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Das Internet-Magazin von Erhard Metz

Archive for November, 2009

KUNST / 48

Samstag, 21. November 2009

Ob das, was ich mache, Kunst ist, weiss ich nicht; andererseits wüsste ich auch nicht, was es sonst sein könnte.

Peter Roehr (1944 bis 1968), Maler, Objektkünstler

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Peter Roehr, o.T. (FO-82), 1966, Papier in Kunststoff, 38 x 37,5 cm; (Bildnachweis: MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main)

Am 27. November 2009 eröffnen das Museum für Moderne Kunst und das Städel Museum eine gemeinschaftliche Ausstellung “Peter Roehr – Werke aus Frankfurter Sammlungen“.

Bosheiten / 5

Freitag, 20. November 2009

Zweierlei Bumerang

War einmal ein Bumerang;
war ein Weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum – noch stundenlang -
Wartete auf Bumerang.

Joachim Ringelnatz (1883 bis 1934)

War einmal ein Bumerang,
war nicht zu kurz und nicht zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
kam zurück – traf mein Genick!
Im Himmel schimpfte ich noch lang
auf den blöden Bumerang.

Werner Fritz

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“Saure Gurke” 2009

Mittwoch, 18. November 2009

Nein, es geht nicht wieder einmal um EU-Richtlinien (Gurken!), eher um: “Gib ihm Saures …”, wie Kurt Tucholsky einst titelte.

Am vergangenen Sonntag war es endlich wieder soweit: Die Medienfrauen von ARD, ZDF und ORF verliehen zum Abschluss ihres 32. Herbsttreffens in Baden-Baden die diesjährige “Saure Gurke”, den beliebtesten (Wander-) Fernsehpreis des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

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“Saure Gurke” (Bildnachweis: Medienpreis “Saure Gurke” Manuela Schönberg)

Also sie ist schon saumässig sauer, diese Gurke, das haben alle gemerkt, die bislang mehr oder weniger beherzt – oder besser gesagt wohl oder übel – in sie hineinbeissen mussten.

Wofür man sie bekommt? Für Sendungen besonders frauenfeidlichen Inhalts, in denen, so lautet die Ausschreibung, Frauen nicht vorkommen, in denen Frauen über ihren Körper definiert werden oder die den Zuschauerinnen und Zuschauern überidealisierende Rollenmodelle aufdrängen.

Erneut traf es die ARD, dieses Mal genauer gesagt den Hessischen Rundfunk, und ausgerechnet eines der Leuchtfeuer der sonntagabendlichen Unterhaltung: einen “Tatort”. Der hiess “Architektur eines Todes”, ausgestrahlt am 6. September 2009 (Buch: Judith Angerbauer, Regie: Titus Selge, Redaktion: Inge Fleckenstein). Wir selbst haben ihn nicht gesehen, denn wir sehen sonntags abends nicht fern, sondern immer nur nah, vorzugsweise in ein Buch (und schon gar nicht den “Tatort”!).

Hier die Begründung der Jury:

“Das wollen wir sehen – Sofias Welt: eine international erfolgreiche Frau, die ganz in ihrer Arbeit aufgeht, bestens vernetzt mit anderen erfolgreichen Frauen, mit einer schönen Geliebten und einem Rücken freihaltenden Ehemann samt wohlgeratener Kinder. Bevor uns nun aber der Neid packt und alle hoch hinaus wollen, erkennen wir: Sofia eignet sich nicht als Rollenmodell. Nach 90 Minuten ist die Geliebte tot, der Mann ein Mörder, die Kinder verstört.

Wieder einmal konfrontiert uns der ‘Tatort’ spannend, unterhaltend und aktuell mit gesellschaftlicher Realität!”

Au weh, noch etwas Senf zur Gurke gefällig?

Aber das ist noch längst nicht alles, denn es gibt – gewissermassen als Trostpreis – die “lobende Erwähnung”: In diesem Jahr gilt sie einem Beitrag aus der ZDF-Reihe “Wetten dass .. ?”, ausgestrahlt am 7. November 2009 mit dem Titel “Models für Wette gesucht! Bewerben Sie sich als Mitwirkende bei Wetten, dass..?”

Die Begründung der Jury:

“Nur einer kann gewinnen – aber der ‘Wetten, dass…’- Redaktion gebührt für die Sendung vom 7. November 2009 eine lobende Erwähnung für ihren Mut, Frauenkörper fragmentarisch, dafür aber um so detailgetreuer vorzuführen. Wer hätte gedacht, dass sich Frauen auch an ihren blau besprühten Hinterteilen erkennen lassen!”

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(Foto: Thomas Jüling /pixelio.de)

Herzlichen Glückwunsch an Preisträger und lobend Erwähnte, kann man da nur sagen! Weiter so!

Verstehen Sie, liebe Medienfrauen und Leserinnen, dass wir nicht nur den “Tatort” nicht sehen, sondern auch “Wetten dass ..?” meiden?

→  “Saure Gurke 2008
→  “Saure Gurke 2007

Michelangelos Maria der Petersdom-Pietà und Houdons “Winter”

Montag, 16. November 2009

Schwerlich nur können wir diese zwei herausragenden Meisterwerke der abendländischen Bildhauerkunst miteinander vergleichen: Michelangelo Buonarrotis Maria der Pietà im Petersdom und Jean-Antoine Houdons Allegorie des Winters. Aber jede dieser beiden Frauendarstellungen fasziniert uns immer wieder aufs neue. Und die eine will uns nicht aus dem Sinn weichen, wenn wir die andere betrachten.

Michelangelo gestaltet Maria – sie müsste beim Tod von Jesus doch bereits etwa um 5o Jahre alt gewesen sein – als eine jugendlich, ja mädchenhaft wirkende Frau. Sie ist von aussergewöhnlicher irdischer Anmut und Schönheit. Dabei verharrt sie in einer verinnerlichten, verklärten Trauer, einer in sich geborgenen Ergebenheit und Ruhe, weitab von pathetischem, vordergründigem Schmerz. Die Augenlider sind gesenkt, nicht ganz geschlossen; nur leicht geschlossen sind auch die Lippen. Ein Bild von grosser Schönheit und Innerlichkeit, von Demut und Akzeptanz des Geschehenen, geborgen in christlicher Heilserwartung, Heilsgewissheit.

Michelangelo, mit Leonardo da Vinci und Raffael der Grossmeister der italienischen Hochrenaissance, schuf in derem Geist eine idealschöne weibliche Gestalt von höchster Vollkommenheit und Harmonie. Der auf das Feinste bearbeitete Marmor ist hochglanzpoliert. Als einzige seiner Skulpturen hat Michelangelo die römische Pietà signiert, vielleicht deshalb, wie einerseits überliefert, weil man dem noch jungen Künstler die Urheberschaft an seinem frühen Meisterwerk streitig machen wollte; vielleicht – so interpretieren andere – aber als ein Zeichen dafür, dass er ihr eine besondere persönliche Bedeutung zumass. Wie wir der Kunstgeschichte entnehmen können, soll dieses einzigartige Werk unter manchen Zeitgenossen des Künstlers durchaus auch für einige Irritationen gesorgt haben.

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Michelangelo Buonarroti (1475 bis 1564), Pietà (Detail), 1499/1500, Marmor, Petersdom Rom; Bildnachweis: Stanislav Traykov, Edited version (cloned object out of background); wikimedia commons GFDL

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Jean-Antoine Houdon (1741-1828), Der Winter (”Frileuse”), 1787 (Detail), Marmor, Höhe 145 cm; Musée Fabre, Montpellier; Foto: (c) Musée Fabre, Montpellier Agglommération – photographie Fréderic Jaulmes

Einiges des an Michelangelos Maria Beobachteten – nicht nur was die Irritationen mancher zeitgenössischen Betrachter anlangen mag – lässt sich auch für Jean-Antoine Houdons Allegorie “Der Winter” (”Frileuse”) feststellen. Houdon, mehr als zweieinhalb Jahrhunderte nach Michelangelo geboren, war ein Künstler und Protagonist der Aufklärung. Seine 1783 geschaffene Frileuse atmet gleichsam diesen neuen Geist.

Konnte seinerzeit von einer allegorischen Darstellung des Winters eher ein “alten Mann” erwartet werden, so schuf Houdon, ähnlich wie Michelangelo, die Skulptur einer äusserst anmutigen, schönen jungen Frau.

Steht nicht aber die Bekleidung der Frileuse in einem sinnwidrigen Kontrast zur Jahreszeit des Winters? Nein, im Gegenteil: Die Frileuse fröstelt, friert, eben weil sie fast unbekleidet ist. Lediglich ihr Kopf, ihre Schultern und ihre Scham sind mit einem Tuch verhüllt, ihre übrige Gestalt vom Rücken an abwärts ist entblösst. Sie steht, mit verschränkten Armen das Tuch haltend, die Beine aneinander geschmiegt, mit nackten Füssen auf dem Boden. Der Betrachter der Aufklärung sollte sich in die Frierende hineinversetzen, die Skulptur ohne die in Mittelalter und Barock übliche Beigabe von Attributen unmittelbar aus seiner eigenen sinnlichen Wahrnehmung heraus verstehen können. Ein Attribut verbleibt jedoch bei der hocherotischen Darstellung der jungen Frileuse: der zerbrochene Krug, damals bekanntes Sinnbild für den Verlust der Jungfräulichkeit. Sinnbild zugleich für die zur Zeit der Aufklärung verbreiteten bürgerlichen Moralvorstellungen gegenüber den Ausschweifungen höfischen Lebens.

Auch bei Houdon steht der Winter für das Lebensende. So trägt das gesenkte Antlitz der Frierenden eine in sich gekehrte Trauer. Erotik und Verlust der Unschuld, Scham und Tod vereint der Künstler in seinem grandiosen Meisterwerk. Der Marmor ist fein geglättet, aber nicht glänzend poliert. Äusserlich ähnlich wie bei Michelangelos Maria ist der Blick der Frileuse gesenkt, sind ihre Augen und Lippen leicht geschlossen. Auch ihr Gestus strahlt Demut und Ergebenheit in das Schicksal, in die Endlichkeit des Lebens aus; nun aber im von kritischer Erkenntnis und Emanzipation bestimmten Geist der Aufklärung. Hierin liegt der entscheidende Unterschied zwischen den beiden meisterlich gearbeiteten Figuren.

Abschliessend die beiden Kunstwerke in der Gesamtansicht:

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Jean-Antoine Houdon (1741 bis 1828), Der Winter (”Frileuse”), 1787, Marmor, Höhe 145 cm, Musée Fabre, Montpellier; Foto: © Musée Fabre, Montpellier Agglommération – photographie Fréderic Jaulmes

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Michelangelo Buonarroti (1475 bis 1564), Pietà, 1499/1500, Marmor, Höhe 175 cm, Petersdom Rom; Bildnachweis: Stanislav Traykov, Edited version (cloned object out of background); wikimedia commons GFDL

Zu Michelangelos römischer Pietà müssen Sie sich in die Ewige Stadt begeben (was jeder Kunstliebhaber nur allzu gerne auf sich nehmen wird). Houdons “Der Winter” können Sie derzeit im heimischen Frankfurt am Main besuchen: in der Jubiläumsausstellung zum 100. Geburtstag des Liebieghauses “Jean-Antoine Houdon: Die sinnliche Skulptur”.

Das Traumpaar des Jahres 2009

Freitag, 13. November 2009

Wo finden Sie das wirkliche Traumpaar des Jahres 2009?

In der Bild-Zeitung? Glauben Sie das im Ernst, liebe Leserinnen und Leser? Na dann im Fernsehen, möglichst im kommerziellen. Ist auch das etwa Ihr Ernst? Kann ja wohl nicht sein.

Also kommen Sie nach Frankfurt am Main. In das Städel Museum. In die Botticelli-Ausstellung. Dort finden Sie es, das Traumpaar 2009. Trägt es nicht die schönsten denkbaren Namen, schöner vielleicht noch als Romeo und Julia:

Simonetta und Giuliano !

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Sandro Botticelli (1444/45 bis 1510), Weibliches Idealbildnis (Bildnis der Simonetta Vespucci als Nymphe), Pappelholz, 81,8 x 54 cm; Frankfurt, Städel Museum, Foto: Ursula Edelmann – Artothek

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Sandro Botticelli (1444/45 bis 1510), Bildnis des Giuliano de’ Medici, Pappel- oder Lindenholz, 75,5 x 52,5 cm; Washington, National Gallery of Art, Samuel H. Kress Collection, Foto: Lyle Peterzell

Miteinander verheiratet waren die beiden nicht. Die Städel-Forschung gibt sich zurückhaltend und weist Simonetta Vespucci lediglich als “Königin der Schönheit” und als eine von zwei Turnierdamen von Giuliano de’ Medici aus. Wir dürfen etwas mutiger sein und anderen Deutungen Gehör verschaffen:

1453 geboren, verstarb Simonetta bereits 1476 im Alter von nur 23 Jahren an Tuberkulose. Sie galt als die schönste Frau von Florenz und war daher begehrtes Vorbild mancher Maler, allen voran von Sandro Botticelli, einem der Meister der italienischen Frührenaissance.

Simonettas kurzes Leben war alles andere als harmonisch: Im Alter von 16 Jahren wurde sie mit Marco Vespucci (einem Cousin des Seefahrers und Entdeckers Amerigo Vespucci) verheiratet. Die unglückliche Ehe misslang – schon früh fand sie, wie es heisst, Zugang zu den Kreisen um die reiche und mächtige Familie der Medici. Giuliano I. de’ Medici, der Bruder des berühmten Lorenzo “Il Magnifico”, erlag, was niemanden verwundern kann, ihrer Schönheit: Simonetta soll, wie (von allerlei Lebenserfahrungen nicht Fernstehenden) überliefert, seine Geliebte geworden sein.

Simonetta verstarb am 26. April 1476; sie ist in der Familienkapelle der Vespucci in der Kirche Ognissanti in Florenz beigesetzt. Auch Giuliano dem I. war kein glückliches Leben beschieden: Er wurde auf den Tag zwei Jahre nach Simonettas Tod, am 26. April 1478, im Alter von 25 Jahren während der Ostermesse im Dom Santa Maria del Fiore im Zuge einer politischen Revolte der mit den Medici verfeindeten Familie Pazzi ermordet.

Was für eine überwältigende Geschichte! Ob sie historisch belegt ist oder nicht: Ist sie nicht so traurig-schön, dass sie es verdient hätte, wahr zu sein?

Sie werden das Paar vermutlich nie wieder beisammen sehen: Simonetta residiert zwar im Frankfurter Städel Museum, aber Giuliano kam eigens, wohl zum ersten und zugleich letzten Mal, aus dem fernen Washington nach Frankfurt am Main angereist.