer Biene vergleichbar “eingetragen”. Ein grösseres Einweckglas hat er, wie die Fotografie dokumentiert, mit der filigranen Kostbarkeit gefüllt.

Was für ein Unterfangen!

Bedenken wir: Wie mag der Künstler an den Blütenstaub gelangt sein? Er soll ihn, so wird berichtet, von den einhäusig zweigeschlechtlichen Haseln unmittelbar milligrammweise eingesammelt haben, durch Schütteln und Beklopfen der männlichen Blütenstände, der sogenannten “Kätzchen”. Ein Imker geht anders vor, er richtet vor den Einfluglöchern der Bienenhäuser eine entsprechende “Pollenfalle” ein, also ein Gitter, durch das die heimkehrenden Bienen einfliegen und dabei ihre “Pollenhöschen” abstreifen. Wieviel Geduld, wieviel Lebenszeit musste Laib aufbringen, um mit dem auf seine Weise gewonnenen Blütenstaub ein grösseres Behältnis füllen zu können?

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Der Künstler – knapp drei Jahrzehnte werden zwischen den beiden Fotografien liegen – nahm damals wie heute ein mit Baumwolltuch bespanntes Sieb zur Hand, das er beklopfte, um den Blütenstaub gleichmässig auf die gläserne Unterlage aufzubringen.

Wolfgang Laib, 1950 in Metzingen in eine pietistische Ärztefamilie geboren, studierte ebenfalls Medizin. Er schloss zwar 1974 mit der Promotion sein Studium ab, wandte sich jedoch anschliessend allein seinen künstlerischen Neigungen zu. Schon früh beschäftigte er sich mit fernöstlichen Kulturen und Philosophien, so mit dem Zen-Buddhismus und dem Taoismus, aber ebenso mit der europäischen mittelalterlichen Mystik eines Franz von Assisi. Zur Biennale Venedig 1982 trug Laib – neben Hanne Darboven und Gotthard Graubner – mit einer Arbeit aus Blütenstaub zur deutschen Ausstellungsbeteiligung bei. 1987 erhielt er den angesehenen Arnold Bode-Preis der “documenta”-Stadt Kassel.

In seiner kontemplativ-künstlerischen Arbeit wandte sich Laib von Beginn an natürlichen Materialen wie Bienenwachs, Blütenstaub, Milch oder Reis zu. 1975 trat er mit seinen ersten “Milchsteinen” an die Öffentlichkeit: Er schliff flache, weisse Marmorblöcke nur wenige Millimeter tief aus und füllte diese Vertiefungen mit Milch zu einer waagerechten Fläche. 1977 begann er seine Arbeit mit verschiedenen Blütenpollen: von Kiefer, Haselnuss, Hahnenfuss und Löwenzahn.

Wir konnten dem künstlerischen Schöpfungsakt nicht beiwohnen, sondern wir sehen im MMK dessen Ergebnis und stellen uns vor, dass bereits dem langsamen und geduldigen Aufbringen des feinen Blütenstaubs auf die Unterlage etwas Feierliches, Zeremonielles innewohnt. Und dass man einem solchen “Material”, das seiner natürlichen Bestimmung nach für Fortpflanzung, neues Leben, für Zukunft steht, mit Ehrfurcht begegnen sollte. Der Künstler scheint dies zu tun, es scheint etwas Liebevolles, Bewahrendes in seinen Handlungen zu liegen.

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Wieder erfahren wir, wenn wir vor der gläsernen Wand des Ausstellungsraums stehen, den wir vereinfachend mit “Double” bezeichnen, eine eigentümliche Situation: Die Tür zum Raum ist wie stets verschlossen, ein direkter Zugang zur ausgestellten Arbeit bleibt verwehrt. Sie kann nicht unmittelbar wahrgenommen, erfahren werden, sondern sie erschliesst sich mittelbar als ein integraler Bestandteil der gesamten Ausstellungssituation. Umgekehrt gewinnt der – immer wieder an einen kalten, unwirtlichen Plattenbau-Hauseingang erinnernde – Raum vor allem durch Arbeiten wie diejenige von Wolfgang Laib eine neue Qualität: Das warme Goldgelb des Blütenstaubs bringt etwas Verheissungsvolles in das Trostlose. Und zugleich werden wir der Ambivalenz dieser Ausstellung bewusst: ist doch dieses wundervolle “Material” an jedweder Entfaltung gehindert, beschränkt auf ein bereits von der Architektur vorgegebenes, von den quadratischen Fliesen des Bodens erst recht beherrschtes Rechteck. Frei sich entfaltende Natur sieht anders aus. Assoziationen an eingesperrte Tiere, an in Barockgärten in groteske Zuschnitte gezwungene Büsche und Hecken, an eine vergewaltigte Natur stellen sich ein.

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Und ein letztes: Was geschieht mit dem Blütenstaub, wenn der Künstler seine Arbeit abbaut? Wird er ihn wiederverwenden? Wieviel daran wird verloren gehen? Und wird er im kommenden Frühjahr wieder in die freie Natur ausziehen, um erneut solchen kostbaren Stoff einzusammeln?

Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Ausstellungsreihe Double, nur noch bis zum 6. Juni 2010.

(Bildnachweis: Wolfgang Laib, Blütenstaub von Haselnuss, 1980, Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main)