53. Biennale Arte Venedig 2009 (11) – Das Welttheater des Hans-Peter Feldmann
“Schattenspiel”, Installation, 2002 bis 2009

Natürlich denken wir bei Hans-Peter Feldmanns Arbeit sofort an Platons Höhlengleichnis: Die Menschen in ihrer begrenzten Wahrnehmungsfähigkeit können nur einen Schatten der gegenständlichen Welt erkennen, das wahre Seiende bleibt ihren Blicken verschlossen. Die Menschen sind aber aufgefordert, sich nicht auf das mit ihren Sinnen Wahrnehmbare ihrer weltlichen Umgebung zu beschränken, sondern das dahinter stehende Verborgene zu ergründen.
Feldmann baut in Venedig eine Reihe mit kleinen, motorisch angetriebenen Karussells, auf denen er zahlreiche Gegenstände und Figuren in Spielzeuggrösse installiert. Lichtstarke Lampen beleuchten die sich langsam drehenden Karussells und werfen die Schatten der Figuren auf die dahinter stehende Wand. Die projizierten, über die Wandfläche gleitenden Schatten überschneiden sich gemäss den Rotationen der Karussellscheiben und bilden ein ständig wechselndes, in jedem Augenblick einzigartiges, sich niemals wiederholendes Ganzes.


Feldmann hat, teils aus seinen früheren umfangreichen Sammelsurien, vielerlei Gegenstände und Gerätschaften des häuslichen und alltäglichen Lebens zusammengestellt, allerlei Puppen und Tiere, geschnitztes Kunsthandwerkliches und Plastikkitsch, Spielzeug wie Teile von Modelleisenbahnanlagen, Pistolen, Skelette und Pizzaverpackungen, Trinkflaschen, Blumentöpfchen und farbenfrohen Nippes. Unsere Welt eben, einschliesslich Mineralwasser und Nahrungsmitteln. Alles dreht sich auf den Karussellflächen im Kreis.

Der Betrachter sieht die Karussells wie auf einer Bühne vor sich und zugleich das geisterhaft anmutende Schattenspiel an der Wand. Die Gegenständlichkeit der realen Welt wird in bühnenhaftem Spielzeugformat gebrochen und ein weiteres Mal in ihrer Projektion. Die Schattenbilder flackern und gaukeln, wir erinnern uns der “schwankenden Gestalten” in Goethes “Faust”. Im Taumel vermählen sich die Figuren. Der gespenstische Reigen gerät zum Totentanz, wenn der Knochenmann die Hand reicht.

Hans-Peter Feldmann, 1941 in Düsseldorf geboren, wo er bis heute lebt und arbeitet, gab 1968 die Malerei auf und wandte sich der konzeptuellen Fotografie zu. Er setzte sich kritisch mit Walter Benjamin (“Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit”), der Thematik von Original und allgegenwärtiger Möglichkeit zu dessen Reproduktion auseinander. 1980 zog er sich gänzlich von der Kunst zurück, wandte sich jedoch 1986 erneut der Fotografie zu. Immer wieder ging es ihm dabei um eine Art kollektiven Bildgedächtnisses, um die Wahrnehmung der gegenständlichen Umgebung mittels der Fotografie.

(Installation © Hans-Peter Feldmann;
Fotos: FeuilletonFrankfurt)
