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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for Januar, 2010

Die Malerin Hélène de Beauvoir

Samstag, 23. Januar 2010

Keineswegs ein Püppchen – Die Malerin Hélène de Beauvoir

Text und Fotografien: © Renate Feyerbacher

“Originell und eigenständig”

Kein Geringerer als Pablo Picasso hat sich so über die junge Künstlerin geäussert. Das war 1936: Hélène de Beauvoir war 25 Jahre alt und stellte zum ersten Mal in Paris aus.

Weg zur Freiheit

Hélène, am 6. Juni 1910 in Paris geboren, ist die einzige Schwester der berühmten Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir, die fast zweieinhalb Jahre älter ist. “Poupette” (Püppchen) wird Hélène von ihr ein Leben lang genannt. Ein Kosename, den ihr zuerst die Mutter gab. Er war wohl abwertend gemeint. Jedenfalls fühlte sich Hélène in ihrer Kindheit und Jugendzeit von den Eltern zurückgesetzt, ja sogar unerwünscht, weil die Eltern lieber einen Sohn gehabt hätten. Simone dagegen, die Erstgeborene, hatte die volle Liebe der Eltern, einer überfrommen katholischen Mutter und eines reaktionären, frauenfeindlichen Vaters, der Agnostiker war. In den Wirren der Nachkriegsjahre um 1920 ging das Vermögen der grossbürgerlichen Familie – der Vater war Anwalt am Pariser Appellationsgerichtshof – verloren. Die beiden Töchter aus gutem Hause mussten einen Beruf ergreifen. Simone wurde Lehrerin, Hélène Malerin.

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Hélène de Beauvoir, Ausstellungsplakat (Ausschnitt); Bildrechte: Galerie Ludwig Hammer, Regensburg

Zwar fühlt sich Hélène durch diesen im Künstlermilieu angesiedelten Beruf als “Deklassierteste” in der Familie, aber das stört sie nicht, sie ist stolz. Lange hatte sie nicht gewagt, sie selbst zu sein. Sie hatte nicht gewusst, ob sie das Recht dazu hatte. Auf Kinderbildern ist sie die Sanfte, Verträumte, Simone dagegen die Selbstbewusste, Trotzige. Dennoch war Hélène diejenige, die zuerst ihre Laufbahn forcierte.

Nach dem Abitur in Philosophie 1927 besucht sie zunächst verschiedene Kurse an Kunstakademien, dann folgt mit 20 Jahren die Aufnahme in die Kunstakademien “Colarossi” und “Akademie Scandinave”. Ihr Studium verdient sie sich in einer Galerie. Die ältere Schwester finanziert ihr 1934 das erste Atelier. Dafür tippt Hélène Manuskripte für sie und für Jean-Paul Sartre, der mit Simone liiert ist. Dann arbeitet sie als Sekretärin in der Galerie Bonjean, wo sie auch Salvador Dali kennenlernt und wenig später ihre erste eigene Ausstellung hat, die Picasso besucht. “Ihre Malerei hat was”, lobt er.

Drei Jahre zuvor hatte sie im Zug Lionel de Roulet, ihren späteren Mann kennengelernt. Er war ein Schüler von Jean-Paul Sartre. Sie reist viel, unter anderem in die italienischen Kunststädte Florenz und Rom, nach Spanien, Portugal, wo sie während des Krieges bleibt und Lionel de Roulet – er ist persönlicher Referent von Charles de Gaulle – heiratet. In dieser Exilzeit malt sie Portraits, gestaltet grosse Wandbilder und schreibt Artikel über Kunst.

1945 nach Paris zurückgekehrt, wird ihr Mann Oberst und als Direktor des Informationsministeriums nach Wien versetzt. Um ihm dorthin folgen zu können, lässt sich Hélène zum Leutnant ernennen. Dann wieder ein Wohnungswechsel: Sie folgt ihrem Mann nach Belgrad, wohin er versetzt wird. Nach Paris kehren sie erst 1948 zurück, um zwei Jahre später wieder Umzugskisten zu packen. Ihr Mann wird Leiter des französischen Kulturzentrums in Mailand; erst 1957 verlassen sie die Stadt wieder in Richtung Paris. Aber nur drei Jahre gemeinsamer Zeit ist ihnen dort vergönnt, dann wird Lionel Direktor im Europaparlament in Straßburg. Die Umzugs-Odyssee ist endlich 1963 beendet, als sich das Paar einen alten verlassenen Weinbauernhof im elsässischen Goxwiller kauft.

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Goxwiller, 1960, Öl auf Leinwand, 130 x 95 cm

Künstlerisches Werk

Jahr für Jahr ab 1948 hat Hélène de Beauvoir Ausstellungen in Pariser Galerien und bis in die neunziger Jahre überall auf der Welt – auch in Berlin, in Regensburg und, 1961, im Frankfurter Kunstkabinett Hanna Bekker vom Rath. Dort sind nun anlässlich ihres 100.Geburtstages in diesem Jahr einige ihrer Bilder wieder ausgestellt.

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Gondeln, 1956, Öl auf Leinwand, 65 x 91 cm

“Kuben, Prismen und Kristalle”, unter diesem Motto stand eine Ausstellung in Paris in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre. Das Bild “Gondeln” von 1956 könnte dabei gewesen sein. Eigenständig sind ihre Motive, beeinflusst von den Reisen nach Italien, Spanien, Marokko und Portugal. Sie orientiert sich nicht an Kunstrichtungen, sondern schafft ihre eigenständige Mischung aus Abstraktion, Tachismus, Konstruktivismus und Realismus. Konstruktiv wirkt die Hügelkette des Landschaftbildes, das vorwiegend aus Dreiecken besteht. Talent für die Komposition hat die Malerin. Die Farben sind leuchtend, fröhlich, von der Sonne des Südens beeinflusst.

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Landschaft, 1960, Öl auf Leinwand, 73 x 92 cm

Paul Cézannes Einfluss in punkto Konstruktion und Farbe ist unverkennbar.

Manchmal sind die Farbtöne pastos, manchmal pastellfarben. Mal leicht, mal verspielt, mal konstruktiv, Harmonie suchend. Eine weibliche Malweise ist ihr eigen. Das Figurative hat die Künstlerin nie losgelassen. Mal braucht sie den Pinsel, mal den Griffel. Sie sucht immer Veränderung.

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Der Sonnenschirm, o.J., Aquarell auf Arche-Papier, 56 x 38 cm

Simone, die Ältere, übt anfangs immer wieder Kritik am Malstil der Schwester, dann äußerst sie sich begeistert: “Ein Bild ist für Hélène eben nicht nur ein Akkord harmonischer Farben, der zum Komfort des Mobiliars beiträgt. Es stellt vielmehr so etwas wie ein Fenster dar, das den Blick ins Imaginäre öffnet.” Und Jean-Paul Sartre schreibt im Vorwort des Ausstellungskatalogs von Brest 1975: “Sie hat ihren Weg gefunden zwischen den vergeblichen Zwängen der Nachahmung und der Dürre der reinen Abstraktion … Ihr Werk vermag zu überzeugen und zu bezaubern.”

Beide machen für Hélènes Werk die beste Werbung.

Die Luxusausgabe von Simones Erzählband “Une femme rompue” (“Eine gebrochene Frau”) 1967 bei Gallimard ist mit 16 Kupferstichen von Hélène illustriert.

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Zebras, Aquarell, o.J., 38 x 57 cm

Neunzehn Jahre später findet eine grosse Einzelausstellung im Ministerium der Frauen in Paris statt, kurz darauf stirbt Simone, die bei der Ausstellungseröffnung noch dabei war. Die Todesnachricht erreicht Hélène in den USA. Simones Briefwechsel mit Sartre, der 1990 veröffentlicht wird, offenbart jedoch ihre wahre Meinung über ihre Künstler-Schwester: “Die anderen Maler sind genauso schlecht wie sie … Warum sollte ich ihr Talent zusprechen, wenn sie keines hat?” Diese Kränkung hat Hélène nie verwunden. Dennoch arbeitet sie unermüdlich weiter, hat in jedem Jahr eine Ausstellung im In- und Ausland bis 1996, da ist sie bereits 86 Jahre alt, erhält Preise. Sie ist eigenständig geworden. Der Schatten der berühmten Schwester hatte sie lange verdeckt.

1970 hatte sie den Galeristen Ludwig Hammer aus Regensburg kennengelernt. Ihre Freundschaft mit ihm währte bis zu ihrem Tod im Sommer 2001. Ihm überlässt sie einen Teil ihres Werkes, das er durch Expositionen unablässig publik macht.

Ähnliche – unähnliche Schwestern

Simone meckerte auch gelegentlich an Hélènes “bürgerlicher” Lebensweise, kritisierte ihre Häuslichkeit. Dabei war Hélène eine engagierte Feministin.

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Simone et Hélène, o.J., Aquarell, 57 x 38 cm

Sie war keineswegs das Püppchen, wie sie immer genannt wurde. Sie engagierte sich politisch: 1968 erschien ihre Bildreihe “Der schöne Monat Mai”, der knüppelnde Polizisten zeigt. Sie gehörte zu den Unterzeichnerinnen des Manifestes, in dem sich Frauen zur Abtreibung bekannt hatten. In Straßburg war sie Mitgründerin eines Hauses für geschlagene Frauen. Auf Umweltprobleme machte sie in ihren Bildern aufmerksam.

Beim Begräbnis in Paris sagte eine Feministin, es sei, als wäre Simone ein zweites Mal gestorben, allerdings eine wärmere, fröhlichere.

Das Frankfurter Kunstkabinett Hanna Bekker vom Rath zeigt bis zum 13. Februar 2010 eine Auswahl von Ölgemälden aus der Zeit von 1956 bis 1965. Die meisten gezeigten Aqarelle sind undatiert. Eine schöne, verdiente Hommage an die Künstlerin, die in diesem Jahr einhundert Jahre alt geworden wäre.


Bilder, die bewegen: Künstlerinnen und Künstler der Praunheimer Werkstätten in der Frankfurter Heussenstamm-Galerie

Donnerstag, 21. Januar 2010

Bilder, die bewegen, so heisst diese Ausstellung …

Was sind das für Bilder, die uns bewegen, die in der Galerie vom Fleck weg gekauft werden, ja sogar sozusagen unbesehen direkt aus dem Katalog?

Was ist das überhaupt für eine Kunst, die wir derzeit – leider nur noch bis zum 29. Januar 2010 -  in der Heussenstamm-Galerie, inmitten der Frankfurter “Galeriemeile” also, sehen können?

Manche blicken, wie wir bemerkt haben, mit mehr oder weniger erkennbarer Skepsis auf diese Gemälde. Es handelt sich nämlich um Arbeiten von künstlerischen Menschen in den Praunheimer Werkstätten. Diese Werkstätten sind eine Rehabilitations- und Förderstätte für Erwachsene mit geistiger Behinderung.

Sehr viele andere, und wir schliessen uns da ein, zeigen sich angesichts dieser Bilder durchaus betroffen, ja erschrocken: Betroffen von einer Konfrontation mit Kunstwerken, die uns mit einer kaum gekannten Wucht und Unmittelbarkeit in Beschlag nehmen, die mitunter die Intimsphäre der Malenden in einer Weise offenbaren, mit der wir kaum umgehen können. Diese Bilder können irritieren, sie können uns,  die wir uns so frag- und sorglos als nichtbehindert bezeichnen, in eine gewisse Verlegenheit, ja sogar Hilflosigkeit bringen. Zumindest zwingen sie uns, alteingenommene Standpunkte zu befragen, zu prüfen. Dies umso mehr, als wir uns tatsächlich in der “Galeriemeile” befinden, in der wir so manches Sehenswerte wie auch weniger Sehenswerte antreffen.

Wir können uns auch mit Anna Meseure, Autorin eines überaus interessanten Textes im zur Ausstellung erschienenen phantastischen Katalog, die die gezeigten Arbeiten in einen Kontext mit Werken bekannter und berühmter Künstler stellt, der Thematik kunsthistorisch-wissenschaftlich nähern:

Die Künstler der Praunheimer Werkstätten malen, so Anna Meseure, “mit heiligem Ernst”, jedoch weitab etwa der Naivität von Hobby-Malern. “Der wahrscheinlich einzige Unterschied” – wir dürfen zitieren – ” zwischen der Kunst von Menschen mit Beeinträchtigungen und jener von anderen Künstlern besteht in einer anderen Sicht von Innen- und Aussenverhältnis. Während für die Künstler der Praunheimer Werkstätten ihre Kunst dominant eine Ausdrucksmöglichkeit ist, ihr Verhältnis zur Welt und ihre ganz subjektive Sicht der Realität zu zeigen, reflektieren die anderen Künstler mit Hilfe ihrer Werke die Welt als wahrnehmungsabhängig, also die sich historisch ändernden Bedingungen, wie wir Welt überhaupt sehen und verstehen können. Das setzt eine intellektuelle Distanz voraus … Das ‘Da-Sein’ und das ‘So-Sein’ sind different. Bei den Bildern der hier vorgestellten Künstler fallen diese Kategorien in eins … Wobei das ‘Da-Sein’ und ‘So-Sein’ unabhängig von dem gewählten Abstraktionsgrad der Darstellungen identisch ist … Keinem der Künstler geht es um ‘Wirkung’, um ein ‘Beeindrucken’ der Betrachter, sondern um den Ausdruck ihrer eigenen Befindlichkeit. Dies ist aber mindestens so authentisch, wenn nicht authentischer als das, was wir als sogenannte Kunsthandels-Kunst bezeichnen.”

Gerade letzterer Feststellung möchten wir uns uneingeschränkt anschliessen. Uns scheint der Begriff “Authentizität” ohnehin ein Schlüssel zur Beurteilung der Frage zu sein, ob wir einem Kunstwerk gegenüberstehen oder einer in den Kunstbetrieb – sprich Kunst-Markt – eingebrachten Beliebigkeit. Womit wir wieder an den Anfang unserer Betrachtungen zurückgekehrt wären: Ja, diese Bilder aus den Praunheimer Werkstätten bewegen wirklich!

Schauen Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, einige dieser Werke an:

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Manfred Buhl, Drei Grazien, 2008/09, Acryl und Tusche auf Leinwand, 60 x 80 cm; Bildnachweis: Heussenstamm-Galerie

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Manfred Buhl, ohne Titel, 2009, Acryl, Tinte auf Leinwand, 60 x 80 cm; Foto: FeuilletonFrankfurt

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Selbermann (Georg Vaternahm), Frau Barbara Streisand bei Julchen in Oregon, 2006, Ölpastell, Ölfarbe und Bleistift auf Papier, 50 x 70 cm; Bildnachweis: Heussenstamm-Galerie

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Andreas Skorupa, Flucht nach Ägypten, 2009, Acryl und Tusche auf Leinwand, 80 x 100 cm; Foto: FeuilletonFrankfurt

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Gotthard Tschisch, Landschaft mit Bergen, 2008, Acryl auf Leinwand, 60 x 90 cm; Foto: FeuilletonFrankfurt

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Birgit Ziegert, Eichhörnchen, 2008, Acryl und Tusche auf Papier, 40 x 60 cm; Bildnachweis: Heussenstamm-Galerie

Seit Mitte Januar 2010 erstreckt sich die bereits im November vergangenen Jahres im Obergeschoss der Heussenstamm-Galerie eröffnete Schau nun über die gesamte Aussellungsfläche. In den Wochen bis Weihnachten konnten bereits über 600 Besucher gezählt werden – ein grossartiger Erfolg.

Ein Kunstwerk für sich bildet der schon erwähnte Katalog zur Ausstellung, herausgegeben von der Frankfurter Heussenstamm-Stiftung. Er kostet lediglich 15 Euro und sollte in keiner Kunst und Kultur verpflichteten Bibliothek fehlen.

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Stadträtin Professor Daniela Birkenfeld und Dagmar Priepke, Leiterin der Galerie und Geschäftsführerin der Stiftung, bei der Eröffnung der Ausstellung im November 2009, im Hintergrund die Künstlerin Hilda Kleyn; Foto: FeuilletonFrankfurt

Die Praunheimer Werkstätten gGmbH ist eine Rehabilitations- und Förderstätte für Erwachsene mit geistiger Behinderung. Mit verschiedenen Atelierangeboten im künstlerischen Bereich kommt die Einrichtung ihrem formulierten Anliegen nach, den einzelnen behinderten Menschen als Individuum zu begreifen und ihm bei der Entfaltung seiner Persönlichkeit zu unterstützen. Die Ateliers befinden sich in den Standorten Praunheim, Fechenheim und Höchst. Hier erhalten die Künstler der Werkstätten unter Anleitung und Betreuung durch erfahrene Kunstpädagoginnen die Möglichkeit, durch Kunst ihr Verhältnis zur Welt und ihre ganz subjektive Sicht der Realität auszudrücken. Das Ergebnis stellt sich durch Arbeiten mit hoher ästhetischer Qualität und von beeindruckender Authentizität dar und reicht von grossformatigen Gemälden über Papierarbeiten bis zu Holz- und Kartonskulpturen.

Heussenstamm-Stiftung und Heussenstamm-Galerie, Braubachstraße 34, 60311 Frankfurt am Main; die Galerie hat dienstags bis freitags von 12 bis 18 Uhr, samstags von 12 bis 17 Uhr geöffnet.

Januar 2010

Sonntag, 17. Januar 2010

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Die hohen Tannen atmen heiser

im Winterschnee, und bauschiger

schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.

Die weissen Wege werden leiser,

die trauten Stuben lauschiger.

Rainer Maria Rilke (1875 bis 1926)

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Der Himmel grau, die Erde weiss,

Die Bäume kahl, die Büsche Gereis,

Ihr Lächeln den Fluren genommen.

Mag zagen, wer will, mir wallet es heiss,

Ich nenne willkommen dich, blinkendes Eis,

Dich, starrender Winter, willkommen.

Franz Grillparzer (1791 bis  1872)

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(Fotos: © Ingrid Malhotra)


Das grosse ka(c)kophonische Orchester

Samstag, 16. Januar 2010

Also, es gibt, wie wir alle wissen, die symphonischen, die philharmonischen und die ka(c)kophonischen Orchester. Eines der letzteren Art – von der es, dem Himmel sei gedankt, nicht allzu viele gibt – wütet seit einiger Zeit umso erbarmungsloser an prominentester Stelle in diesem unserem Land.

Da will nichts mehr zusammenpassen im ka(c)kophonischen Klangkörper. Das mag daran liegen, dass es drei arg unterschiedliche Instrumentalistengruppen gibt, die jede für sich auschliesslich das Konzert (das kommt vom lateinischen concertare und heisst so viel wie: wetteifern, streiten) pflegen wollen.

Den grössten Lärm und Streit entfacht die Gruppe der Schlagwerker und Blechbläser : Diese hauen auf Pauken, Trommeln und Becken herum, dass es nur so kracht und scheppert. Oskar Matzerath, der einst gefürchtete Blechtrommler, war dagegen ein kleines Waisenknäblein. Diese Ka(c)kophoniker sind neu im Orchester, sie können weder Noten lesen noch verfügen sie über irgend eine klangkörperliche Disziplin oder gar Tugend. Ihr Stimmführer reist ständig in irgendwelchen fernen Auslanden herum und schafft weiteren postneolithischen trommelfellmarternden Schlagkram herbei. Seine Mit-Ka(c)kophoniker folgen der in manchen Showorchestern anzutreffenden Unsitte, Musikinstrumente bunt zu lackieren. Ausgerechnet ein widerlich-fieses, grässliches Gelb haben sie gewählt, mit dem sie ihre garstigen Trompeten und Posaunen und sogar die schreckliche Basstuba anstreichen. Ein gar übler Missklang ist die Folge, wenn sie in dieses Zeug hineinstossen. Mit ihm überziehen sie die vor ihnen sitzenden, bedauernswerten Streicher.

Die Streicher stellen die zahlenmässig grösste Instrumentalistengruppe im ka(c)kophonischen Orchester. Sie geben sich seriös und konservativ. Um dies für jedermann sinnfällig zu machen, haben sie ihre Violinen, Violen, Violoncelli und sogar die grossen Violonen mit pechschwarzem Klavierlack überzogen. Das mag zwar auf den ersten Blick schön aussehen, jedoch klingen die Instrumente dumpf, dröge und schwerfällig. Gegen die furchtbar-gelben Blechbläser und Schlagwerker, die ihnen im Nacken sitzen, haben die Streicher keine Chance. Oft lustlos kratzen sie deshalb, sotto voce,  mit ihren Fidelbögen auf den Saiten herum. Unter manchen macht sich darob Resignation und Schwermut breit. Ach, wie schön, ja harmonisch war damals, so erinnern sie sich, das Musizieren mit den …, ja wie hiessen die denn gleich noch einmal, diese … na sowas, weg aus dem Gedächtnis …

Die unlängst erneut geschrumpfte und heute kleinste Gruppe der Ka(c)kophoniker bläst die hölzernen Instrumente, deren Material in baumreichen Gegenden gewonnen wird wie etwa im Bayerischen Wald. Die Klappengriffe ihrer Flöten, Klarinetten, Oboen und Fagotte sind zumeist mit kernig-edlem Hirschhorn belegt. Bisweilen treten die Musiker in alpenländischen Leder- und Lodengewändern auf, wie sie die Gebirgsschützen noch heute tragen. Besonders wenn sie, wie alljährlich im Januar, vom Kreuther Geist bedeutungsschwer beflügelt ist, lässt die kleine Schar ihre Marterinstrumente in die Ohren der Streicher hinein schrillen und pfeiffen, dass diesen regelmässig der Schreck in die Knochen fährt.

Längst werden Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, gefragt haben, was es nun mit dem Dirigenten/der Dirigentin dieses ka(c)kophonischen Orchesters auf sich hat? Bleiben wir der Einfachheit halber bei letzterer: Sie hat sich, so will es scheinen, in das Souffleurs-Kabuff vor der Bühne in Deckung gebracht.

Ach ja, da liegt ja noch was hinter der Bühne herum, der Musiker, anscheinend ein Alleinunterhalter, ist bereits geflüchtet, seine nutzlose rote Jacke hat er abgeworfen und zurückgelassen …

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(Foto: Paul-Georg Meister /pixelio.de)

Fernsehen philosophisch

Freitag, 15. Januar 2010

Auf die Frage “Wie meditieren Sie heute?”:

Durch Fernsehen. Es ist das äussere Äquivalent zur vollkommenen Stilllegung des Gehirns.

“Was schauen Sie dann an?”

Einfach alles. Ich benutze das Fernsehen als Gleichgültigkeitsmaschine. Ich schaue so lange auf den Bildschirm, bis der gefühlte Unterschied zwischen einem Papst-Segen, einer pornografischen Dauerwerbesendung und einem Bericht über die Fauna von Madagaskar gegen null geht. Dann ist der Zustand erreicht, in dem das Gehirn bereit ist, sich für ein paar Stunden von der Welt zurückzuziehen.

Peter Sloterdijk, Professor für Philosophie und Ästhetik (im Interview mit dem stern, Ausgabe 2/2010 vom 7. Januar 2010)

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(Foto: Jonathan McIntosh / wikimedia commons cc)