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Archive for Mai, 2010

Reichlich schräg in der Frankfurter Westend Galerie: Italienische Architekturen von Siegbert Jatzko

Sonntag, 30. Mai 2010

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Ricordo di Fivizzano (Massa Carrara), 2009, 52,4 x 72,5 cm

Hat hier gerade ein Erdbeben die Horizontale verrückt? Oder hat sich bei uns nach dem Genuss einer Flasche bestem Brunello di Montalcino nebst zwei, drei Grappe di Moscato d’Asti die Optik etwas verschoben?

Nein, wir stehen in der Frankfurter Westend Galerie, kerzengerade und auf sicherem Boden vor den Zeichnungen von Siegbert Jatzko. Was wären denn, Hand auf’s Herz, diese Zeichnungen, wenn sie der Künstler der strengen Renaissance-Perspektive unterworfen hätte? Nett, aber nicht aufregend. Und was ist eines ihrer Geheimnisse, der Geheimnisse ihres Erfolgs? Ihre wundervolle perspektivische Verzeichnung, die ihnen – obgleich oder gerade weil die Szenerien menschenleer sind – eine besondere Art von Leben einhaucht. Die Baulichkeiten gewinnen eine eigene Dynamik, sie setzen sich gewissermassen in Bewegung und es scheint, als wollten sie auf uns zukommen.

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Der Altan (Venedig), 2008, 44,6 x 37,3 cm

Kommen in den Zeichnungen wirklich keine Menschen vor? Wir nehmen sie indirekt wahr: In den mit allerlei Blumen und Grünzeug bepflanzten Terracotta-Töpfen auf Altanen und in Fenstern zum Beispiel. Und natürlich sind die Architekturen von Menschenhand geschaffen: mal streng konstruiert in eine städtische oder dörfliche Struktur eingebettet, mal scheinen sie – wir spüren die besondere und charmante italienische Fähigkeit zur Improvisation – mit einem vor strengem Baurecht zugekniffenen Auge an Vorhandenes angefügt. Vielleicht besteht der Reiz dieser Arbeiten von Siegbert Jatzko in jenem stets kreativen Spannungsfeld zwischen teutonisch-ordnungsbewusster Strenge und dem, was wir so gerne als südländische Leichtigkeit des Lebens apostrophieren.

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Due ponti – Zwei Brücken (Venedig), 2008, 53,4 x 70,3 cm

Wie sein Lehrer Heinz Battke, der 1935 nach Florenz zog und 1956 an die Frankfurter Städelschule berufen wurde, wandte sich Jatzko im Schwerpunkt seines Schaffens der Bleistift-Zeichnung zu. Seine zumeist von architektonischen Motiven dominierten Studien und Szenerien italienischer Städte und Dörfer  – weitab vom Charakter enzyklopädischer Dokumentation einerseits, aber auch des kunsthandwerklichen, bis hin zum Kitschigen strapazierten Abbilds als Reisesouvenir andererseits – öffnen dem Betrachter auf eine spezifische Art den Blick auf das Dargestellte.

Die absichtsvoll verzeichnete und damit verfremdete Perspektive hinterfragt das Beobachtete, sie destabilisiert das Statische der Architekturen und stellt diese in einen umfassenderen Lebens- und Sinnzusammenhang. Bemerkenswert sparsam koloriert Jatzko lediglich einige Details mit laviertem Farbstift. Der Künstler entzieht sich der Versuchung, die nicht selten von einem überbordenden Tourismus heimgesuchten Paläste und Kirchen, Treppen- und Platzanlagen, pittoresken Gässchen und Winkelchen der Renaissance und des Barock zu glorifizieren, sondern er lässt sie vor unserem Auge – in diffusem Licht und unter Verzicht auf urlaubserwünschten Sonnenschein – in all ihrer Schönheit als menschlich dimensionierten Lebensraum erstehen. Dass er dabei auf menschenleere Szenerien rekurriert, kann freilich fast als ein Protest gegen jene touristische Überforderung verstanden werden.

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Das Stadttor (Fivizzano/Massa Carrara), 2009, 52,5 x 71,7 cm

Siegbert Jatzko, 1937 in Görlitz geboren, absolvierte zunächst eine Maurerlehre und von 1955 bis 1958 ein Architekturstudium an der Ost-Berliner Ingenieurschule für Bauwesen. Im Anschluss an seine Übersiedlung nach Frankfurt am Main studierte er dort von 1959 bis 1964 an der Staatlichen Hochschule für Bildende Kunst – Städelschule – freie Grafik und wurde Meisterschüler von Heinz Battke. Studienreisen führten ihn in viele Länder Europas und Südamerikas. In zahlreichen Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland – und bereits 2004 in der Frankfurter Westend Galerie – präsentierte er seine Arbeiten. Jatzko lebt und arbeitet als freischaffender Maler und Grafiker in Frankfurt am Main.

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Giardino communale (Monte San Savino), 2009, 52,9 x 67,9 cm

Die Ausstellung in der Frankfurter Westend Galerie der Deutsch-Italienischen Vereinigung läuft noch bis zum 11. Juni 2010. Und wir freuen uns auf eine neue Flasche Brunello di Montalcino und unsere nächste Reise nach Italien.

(Alle Arbeiten: Bleistift, Farbstift und Deckweiss auf Papier; Bildnachweis: Frankfurter Westend Galerie; © Siegbert Jatzko)


Porträts – Christiana Protto

Donnerstag, 27. Mai 2010

Home Abroad – zu Hause in der Welt?
Christiana Protto,
das Wanderatelier und die Lebensreise

Kunst sei eine Vermittlerin des Unaussprechlichen, darum scheine es eine Torheit, sie wieder durch Worte vermitteln zu wollen, schrieb Johann Wolfgang Goethe. Ja, er hat recht. Aber ein paar Gedanken über ein hochinteressantes Œuvre einer bemerkenswerten wie begabten Künstlerin wollen wir dennoch Raum geben. Angesichts der Breite dieses Werkes müssen wir fokussieren: auf ihre Installationen, unter Verzicht auf vieles andere Wichtige, beispielsweise auf ihre fotografischen Arbeiten, auf ihre künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Schlachtung und Fleisch oder auf ihre Tapetenarbeiten, die es zum Einzug in das Deutsche Tapetenmuseum in Kassel gebracht haben.

Wir glauben dabei nicht, dass sich die Künstlerin, entgegen dem Duktus mancher Rezension, wie er sich uns erschliesst, vorwiegend mit ihrer eigenen Nabelschau befasst, sondern dass sie uns, dem betrachtenden Publikum, etwas mitzuteilen hat, schlage oben nach bei Goethe, wenn wir ihn denn recht verstehen.

Geboren in Grossbritannien, Studium in Florenz und Paris, Atelierstipendium in London, Preise und Lehraufträge in Turin und Rom, halbjähriger Arbeitsaufenthalt in China: “Home Abroad”?

“Home Abroad” lautet der Titel einer Werkreihe, die Christiana Protto in Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern aus dem europäischen Ausland begründet hat. Und noch etwas Besonderes hat sie aufgegriffen und für ihre eigene künstlerische Zeit- und Lebensreise weiterentwickelt: das schon aus dem Altertum bekannte “Wanderatelier”. “Mit dem ‘Wanderatelier’ “, schreibt Protto, “begebe ich mich in unterschiedliche Situationen und entwickle aus der Begegnung mit dem Ort und den Personen die Heimstatt einer fiktiven Bewohnerin auf Durchreise”. Im Kern ist damit bereits alles gesagt.

Wo sie zu Hause im Sinne von Heimat sei, so fragten wir. Als konkreter Ort sei es inzwischen schon Frankfurt am Main, antwortet sie, doch könne sich das nach Kontext und Ebene ändern.

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o. T., 2003, anlässlich HautNahOst, Frankfurt am Main, Video-Projektion im Aussenraum, 60′ Loop, Videoaufnahme einer vom Wind bewegten Installation aus Tüchern

Wo leben wir? Wie leben wir? Was für Häuser, was für Wohnungen bauen wir? Wie richten wir uns darin ein? Wie richten wir unser Leben ein?

Wo sind wir zu Hause? Wir klammern uns an das fest, was wir, auf der Suche nach Schutz und Sinn, für unverrückbar und gewiss halten. Aber bleiben wir letztlich als Reisende, als Gäste doch unbehaust auf dieser Erde?

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Ich will mein Leben geniessen, 2004, Nassauischer Kunstverein Wiesbaden, raumbezogene Installation, Nähtisch, Stuhl, diverse Objekte und Materialien, an die Wand gespannte Tücher

Textilien – rot und weiss kariert, wir erinnern uns: an die leinernen Küchenhandtücher in Zeiten unserer Kindheit, welch ein wundervoller Aufenthalts- und Zufluchtsort war doch damals die heimische Küche mit knisterndem schwarzen Kohleherd, in der wir noch richtig wohnen, den Geruch des Feuers wahrnehmen konnten, wie er sich mit dem von garenden Kartoffeln und Gemüsen vermischte.

Textilien – wir denken an den Filz bei Joseph Beuys, Symbol auch für Wärme und Geborgenheit in sozialer Kälte.

Textilien – wir schmücken und drapieren mit ihnen Wände und Böden, wir umgeben uns mit ihnen, wir kommunizieren mit ihnen zu anderen Menschen. Mit Stoffen verhüllen und verkleiden wir uns , die einen mögen es in der Absicht tun, sich als diejenigen darzustellen, für die sie sich halten, die anderen, um im Gegenteil über ihre Person zu täuschen und sich zu verbergen. In “piazzaforte” scheint uns Christiana Protto, mit dem ihr eigenen zurückhaltenden und doch unschwer zu entdeckenden Humor, der so vielen ihrer Arbeiten innewohnt, das durchschaute Gehabe entlarven zu wollen. Es hat etwas von einem heiteren Exhibitionismus, wie sich Oberbekleidung und Unterwäsche, Tischdecken, Handtücher und Bettlaken verschiedenster Provenienzen zwischen den Bäumen aufgehängt im Wind bewegen, wir konnten uns seinerzeit im Jahr 2003, als wir unsere Büros im Bertramshof hatten, über Wochen hinweg von diesem fröhlichen Spiel überzeugen.

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piazzaforte, 2003, anlässlich Flüchtige Verfestigung, Hessischer Rundfunk/Marielies-Hess-Stiftung Frankfurt am Main, situationsbezogene Installation auf dem Bertramshof, Wäsche, Wäscheleinen und -klammern

In ihren Installationen stellt Christiana Protto Gegenstände des alltäglichen Lebens zusammen, wertvolle wie solche von banaler Art. Mal scheint sie die Objekte, auf das Akkurateste gestapelt und zu Blöcken verdichtet, nach einem vom Betrachter erst noch zu entschlüsselnden Kode oder Plan zu arrangieren. Ein anderes Mal vermittelt sie in ihren Szenerien den Eindruck eines chaotischen Durcheinanders vermüllter Messie-Wohnungen – wobei sich bei Protto auf geheimnisvolle Weise das Chaotische ihrer Inszenierungen mit dem Kreativen zu paaren scheint.

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Arrangerie, 1999, anlässlich Home Abroad, Galerie ak, Frankfurt am Main, Installation, gezogene Pflanzen, diverse Gegenstände, 110 x 320 x 110 cm

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Cut and go (Wanderatelier), 2003, anlässlich Introduction, Coleman Gallery London, raumbezogene Installation, diverse Möbel und Materialien

Die Arrangements gleichen in vielem einem Spiegel, den uns die Künstlerin in unserer Produktions- und Konsum-, unserer Verwertungs- und Wegwerfgesellschaft vorhält. Manche werden nur ungern in ihn hineinblicken, denn Erkenntnisse, zumal wenn man sie in Selbstbespiegelung gewinnt, können mitunter schmerzhaft sein. Manche der Gegenstände setzen zu derem Erwerb materielle Wohlhabenheit voraus, andere hingegen gehören zum schäbigen Mindestbedarf eines Hartz IV-Haushalts, und wir könnten erwarten, die Tür öffnete sich und Andreas Slominski schöbe eines seiner mit Tüten und Klamotten behängten Obdachlosen-Fahrräder herein. Oft arrangiert Protto Pflanzen, gezogene, wie sie betont, zwischen die Konsumware. Sie bilden zu letzterer einen kontrastierenden, positiv-anarchischen, weil vegetativ-lebendigen Gegenpol.

Die auf den ersten Blick auch grotesk erscheinende Ordnung und Anhäufung all dieser Gegenstände in ihrer jeweiligen Raum- und Situationsbezogenheit – wie etwa in den beamtet-behördlichen Fluren der Frankfurter Oberfinanzdirektion – lösen in uns zugleich ein Schmunzeln aus, es kann – und darf – ein im Lustgewinn der Selbstentlarvung befreiendes Freud’sches Lachen daraus werden.

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zwei Darstellungen aus: Zweigstelle, 2007, Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main

Was für eine neue Qualität gewinnen die Gegenstände, wenn  sie die Künstlerin aus gewohnten Zusammenhängen herauslöst und mit andersartigen kombiniert, etwa eine Gartengiesskanne an einen Garderobeständer hängt, der schon manches solide, krawattenfordernde Jackett getragen haben mag? Wenn sie in einer Art nachgestellter Lebensmittelabteilung eines Supermarkts Gegenstände platziert, die mit den darunter angebrachten Beschriftungen nichts gemein haben? Gezielt setzt Protto auch auf Verwirrung, auf Desorientierung, die uns veranlassen, das Wesen eines Objekts, eines Begriffs zu hinterfragen, bewusster als bislang und gegebenenfalls neu zu definieren.

Und: Brauchen wir wirklich alles das, was uns hier vorgestellt wird? Was sammeln und ballen wir alles in unseren Wohnungen zusammen, in trügerischer Erwartung eines Bleibenkönnens, wo wir uns doch in Wahrheit auf einem Weg befinden? Warum tragen wir so viel an  Ballast mit uns herum?

Und machen wir uns Gedanken darüber, wieviel an dem Angehäuften – oder besser wiewenig – Inhalt ist und wieviel, jetzt ohne relativierende Einschränkung, hohle Verpackung?

In ihrer 2004 in Rom ausgestellten Arbeit laboratorio vereint Christiana Protto die Installation von Gegenständen mit Dia-Projektionen und Videofilmen mit Szenen aus einem Schlachthof: eines “Tagebuchs in Zeiten von BSE … als brutalen Eingriff in die Natur zum Wohle McDonalds”, wie Iris Reepen schreibt.

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vier Darstellungen aus: laboratorio (Wanderatelier), 2004, Museo Laboratorio di Arte Contemporanea, Rom, dreiteilige raumbezogene Installation, Tische, diverse Gegenstände und Materialien, Projektoren, Monitore, Dia-Projektion “horticult”, 1998, und Video “Sequenzen aus dem Schlachthof , Heads and Tails Uncut, 2000, Wanne (Schwein), 2004, pendulum, 2001, strip, 2001

Prottos “Wanderatelier” bedeutet weit mehr als die früher von Ort zu Ort ziehenden Maler, Steinmetze oder Kunsthandwerker aller Art, weit mehr als der im Zuge der Plein air-Malerei am Schulterriemen getragene Malkasten. “Wanderatelier” – darin scheinen sich uns  Stationen der Lebensreise zu manifestieren, auf die sich die Künstlerin im Auffinden und Entdecken, Untersuchen und Bewerten, im Ergreifen und Hinterlassen begeben hat. Raum- und situationsbezogen nennt Protto entsprechend ihre Installationen. Überall dort, wo wir sie antreffen, ihnen begegnen mögen, werden wir Zeitzeugen dieser Stationen, und wir werden uns unserer eigenen Reise durch unsere endliche Zeit bewusst.

” ‘Wanderatelier’ “, schreibt Rainald Simon im 2009 erschienenen Ausstellungskatalog Dong You Ji – Reise in den Osten, “ist im Grunde der produktive Sammelplatz von Spuren-Elementen, meist aus einem oder mehreren Tischen bestehend, an denen real (oder mindestens potentiell) neue Spuren produziert werden. Ein Atelier ist eine Werkstatt ist ein Produktionsort ist ein ‘laboratorio’ und hat immer etwas Lebendiges, in die Zukunft Weisendes …”

Ihre Installationen in geschlossenen wie in öffentlichen Räumen finden ein Pendant im oft grossbürgerlich- wie ebenso kleingärtnerisch-denaturierten Gartenbereich, den Protto mit ihren Installationen erst wieder “bewohnbar” macht und dadurch gleichsam symbolhaft renaturiert. Interessant, wie sie dabei temporär auf private Gartenanlagen in Darmstadt zurückgreifen konnte. Was aber geschieht jetzt dort, nachdem sie samt ihren Installationen wieder ausgezogen ist?

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demeurante (Wanderatelier), 2003, anlässlich TransitArten, Vogelfrei-Biennale in Darmstädter Privatgärten, situationsbezogene Installation im Garten der Familie Wolpert, Baum, diverse Objekte und Materialien

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vedute, 2005; anlässlich Paradiesgärten, Vogelfrei-Biennale in Darmstädter Privatgärten, situationsbezogene Wandarbeit für den Gartenpavillon der Familie Gerstenecker, Digitaldruck auf Trevira, 120 x 300 cm

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o. T., Zeichnung, Mischtechnik auf Papier, 42 x 29,7 cm

Aus Christiana Prottos umfangreichem zeichnerischen Werk sei hier der Blick lediglich auf ihre – meist mit o. T. bezeichneten – Vasen fokussiert. Mit dem Thema Vasen, den für die Menschen wichtigsten Gefässen der antiken Welt zur Aufbewahrung vor allem von Nahrungsmitteln, beschäftigt sich die Künstlerin seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten. Aus elegant anmutenden Umrissen entwickelt sie immer wieder neue zeichnerische Strukturen, Netzwerken gleich, die in einem Kontext zu ihren Installationen gesehen werden können.

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Vase, 1997, Mischtechnik auf Papier, 59,5 x 42 cm

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rest, 2001, anlässlich Tische der Kommunikation, Installation auf dem Parkfriedhof Essen-Huttrop, Holzplatten und diverse Gegenstände, 90 x 110 x 900 cm

Was können wir mitnehmen auf unsere letzte, unsere grösste Reise? Wir denken an Grabbeigaben in früheren Kulturen. Christiana Protto hat vor der Trauerhalle des Parkfriedhofs Essen-Huttrop wieder all das zusammengepackt, von dem wir meinen, es in einem irdischen Zuhause zu benötigen, vielleicht auch etwas mehr. Es mögen – wir können es nicht erkennen – auch Brot und Wein darunter sein. Platz ist genug für das letzte Mahl an dem neun Meter messenden Tisch. Wer wird sich einfinden?

Kommen wir zu Christiana Prottos Vita in “Steckbrief”-Form:  1962 in Sutton Coldfield/ Grossbritannien geboren; 1981 bis 1983 Studium am Istituto Statale d´Arte di Firenze, 1983 bis 1985 an der Unité Pédagogique d’Architecture No. 6, Paris, 1985 bis 1991 an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main (M.A.) und von 1992 bis 1993 an der Hochschule für Gestaltung Offenbach (Architektur, Romanistik, Kunstwissenschaft und Freie Kunst). Seit 2006 studiert Protto zusätzlich an der Goethe-Universität Sinologie. Protto lehrte an der Fachhochschule und an der Städel-Abendschule der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste, Frankfurt am Main, sowie an der Gutenberg-Universität, Mainz. Seit 1996 bestreitet sie Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

2008 hielt sich Christiana Protto für rund ein halbes Jahr in China auf, unter dem Titel “Tao Ke Rui’s Diaries” präsentierte sie neue Arbeiten an der Yannan Art Institution in Hangzhou. Dieser einzigartige Werkkomplex erfordert eine gesonderte Darstellung zu  späterer Zeit.

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Tao Ke Rui’s Diaries, bast, 2007, Kugelschreiber, Tusche und Gouache auf Papier, 19 x 26,5 cm

(Bildnachweis © Christiana Protto; Fotos: Christiana Protto und Urs Breitenstein)

Passionsspielzeit in Oberammergau / 2

Montag, 24. Mai 2010

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Skulptur gegenüber dem Passionsspielhaus Oberammergau

Wolfgang van Elst, 1962 in Unterammergau geboren, Holzbildhauer, Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenen Künste München, Meisterschüler von Professor Hubertus von Pilgrim; Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in Agatharied, Bad Soden, Dorsten, Freising, Garmisch-Partenkirchen, Kaufbeuren, München, Murnau, Nürnberg, Paris, Recklinghausen, Zürich.

(Abbildungen © Wolfgang van Elst; Fotos: FeuilletonFrankfurt)

Passionsspielzeit in Oberammergau / 1

Sonntag, 23. Mai 2010

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Skulptur gegenüber dem Passionsspielhaus Oberammergau

Barbara Lampe, geboren 1949 in Oberammergau, Töpfermeisterin; Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in Frechen, Garmisch-Partenkirchen, Hannover, Höhr-Grenzhausen, Ludwigshafen, Moskau, München, Neuburg, Oberammergau, Rödental/Coburg, Schongau, Traisen, Veste Coburg.

(Abbildungen © Barbara Lampe; Fotos: FeuilletonFrankfurt)

Passionsspiele 2010 in Oberammergau

Donnerstag, 20. Mai 2010

Samstag, 15. Mai 2010, 14.30 Uhr: Premiere der Passionsspiele in Oberammergau, alle zehn Jahre nur finden sie statt. Bis knapp 23 Uhr dauert die Aufführung, unterbrochen von einer dreistündigen Pause. Oberammergau toppt darin Bayreuth!

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Das Passionsspielhaus in Oberammergau (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Es regnet ununterbrochen an diesem nebelverhangenen Tag, die Temparatur liegt bei etwa 6 Grad, es sind gefühlte 2 bis 3 Grad Celsius. Das 4700 Sitze umfassende Passionsspieltheater ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Wir sitzen ganz vorn, Reihe 6, nahe der zwar grossenteils planenüberspannten, aber dennoch zugigen 70 Meter breiten Freiluftbühne. Die Kälte dringt weit in den Zuschauerraum ein. Wir wurden vorgewarnt und sind deshalb in einen Pullover, zwei Strickjacken und einen Wintermantel eingehüllt. An den Eingängen werden Vliesdecken ausgegeben – wir nehmen gerne eine, um sie um die Beine zu schlingen – in leuchtendem Rot. (Eventuelle Souvenirsammler haben da nach Vorstellungsende “schlechte Karten”.)

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Jesus (Frederik Mayet) und die jüdischen religiösen Hierarchen (Bildnachweis: Passionsspiele Oberammergau; Foto: © Arno Declair)

Die alle zehn Jahre stattfindenden, heute 41. Passionsspiele gehen auf ein Pestgelübde der Oberammergauer aus dem Jahr 1633 zurück. Jeder der rund 2400 Mitwirkenden – 21 Haupt- und rund 120 Nebenrollen, über 60 Choristen und Gesangssolisten, 55 Instrumentalisten des Orchesters sowie eine Vielzahl von Statisten – muss entweder in Oberammergau geboren sein oder dort seit mindestens 20 Jahren leben. Der Text des Spiels geht auf den Pfarrer Joseph Alois Daisenberger (1799 bis 1883) zurück, die Musik auf  den Komponisten Rochus Dedler (1777 bis 1822). Bis Anfang Oktober 2010 stehen 102 Aufführungen auf dem Programm.

Es ist das “Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus”. Menschen aus allen Erdteilen kommen, um es zu sehen, zu erleben. Es ist ein Mysterienspiel in dramatischer und zugleich meditativer Form: Seit 1750, der Passio nova des Benediktiners und Dramatikers Ferdinand Rosner (1709 bis 1778), ergänzen “Tableaux vivants – Lebende Bilder” mit von Personen als Stillleben gestellten Szenen aus dem Alten Testament das Spielgeschehen, heuer sind es 13 an der Zahl. Als von Musik untermalte meditative Elemente unterbrechen sie den dramatischen Handlungsablauf und verschmelzen in ihrer heutigen Aufbereitung – wie die Spielleiter Christian Stückl und Otto Huber betonen – die Tradition des katholischen Passionsschauspiels und des protestantischen Passionsoratoriums, “das das Geschehen auf eine innere, seelische Bühne hebt und bei Johann Sebastian Bach einen Höhepunkt erlebt”. In ähnlicher Weise möchte die Spielleitung mit der Einbettung der Tableaux vivants in das neutestamentliche Geschehen “in den Vergleichen und Analogien der Glaubenserfahrungen eine Brücke zwischen Judentum und Christentum sehen”.

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Ränkespiel von Politik und Macht: Kaiphas und Pilatus (Bildnachweis: Passionsspiele Oberammergau; Foto: © Arno Declair)

Wer von den Oberammergauer Passionsspielen lediglich ein Laienspektakel erwarten wollte, ginge gänzlich fehl. Inszenierung und Aufführung muten keinesfalls semi-, sondern hochprofessionell an. Seit fünf Jahren bereiteten sich die Oberammergauer auf die diesjährigen Spiele vor – nicht nur im Wachsen der Bärte und Haare (der traditionelle “Haar- und Barterlass” trat erst am Aschermittwoch 2009 in Kraft). Die intensive Probenarbeit begann im November 2009. Fast alle Protagonisten haben – oft in langer Familientradition – Theaterblut in den Adern und wirkten bereits bei früheren Passionsspielen mit. Die 21 Hauptrollen sind gleichberechtigt-doppelt besetzt, die Premierenbesetzung wird durch das Los entschieden.

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Jesus, mit Purpurmantel und Dornenkrone, und Pilatus, umgeben von Volk, jüdischem Klerus und Militär (Bildnachweis: Passionsspiele Oberammergau; Foto: © Arno Declair)

Dieses Spiel nimmt den Zuschauer unmittelbar in das Geschehen auf der Bühne hinein. Alles wird sinnlich erlebbar. Erschütternd – jedoch auch erschreckend – dessen Aktualität, ja Parallelität in der Welt von heute: die Begeisterungs- und Überzeugungskraft der in der Bergpredigt verkörperten neuen wie radikalen Lehre des Jesus inmitten der Schar seiner Jünger, der – nähme man sie denn wirklich beim Wort – der Charakter einer kommunistischen Utopie innewohnt; der selbstgefällig-eitle, im Althergebrachten verharrende Mummenschanz des Jesus-feindlichen Klerus, dessen hohler Herrschaftsanspruch sich in geradezu lächerlicher Weise im wilden Bunt der Gewänder und turmartigen Kopfbedeckungen (an den Turmbau zu Babel erinnernd!) manifestiert; der opportunistische, feige-verschlagene Polit-Zynismus im Zusammenspiel der Machthaber – des Hohen Priesters Kaiphas und des Römischen Kaisers Statthalter Pilatus, wenn es um Ruhe und Ordnung und Machterhalt geht, denn der eine wäre nichts ohne den anderen; der den Tempel und das gesamte religiöse wie gesellschaftliche Leben durchdringende Kommerz in Gestalt der Händler und Geldwechsler, die Jesus aus der Stätte der Besinnung und des Heiligen verjagt; das – oh ja, es bleibt uns nicht erspart zu sagen – das “einfache” Volk, unalphabetisiert, verarmt, wankelmütig und aufwiegelbar heute in seinem “Hosianna” und morgen in seinem “Kreuzige ihn”.

Nicht zu vergessen: Judas’ Schuld, die ihn, der an Vergebung und Erlösung zweifelt, in den Freitod führt; der Verrat des Petrus, der im “bitterlichen” Weinen hingegen die Kraft gewinnt, auf Vergebung zu vertrauen; und die Abendmahlsszene mit der siebenarmigen Menora auf dem Tisch (!) – eine Herausforderung nicht nur an eine in tiefer Krise verharrende katholische Kirche, an eine erbärmlich versagende Ökumene!

Wir fliegen heute in Flugzeugen, bauen Atombomben und Weltraumstationen, telefonieren mit dem Handy in Sekundenschnelle um die ganze Welt – und doch erscheint die Menschheit im Eigentlichen so armselig und bedürftig wie vor 2000 Jahren.

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(Bildnachweis: Passionsspiele Oberammergau; Foto: © Arno Declair)

Passionsspiele 2010 Oberammergau – sie haben uns mit den hervorragenden Leistungen ihrer Mitwirkenden bewegt und fasziniert. Sie seien Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, durchaus ans Herz gelegt. Kommen Sie im Sommer, auch dann erhalten Sie für die Abendstunden die wärmende signalrote Vliesdecke. Apropos Souvenir: Die Decke können Sie überall in Oberammergau für ein paar Euro als Mitbringsel erwerben.