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Archive for April, 2010

Fotografie aus Leipzig in den Opelvillen

Dienstag, 27. April 2010

“Mit Abstand ganz nah – Fotografie aus Leipzig” – so heisst die aktuelle Ausstellung in den Rüsselsheimer Opelvillen. Rund 140 Exponate von 25 Fotokünstlerinnen und -künstlern, allesamt Absolventen der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst HGB in Leipzig, zusammengestellt aus der Sammlung Fotografie des Kunstmuseums Dieselkraftwerk Cottbus sowie aus Leihgaben von Künstlern und Galerien in Leipzig und Berlin, vermitteln einen einzigartigen Einblick in deren künstlerisch-fotografisches Schaffen vor und nach der “Wende”.

Die Ausstellung verdeutliche, so die Intention der Opelvillen, “inwieweit die Leipziger HGB in den 1980er Jahren jene Fotografengeneration prägte, welche die Dominanz des agitatorischen Bildjournalismus unterminierte und eigene Handschriften entwickelte. Im Fokus stehen seitdem die kritische, soziologisch-empirische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, der Blick auf die Menschen und ihre sozialen Zwänge. Die kritische Distanz zur gesellschaftlichen Wirklichkeit als Bestandteil der Leipziger Fotografie wird bis heute deutlich. Dabei verschieben sich die Perspektiven von privaten alltäglichen auch auf öffentliche und globale Zusammenhänge”.

Eine Auswahl von sieben künstlerisch-fotografischen Positionen möge zu einem Besuch dieser ausserordentlich sehenswerten, bis zum 16. Mai 2010 laufenden Ausstellung einladen – einem “Muss” für jeden Liebhaber der Fotokunst.

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Christian Borchert, Fernsehapparat, Berlin 1979

Christian Borchert, 1942 in Dresden geboren und 2000 in Berlin verstorben, absolvierte an der HGB von 1971 bis 1974 ein Fernstudium der Fotografie. Nach Tätigkeit als Fotoreporter hielt er in freier Fotografie und individueller Sicht Alltagssituationen aus dem Leben in der DDR fest. In seiner Arbeit “Fernsehapparat” zeigt er einerseits  – wohl nicht ohne Stolz – “Errungenschaften” wie das moderne technische Kommunikationsgerät, interessant  in der Kombination mit dem berühmten DDR-”Sandmännchen”. Andererseits vermitteln das Segelschiff oder der gesenkte Blick des Protagonisten auf dem Bildschirm Sehnsucht nach Ferne und Freiheit wie auch zugleich Resignation in einem geschlossenen System.

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Bertram Kober, Privatwohnung, Erfurt, 1983, Aus: Kulpoche, 1983-1995; © Bertram Kober

Ostdeutschen Interieurs wendet sich auch der 1961 in Leipzig gebore Bertram Kober zu, ebenfalls Absolvent der Leipziger HGB. Er studierte von 1981 bis 1987 Fotografie. Kober lebt und arbeitet in Berlin und Leipzig. Die Abbildung zeigt eine kleinbürgerliche, ebenso heimelige wie muffige  Szenerie mit zwei gleich aussehenden Strickwesten und Reminiszenzen an die Zeit der “Nierentische”. Makaber und doch ein Symbol für erzwungene persönliche Immobilität: Krücken und Gehstock an der Garderobe, zugleich Sinnbild für den Zustand des Staates DDR. Im Spiegel-”Bild” auch hier eine Sehnsucht nach Aufbruch, nach Ferne?

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Erasmus Schröter, Komparsen, Frau 23 , 2001, © Erasmus Schröter, courtesy galerieKleindienst, Leipzig

Erasmus Schröter, 1956 in Leipzig geboren, studierte an der HGB in den Jahren 1977 bis 1982 und verliess 1985 die DDR. Der Künstler lebt und arbeitet heute wieder in Leipzig. Schröter beschäftigt sich vielfach mit Kontraste fördernder Infrarottechnik und Einzelfiguren in nächtlich-surreal erscheinender Umgebung. In “Frau 23″ stellt er eine Komparsin dar, die nach eigenen Vorstellungen sich kleiden und posieren konnte. Ihre Erscheinung steht in auffallendem Widerspruch zum renovierungsbedürftigen Gebäude auf verunkrautetem Grundstück – Widerspruch zugleich zwischen Individuum und einer untergegangenen verkrusteten Gesellschaftsform.

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Albrecht Tübke, Aus der Serie: Dalliendorf, 1996, © Albrecht Tübke

Der 1971 in Leipzig geborene Albrecht Tübke, Sohn des bekannten Malers Werner Tübke, studierte von 1991 bis 1997 Fotografie an der HGB. Er lebt und arbeitet in Ligurien. 1996 kehrte er in den kleinen mecklenburgischen Ort Dalliendorf zurück, in dem er zehn Jahre gelebt hatte, und fotografierte dort in frontalem Vis-à-vis Menschen, mit denen der HGB-Meisterschüler einst aufwuchs.

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Göran Gnaudschun o.T., Aus der Serie Reif , 2001/2003, © Göran Gnaudschun

Göran Gnaudschun, 1971 in Potsdam geboren, wo er auch heute lebt und arbeitet, studierte von 1994 bis 2003 Fotografie und Bildende Kunst an der HGB. In grossformatigen Porträtstudien zeigt er Gesichter Jugendlicher an der Schwelle zur Pubertät. Unsicher, ja hilfebedürftig der Blick des jungen Mädchens in eine ungewisse Zukunft, trotz – oder vielleicht gerade – angesichts der “Wende” und der mit ihr verbundenen Umbrüche.

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Werner Mahler, Aus der Serie : Leute aus Berka , 1978, © Werner Mahler

Werner Mahler wurde 1950 im sachsen-anhaltinischen Boßdorf geboren. Er  studierte Fotografie an der HGB in den Jahren 1973 bis 1978. Heute lebt und arbeitet er in Lehnitz bei Berlin. 1977 porträtierte er im Rahmen seiner Diplomarbeit Bewohner des Dorfes Berka in Thüringen. In einem kärglichen Interieur zeigt er hier zwei Personen, die sich – wenngleich in einer Art still-verzweifelter Verbundenheit – nicht mehr viel zu sagen haben. Symbol für Sprachlosigkeit, Auseinanderleben und Trennung – auch der beiden deutschen Staaten?

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Jens Rötzsch, Leipzig, August 1987 , Aus der Serie Protokoll-Strecken; © Jens Rötzsch

Der 1959 in Leipzig geborene Jens Rötzsch studierte von 1981 bis 1986 an der HGB Fotografie. 1987 bis 1989 schloss er ein Zusatzstudium Fotografie und Video an der Hochschule für angewandte Kunst und Design in Budapest an. Rötzsch lebt und arbeitet in Berlin. Er befasst sich unter anderem mit grossen, für die DDR typischen Veranstaltungen, Aufmärschen und Festen von oft agitatorischem Charakter, die er in seinen expressiv inszenierten Bildern als ausgehöhlte Rituale entlarvt.

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Opelvillen in Rüsselsheim; Foto: Frank Möllenberg

Die in Rüsselsheim exponiert am Mainufer gelegenen Opelvillen, getragen von der Stiftung Opelvillen, stellen seit langem ein bedeutendes Zentrum zur Präsentation von Gegenwartskunst dar. Begleitet werden die Ausstellungen durch Führungen, Vorträge und Veranstaltungen, wobei die Vermittlungsarbeit der Opelvillen auch Kinder und Jugendliche erfasst.

Die Opelvillen wurden 1915  für den damaligen Direktor der Opelwerke Wilhelm Wenske errichtet und 1931 von Friedrich Opel, dem  Sohn des Firmengründers Adam Opel, um ein zweites Gebäude erweitert. 1955 erwarb die Stadt Rüsselsheim die Liegenschaft, die sie nach einigen Umbauten und auf der Grundlage einer gemeinsam mit der Adam Opel AG errichteten Stiftung der Förderung der Kunst und der Pflege und Erhaltung von Kulturwerten zur Verfügung stellte.


KUNST / 51

Montag, 26. April 2010

Der Fehler fängt schon an, wenn sich einer anschickt, Leinwand und Keilrahmen zu kaufen.

Joseph Beuys (1921 bis 1986)

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(Foto: Rainer Rappmann, wikimedia commons GFDL)

Jeroen de Rijke / Willem de Rooij im MMK Frankfurt

Donnerstag, 22. April 2010

Zugegeben: Vanitas- beziehungsweise Memento mori- Darstellungen entfalten einen ganz spezifischen Reiz. Wir können ihm, auch ohne der Melancholie zu frönen, da und dort durchaus erliegen. Die aktuell im Frankfurter Museum für Moderne Kunst MMK im Rahmen der Ausstellung “Radical Conceptual” gezeigte Arbeit des Künstlerpaars Jeroen de Rijke und Willem de Rooij – Jeroen verstarb 2006 allzu früh im Alter von nur 36 Jahren – “hat so etwas”.

Hier das blühend-farbige, duftende Leben, dort der Tod im schwarzweissen Stillstand. Dazwischen der Prozess des Welkens. Jeweils eine Woche etwa nimmt er in Anspruch.

Aber wovon sprechen wir, werden Sie fragen? Fangen wir also an zu erzählen, was wir sehen. Und wir erlauben uns dabei, etwas von dem abzuweichen, was uns die stets ausgezeichneten gedruckten Handreichungen des MMK fürsorglich mit auf den Rezipientenweg geben wollen. Zu allererst wollen wir ihn in umgekehrter Richtung beschreiten.

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Blumenstrauss am 14. April 2010

Da steht in einem der grösseren Säle, in einer weissen Keramikvase auf einem ebenfalls weissen Podest, ein Blumenstrauss, in seiner Pracht könnte er es mit einem opulenten Geschenk unter Liebenden, gar einem Hochzeitsstrauss aufnehmen. Wöchentlich wird er seither und in den kommenden Monaten gegen einen aus frischen Blumen zusammengestellten neuen ausgetauscht. Das ist eine Vorgabe der Künstler. Diese haben ebenso Art und Anzahl der Blumen wie auch die Form des gebundenen Strausses festgelegt.

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Blumenstrauss am 18. Februar 2010, dem Tag der Ausstellungseröffnung

Seit dem Eröffnungstag hat sich der Strauss bereits vielfältig verändert. Natürlich handelt es sich materiell nicht mehr um “den” Strauss des Eröffnungstags, sondern um einen vollständig neuen. Auch wir Betrachter haben bekanntlich seit jenem 18. Februar 2010 Millionen unserer Körperzellen ausgetauscht, will sagen erneuert, und auch wir sind – streng physikalisch gesehen – längst nicht mehr dieselben wie damals, als wir vor dem Bouquet standen. Wir aber möchten bei unseren Betrachtungen dennoch bei “uns” und bei “dem” Strauss bleiben.

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Nicht in direktem räumlichen Zusammenhang – wir müssen, wenn wir den hochzeitlich anmutenden Strauss verlassen, unsere Schritte nach rechts um die Ecke, an der Wand des grossen Ausstellungssaals entlang lenken – treffen wir erneut einen Blumenstrauss an, es ist ein so sehr ähnlicher und doch ein gänzlich anderer.

Der Kontrast könnte grösser nicht sein: Eine Schwarzweiss-Fotografie, ein Meisterwerk in ihren vielfältigen Graustufungen, jedoch gleichsam eingesperrt hinter Glas in einem kalt anmutenden Rahmen aus Aluminium. Nicht mehr zugänglich, dieser Strauss, unerreichbar fern. Begegnen wir dem Tod, seinem Abbild?

Die Fotografie erzeuge ein Bild, schreibt Roland Barthes, “das den Tod hervorbringt, indem es das Leben aufbewahren will”. Der im fotografischen Abbild festgehaltene Augenblick bilde, da er immer nur im Nachhinein betrachtet werden könne, stets das Vergangene, mithin den Tod ab.

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Zwischen der realen, lebendigen Blumenpracht, die wir umschreiten, deren Wohlgeruch wir sinnlich wahrnehmen können, und dem Anblick des erstarrten schwarzweissen Abbildes erfahren wir die Zeit des Welkens. Wie ohnehin der Schnittblume, abgetrennt vom nährenden Wurzelwerk, ein frühzeitiger Tod immanent ist.  Und den Weg vom farbigen Bouquet zum eingefrorenen Schwarzweissbild legen wir vor der Spiegelwand des Ballettsaals unseres Lebens zurück. Hilft es uns da, dem Tanz zu folgen, zu dem uns aufgespielt wird?

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Jeroen de Rijke, 1970 im niederländischen Brouwershaven geboren, verstarb unerwartet im März 2006 während eines Aufenthalts in Ghana. Mit dem 1969 in Beverweijk geborenen Städelschul-Professor Willem de Rooij schuf er in den Jahren der Zusammenarbeit ab 1994 ein vielbeachtetes Œuvre mit 35- und 16-Millimeter-Filmen, Fotografien, Objekten, Installationen und Drucken.

Abbildungen: © Jeroen de Rijke / Willem de Rooij, BOUQUET IV, 2005, Schwarzweiss-Fotografie in Aluminiumrahmen, Keramikvase, Blumenstrauss; Fotos: FeuilletonFrankfurt


Jahr der Stille 2010: April

Dienstag, 20. April 2010

Kaum jemand hätte es für möglich gehalten. Das Unvorstellbare ist Realität. Für ein paar Tage zumindest. Eyjafjallajökull hat es, wenn auch zunächst selbst tosend, brodelnd und brüllend, erreicht: Stille.

Stille über Rhein-Main. Stille überall, wo Fluglärm in einer durchökonomisierten, globalisierten Gesellschaft zum Alltag gehört. Solche Stille hat etwas Bedrohliches für eben jene Welt, könnte sie doch, bei längerem Anhalten, gar bewirken, was Banken- und Finanzkrise unlängst nicht geschafft haben.

Die plötzliche Stille am Himmel lässt aber auch auf besondere Weise aufhorchen: Sie macht uns bewusst, wie leichtfertig wir im Alltagsleben mit diesem kostbaren Gut – der Stille – umgehen. “Man hört auf einmal die Kirchenglocken” titelt heute die Rhein-Main-Hessen-Ausgabe der FAZ. Darunter ein Foto: Menschen sitzen, beglückt von der “himmlischen” Ruhe, im Garten. Eyjafjallajökull gibt dem Jahr der Stille 2010 einen besonderen Akzent.

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Flughafen Frankfurt Rhein-Main (Foto: Gerd A.T. Müller, wikimedia commons GFDL)

Das “Jahr der Stille 2010″ lädt dazu ein, Stille begleitend in den Jahreslauf zu integrieren. Es will Aufmerksamkeit schaffen für einen Wert, dessen Wichtigkeit wir alle betonen – dessen konkrete Praxis wir aber oft vernachlässigen. Getragen wird das “Jahr der Stille 2010″ von über fünfzig Partnern – christlichen Bewegungen, Kirchen, Verbänden, Verlagen, Organisationen und Werken unterschiedlicher konfessioneller Prägung, die das Anliegen eint, das Thema Stille bewusst in ihre Aktivitäten einfliessen zu lassen.

FeuilletonFrankfurt wird das “Jahr der Stille” mit einem Beitrag zur Mitte eines jeden Monats begleiten.

Der Künstler lebt und arbeitet in Bethang: Karsten Neumann

Samstag, 17. April 2010

Viele, wenn nicht die meisten von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, waren schon in  Bethang oder sind zumindest durch Bethang gefahren. Wie bitte, sagen Sie, Bethang? Kennen wir nicht. Doch, kennen Sie bestimmt, vermutlich aber unter anderen Namen:

Bethang ist eine Stadtutopie des Aktionskünstlers Karsten Neumann. Bethang – vom Künstler gern auch Бethang geschrieben – besteht aus dem fiktiven Zusammenschluss der drei benachbarten Städte NürnBErg, FürTH und ErlANGen. Im Grunde ganz einfach, oder? Hätten wir doch gleich darauf kommen können!

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autobahn münchen-bethang, limitierter digitaldruck, 2008

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bethang west, strassenschild, limitierter digitaldruck, 2008

Aus- und Ein-, Zu- und Abfahrt von und nach Bethang – alles scheint bestens organisiert, will heissen bethangisiert. Verirren kann man sich also nicht.

Oder etwa doch?

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hauptbahnhof münchen, limitierter digitaldruck, 2008

Bethang – ein Fall von Konzeptkunst. Bethang sei antifaschistisch, sagt der Künstler, und setze der Globalisierung des Kapitals das Patchwork der Kulturen entgegen. Zweifellos spielt er damit auch auf die Geschichte Nürnbergs, heute “Stadt der Menschenrechte”, an: Nürnberg als ehemalige Stadt der NS-Reichsparteitage, der menschenverachtenden “Nürnberger” Rassengesetze. Bethang sei, so Neumann weiter, prozessorientiert, die Dinge dürften sich dort verändern und entwickeln. Und: Neumann gab Bethang – fast möchte man sagen folgerichtig – eine eigene, neue Zeitrechnung. Sie beginnt mit der Kapitulation des faschistischen Deutschland am 8. Mai 1945 (daher wurde der Künstler im Jahr 18 geboren).

Der Lustgewinn, den eine derartige Stadtutopie zu erzeugen vermag, hielt sich bei den Oberbürgermeistern der drei Städte – nach althergebrachtem Verständnis durchaus nachvollziehbar – in sehr überschaubarem Rahmen: Alle drei verwehrten sich, für den Katalog “Bethang” ein Grusswort zu schreiben.

In seinem berühmten Werk “Die Unwirtlichkeit unserer Städte: Anstiftung zum Unfrieden” formulierte Alexander Mitscherlich seine Kritik an der Zerstörung gewachsener Strukturen in der nachkriegszeitlichen Stadtentwicklung, die in der Tat nur auf der Grundlage bestimmter gesellschaftspolitischer Prozesse stattfinden konnte und unter deren Folgen die meisten Städte auch heute noch leiden.

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kaiserburg in bethang – schöner gruss aus bethang, postkarte 2008/2010

Vermeintlich “reale” Stadtutopien gab es vielfach, und sie scheiterten zumeist: Prominentes Beispiel ist die einstmalige hessische “Kunst”-Stadt Lahn, Anfang 1977 aus den traditionsreichen Städten Gießen (Justus von Liebig!) und Wetzlar (Reichskammergericht und Johann Wolfgang Goethe!) gebildet. Die Mesalliance hielt nur  zweieinhalb Jahre. Was bewirkte die Umbenennung von St. Peter(s)burg in Leningrad und deren Rückverwandlung, was ein ähnlicher Unfug mit der Umbenennung von Chemnitz in Karl-Marx-Stadt und deren Rücknahme? Und im grossen geschichtlichen Rahmen wurde aus Byzanz erst Konstantinopel und schliesslich Istanbul. Diese Vorgänge stehen – zumindest auch – für gesellschaftspolitische Veränderungen, Umstürze und Utopien.

Nun, von einem Scheitern sind Karsten Neumanns künstlerische Aktionen weit entfernt. Auch würde man Neumann gründlich missverstehen, wenn man seine Arbeit etwa mit einem Streben nach kommunaler Neuordnung oder Gebietsreformen in einen Zusammenhang brächte. Vielmehr geht es ihm darum, Möglichkeiten einer “alternativen Gesellschaft, in der ein anderes Miteinander praktiziert wird”, aufzuzeigen. Verständigung zwischen unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Weltanschauungen ist ihm ein Anliegen. Wir verstehen Neumanns Stadtutopie als eine Metapher für eine gesellschaftliche Utopie. Bethang ist insofern überall und nirgenwo. Mit seiner Stadtutopie knüpft Neumann zweifellos auch an Joseph Beuys “Soziale Plastik” an.

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ortsausgang bubenreuth, limitierter digitaldruck, 2009

Dennoch: Neumanns Kunstwerke sind zwar auch von utopischem Wesen, aber gleichwohl gegenständlich-real: anschaubar, erlebbar und – für jeden Künstler wichtig – erwerbbar.

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diverse leuchtobjekte, handgemacht in bethang 2007/2008

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“schnapsglasset” – handgemacht in bethang, 2005

Neumann arbeitet gern mit dem Objet trouvé, dem Ready-made: Leere Kanister oder verlorene Radkappen von Automobilen (er selbst ist überzeugter Fahrradfahrer), die er aufsammelt, verwandelt er zu skulpturalen Objekten, im Falle der Radkappen zu “Gemälden”.

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[drei] gemälde aus bethang, 2008/2009

“Radkappengemälde” sind Gegenstand auch seiner neuesten Ausstellung. Statt Farben aufzutragen montiert er farbige Kunststoffteile auf den Radkappen. Diese “Gemälde” erwecken den Eindruck, als seien sie Mandalas, Meditationsbilder des tibetischen Buddhismus, dem sich Neumann verbunden fühlt.

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Karsten Neumann in Aktion: dokumentationsfoto der performance “europäische stadt”, leipzig

Karsten Neumann, im Jahr 18 (= 1963) in Würzburg geboren, studierte von 38 bis 43 (= 1983 bis 1988) sowie 45 und 46 (= 1991 und 1992) an der Akademie der bildenden Künste in Nürnberg bei den Professoren Ludwig Scharl und Georg Karl Pfahler.

Einige nach dem Zeugnis des Künstlers bemerkenswerte Stationen in seinem Werdegang: in den Jahren 36 Kriegsdienstverweigerung, 38 Zertrümmerung der “Konfirmationsstereokompaktanlage”, 43 Antritt des Zivildienstes in einem Altenheim, 46 Austritt aus der Kirche, 50 erste Meditationsübungen, 54 Ende des Tabakrauchens, 60 erste redaktionelle Erwähnung von Bethang in einer Tageszeitung.

Neumann erhielt mehrfach eine Atelierförderung der Stadt Nürnberg und ein Bayerisches Stipendium zur Atelierförderung. Weiter sind hier zu nennen das Pilotprojekt “Gropiusstadt Berlin” sowie das Projekt “espacio de bethang” in Leipzig. Die Zahl seiner Gruppen- und Einzelausstellungen, Aktionen und Performances ist kaum mehr überschaubar. Arbeiten Neumanns befinden sich in öffentlichen Sammlungen in Bamberg, Erlangen, Nürnberg und Recklinghausen. Der Künstler lebt und arbeitet in Bethang.

Am morgigen Sonntag, den 18. April 2010, wird in Bethang (und dort im Stadtteil Nürnberg) wie erwähnt Neumanns neueste Ausstellung “apartment – eine exposición mit gemälden aus bethang von karsten neumann” eröffnet. Besucher werden dort sicherlich auch die “Bethangske” antreffen: die Rostbratwurst aus Bethang, aus reinem Kalbfleisch, verzehrbar für Christen, Muslims und Mitglieder jüdischer Gemeinden.

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Einladung zur Ausstellung: apartment – eine exposición mit gemälden aus bethang von karsten neumann in bethang (nürnberg)

(Bildnachweis und Fotos: © Karsten Neumann)