Liebe im Frankfurter Museum für Moderne Kunst
Ja, Sie haben richtig gelesen, im Frankfurter MMK wird Liebe gepflegt. Und zwar innerhalb der Reihe “Double” oder kurz gesagt im “Double”, Sie kennen den Raum links der Haupthalle, in dem für gewöhnlich Gregor Schneiders “N. Schmidt” hingemordet im Hausflur liegt.
Auch wenn sich dann einige Leserinnen und Leser enttäuscht abwenden sollten, so müssen wir herausrücken, um was für eine Liebe es sich handelt: Da gab es einen amerikanischen Biologen namens Luther Burbank, er lebte von 1849 bis 1926. Ein Mensch voller Liebe, wie Sie jetzt sehen werden: Mittels Liebe nämlich und intensiver Pflege hatte er versucht, Kakteen dazu zu bewegen, innerhalb mehrerer Generationen ihre Stacheln abzuwerfen. Ob ihm das gelungen ist, bleibt im Dunklen. Aber die englische Sprache hat in Würdigung seiner Verdienste immerhin das Verb “to burbank” entwickelt für das biologische “kreuzen” oder “veredeln” von Pflanzen.
Nun, der im “Double” ausgestellte Kaktus hat seine Stacheln behalten (zum einen erscheint dies für die Feindesabwehr höchst praktisch und zum anderen wissen wir ja aus dem Biologieunterricht, dass die Stacheln des Kaktus in Wahrheit seine Blätter sind, die man ihm nicht rauben darf).

Wir sehen ein aussergewöhnliches Werk des Künstlerpaares Marina Abramovic/Ulay aus dem Jahr 1982 im Bremerhavener “Kabinett für aktuelle Kunst”, heute, fast dreissig Jahre später, in der MMK-Reihe “Double” nachgestellt. Die 1946 in Belgrad geborene Performance-Künstlerin Marina Abramovic arbeitete zwölf Jahre lang mit ihrem früheren Lebensgefährten Ulay zusammen – es handelt sich um den 1943 in Solingen geborenen Künstler Frank Uwe Laysiepen, der sich ebenfalls der Performance verschrieben und eine entsprechende Professur an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe innehatte. Auch Marina Abramovic gab als Professorin in Paris und in Berlin sowie an den Hochschulen für Bildende Künste in Hamburg und Braunschweig ihr Wissen um die Kunst der Performance an den künstlerischen Nachwuchs weiter.
Ein von Stacheldraht umwickelter Kaktus steht in einem Ölfass. Pflanzen in alten Fässern und vergammelten Behältnissen trifft man öfters in der Welt an, schon im Süden Europas wäre dies nichts Ungewöhnliches. Abramovic/Ulay entdeckten dergleichen in Mexiko, wobei die Pflanzen tatsächlich mit Stacheldraht umgeben waren, zum eigenen Schutz und wohl auch gegen Diebstahl. Derartige Liebe zum Objekt steht in einem spannungsreichen Kontrast zum militärisch-bedrohlichen, Gefangenschaft und Eingesperrtsein und somit Gewalt verkörpernden Stacheldraht. Leben eingesperrt in aller Unwirtlichkeit der Welt, sogar im für Natur- und Lebensfeindlichkeit schlechthin stehenden Ölfass.
Ein Symbol für Beziehungen und Liebe auch unter den Menschen, in all ihrem Facettenreichtum. So kann Liebe in pathologisch anmutende Behütung, in Besitzdenken und Eifersucht, in Fesselung und Einsperren ausarten, ohne dass wir besonders spektakuläre Fälle wie das Schicksal der Natascha Kampusch zu bemühen brauchen. Stacheldraht und Goldener Käfig haben viel miteinander gemeinsam.
Ein Symbol vielleicht auch – wir können hier nur vorsichtig unseren Assoziationen Lauf lassen – für zwölf Jahre gemeinsames Arbeiten und Leben eines Künstlerpaares … ?

Im von Gregor Schneider rekonstruierten “Kabinett für aktuelle Kunst” im Frankfurter MMK: Abramovic/Ulay, Installation, 1982; Fotos: Axel Schneider
Der Kaktus von Marina Abramovic/Ulay ist im “Double” in doppelter Weise “liebevoll” eingesperrt: in der Umwickelung durch den “schützenden” Stacheldraht und museal “behütet” hinter der verschlossenen Eingangstür zu dem ansonsten vollkommen leeren Ausstellungsraum. Eine Arbeit von grosser Intensität und Sinnlichkeit und zugleich subtilem Schrecken.
Vier Filme mit Performances von Marina Abramovic/Ulay aus den 1970er Jahren werden am morgigen 17. März 2010, um 19 Uhr, im Vortragssaal des MMK zu sehen sein. Die Filme können sowohl als künstlerisches Medium wie auch als Dokumente ihrer Zusammenarbeit betrachtet werden und geben einen Einblick in das Hauptwerk des Künstlerpaares.
