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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for März, 2010

Liebe im Frankfurter Museum für Moderne Kunst

Dienstag, 16. März 2010

Ja, Sie haben richtig gelesen, im Frankfurter MMK wird Liebe gepflegt. Und zwar innerhalb der Reihe “Double” oder kurz gesagt im “Double”, Sie kennen den Raum links der Haupthalle, in dem für gewöhnlich Gregor Schneiders “N. Schmidt” hingemordet im Hausflur liegt.

Auch wenn sich dann einige Leserinnen und Leser enttäuscht abwenden sollten, so müssen wir herausrücken, um was für eine Liebe es sich handelt: Da gab es einen amerikanischen Biologen namens Luther Burbank, er lebte von 1849 bis 1926. Ein Mensch voller Liebe, wie Sie jetzt sehen werden: Mittels Liebe nämlich und intensiver Pflege hatte er versucht, Kakteen dazu zu bewegen, innerhalb mehrerer Generationen ihre Stacheln abzuwerfen. Ob ihm das gelungen ist, bleibt im Dunklen. Aber die englische Sprache hat in Würdigung seiner Verdienste immerhin das Verb “to burbank” entwickelt für das biologische “kreuzen” oder “veredeln” von Pflanzen.

Nun, der im “Double” ausgestellte Kaktus hat seine Stacheln behalten (zum einen erscheint dies für die Feindesabwehr höchst praktisch und zum anderen wissen wir ja aus dem Biologieunterricht, dass die Stacheln des Kaktus in Wahrheit seine Blätter sind, die man ihm nicht rauben darf).

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Wir sehen ein aussergewöhnliches Werk des Künstlerpaares Marina Abramovic/Ulay aus dem Jahr 1982 im Bremerhavener “Kabinett für aktuelle Kunst”, heute, fast dreissig Jahre später, in der MMK-Reihe “Double” nachgestellt. Die 1946 in Belgrad geborene Performance-Künstlerin Marina Abramovic arbeitete zwölf Jahre lang mit ihrem früheren Lebensgefährten Ulay zusammen – es handelt sich um den 1943 in Solingen geborenen Künstler Frank Uwe Laysiepen, der sich ebenfalls der Performance  verschrieben und eine entsprechende Professur an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe innehatte. Auch Marina Abramovic gab als Professorin in Paris und in Berlin sowie an den Hochschulen für Bildende Künste in Hamburg und Braunschweig ihr Wissen um die Kunst der Performance an den künstlerischen Nachwuchs weiter.

Ein von Stacheldraht umwickelter Kaktus steht in einem Ölfass. Pflanzen in alten Fässern und vergammelten Behältnissen trifft man öfters in der Welt an, schon im Süden Europas wäre dies nichts Ungewöhnliches. Abramovic/Ulay entdeckten dergleichen in Mexiko, wobei die Pflanzen tatsächlich mit Stacheldraht umgeben waren, zum eigenen Schutz und wohl auch gegen Diebstahl. Derartige Liebe zum Objekt steht in einem spannungsreichen Kontrast zum militärisch-bedrohlichen, Gefangenschaft und Eingesperrtsein und somit Gewalt verkörpernden Stacheldraht. Leben eingesperrt in aller Unwirtlichkeit der Welt, sogar im für Natur- und Lebensfeindlichkeit schlechthin stehenden Ölfass.

Ein Symbol für Beziehungen und Liebe auch unter den Menschen, in all ihrem Facettenreichtum. So kann Liebe in pathologisch anmutende Behütung, in Besitzdenken und Eifersucht, in Fesselung und Einsperren ausarten, ohne dass wir besonders spektakuläre Fälle wie das Schicksal der Natascha Kampusch zu bemühen brauchen. Stacheldraht und Goldener Käfig haben viel miteinander gemeinsam.

Ein Symbol vielleicht auch – wir können hier nur vorsichtig unseren Assoziationen Lauf lassen – für zwölf Jahre gemeinsames Arbeiten und Leben eines Künstlerpaares … ?

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Im von Gregor Schneider rekonstruierten “Kabinett für aktuelle Kunst” im Frankfurter MMK: Abramovic/Ulay, Installation, 1982; Fotos: Axel Schneider

Der Kaktus von Marina Abramovic/Ulay ist im “Double” in doppelter Weise “liebevoll” eingesperrt: in der Umwickelung durch den “schützenden” Stacheldraht und  museal “behütet” hinter der verschlossenen Eingangstür zu dem ansonsten vollkommen leeren Ausstellungsraum. Eine Arbeit von grosser Intensität und Sinnlichkeit und zugleich subtilem Schrecken.

Vier Filme mit Performances von Marina Abramovic/Ulay aus den 1970er Jahren werden am morgigen 17. März 2010, um 19 Uhr, im Vortragssaal des MMK zu sehen sein. Die Filme können sowohl als künstlerisches Medium wie auch als Dokumente ihrer Zusammenarbeit betrachtet werden und geben einen Einblick in das Hauptwerk des Künstlerpaares.


Jahr der Stille 2010: März

Montag, 15. März 2010

Der Winter

Wenn bleicher Schnee verschönert die Gefilde,
Und hoher Glanz auf weiter Ebne blinkt,
So reizt der Sommer fern, und milde
Naht sich der Frühling oft, indes die Stunde sinkt,

Die prächtige Erscheinung ist, die Luft ist feiner,
Der Wald ist hell, es geht der Menschen keiner
Auf Straßen, die zu sehr entlegen sind, die Stille machet
Erhabenheit, wie dennoch alles lachet.

Der Frühling scheint nicht mit der Blüten Schimmer
Dem Menschen so gefallend, aber Sterne
Sind an dem Himmel hell, man siehet gerne
Den Himmel fern, der ändert fast sich nimmer.

Die Ströme sind, wie Ebnen, die Gebilde
Sind, auch zerstreut, erscheinender, die Milde
Des Lebens dauert fort, der Städte Breite
Erscheint besonders gut auf ungemeßner Weite.

Friedrich Hölderlin (1770 bis 1843)

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Hölderlin-Denkmal im Bad Homburger Kurpark (Bildnachweis: Dontworry / adjusting and colour correction by Eva Kröcher; wikimedia commons cc)

Das “Jahr der Stille 2010″ lädt dazu ein, Stille begleitend in den Jahreslauf zu integrieren. Es will Aufmerksamkeit schaffen für einen Wert, dessen Wichtigkeit wir alle betonen – dessen konkrete Praxis wir aber oft vernachlässigen. Getragen wird das “Jahr der Stille 2010″ von über fünfzig Partnern – christlichen Bewegungen, Kirchen, Verbänden, Verlagen, Organisationen und Werken unterschiedlicher konfessioneller Prägung, die das Anliegen eint, das Thema Stille bewusst in ihre Aktivitäten einfliessen zu lassen.

FeuilletonFrankfurt wird das “Jahr der Stille” mit einem Beitrag zur Mitte eines jeden Monats begleiten.

Carlo Pizzichini “Bilder und Keramiken” in der Frankfurter Westend Galerie

Samstag, 13. März 2010

Kunstliebhaber in Frankfurt am Main kennen ihn bereits – als Freunde der Frankfurter Westend Galerie sowieso – den vielseitigen Künstler Carlo Pizzichini. Im Jahre 2005 stellte die Galerie im Haus der Deutsch-Italienischen Vereinigung in der Arndtstrasse Pizzichinis Arbeiten erstmals aus, übrigens als seinerzeit erste Einzelausstellung in Deutschland überhaupt.

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Macrocosmo, 2010, Mischtechnik auf Leinwand, 100 x 100 cm

Damals liess sich der Maler gleichsam von der Farbe führen, von einem “Aufstand der Farben” sprach er. Die derzeitige Ausstellung zeigt, wie sich der Künstler inzwischen weiterentwickelt hat.

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Storielle (Kleine Geschichte), 2010, Mischtechnik auf Leinwand, 40 x 50 cm

Carlo Pizzichini wurde 1962 in Monticiano (Siena) geboren. Sein früh verstorbener Vater Bruno Pizzichini, der selbst künstlerisch tätig war, führte ihn auf einen ebenfalls künstlerischen Weg und förderte seine Ausbildung. Nach einem erfolgreich abgeschlossenen Studium am Istituto d’Arte in Siena besuchte Carlo Pizzichini die Accademia di Belle Arti in Florenz und studierte dort Malerei bei Professor Roberto Giovannelli.

1985 führten ihn Studienreisen durch Nordeuropa, unter anderem auch nach Deutschland, und 1990 nach New York. Er erhielt Stipendien für ergänzende Studien in Ägypten, Bulgarien, Dänemark, Polen und Ungarn, die seine künstlerische Entwicklung förderten.

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Fra le due sponde .. un suffio (Zwischen zwei Ufern … ein Hauch), 2010, Mischtechnik auf Leinwand, 60 x 60 cm

Carlo Pizzichini malte zunächst figurativ. Nachdem er in Florenz Kontakt zu abstrakt arbeitenden Künstlern gefunden hatte, schlug er jedoch neue Wege ein. Er beschäftigt sich zunehmend mit Zeichen, die für ihn als chiffrierte Botschaften stehen und die er in den Mittelpunkt seiner Malerei stellt. Sie lesen sich in ihren rhythmischen, räumlichen und farbigen Kombinationen wie Partituren. Sie gleichen einer fliessenden malerischen Handschrift, in der er von der Wahrnehmung der äusseren und inneren Welt erzählt, in dramatischem wie auch narrativem Gestus.

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Frammento di storia (Fragment der Geschichte), 2010, Mischtechnik auf Leinwand, 100 x 120 cm

Pizzichinis Imagination gründet sich mehr auf psychologische Anspielungen und innere Strukturen als auf eine äusserliche Wahrnehmung der Natur. Bei allem eignen seinen Arbeiten durchaus lyrische Züge.

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Microcosmo, 2010, Mischtechnik auf Leinwand, 100 x 100 cm

Als Keramiker fertigt Pizzichini Vasen, Schalen und Teller sowie die für ihn charakteristischen Sfere. Neben Aufträgen für Wandgemälde in öffentlichen Einrichtungen und Privatgebäuden entwirft er auch Bühnenbilder und sogar Kostüme.

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Sfere (Kugeln), Keramik

Die Zahl der Ausstellungsbeteiligungen Carlo Pizzichinis mag kaum überschaubar sein. Einzelausstellungen hatte er (beschränkt auf das letzte Jahrzehnt) vor allem in Italien und in der Schweiz, unter anderem in Albissola, Arth am See, Brüssel, Como, Eglisau, Küssnacht, Lenzburg, Lenzerheide, Locarno, London, Mailand, New York, Olsztyn (Polen), Pienza, Siena, Stäfa, Triesen (Liechtenstein), Vaglio, Winterthur, Zollikon und Zürich.

Carlo Pizzichini lehrt an der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand sowie in Carrara. Der Künstler lebt und arbeitet im schweizerischen Küssnacht und in Siena.

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Migranti (Migranten), 2010, Mischtechnik auf Leinwand, 100 x 120 cm

Die sehenswerte Ausstellung der neuesten Arbeiten Pizzichinis in der Frankfurter Westend Galerie läuft noch bis zum 17. April 2010.

(abgebildete Arbeiten © Carlo Pizzichini; Fotos: FeuilletonFrankfurt)

Weisheiten / 57

Freitag, 12. März 2010

Durch Worte kann der Mensch den anderen selig machen oder zur Verzweiflung treiben.

Sigmund Freud (1856 bis 1939)

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Sigmund Freuds Sofa, Freud-Museum London (Foto: Konstantin Binder, wikimedia commons GFDL)

Wer hat Angst vorm Schwarzen Loch?

Donnerstag, 11. März 2010

Niemand mehr. Jedenfalls seit einigen Tagen. Wir können, liebe Leserinnen und Leser, alle beruhigt sein: Kein Schwarzes Loch wird uns fressen. Das haben wir jetzt höchstrichterlich.

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Schwarzes Loch (Bildnachweis: Urbane Legend [optimised for web use by Alain r], wikimedia commons GFDL)

Woher wir so sicher sein können? Na ja, seit einigen Tagen eben, seit der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 18.  Februar 2010 in der Öffentlichkeit bekannt wurde, eine bestimmte Verfassungsbeschwerde – weil ohne Aussicht auf Erfolg – nicht zur Entscheidung anzunehmen und auch einen entsprechenden Antrag auf einstweilige Anordnung abzulehnen.

Wogegen sich das Begehren denn nun richtete, werden Sie fragen? Nun, vereinfacht gesagt gegen eben jene Schwarzen Löcher, die uns alle aufzusaugen und zu winzigsten Materieklümpchen zu komprimieren drohen.

Diese Löcher sollen im Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider (LHC) der Europäischen Organisation für kernphysikalische Forschung CERN entstehen. Und die Beschwerdeführerin des Verfahrens befürchtet, sie könnten, gemäss einer in der kernphysikalischen Wissenschaft diskutierten Gravitationstheorie, bei Versuchen mit einer bislang in Laborexperimenten noch nicht erreichten Energiemenge unkontrolliert wachsen und alle Welt in sich verschlingen. Nichts Geringeres als der Untergang der Welt also,  die absolute Katastrophe, Apokalypse pur. Die Aussicht darauf verletze sie, so die Beschwerdeführerin, in ihren Grundrechten. Sie beschäftigte mit ihren Ängsten bereits das Verwaltungsgericht Köln und wiederholt das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen – vergebens.

Vergeblich nun also auch der Gang nach Karlsruhe. Die abgeklärten Verfassungsrichter hielten den Vortrag der Beschwerdeführerin nicht für ausreichend substantiiert. Auf eine detaillierte Auseinandersetzung mit den diversen kernphysikalischen Theorien liessen sie sich natürlich nicht ein.

Aber so ein klein wenig geraten wir doch in’s Grübeln … Was wäre denn, wenn nun die Schwarzen Löcher tatsächlich  …  Ja, was dann? Dann wäre, schreibt die Zeitung vor / hinter den klugen Köpfen, wohl nur noch das Jüngste Gericht zuständig.

Ja, so würde es wohl sein. Wären wir denn darauf vorbereitet?