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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Axel Malik: “Die skripturale Methode”

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Wir schätzen sehr das Quadrium, diesen einzigartigen Ausstellungsraum im Dommuseum des Frankfurter Kaiserdoms St. Bartholomäus!

Was es dort – nur noch bis zum 1. November 2009 – zu sehen gibt, verschlägt uns die Sprache. Und fast auch die Schrift.

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Es war im Jahr 2001, als Axel Malik – anlässlich eines Besuchs in der Hildesheimer Diözesanbibliothek – eine Bibelabschrift aus dem 12. Jahrhundert in gotischer Minuskel faszinierte, ein Buch 11 mal 7,5 Zentimeter im Format, die in tiefem Schwarz in Eisengallustinte akribisch ausgeführte Schrift 2 bis 2,5 Millimeter hoch. Ein Jahr etwa nahm damals eine solche Abschrift in Anspruch. Nun aber kommt es: Manche der in den mittelalterlichen Klöstern tätigen “Schreiber”, erfuhr der Künstler, waren gar nicht des Lesens, schon gar nicht des Lateins mächtig – sie waren disziplinierte, asketische, virtuose Kopisten! Deren Abschriften blieben ein semantisch leerer Prozess!

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Malik nahm diese Erkenntnis – die völlige Trennung von Inhalt und Form – im Jahr 2003 zum Anlass, im Rahmen seines Arbeitsprojektes “Die skripturale Methode” im grossen Lesesaal besagter Diözesanbibliothek “jener gotischen Handschrift”, wie er schreibt, “eine Art strukturelles Update gegenüber zu stellen. Auf meiner 10 Meter langen und 2,15 Meter breiten weissen Leinwandrolle entwickelt sich ein Schreibprozess, der gleichfalls ins Winzige vordrängt”.

Die jetzt im Frankfurter Dommuseum ausgestellte Rolle ist mit kleinen Zeichen – wieviel Hunderttausende mögen es sein – , “Setzungen” nennt sie der Künstler, beschrieben, bemalt, oder sollten wir einfach nur sagen versehen. Denn es handelt sich nicht um Schrift, aber auch nicht um Zeichnungen, was wir dort sehen, obschon uns viele der kleinen Setzungen in der Vergrösserung zu mancherlei Assoziationen Raum zu geben scheinen. Der Leinwandrolle stellt der Künstler zwei schwarze  Tafeln mit weissen Setzungen, diese allerdings in grossem Format, gegenüber.

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Malik hat sich seinen “Setzungen” verschrieben – auch letzteres Wort müsste eigentlich mit Anführungszeichen versehen werden. 1989 begann der Künstler Tagebücher zu schreiben, knapp 90 wohl sind es seither an der Zahl, mit über 25.000 Seiten. Malik fokussiert seine Konzentration ausschliesslich auf die Schreibbewegungen, es entsteht eine rein strukturelle “Sprache”. In Videos hält er seine intuitiven Schreibbewegungen fest, in Audioaufzeichnungen das Kratzgeräusch des Tintenschreibers auf den verschiedenen Materialien.

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Mit seiner derzeit in Frankfurt ausgestellten Leinwandrolle, an der er selbst ein Jahr lang arbeitete, will Malik den Schreibprozess “für den Betrachter als eine Raumgrösse nachlesbar und in der Lektüre räumlich abschreitbar” machen. Zeit verkörpert sich zu Raum, Raum wird als ein Ausdruck von Zeit erlebbar.

Axel Malik über seine Arbeit: “1989 beginne ich mit meinem bis heute ununterbrochenen Projekt des täglichen ‘Schreibens’.

Der Schreibprozess besteht aus einzelnen, zeichenartigen, sich nicht wiederholenden Setzungen.

Die Bewegungsspuren sind komplexe Linien einer sich ausdifferenzierenden Bewegungssphäre. Lesen kann man das nicht, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn.

Die Zeichen dieser expansiven Matrix beschreiben nichts, das ausserhalb ihrer eigenen Vibration und gekrümmten Frequenzdichte existiert. Es ist nicht ihr Auftrag, Anspruch und Sinn, für etwas ‘da draussen’ zu stehen oder adäquat zu sein, ein Symbol, ein funktionales Skript, das Informationen codiert.

In dem Moment, wo man dem Schreiben dies aus dem Fokus nimmt, passiert in der Schreibbewegung etwas Entscheidendes, denn die Abwesenheit der Dinge kehrt als eine verdichtete Gegenwart, als eine expandierende Intensität des Augenblicks in die Schrift selbst zurück. Die inhomogene Dynamik und unberechenbare Potentialität der Schreibbewegung selbst, um diese Realität geht es.”

Der 1953 in Jugenheim geborene Künstler lebt und arbeitet in Oberried bei Freiburg. Seit 1994 präsentiert er seine Arbeiten in einer Vielzahl an Einzel- und Gruppenausstellungen.

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Gewaltig liegt Maliks Arbeit diagonal im von gotischem Masswerk umrahmten Geviert des Quadriums. Wir versuchen, ein Jahr unserer eigenen jüngeren Lebenszeit vor uns Revue passieren zu lassen. Und verlassen, gleichermassen fasziniert wie irritiert, den Raum.

(abgebildete Werke © Axel Malik; Fotos: FeuilletonFrankfurt)


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