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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for Mai, 2010

Bernstein im Bilderhaus

Sonntag, 9. Mai 2010

Costa Bernstein: Glamour
Malerei-Collagen, Graphiken, Objekte

Von Brigitta Amalia Gonser
Kunstwissenschaftlerin

Glamour – mehr Schein als Sein? Wieso verfallen wir immer wieder seiner Faszination?

Haftete deshalb dem Wort im Mittelalter der Geschmack von böser Magie und Zauberkunst an?

In der Gegenwart findet man den Ausdruck dann etwa im Musikstil Glamrock, er wird aber auch allgemein für das Verhalten von Stars in Musik und Film verwendet. Wer glamourös ist, verwendet viel Zeit auf sein Aussehen und seine Gesten, seine Selbst-Inszenierung, bewusst oder unterbewusst. Das eigene Leben soll zum Kunstwerk werden.

Das Diktat von „Glamour magazine“: fashion, beauty, hair, makeup, diet, health, sex …

Mit dem Untertitel: For young women interested in fashion, beauty and a contemporary lifestyle.

Auch die Männerwelt ist ebenso betroffen, wenn es um glamouröse Körper geht.

Prunkvolle, elegante Selbstdarstellungen in der Öffentlichkeit und grandiose Events, deren Tendenz es ist, sich durch kolossale Shows, Wow-Effekte und Ausschluss-Mechanismen von Alltag und Durchschnitt abzuheben. Dabei verschränkt sich Emanzipation und Unterwerfung.

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Glamour 1, Mischtechnik auf Leinwand, 2010, 100 x 80 cm; Nachweis: Galerie Das  Bilderhaus

So reizt es Costa Bernstein, das schillernde und flüchtige Phänomen Glamour in seinen Malerei-Collagen und Objekten der letzten Jahre zu inszenieren und zu sezieren.

Er ist ein Storyteller. Das ist seine expressive Stärke.

Und er steht mit seinem bildkünstlerischen Anliegen nicht allein, sondern befindet sich in namhafter Gesellschaft.

Gab es doch im November 2004 im Zürcher Theaterhaus Gessnerallee das Symposium “Aussehen, Auftreten, Abblitzen. Glamour als Arbeit und Wissen”, zu dem der Berliner Kulturwissenschaftler und Publizist Tom Holert internationale Kollegen geladen hatte, im Anschluss an die von ihm und Heike Munder, der Direktorin am Migrosmuseum für Gegenwartskunst, kuratierte Ausstellung “The Future Has a Silver Lining. Genealogies of Glamour“. Diese hatte unterschiedliche, auch alternative Geschichten der Beziehung von Kunst und Glamour präsentiert und die These aufgestellt, dass Glamour – als schillernde, strategische Kategorie ästhetischer Praxis – zwar allgegenwärtig sei, aber kaum entsprechend gewürdigt und analysiert worden sei.

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Glamour 3, Mischtechnik auf Leinwand, 2010, 100 x 80 cm; Nachweis: Galerie Das  Bilderhaus

Die von Costa Bernstein in der Frankfurter Galerie das Bilderhaus päsentierten Kunstwerke zitieren und inszenieren zwar Glamour, kritisieren ihn aber weniger als Macht- oder Verkaufsstrategie, sondern ergötzen sich an den Exzessen dieses zentralen ästhetischen Paradigmas des Kapitalismus. So entstehen ironische Zerrbilder, deren überlängte, verdrehte und überdrehte Gestalten in Extase an die Heiligen der Altäre von El Greco erinnern.

Etwa in dem Bild “Musiker und die Musen“, mit dem mit ganzem Körpereinsatz spielenden Pianisten vor seinen ihn vergötternden Fans, gemalt in pastöser Mischtechnik auf Leinwand.

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Musiker und die Musen, Mischtechnik auf Leinwand, 2009, 110 x 200 cm; Nachweis: Galerie Das  Bilderhaus; Foto: Franz Lennartz

Mit Humor und Distanz sucht Costa Bernstein auch nach seinen ethnischen Wurzeln und den geographischen Stationen seines Lebens. Denn nur wer seine Wurzeln kennt, kann auch zum Flug ansetzen.

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Reise nach Jerusalem, Mischtechnik auf Packpapier, 2009, 160 x 160 cm; Nachweis: Galerie Das  Bilderhaus; Foto: Franz Lennartz

Das geschieht in dem zentralen und wandfüllenden Werk der Ausstellung, der “Reise nach Jerusalem“, das wie eine Riesenlandkarte auf gegerbter Pergamenthaut gemalt erscheint, obwohl es eigentlich Mischtechnik und Collage auf Packpapier ist.

Um einen weissen Flecken der Sehnsucht und Hoffnung, um Jerusalem, gruppieren sich in einem sogartigen Kreis vielgestaltige und individuelle Stühle, weiter abseits stehen wartend und verstreut an den Rändern der Diaspora unterschiedlich gestaltete Individuen.

“Nächstes Jahr in Jerusalem, so Gott will, und wir leben!“

Seit weit über 3.000 Jahren feiern die Juden Pessach, das Fest zur Erinnerung an den Auszug ihrer Vorfahren aus Ägypten. Weil es aber nicht für alle möglich ist, dieses Fest direkt in Jerusalem zu feiern, sprechen sie sich jedes Jahr beim Abschied zu Seder diesen Wunsch zu.

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Post, Mischtechnik auf Papier, 2007, 30 x 37 cm; Nachweis: Galerie Das  Bilderhaus; Foto: Franz Lennartz

Oder auf der “Post“ vor dem Schalter, wo Ausreisewillige aus Sowjet-Russland ungeduldig auf das ersehnte Telegramm aus Israel oder der weiten Welt warten.

Neugierig verfolgt der Betrachter, wie der Künstler die Zumutungen der massenkulturellen Modelle von Schönheit und Überlegenheit künstlerisch reflektiert. Man fragt sich, welchen Einfluss die Inszenierungen von Filmstars und Popmusikern auf das Selbstverständnis des Künstlers haben.

Trotz beständiger, witziger, aber nie karikaturaler Beschwörungen des Glamourösen, beschäftigt Costa Bernstein aber auch die Verurteilung gewisser Begleiterscheinungen des Glamour. So sind es einerseits die zunehmende Vereinsamung des Individuums bei aller Emanzipation und der drohende, aber noble Verfall durch Alkoholismus.

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Glamour 2, Mischtechnik auf Leinwand, 2009, 100 x 80 cm; Nachweis: Galerie Das  Bilderhaus

Und andererseits die erschreckende Sprachlosigkeit bei ausuferndem Smalltalk.

Schon in seinen früheren Werken hatte Costa Bernstein Spruchbänder eingesetzt., oft um die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Mann und Frau zu gestalten.

Als Spruchbänder bezeichnet man in der mittelalterlichen europäischen Kunst Texte in Form von flatternden Bändern, die das gesprochene oder auch das gesungene Wort darstellen sollen. Im Wappen finden sich auf Spruchbändern die Devise oder das Panier. Spruchbänder entsprechen den Sprechblasen in Comics. Sie werden auch als “Symbol des mündlichen Wortes“ bezeichnet.

Der Turmbau zu Babel ist das Sinnbild der babylonischen Sprachverwirrung .

“Babel“ ist ein hebräisches Wortspiel und bedeutet soviel wie “Geplapper, Gebrabbel” ,

In der Ästhetik der Postmoderne werden aus “Babel“ Bubbles, oder leere Wortblasen – die schönsten, hohlsten, dümmsten, unverständlichsten Marketing-Claims.

Um sein bildkünstlerisches Anliegen der symbolischen Darstellung von Kommunikationsverlust umsetzen zu können, erweiterte Costa Bernstein sein technisches Repertoire durch Objekte aus Keramik und Styropor. So entstanden, durch die der Kleinplastik innewohnende Ironie, Tonköpfe mit roten, silbrigen oder orangefarbenen Bubbles im Mund, aus geschnitztem und bemaltem Styropor.

Mann und Frau verbindet eine grosse silbrige Blase als Inbegriff ihrer Sprachlosigkeit, denn Schweigen ist Silber …

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Businessman, Keramik, Styropor, Sonnenbrille, Metalldraht, 2010, 40 x 60 cm; Nachweis: Galerie Das  Bilderhaus; Foto: Franz Lennartz

Und der “Businessman“ begrüsst Sie jovial beim Betreten der Frankfurter Galerie Das Bilderhaus, denn trotz Krise hat er, dem Kunsthype sei Dank, schon bei der Vernissage einen Anbeter und Sammler gefunden.

Darüber hinaus verfügt Costa Bernstein über ein prägnantes Zeichentalent und besitzt ein ganzes Reisearchiv an Papier-Souvenirs, deren Fragmente er als collage-artige Elemente in seinen pittoresken Bildern einsetzt. Darin verbindet er Fiktion, Narration und Figuration mit einem betont expressiven Duktus. Und der Betrachter verliert sich entzückt in einem dichten Gespinst von Storys.

Der 1973 in St. Petersburg geborene Frankfurter Künstler besuchte dort, bis 1992, die Kunstschule und das Architekturcollege. Nach seiner Emigration nach Israel, 1993, absolvierte er in Haifa 1997 die Kunstschule Irena Barilov. Seit 2002 lebt und arbeitet er in Deutschland als freischaffender Künstler, Graphiker, Illustrator und Kulturpädagoge. Seine Kunstwerke reisten in Ausstellungen mit ihm um die Welt. Er ist der erste junge Frankfurter Künstler, den die Galerie Das Bilderhaus nach ihrer Wiedereröffnung ausstellt.


20 Jahre städtisches Atelierhaus in der Frankfurter Ostparkstrasse

Freitag, 7. Mai 2010

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Es war ein gelungener Auftakt für das viertägige Atelierfest, das der Dezernent für Kultur und Wissenschaft, Professor Felix Semmelroth, gestern abend in den städtischen Ateliers in der Frankfurter Ostparkstrasse eröffnete. Es handelt sich um das erste von der Stadt Frankfurt am Main seinerzeit Frankfurter Künstlerinnen und Künstlern zur Verfügung gestellte Gebäude dieser Art. Was damals als ein Experiment begann, hat sich zwischenzeitlich zu einer wahren Erfolgsstory entwickelt. Heute arbeiten zwölf  Künstlerinnen und Künstler in den Bereichen Malerei, Grafik, Bildhauerei und Konzeptkunst in dem Haus.

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Zero Reiko Ishihara und Wilfried Fiebig begrüssen die zur Eröffnung erschienenen Gäste im Atelier von István Laurer

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Felix Semmelroth bei seiner Eröffnungsansprache

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Susanne Kujer, Felix Semmelroth, Zero Reiko Ishihara und Wilfried Fiebig

Das äusserlich unscheinbare Ateliergebäude birgt reiche Schätze, die es wert sind, gezeigt – und gekauft! – zu werden. Die Besucher können sich davon überzeugen, dass der Pfad zur Kunst nicht unbedingt über New York, London oder St. Petersburg führen muss, sondern dass unmittelbar in Frankfurt am Main Kunst von nationalem und internationalem Rang entsteht.

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Gisela Weber in ihrem Atelier

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Kristin Lohmann vor einer ihrer Arbeiten

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Max Weinberg in seinem Atelier

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Zero Reiko Ishihara vor einigen ihrer Arbeiten

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Moni Jahn in ihrem Atelier

Das Fest wird von einem reichhaltigen kulturellen Rahmenprogramm begleitet. Am Eröffnungsabend zeigte Anna Rodrígues eine afrokubanische Tanzperformance. Am Freitag, 7. Mai 2010 wird um 20 Uhr eine Performance von Sofia Greff zu sehen sein. Am Samstag, 8. Mai, 19 Uhr spielen Mitglieder der “Jungen Sinfoniker” Kammermusik, und am Sonntag, 9. Mai, 17 Uhr erklingt “Sancho Callao – música latinoamericana” mit Bara Mbacké und Jorge Galbassini.

Das Atelierhaus ist am 7. Mai ab 18 Uhr, am Samstag, 8. Mai ab 16 Uhr und am Sonntag, 9. Mai, ab 14 Uhr geöffnet. Die Künstlerinnen und Künstler freuen sich auf einen regen Besuch und stehen gern zu Geprächen über ihre Arbeiten zur Verfügung.

(abgebildete Arbeiten © jeweilige Künstler; Fotos: FeuilletonFrankfurt)

Die Deutschen lieben Griechenland. Aber klar doch!

Donnerstag, 6. Mai 2010

oder: Wie wieder einmal das uralte Prinzip funktioniert “Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert”

Für den Fall, dass es jemand nicht verstehen sollte, im Klartext: Verluste trägt stets der Steuerzahler. Was ist das für ein wundersames Wesen, fragen Sie? Na ja, wir denken mal ganz simpel in unserem schlichten Gemüt, beispielsweise wir alle und auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, zugleich in Ihrer begrüssenswerten Eigenschaft als Wählerinnen und Wähler (auch wenn es in diesem Jahr nur um die schöne Politik im wunderschönen Nordrhein-Westfalen geht).

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Zwar kommt zuerst Spaniens “Malle”, dann Bella Italia, aber auch das schöne Hellas, die Wiege dessen, was man im vergangenen Jahrhundert einmal das christliche Abendland nannte, steht bei den Deutschen hoch im Kurs. Apropos Kurs: da wären wir schon gleich wieder in der hässlichen Welt der Finanzwirtschaft und der internationalen Finanzspekulation angekommen, in der sich so viele dumm und dämlich verdienen. Übrigens – und zwar gerade – auch die Banken.

Ach ja, sie alle haben an der Griechenland-Misere auf’s Kräftigste verdient, auf dass es allen Spekulanten und Aktionären wohl ergehe in allen globalisierten Landen. Nun soll aber Pleite-Griechenland gerettet werden. Da schauen die Finanzgewinnler auf einmal vornehm zur Seite, auch diejenigen der miesen Damen- und Herrschaften, die in perverser Weise mit dem Ruin Griechenlands ihre fetten Spekulationsgewinne eingefahren haben und noch immer auf den schlussendlichen Zusammenbruch Griechenlands und des Euro spekulieren. Nun muss aber Griechenland und das ganze bedrohte Euro-System gerettet werden, unbedingt, sonst sind nicht nur die von uns eingangs genannten schönen, wenn auch ebenfalls staatsbankrottverdächtigen Urlaubsländer gefährdet, sondern der gesamte Euro-Raum. Und das wollen und können wir ja nicht hinnehmen. Sehen wir ja selbst ein.

Mit schlappen 22,4 Milliarden Euro ist Deutschland bei Hellassens Rettung mit von der Partie. Sind aber auch die Zins- und Spekulationsgewinnler Banken und Finanzzocker mit dabei? Bislang nicht. Wie überhaupt sich seit der Banken- und Finanzkrise ausser Geschwätz nichts getan hat in Sachen Verbot krimineller sogenannter Finanzprodukte oder wirksamer Regulierung der schrankenlos-neoliberalen Finanzwelt. Warum das so ist? Dumme Frage, weil offenkundig die Finanzwirtschaft die Politik regiert und nicht umgekehrt. Womit wir wieder bei der eingangs zitierten Weisheit angelangt wären.

Ach ja noch, glauben Sie denn wirklich, liebe Leser-/Wählerinnen und Leser/Wähler, dass wir alle von den 22,4 Milliarden Euro, wenn wir denn real zahlen müssten, irgend wann einmal etwas wiedersähen? Und dass es wirklich bei den 22,4 Milliarden Euro bleibt? Angesichts der gesellschaftspolitisch prekären Situation in Griechenland oder gar der – von uns Urlaubsreisenden ansonsten so sehr geschätzten – mediterranen Leichtigkeit des Lebens? Pardon, wer dieses glaubt, der glaubt auch an den veritablen Weihnachtsmann oder daran, dass der Osterhase tatsächlich bunte Eierchen legt. Solchen Glauben lassen wir doch lieber unseren Politikern!

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(Bildnachweis: Immanuel Giel; wikimedia commons GFDL)

Christoph Schlingensief Künstler im Deutschen Pavillon der Biennale Venedig 2011

Montag, 3. Mai 2010

Beginnen wir mit einem Zitat: “… am Ende will ich sicher sein können, dass meine Arbeit einen sozialen Gedanken hat” (Christoph Schlingensief).

Ein vielversprechender Auftakt. Mehr noch: ein grosser Coup. Und riesengross sind die Erwartungen: Susanne Gaensheimer, MMK-Direktorin und Biennale-Kommissarin 2011, berief Christoph Schlingensief, den Beitrag der Bundesrepublik Deutschland im Deutschen Pavillon zur Biennale Arte 2011 in Venedig zu gestalten.

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MMK-Direktorin und Kommissarin der Biennale Venedig 2011 Susanne Gaensheimer (Foto: Maruricio Guillén)

“Ich habe in vielen Bereichen gearbeitet”, so Schlingensief in der Pressemeldung des MMK, “als Film-, Theater- und Opernregisseur, Produzent, Alleinunterhalter, Mensch, auch als kranker Mensch und Christ, auch als Politiker und Performer, und ich habe mich auch immer für Künstler interessiert, die die Kunst fast zwanghaft betrieben haben, darin auch nicht unbedingt eine Unterscheidung zum Zwang des Leben-Müssens oder -Wollens gesehen haben … Ich muss zwischen der Musik und dem Bild, den Menschen und der Sprache, dem Gesunden und Kranken, dem Lustigen und Traurigen immer die Chance haben, auch das Gegenteil zu behaupten. An die Eindeutigkeit der Welt glaube ich nicht. Die Aufgabe, den Deutschen Pavillon, einen verdächtigen Repräsentationsbau, nicht für repräsentative Zwecke, sondern für künstlerische Zwecke zu benutzen, ist da genau das Richtige: eine schwere Last, aber Kunst macht leicht, was sonst schwer ist …”

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Christoph Schlingensief (während der Verleihung des Nestroy-Theaterpreises 2009 am 12. Oktober 2009 in Wien; Foto: Manfred Werner, wikimedia commons GFDL)

Susanne Gaensheimer, die Schlingensief in dessen “radikaler und rückhaltloser Direktheit”, mit der er sich mit der “kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Befindlichkeit der deutschen Bundesrepublik” auseinandersetze, als “einen der ganz wesentlichen Künstler dieses Landes” schätzt, ist überzeugt, “dass durch seine künstlerische Vision die Idee der nationalen Repräsentation transformiert und der Deutsche Pavillon zu einem Ort der Kommunikation und des kosmopolitischen Geschehens wird”.

Christoph Schlingensief (Swantje Karich in FAZ.NET: “verehrt oder gehasst – dazwischen gibt es fast nichts”), Film-, Opern- und Theaterregisseur, in den Medien Hörfunk und Fernsehen tätig, Aktionskünstler, für die meisten genialer Kunst-Allrounder, für einige schlicht enfant terrible, wurde 1960 in Oberhausen geboren. Seine Film- und Theaterarbeiten erregten weltweit Aufsehen. Seine schwere Krebserkrankung im Jahr 2008 brachte er in mancherseits als spektakulär empfundener Weise in seine mediale Arbeit und Selbstdarstellung ein. Schlingensief ist im Studiengang Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig Professor für “Kunst in Aktion”.

Die etwas andere Foto-Ausstellung: “Kleine Freuden” von und mit Hans-Burkhardt Steck, genannt habust

Samstag, 1. Mai 2010

Der Künstler habust (für alle, die es immer noch nicht wissen sollten: der Künstlername setzt sich aus Komponenten des Klarnamens Hans-Burkhardt Steck zusammen): Dichter und Erzähler, Zeichner und Sänger, stimmgewaltiger Barde und scharfzüngiger Bärbeiss in dem einen “richtigen Leben” – und im anderen “richtigen Leben” erfolgreicher Rechtsanwalt und Diplom-Soziologe: Geht das? Das geht! Und wie!

Sie alle, liebe Leserinnen und Leser, haben bereits mit habust auf dem Grünen Kanapee gesessen und seinen von ihm selbst vorgetragenen hintersinnigen Gedichten gelauscht, die uns erhellen, wie schmal der Grat in Politik, Gesellschaft und überhaupt im Leben zwischen Ernst und Unfug ist. Sie alle haben seine fröhlich-hinterfotzig-garstigen Polit-Songs genossen, kurzum, habust ist Ihnen nicht gänzlich unvertraut. Nun lernen Sie eine weitere Facette dieses einzigartigen Künstler-Menschen kennen: den Fotografen habust. Wo? Im Nebbienschen Gartenhaus des Frankfurter Künstlerclubs. Nur noch bis zum 9. Mai 2010. Es ist also Eile geboten.

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habust im Zustand kontemplativer, immer aber ein wenig verdächtiger Ruhe (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Es ist in der Tat eine Fotografie-Ausstellung der besonderen Art: Jedem Fotomotiv ist zunächst ein auf eine separate Tafel gedruckter Titel zugeordnet, ferner auf einer weiteren Tafel ein Text, meist in Form eines Gedichts. Man erwirbt also beim Kauf einer solchen Arbeit jeweils drei Objekte.

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Sowohl die Fotografien – in den Formaten 80 x 60 cm und 80 x 45 cm – als auch die kleinformatigen Texttäfelchen sind im MegaBrush-Verfahren in hoher Auflösung direkt auf Aluminiumplatten gedruckt. Sie sind lichtbeständig und wetterfest und damit sehr gut zur Anbringung auch im Freien geeignet.

Witz wie grimmiger Humor stehen bei vielen der habust’schen Motive Pate, im konkret folgenden Fall wohl auch die berühmte Arbeit von Ulrich Mattner, der die Urinale eines bodentief verglasten Herren-WC in den obersten Etagen des Commerzbank-Turmes ablichtete. Jeder Kommentar erübrigt sich.

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“Totale Hektik” betitelt habust eine Szenerie der Ruhe und des Friedens: eine Gartenbank, zwei Personen bequemen Platz bietend, auf einer kleinen blühenden Wiese in einem rundum erblühenden Garten. Eine Oase in einer durchkommerzialisierten, vielfach lärmenden und stinkenden, mitunter bereits vergifteten Welt. Wir sässen gerne auf dieser Bank, lauschten gerne den Käfern und Wespen, den Mücken, Tausendfüsslern und Grillen, die habust besingt. Doch sein Lied ist garstig und voll Bitterkeit: Nicht wenigen der nur noch lärmexponierten wie selbst Lärm erzeugenden Zeitgenossen wäre das Schwirren, Sausen, Brausen und Rasseln dieser Tierchen fremd und lästig, um sich schlügen sie, um Wespen und Mücken zu vertreiben, mit einem Fussdruck erledigten sie Käfer und Tausendfüssler. habust entlarvt in poesievollem Zusammenspiel von Bild und Text unsere Lebenswirklichkeit.

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Eine ebenso sensible (warum nicht auch sentimentale, wäre das so schlimm?) wie bissige, medien- und gesellschaftskritische Arbeit: “Planet Puff”. Auch sie spricht in Text und Bild für sich selbst.

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In seinen Fotografien nimmt habust oft sein engstes Lebensumfeld, das – nur – vordergründig Nebensächliche, die Nähe wie aber auch die Ferne in den kritisch-analytischen Blick. Dieser Blick kann auch liebevoll-zuwendend sein. Und manches Mal liegt ein Hauch von Melancholie in seinen Motiven. Es entstehen Stillleben von kompositorischem Reiz und verblüffenden Einblicken. In selbstironischer Brechung harmonieren wie kontrastieren die Texte zu den Sujets.

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Der Abfall-Behälter an der Tankstelle ruft – wie kann es anders sein – den Sprachkünstler habust auf den Plan. Auch hier wäre es eher schade, das Zusammenspiel von Bild und Text durch entbehrliche Kommentierungen zu strapazieren.

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Die – unbedingt sehenswerte – Ausstellung im Frankfurter Künstlerclub, Nebbiensches Gartenhaus, Bockenheimer Anlage, läuft noch bis 9. Mai 2010 (Dienstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr).

(abgebildete Werke © Hans-Burkhardt Steck; Fotos: Hans-Burkhardt Steck und FeuilletonFrankfurt)