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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for Mai, 2010

Jahr der Stille 2010: Mai

Dienstag, 18. Mai 2010

Es lohnt sich, geduldig zu beobachten, was in der Seele im Stillen geschieht, und es geschieht das Meiste und Beste, wenn es nicht von aussen und oben hineinreglementiert wird. Ich gestehe es gerne: Ich habe eine solche Hochachtung vor dem, was in der menschlichen Seele geschieht, dass ich mich scheuen würde, das stille Walten der Natur durch täppische Zugriffe zu stören und zu entstellen.

Carl Gustav Jung (1875 bis 1961), Begründer der Analytischen Psychologie

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(Bildnachweis: Dedda71/wikimedia commons CC)

Das “Jahr der Stille 2010″ lädt dazu ein, Stille begleitend in den Jahreslauf zu integrieren. Es will Aufmerksamkeit schaffen für einen Wert, dessen Wichtigkeit wir alle betonen – dessen konkrete Praxis wir aber oft vernachlässigen. Getragen wird das “Jahr der Stille 2010″ von über fünfzig Partnern – christlichen Bewegungen, Kirchen, Verbänden, Verlagen, Organisationen und Werken unterschiedlicher konfessioneller Prägung, die das Anliegen eint, das Thema Stille bewusst in ihre Aktivitäten einfliessen zu lassen.

FeuilletonFrankfurt wird das “Jahr der Stille” mit einem Beitrag zur Mitte eines jeden Monats begleiten.

Begegnung im Dunkeln: Das DialogMuseum in Frankfurt am Main

Sonntag, 16. Mai 2010

Wir haben eine erstaunliche, ja kaum je für möglich gehaltene Erfahrung gemacht.

Wir begaben uns am frühen Nachmittag eines durchsonnten, hellichtenTages in die absolute Dunkelheit, die Dunkelheit völlig blinder Menschen. Eine Selbsterfahrung, nicht ohne Risiko. Eine jüngere Frau in der achtköpfigen Gruppe - mehr als acht Personen durfte sie nicht umfassen – bekam bereits nach wenigen Minuten Dunkelheit eine Art Panik und schied aus dem Experiment aus, bevor es richtig begonnen hatte. Wir und die anderen sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmer hielten es aus.

Und nun die erstaunliche Erfahrung: Nach Wiedereintritt in die Helligkeit fühlten wir uns in den ersten Momenten in einer gewissen Weise verunsichert, aus einer Obhut entlassen, ein Stück einsam, allein.

Was war geschehen?

Wir besuchten das DialogMuseum in Frankfurt am Main. Wir nahmen dort an einer Führung teil, im wahrsten Sinne des Wortes. In vollkommener Dunkelheit. Eineinhalb Stunden lang. Unser Führer: ein Blinder.

Ungelenk fuchtelten wir mit dem Blindenstock, der uns am Eingang gereicht wurde, über die verschiedenen Böden, die es zu betreten, nein zu erkunden, mit den Füssen zu ertasten galt. Unser Führer lockte uns, half uns mit seiner Stimme den Weg finden über einen Parcours, der dem Sehenden nur Selbstverständliches bedeutet, dem vorübergehend “Erblindeten” jedoch zu einer Verkettung von Abenteuern geriet, von Aufgaben, die es zu bewältigen galt. Er führte durch verschiedene Erlebnisräume, einschliesslich einer Fahrt im offenen Boot über den Main. In einem Akustikraum erwarben wir einen Hauch von Ahnung davon, was es bedeutet, mit den “Ohren zu sehen”. Wir lernten in der Finsternis, wie sich Bäume, fliessendes Wasser, Häuserwände, Briefkästen, Geldautomaten, öffentliche Telefonsäulen, Exponate in einem Skulpturenmuseum oder Parkbänke anfühlen, um sie zu “sehen”.

In der von einer auf die andere Minute über uns hereingebrochenen Hilflosigkeit – schon nach wenigen Schritten und Wegbiegungen wussten wir nicht mehr, wo rechts oder links, wo vorn oder hinten ist – entwickelten wir eine besondere Art von Vertrauen zu unserem blinden Führer, dessen Stimme und freundschaftlichen Aufforderungen wir folgten wie kleine artige Kinder dem Ruf ihrer Eltern. Und wir ertasteten die Personen unserer kleinen Gruppe, waren froh, eine Schulter ergreifen, einen Arm, eine Hand finden zu können, die uns gewiss sein liess: Wir sind nicht allein.

Eineinhalb Stunden in völliger Dunkelheit gerieten zu einer enormen Spanne an Zeit, in der sich für uns ein eigenartiger Zustand eines Sichhineinfindens in unser Geschick ergab. Zunehmend ein wenig mutiger setzten wir Schritt um Schritt die Füsse auf den Grund, tasteten mit dem Blindenstock in einem schulterbreiten Segment den zu beschreitenden Boden ab, den Erzählungen unseres Führers lauschend, in welcher Umgebung wir uns gerade befanden: in einem Garten, an einer von Autos befahrenen Strasse, in einer kleinen Bar. Uns erfasste der Beginn einer ganz kleinen Ahnung davon, wie es sein könnte, ein Leben in völliger Dunkelheit einzurichten. Und ganz wichtig: Wir fingen an zu verstehen, warum das DialogMuseum so und nicht anders und schon gar nicht “Blindenmuseum” heissen kann.

Dunkelheit

Mehr als nur Dunkelheit: im Frankfurter DialogMuseum

Und beim allmählichen, die Augen dennoch schmerzenden Übergang ins Tageslicht am Ausgang des Parcours spüren wir es, dieses eigenartige Gefühl: Wir sind entlassen aus der Obhut unseres blinden Führers, in der wir uns schon so sehr eingerichtet hatten, wir sind wieder auf uns selbst gestellt.

Im DialogMuseum kehren sich die Verhältnisse um: Der Sehende wird zum Blinden, der geführt werden muss, der Blinde als “Sehender” zu dessen Führer. Wir werden ihn, unseren Führer, der als Jugendlicher völlig erblindete und der, wie er sagte, nicht bereit war, “nur wegen der Erblindung sein Leben aufzugeben”, nicht sehend kennenlernen; das Museum wahrt die Anonymität.

Das 2005 gegründete, in der Form einer GmbH geführte DialogMuseum wird von der Agentur für Arbeit, dem Landeswohlfahrtsverband (Integrationsamt) Hessen und der Stadt Frankfurt am Main gefördert. Zu den Führungen in Gruppen bis zu acht Personen ist eine zumeist längerfristige Voranmeldung erforderlich.


KUNST / 52

Samstag, 15. Mai 2010

Bei Leuten, die etwas von der Kunst verstehen, bedarf es keiner Worte. Man sagt “Hm! Ha!” oder “Ho!”, und damit ist alles ausgedrückt.

Edgar Degas (1834 bis 1917), Maler, Bildhauer

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Edgar Degas, Selbstporträt, 1855, Öl auf Leinwand

Weisheiten / 59

Freitag, 14. Mai 2010

Don’t push the river, it flows.

George Tabori (urspr. Tábori György (1914 bis 2007), Schriftsteller, Dramaturg, Theaterregisseur, Träger des Georg-Büchner-Preises

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(Bildnachweis: azastan/wikimedia commons GFDL)

“Was für ein Tag”: Gemälde und Texte von Almut und Robert Gernhardt im Frankfurter Holzhausenschlösschen

Dienstag, 11. Mai 2010

“Ich male das, was ich kenne: Tiere, vor allem Katzen, Gegenstände, die ich um mich habe, und Landschaften, die ich sehe, wenn ich aus dem Fenster gucke.

Doch wenn ich male, merke ich, wie vieldeutig und befremdlich alle diese vertrauten Sachen sein können.

Und eigentlich ist es diese Erfahrung, die, unabhängig von den wechselnden Anlässen, das Thema meiner Malerei ist.”

Almut Gernhardt (1940 bis 1989)

Almut Gernhardt_1977.

Almut Gernhardt, 1977

Am 21. Oktober 2010 wäre Almut Gernhardt 70 Jahre alt geworden: für die Frankfurter Bürgerstiftung Anlass, der unvergessenen Künstlerin und ihrem Ehemann – dem 2006 verstorbenen Schriftsteller Robert Gernhardt – eine Kabinettausstellung im Holzhausenschlösschen zu widmen.

Wer kennt sie nicht – die wunderschönen Gemälde der Almut Gernhardt, wer hat sie nicht schon – als Gruss- und Glückwunschkarten – an Freunde und Bekannte verschenkt?

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Almut Gernhardt, o. J., aus: Mit dir sind wir vier

Auch wenn wir uns hier auf einige wenige ihrer hinreissenden Katzenbilder beschränken, können wir im Holzhausenschlösschen das breitgefächerte Œuvre der Malerin aus den Jahren 1974 bis 1986 betrachten: kleinformatige Bilder, auf denen neben den bereits erwähnten Katzen auch Vögel und andere Tiere lebendig werden und verdächtig menschlich wirken; Stillleben, besonders mit reifen Pflaumen, in rustikalen Keramikschalen nach der Ernte flüchtig angerichtet, Gemälde mit bunten Figuren, aber auch Porträts als Auftragsarbeiten nach Fotografien.

Die “Zärtlichkeiten und Heiterkeiten, das Schelmenhafte, das Übermütige, das Rätselhafte, das Märchenreiche, aber auch das ganz und gar Verlassene … die sich selbst genügenden Dinge oder Früchte oder der Himmel samt seinen Wolken, Landschaften und darüber Italiens Licht” bewunderte schon die Schriftstellerin Elisabeth Borchers in Almut Gernhardts Arbeiten.

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Almut Gernhardt, 1981, aus: Die Ansprache des Katzenpräsidenten

Ihre ideale Ergänzung finden Almuts Bilder in Robert Gernhardts Lyrik und Prosa. Robert, 1937 in Estland geboren, Redakteur der Satirezeitschrift “Pardon” und Mitbegründer der Neuen Frankfurter Schule mit dem Satiremagazin “Titanic”, war seinerseits ein begnadeter Maler und karikaturistischer Zeichner. Zu Almuts Bildern steuerte er humorvolle wie hintersinnige Texte bei, oft in Form von Gedichten. In seinen späteren Arbeiten setzte er sich mit seiner schweren Herzerkrankung und seinem anschliessenden Krebsleiden auseinander, dem er im Jahr 2006 erlag.

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Almut Gernhardt, o. J., aus: Was für ein Tag

“… am Anfang fürchtet man sich eher,
doch nach und nach kommt man sich näher.
Äusserts hilfreich sind zuzeiten
ausgesuchte Höflichkeiten,
und nachdem die stattgefunden,
fühlt man sich schon mehr verbunden.
‘Ich bin die Missu – und wie heisst du?’
‘Ich heisse Pumpi. Doch hör mal zu …’ “

(Aus: Robert Gernhardt, “Was für ein Tag”, S. Fischer Verlag, 2. Aufl. 2010)

Die wundervolle Ausstellung im Frankfurter Holzhausenschlösschen “Was für ein Tag” – Gemälde und Texte von Almut und Robert Gernhardt – läuft bis zum 27. Juni 2010. Man darf sie einfach nicht versäumen – nicht als Tier- und besonders als Katzenfreund und schon gar nicht als Anhänger der verstorbenen Almut und Robert Gernhardt und der Neuen Frankfurter Schule.

(Bildnachweis: Frankfurter Bürgerstiftung im Holzhausenschlösschen)