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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for Januar, 2010

Jahr der Stille 2010: Januar

Donnerstag, 14. Januar 2010

Ein Winterabend

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.

Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein.

Georg Trakl (1887 bis 1914)

Hoedhuette Johanneum w.c. cc-430--

(Bildnachweis: Johanneum wikimedia commons cc)

Das “Jahr der Stille 2010″ lädt dazu ein, Stille begleitend in den Jahreslauf zu integrieren. Es will Aufmerksamkeit schaffen für einen Wert, dessen Wichtigkeit wir alle betonen – dessen konkrete Praxis wir aber oft vernachlässigen. Getragen wird das “Jahr der Stille 2010″ von über fünfzig Partnern – christlichen Bewegungen, Kirchen, Verbänden, Verlagen, Organisationen und Werken unterschiedlicher konfessioneller Prägung, die das Anliegen eint, das Thema Stille bewusst in ihre Aktivitäten einfliessen zu lassen.

FeuilletonFrankfurt wird das “Jahr der Stille” mit einem Beitrag zur Mitte eines jeden Monats begleiten.


Im Baumarkt Förzke am Schmöllerdamm

Dienstag, 12. Januar 2010

Neues aus Stenkelfeld: Im Baumarkt Förzke am Schmöllerdamm

Reporter:
Vor circa 20 Minuten hat hier im Förzke-Baumarkt am Schmöllerdamm ein offenbar geistig verwirrter Kunde das Personal mit einer Axt bedroht und Teile der Ladeneinrichtung verwüstet. Im Moment sind hier die Aufräumungsarbeiten im Gange. Neben mir Marktleiter Hermann Förzke, Herr Förzke, wie hat sich das abgespielt?

Förzke:
Ja, der kam hier an dem Blech- und Eisentresen an und fragt mich nach einem Reduzierstück 149 auf 125 für’n Ofenrohr.

Reporter:
Oha.

Förzke:
Ich sag erst mal gar nix und warte ab, ob er da selber drauf kommt, was für’n Quatsch er da machen will, und da kriegt er schon diesen fahrigen Blick.

Reporter:
Und hat anschliessend Ihr Geschäft demoliert?

Förzke:
Nee, er rückt denn erst mal damit raus, dass er sich einen teuren Kaminofen aus dem Versandhaus bestellt hat und den jetzt nich anschließen kann, nich, weil dat Loch in der Wand zu kein ist oder dat Rohr zu dick oder wat weiss ich.

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(Foto: Ingo Anstötz /pixelio.de)

Reporter:
Tja.

Förzke:
Und ich frag ihn noch ganz höflich: Na, denn wollen Sie jetzt den Rauchabzug verengen, was? Ja, denn man zu und viel Spass mit’m Schornsteinfeger und da wollte er denn schon auf mich los.

Reporter:
Ja, aber wo war denn nun der ganz konkrete Anlass für den Amoklauf Ihres Kunden?

Förzke:
Ja, dat ist mir völlig rätselhaft. Ich hab dem sogar noch den Tipp gegeben, er soll da beigehen und zwei verzinkte Drehkrümmer durchschweissen, mit’m U-Profil anflanschen und denn könnte er ja einfach mit som halbzölligen Überwurf die Führung bündig vonner Abdeckmanschette löten, nich, aber nich dass er dann morgen bei mir angejammert kommt, weil er mit der ganzen aufgestemmten Durchführung innen Kaminquerschnitt gekommen ist und ihm der Schamottmörtel auf’n Teppich bröckelt, nee.

Reporter:
Ja, genau, man kann also sagen ein ganz normales Beratungsgespräch, wie es in Baumärkten Gang und Gebe ist.

Förzke:
Ja, genau! Ich hab ihn sogar noch darauf hingewiesen – was ich gar nicht müsste – dass die Russklappe dann hinter dem Krümmer falsch abkantet …

Reporter:
Oha, ja.

Förzke:
… es sei denn, er nimmt statt dessen ne 40ger Niro-Schelle in V2A und setzt die Passstifte vor den Lüftungsschnalze in eine Parallelnut, aber dafür braucht man natürlich ‘nen 18er Gussdeckel, und der wird nich mehr hergestellt. Und da hat er denn zur Axt gegriffen.

Reporter:
Und damit konnte natürlich niemand rechnen.

Förzke:
Und ich versuch den Mann noch zu beruhigen und sag ihm: Jetzt schmeiss den ganzen Vogel doch lieben auf’n Schrott, dat lohnt doch alles nich, und denn ging dat Theater los, nee. Dat sehen Sie hier ja, dat war ein Verrückter.

Reporter:
Mysteriöser Amoklauf im Förzke-Baumarkt und damit zurück ins Funkhaus.

(Nachweis: ndr2 /startrek-forum.doena-soft.de)

Der Teppich von Bayeux

Sonntag, 10. Januar 2010

Gestickte Kriegsgeschichte des 11. Jahrhunderts – Der Teppich von Bayeux

Text und Fotografien: © Renate Feyerbacher

Das Original ist im Frankfurter Archäologischen Museum nicht zu sehen. Denn das archäologisch-historische Welterbe aus dem 11. Jahrhundert darf aus konservatorischen Gründen nicht transportiert werden. Es grenzt überhaupt an ein Wunder, dass dieses textile Bilddenkmal des frühen Mittelalters, der “Teppich von Bayeux”, nach fast eintausend Jahren in einem so guten Zustand ist. Er befindet sich heute noch an dem Ort, für den er geschaffen wurde: im normannischen Bayeux – zwar nicht mehr im Dom, der 1077 eingeweiht wurde und für den er wahrscheinlich bestimmt war, sondern seit über 60 Jahren im Centre Guillaume le Conquérant hinter schützendem Glas.

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Wilhelm spricht seinen Truppen Mut zu, als Helden zu kämpfen

In der Ausstellung “Die letzten Wikinger” zeigt das Archäologischen Museum Frankfurt die vollständige Wiedergabe des Bildteppichs als Grossdiapositiv in halber natürlicher Grösse.

Das Original: Der ursprünglich über 70 Meter lange und zwischen 48 und 53 Zentimeter hohe Wandbehang erzählt in 58 Szenen englisch-normannische Geschichte zwischen 1064 und 1066, Kriegsgeschichte. Das Ende des Teppichs fehlt. Vermutlich würde die letzte Szene die Krönung des Normannenherzogs Wilhelm – des Eroberers – zum König von England zeigen.

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Offizielle Verhandlungen zwischen Wilhelm und Harold

Die Normannen, auch Wikinger genannt, Bewohner Skandinaviens, eroberten als Seeräuber und Kaufleute vom Ende des 8. bis Mitte des 11. Jahrhunderts Westeuropa. Dänische Wikinger überfielen England und drangen in die Normandie ein. 1066 versuchte der norwegische König Harald III. Hardrade, England zu erobern. Der englische König aus anglodänischem Haus Harald (Harold) II. Godwinson besiegte und tötete ihn. In dieser Schlacht fiel auch Tostig, sein Bruder, der auf Seiten der Norweger kämpfte. Nur drei Wochen später liess dieser Harald II. Godwinson in der berühmten Schlacht von Hastings im Jahre 1066 sein Leben. Sieger war der normannische Herzog Wilhelm, der spätere englische König, dessen Vorfahre auch ein Wikinger war. Alles nur Verwandtschaftskriege mit vielen familiären Toten.

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Eduard beauftragt Harold

Von Eduard, Wilhelm I. und Harold II. Godwinson erzählt die Bildergeschichte des Wandteppichs. Sie beginnt im Jahre 1064. Da schickt der englische König Eduard (Edward), der Bekenner, den Earl (Jarl) Harold, zu Herzog Wilhelm in die Normandie mit der Nachricht, dass er diesen zum Nachfolger auf dem englischen Thron bestimmt hat. Eduard war ein Cousin von Wilhelms Vater.

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Harold begibt sich zur Küste

Die Schiffe Harolds geraten in einen Sturm. Er wirft sie an feindliches Ufer. Der dortige Graf, Wilhelm abtrünnig, nimmt Harold gefangen. Die sich bauschenden Segel zeigen die stürmische Überfahrt.

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Der Wind wirft die Schiffe ans Land des Grafen Guy de Ponthieu

Herzog Wilhelm erwirkt durch Verhandlungen seiner Unterhändler mit dem Grafen von Ponthieu schliesslich Harolds Freilassung. Diesem verspricht Wilhelm nach dessen Ankunft sogar seine Tochter Aelfgyve zur Heirat. Diese Szene zeigt eine der drei einzigen, weiblichen Figuren des Teppichs.

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Aelfgyve, Tochter von Wilhelm, wird Harold zur Heirat versprochen

Es kommt zum Krieg zwischen dem normannischen Herzog Wilhelm und dem bretonischen Herzog Da Conan. Harold zieht mit Wilhelm in den Krieg. Das normannische Heer erobert die Stadt Dinan.

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Angriff auf Dinan

Der Treueid – ein Meineid

In die Normandie zurückgekehrt, schlägt Wilhelm seinen Mitstreiter Harold zum Ritter und dieser schwört auf den Reliquienschreinen von Bayeux den Treueid. Somit verpflichtet Wilhelm, seinen ärgsten Konkurrenten um den englischen Thron, seiner Treue. Diese Szene des Teppichs ist eine Schlüsselszene. Wilhelm thront breit und übergross mit seinem Schwert, das er wie ein Zepter hält. Mit der linken Hand gebietet er, Harold den Eid zu leisten.

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Auf zwei Reliquienschreinen leistet Harold Wilhelm seinen Eid

Der Engländer wendet sich dem Herzog zu und schwört mit beiden ausgestreckten Armen auf zwei Reliquienschreinen. Der für den Herzog sichtbare Schwur ist für die Eidablegung korrekt, aber mit der linken Hand täuscht er, sie sagt nichts aus. Harold leistet einen Meineid. Der linke Schrein wird von einem glatt herunter hängenden, grünen Brokat verziert, der rechte hat einen blutroten, unruhig flatternden Umhang – ein Hinweis auf Zukünftiges.

Anfang des Jahres 1066 stirbt Eduard, der übrigens auf dem Sterbebett dem Drängen der Edeln nachgegeben haben soll, Harold als seinen Nachfolger zu bestimmen.

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Der Leichnam Eduards wird zur Sankt Peterskirche getragen

Harold lässt sich zum König krönen. Aber der kurz danach erscheinende Halleysche Komet verkündet Unheil. Es ist die erste bildliche Darstellung dieses Gestirns. Als Wilhelm von der Krönung erfährt, gibt er den Auftrag zum Bau einer Flotte, um in England an Land zu gehen. Noch im gleichen Jahr stechen die Schiffe in See.

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Die Flotte sticht in See in Richtung England

Die folgenden zehn Szenen erzählen vom Landgang, davon, dass die Schiffe durch Pferde gezogen wurden. Ein Oberaufseher bewacht die Köche. Es wird Fleisch gebraten und Geflügel serviert. Beim Ehrenmal ist Wilhelm von seinem Halbbruder, dem Bischof Odon umgeben, von dem angenommen wird, dass er den Auftrag gab, den Teppich zu sticken. Er ist immer wieder in entscheidenden Bildern vertreten. Ein Lager wird gebaut, ein Haus niedergebrannt, das dem normannischen Heer im Wege steht, dann rüstet sich Wilhelm zum Kampf mit Harold. Die Normannen rücken in Schlachtordnung vor.

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Die Normannen rücken in Schlachtordnung vor

Harold wird in der entscheidenden Schlacht von einem Pfeil im Auge getroffen. Der letzte angelsächsische König stirbt. Wilhelm und seine Normannen siegen am 14. Oktober 1066 in der Schlacht bei Hastings über die Angelsachsen. Äusserst grausam muss diese Schlacht gewesen sein, die neun Stunden gedauert haben soll. Wilhelm wird zum König von England erhoben.

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14. Oktober 1066: Schlacht bei Hastings; der Sieg über die Angelsachsen macht Wilhelm zu “Wilhelm dem Eroberer”

Künstlerische Ausführung

1982 konnte die Rückseite des “Teppichs von Bayeux” näher untersucht werden. Es wurde gesehen, dass die Stickarbeiten mit Wollgarn in zehn Farben ausgeführt und auf neun Leinwandbahnen genäht wurden. Verschiedene Stichtypen wurden erkannt.

Vermutlich hat der Künstler zehn Jahre zur Herstellung des Teppichs gebraucht. Die direkten Kenntnisse von der Schlacht lassen vermuten, dass der Entwurf von einem Mann war. Er scheint das “Gospel Book of St. Augutine” in der Abtei von Canterbury gekannt zu haben. Seine Stilmittel lassen das vermuten. Ausgeführt wurde das Werk jedoch von mehreren Personen.

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Letzte Mahlzeit auf englischem Boden

Körpersprache und Handlung sind mit tiefem psychologischen Verständnis wiedergegeben, und der Zeichner weiss genau, was jede der einzelnen Personen ausdrücken soll – und sie tun es auch! “Man ist von der Würde einer Kirchenprozession zur Köpersprache des Theaters übergegangen, so dass man in den Bildern beinahe die Worte hören und die Antworten und Gedanken lesen kann”, so heisst es im Kapitel “Hand und Gestus auf dem Teppich von Bayeux” des Begleitbuches. Der Wandbehang ist zusätzlich mit lateinischen Texten versehen und wird an den Rändern von Ornamenten und Tierdarstellungen eingerahmt.

Faszinierend ist die Gestik der Hände. Die Finger sind feingliedrig. Gebietende, abwehrende, gestikulierende, aggressive Fingerzeige sind deutlich auszumachen. Es geht um Macht. Gebeugte Schultern zeigen die Stellung des Handelnden.

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Harold erstattet dem König Bericht über seine Botschaft in der Normandie

In dieser Szene tritt Harold nach seiner Rückkehr aus der Normandie vor Eduard, der gebieterisch mit seinem Zeigefinger auf ihn deutet, und Harold wirkt unterwürfig, demütig, verunsichert. Ist es die Haltung eines Verschwörers mit schlechtem Gewissen? “Der Künstler des Bayeux-Teppichs hat hier auf sehr subtile Weise einen Mann wiedergegeben, der sich noch für eine Handlung verantworten muss, die ihm nicht zur Ehre reicht,” interpretiert der Text im Katalog.

Die beiden Gruppen sind durch ihre Frisuren deutlich zu unterscheiden: Bei den Angelsachsen reicht das Haar bis unter die Ohren und bis in die Stirn. Die Normannen haben den Nacken rasiert. Auch in der Kleidung unterscheiden sich die Parteien. Ethnische und soziale Unterschiede werden deutlich. Zum Beispiel: die Gewänder der Mächtigen haben gestickte oder angewebte Borten.

Um alle diese Feinheiten des Teppichs zu sehen und zu erkennen, müsste man nach Bayeux reisen, um das Original zu sehen. Dennoch – auch die fotografische Reproduktion des “Teppichs von Bayeux” im Archäologischen Museum Frankfurt motiviert, sich mit diesem von der UNESCO anerkannten Weltkulturerbe auseinanderzusetzen. Dabei hilft auch das Begleitbuch “Die Letzten Wikinger: Der Teppich von Bayeux und die Archäologie” . Faszinierend und spannend ist die Beschäftigung mit der Geschichte der Wikinger, ihrem Schiffbau, ihrer Kultur, ihrem Jagdwesen und ihrem Kriegshandwerk. Das Museum bietet – noch bis zum 14. März 2010 – immer wieder spezielle Vorträge, Führungen und Kurse, auch für Kinder.

Archäologisches Museum Frankfurt, Karmelitergasse 1, 60311 Frankfurt am Main.

(Grossdiapositive © Archäologisches Museum Frankfurt/Bildrechte: Stadt Bayeux)


Elvis Presley 75

Freitag, 8. Januar 2010

Elvis_Presley_1970

* 8. Januar 1935 in Tupelo, Mississippi


Frankfurter Kunstverein: “Bilder vom Künstler” (4) – Manuela Kasemir

Donnerstag, 7. Januar 2010

“Bilder vom Künstler” – von den sieben Positionen zum Selbstverständnis des Künstlers und den Rollenbildern der Gesellschaft vom Künstler, die der Frankfurter Kunstverein noch bis zum 17. Januar 2010 zeigt, stellen wir heute fotografische Arbeiten von Manuela Kasemir vor.

Es sind die subtilsten, intimsten, “stillsten” der in dieser Ausstellung gezeigten Arbeiten, Bilder von berührender Poesie und – im wohlverstandenen Sinne – Schönheit. Sieben digital bearbeitete Fotografien umfasst die Serie mit dem Titel “Urd”. Der Name steht für “das Gewordene”, für die Norne der Vergangenheit aus der altnordischen Edda.

“Eine Esche weiss ich,
heisst Yggdrasil,
Den hohen Baum
netzt weisser Nebel;
Davon kommt der Tau,
der in die Täler fällt.
Immergrün steht er
über Urds Brunnen.

Davon kommen Frauen,
vielwissende,
Drei aus dem See
dort unterm Wipfel.
Urd heisst die eine,
die andre Verdandi:
Sie schnitten Stäbe;
Skuld hieß die dritte.
Sie legten Lose,
das Leben bestimmten sie
Den Geschlechtern der Menschen,
das Schicksal verkündend.”

(aus der Völuspá der Lieder-Edda des Codex Regius, Kopenhagener Königliche Bibliothek)

Zu Urd, weiss die Künstlerin, gehören Verdandi (das Werdende) und Skuld (das Werdensollende), die beiden anderen der drei Nornen; letztere stehen für Gegenwart und Zukunft. Und mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, der eigenen Existenz also, setzt sich Manuela Kasemir mit den ästhetischen Mitteln ihrer Kunst auseinander. Als Medium wählt sie hier die Schwarz/weiss-Fotografie.

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(Aus: Urd, 2008, Digital C-Prints, 33 x 46 cm, Courtesy the artist, Bild: © Manuela Kasemir; Foto: FeuilletonFrankfurt)

Eine junge Frau (die Künstlerin selbst nimmt diese Rolle ein) beschäftigt sich in einem – für den Betrachter unbewohnt wirkenden – Haus. Sie trägt einen metallenen, offensichtlich leeren Eimer eine Stiege hinunter zur Haustür – den Blick auf zwei altertümlich anmutende Hausbriefkästen gewandt, die ihre Funktion durch den Briefeinwurf in der Tür verloren haben. Mögen sie dennoch Nachrichten aus vergangener Zeit bergen? Wie aus einer zweiten Welt erscheint hinter dem Glasfeld der Tür ein verschlossen nach unten blickendes Mädchen, es trägt eine mit Uniform-Brusttaschen versehene Bluse. Was hat es mit dieser wie traumhaft wirkenden Begegnung auf sich? Rätselhaft mutet der Baum im Hof an, an dem etwas zu hängen scheint, was sich auf die Distanz nicht näher erschliessen lässt.

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(Aus: Urd, 2008, Digital C-Prints, 33 x 46 cm, Courtesy the artist, Bild: © Manuela Kasemir; Nachweis: Frankfurter Kunstverein)

Wie aus einem Schlaf erwacht, noch im Morgenrock, blickt die junge Frau auf eine mit einer eigenartigen Tapete bezogene Wand des Hauses. Wir müssen sehr genau hinschauen: Geheimnisvolles ist aus dieser Tapete zu lesen. Wir erkennen Gruppen von Gesichtern in den Ästen und Zweigen, alten Stammbaum-Darstellungen ähnlich. Die junge Frau – wieder ist es die Künstlerin – beugt sich, konzentriert suchend, zu den kleinen Bildnissen hinab, um sie zu erfassen, für sich zu deuten …

In einem weiteren Bild hängt die junge Frau Wäsche im Dachboden dieses Hauses auf – oder nimmt sie sie von der Leine ab? Es scheinen Strampelanzüge für Kleinkinder zu sein – wir sind im Unklaren, für wen sie bestimmt sind oder einst bestimmt waren: für ein eigenes Kind, für sie selbst vor langen Jahren in ihrer Kindheit oder damals für kleinere Geschwister? Über ihrem Unterkleid trägt sie ein zu kurzes und zu enges Mädchenkleid, dem sie entwachsen ist. Aber warum hängt die Wäscheleine so hoch, dass sie sich auf die Zehenspitzen stellen muss, um sie zu erreichen, nun wiederum wie ein Kind, das zur Welt der Erwachsenen hochlangt?

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Aus: Urd, 2008, Digital C-Prints, 33 x 46 cm, Courtesy the artist, Bild: © Manuela Kasemir; Foto: FeuilletonFrankfurt

Manuela Kasemir spielt mit den Ebenen von Gegenwart und Vergangenheit, von Realität und sich mit Traumbildern vermischender Erinnerung. Aber immer geht es um die Zukunft, um ein: Was wird sein, um ein: Worauf gründe ich, damit ich werden kann. So bleibt es gleich, ob sie sich in einem realen oder fiktiven Haus ihrer Kindheit bewegt. Ob uns die Künstlerin nur ihre Reflexionen über das eigene Ich mitteilen oder ein Potential in uns wachrufen will, das uns zu solcherlei Selbstreflexionen hinleitet, bleibt uns selbst zu ergründen.

Ausserhalb des Zyklusses “Urd”, aber doch in einem engen Kontext zu ihm,  präsentiert der Kunstverein eine Vanitas-Darstellung der Künstlerin. Die Fotografie zeigt sie, wie sie unbekleidet vor einem ovalen Spiegel steht, doch der Spiegel wirft kein Bild zurück. Statt dessen erscheint auf dem dunklen Glas, einem dünnen weissen Faden gleich, wie ihn die Nornen als Schicksalsgöttinnen spinnen, der Schriftzug “I am afraid of  death”.

Zwischen Daumen und Zeigefinger ihrer Linken und ihrer verdeckten Rechten hält sie parallel zu dem Schriftzug einen gleichen Schicksalsfaden – die Künstlerin selbst als Norne, als eine Allegorie jener? Nimmt sie ihr Schicksal, die Angst überwindend, in die eigene Hand?

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Afraid of death, 2008, Digital C-Print, 60 x 80 cm, Courtesy the artist, Bild: © Manuela Kasemir; Foto: FeuilletonFrankfurt

Die 1981 in Leipzig geborene Manuela Kasemir studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig zunächst Fotografie. 2006 wechselte sie in die Klasse Installation und Raum, in der sie 2008 das Diplom Medienkunst erwarb und das Meisterschülerstudium begann. Seit 2005 stellte sie ihre Arbeiten vielfach in Leipzig aus, ferner in Breslau und Wien. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Leipzig.

Manuela Kasemir überzeugt uns mit ihren Arbeiten auf einem sehr hohen ästhetischen wie fotografischen Niveau. Dieser Künstlerin möchten wir des öfteren begegnen.