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Archive for September, 2009

Porträts – Bea Emsbach

Mittwoch, 30. September 2009

Häutungen oder: Wer hat Angst vorm Natternhemd?

Nun, wenn wir uns ehrlich, will sagen “ungeschützt”, äussern wollten, so müssten wir einräumen: Bei der Begegnung mit einem Natternhemd fühlten wir uns zunächst etwas unwohl.

Natternhemd? Ja, das Häutungshemd, die Exuvie der Häutungstiere, beispielsweise der Gliederfüsser, Schlangen oder Echsen. Eine gütige Fügung im Laufe der Evolution hat es diesen Lebewesen gegeben, von Zeit zu Zeit ihre Haut zu wechseln, die neue erwächst ihnen unter der alten, die sodann abgestossen wird, ein für das Tier oft mühsamer Prozess. Und ein gefährlicher: ist es doch in dieser Zeit meist ungeschützt und hilflos seinen Feinden ausgesetzt.

Haut: das grösste und diffizilste Organ der Geschöpfe, der Menschen. Die Haut grenzt das Innere vom Äusseren ab, sie umgibt, sie schützt die Umhäuteten vor den Einflüssen der Umwelt. Und ist doch selbst so verwundbar, verletzlich. Auch über seine Haut spricht der Mensch zu den Menschen: Haut errötet, erblasst, über sie schwitzen und frieren wir. Wehe, sie käme uns abhanden! Das Furchtbarste, was Menschen einander antun können: das Häuten. Der Heilige Bartholomäus, einer der zwölf Apostel, erlitt der Überlieferung nach auf diese Weise den Märtyrertod.

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Bea Emsbachs Figuren, zumeist sind es Frauen, häuten sich, sie streifen im Zuge einer wohl mühsamen, schmerzhaften Entwicklung ihre alte Umhüllung ab, um eine neue Existenz zu gewinnen. Fast immer sind diese Frauen kahlköpfig, als befänden sie sich in einer Chemotherapie. Mögen uns diese Zeichnungen zunächst erschrecken, uns sogar als eine Zumutung erscheinen, so lassen sie doch eine Kraft erkennen, die Kraft des Lebens, sich dem Alten, Kranken zu entwinden. Aber noch ist das Antlitz der sich Häutenden, Erneuernden vom strapaziösen Prozess gezeichnet.

Zwei Menschen, aus ihren geöffneten Rücken lehnen sich zwei neue, den alten Gestalten aber – oder nur? – noch zur Hälfte verhafteten heraus, die neuen begrüssen sich erwartungsvoll, umarmen und küssen sich. Eine Darstellung von psychoanalytischer Dimension.

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Molekularbiologie wollte Bea Emsbach zunächst studieren. Aber dann überwogen Interesse und Neigung, einen künstlerischen Weg einzuschlagen. 1991 nahm sie an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung das Kunststudium auf. Wie manche andere Künstler begann sie mit Arbeiten, die der Abstraktion verpflichtet waren, sie hat sie vernichtet. Im Laufe ihrer künstlerischen Entwicklung wandte sie sich mehr und mehr figurativen Darstellungen zu. Diese erinnern in manchem an akademische Proportions- und Körperstudien, ihnen eignet etwas “Medizinisches”, Anatomisches, fast Wissenschaftliches. Einem grossen Publikum wurde Emsbach schon vor längerem mit derartigen Zeichnungen bekannt, in denen sie eine völlig eigenständige Figurensprache entwickelt:

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Menschen, wiederum fast ausschliesslich Frauen, erscheinen in mullbindenartige Bandagen eingehüllt. In den Umwicklungen miteinander verbunden, umfangen sie sich fürsorglich, oder aber ringen, kämpfen sie nicht vielmehr miteinander, in der Absicht, sich voneinander zu emanzipieren?

Und es erwachsen aus diesen Frauen, Gebärenden gleich, neue Frauen, aus den Köpfen, aus den Leibern, das Bedrohliche, Kranke wird verlassen, die neuen Gestalten recken sich, Renaissance-Menschen ähnlich, aufklärerisch-aufblickend empor. Gestus einer befreienden Wiedergeburt.

In einer anderen Darstellung trägt eine Frau ein Kind, in einem merkwürdigen, rucksackähnlichen Gebinde. Beider Beine und Köpfe sind von einem blätter- oder fellähnlichen Bewuchs bedeckt, Ausdruck einer allerdings ambivalenten Naturhaftigkeit.

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Im Gegensatz dazu nämlich tragen beide gemeinsam eine grotesk anmutende mechanische Apparatur, die dem Kind auf dem Rücken der Frau ein Überleben zu ermöglichen scheint. Über die Schläuche werden lebensspendender Atem, Nährstoffe, Kräfte transportiert. Leben gerät zum Überleben. Allegorie der Frau als Ernährerin, in einer der Natur entarteten, verseuchten, vergifteten Umwelt?

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Die Frau als Nährmutter, auf einem mit Blattwerk bekrönten Baum, mit dessem kräftigen Stamm sie fast verwachsen zu sein scheint. Die Stoffe ihres Kreislaufs gibt sie in Schläuchen an die unter dem Baum hockenden Frauen weiter, diese halten die Schlauchenden in ihren Ohren, als wollten sie lebenspendenden Botschaften lauschen? Dazwischen geschaltete Apparaturen scheinen die Aufgabe zu haben, den Kraftfluss, die körperliche, die akustische Energie auf eine wiederum künstliche Weise zu verstärken.

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Bea Emsbach umgibt manche ihrer Frauen mit “Nährkleidern”, kettenartig geknüpften Gewandungen, aus denen Bergung spendende Kräfte zu strömen scheinen. Im Kreis liegen die Schlafenden in der Obhut der Nährmutter, die ihre Arme schützend, in der Geste einer Segen Spendenden erhebt.

Andere Frauen wiederum leben in einem aus solchen kettenartigen Geflechten gewobenen Nest. Es mag sie beschützen, aber es beengt und begrenzt zugleich ihren Lebensraum. Verstrickte, Gefangene sind sie in ihrer vermeintlichen Geborgenheit.

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Bea Emsbach arbeitet mit ungewöhnlichem Gerät: dem Kolbenfüllfederhalter, mit roten Tinten in verschiedenen Konzentrationen. Waren ihre Arbeiten zunächst von der mit grosser Präzision ausgeführten zeichnerischen Linie bestimmt, so findet die Künstlerin aktuell mehr und mehr zu einem malerischen Ausdruck in der Fläche.

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Wieder begegnen wir den Häutungen, den Fesselungen, aber auch den erträumten Erlösungen im Blätterwerk der Natur: am Ende unserer Darstellung in einer taufähnlichen Szene, die Hände auf den Kopf einer sich aus dem Wasser oder der Erde erhebenden Gestalt gelegt, diese empfängt mit ausgebreiteten Armen heilende Energie.

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Es sind gesellschaftliche wie zwischenmenschliche Utopien, denen Bea Emsbach in ihren Arbeiten nachspürt. Sie reflektiert eine Welt der Verletzlichkeit und Verletztheit, die Brüchigkeit sozialer Beziehungen und Systeme. Zugleich imaginiert sie Möglichkeiten eines selbstheilenden, Wärme, Nähe, Berührung verheissenden Mit- und Füreinanders. In “Zeiten wie diesen” – wir schreiben das Wahl-Jahr 2009 – erscheinen Emsbachs Arbeiten aktueller denn je.

Bea Emsbach wurde 1965 in Frankfurt am Main geboren, wo sie heute lebt und arbeitet. Von 1991 bis 1998 studierte sie an der Hochschule für Gestaltung, Offenbach, bei den Professoren Heiner Blum, Marianne Eigenheer, Adam Jankowski, Dieter Linke und Manfred Stumpf. Sie erhielt Preise und Stipendien, unter anderem den Maria Sybilla Merian-Preis des Landes Hessen und den Preis für junge KünstlerInnen der Darmstädter Sezession,  ein Südkorea-Stipendium des Frankfurter Amtes für Wissenschaft und Kunst, ein Forschungsstipendium des Centro Tedesco di Studi Veneziani in Venedig sowie Stipendien der Hessischen Kultur GmbH und des Hessisches Ministeriums für Wissenschaft und Kunst, des  Kunstfonds Bonn und der Stiftung Schloss Balmoral.

Seit 1997 stellte sie ihre Arbeiten aus, über Frankfurt am Main und Offenbach hinaus unter anderem in Aschaffenburg, Berlin, Bochum, Bonn, Darmstadt, Düsseldorf, Hamburg, Jena, Karlsruhe, Kassel, Kiel, Landau, Nürnberg und Weimar. Im Ausland war sie in Ausstellungen und Galerien im schwedischen Avesta, in Basel, Graz, Linz, Madrid, Modena, Paris, Rotterdam und Zürich, ferner im schweizerischen Nidwalden und im Oberösterreichischen Landesmuseum Zwickledt vertreten.

Die derzeitige Ausstellung in der Frankfurter Galerie Perpétuel – man sollte sie wirklich nicht versäumen -  läuft noch bis zum 14. Oktober 2009.

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Bea Emsbach: Zeichnungen, Skulpturen und Wandmalerei in der Galerie Perpétuel Frankfurt am Main (Foto: FeuilletonFrankfurt); Bildnachweis im übrigen: © Bea Emsbach

27. September 2009, SPD: Faszination Abgrund

Sonntag, 27. September 2009

Der Blick in den Abgrund faszinierte den Menschen schon immer; noch mehr, sich dem Abgrund, dem möglichen Sturz in die todbringende Tiefe bis an den Rand des Schlundes zu nähern. Ein unvergleichlicher Moment, wenn der den Freitod Suchende die Brüstung des Hochhausdaches überwindet. Wenn der dem Spiel Verfallene seine letzten Münzen auf Va banque setzt. Wenn der Extremkletterer jenseits von Haken, Tritten und Leitern in der senkrechten Felswand, nur seinen Fingerkuppen vertrauend,  dem Tod so nahe ist wie dem Leben. Generationen von Schriftstellern haben ein solches Lebensgefühl in ihren Werken festgehalten.

Franz “Münte” Müntefering und die Seinen scheinen diesem verführerischen Sog erlegen zu sein. Über verschiedene Stufen des Abstiegs ist es ihnen heuer gelungen, die SPD (wenn Sie nicht wissen, was sich hinter dieser Abkürzung verbirgt, googeln Sie bitte) in der sechzigjährigen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu ihrem schlechtesten Wahlergebnis zu führen. Eine respektable Leistung auf dem Weg ins endgültige Nichts.

Weiter so, kündigte “Münte” am heutigen Abend der Wahlkatasthrophe in seinem gespenstischen Auftritt vor den Kameras der Nation an, von einem Rücktritt keine Spur. Recht so, rufen wir ihm aufmunternd zu. Ein kleiner Schritt noch, und der Sprung unter die 20 %-Marke ist geschafft! Aber es gilt natürlich, die 10 %-Nähe und den Sturz ins verführerisch Bodenlose zu erreichen. Mit “Münte” wird es schon gelingen, seien wir da auch in düsteren Zeiten wie diesen ganz zuversichtlich.

Wenn da nicht ein “War da nicht etwas?” bliebe:

Hat sich nicht unlängst die SPD nach der Niederlage von Dieter Althaus in Thüringen an die Spitze derer gesetzt, die seinen zu späten Rücktritt geisselten?

Sahen wir nicht heute abend trotz fernsehgeschwächter Sehkraft unserer Augen eine Grafik, die der SPD – Vorwahlumfragen zufolge – die niedrigste Stufe an Glaubwürdigkeit der Parteien bescheinigte?

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Gesund in die AOK auf Probe

Sonntag, 27. September 2009

“Vorsicht Arzt!” schrieb einst der legendäre Chirurg Julius Hackethal an sein Praxisschild. Lenin soll gespottet haben: “Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich erst noch eine Bahnsteigkarte!” In diesem Sinne rufen wir, deutsch, vorsichtig und pflichtbewusst, wie wir sind, Ihnen zu: “Vorsicht Glosse!”

Gesund in die AOK auf Probe

von Robert Straßheim

Testen Sie die AOK Hessen”, stand auf dem Werbeplakat.

Warum nicht, dachte ich mir, teste mal richtig die Krankenkasse! Ich wurde AOK-Mitglied, für eine Probezeit von drei Monaten, mit Auslands-Zusatzversicherung.

Erstmal nahm ich mir eine Woche Urlaub. Das sollte reichen, dachte ich mir, eine Woche investiere ich mal, und die restlichen zwölf Wochen gehören dann der AOK.

Sofort buchte ich einen Flug nach Mexiko, ein one-way-ticket, versteht sich, der Rückflug sollte auf die Kasse gehen. Aber ich musste vier Tage warten, bis der Flieger abging. Um die Zeit zu nutzen, ging ich in ein Flatrate-Lokal, wo ich mich richtig volllaufen ließ, und weil ich die Hälfte davon wieder erbrach, schluckte ich noch ein paar bunte Pillen dazu. Notarzt, Intensivstation, alles verlief nach Wunsch. Nach drei Tagen hatte die AOK mich wieder auf die Beine gebracht.

In Mexiko jagte ich dem Virus nach, wollte doch immer schon mal wissen, wie gefährlich diese Schweinegrippe ist. Fürs HIV und eine schöne AIDS-Behandlung reichen drei Monate ja leider nicht aus. Also schlich ich mich in ein Krankenhaus mit Grippe-Opfern ein, durchbrach alle Sicherheitssperren, gelangte ins Krankenzimmer und küsste von den siechen Leibern alle verfügbaren Schweineviren ab.

Nichts passierte. Dabei endete in zwei Tagen mein Urlaub! Was ich bei meiner Planung vergessen hatte: Drei, vier Tage Inkubationszeit brauchen diese Viren, bis die Schweinegrippe richtig ausbricht. Da ich solange nicht warten konnte, weil ich sonst gefeuert worden wäre oder auf eigene Kosten hätte zurückfliegen müssen, hatte ich eine bessere Idee: Bungee-Jumping. Auch dafür ist Mexiko ein prima Land. Trotzdem musste ich fünfmal hintereinander springen, bis ich endlich verunglückte. Jetzt ging alles sehr schnell: Hubschrauber-Rettung, Nottransport zurück nach Deutschland, Wirbelsäulen-OP, Schweinegrippen-Quarantäne und eine schöne lange Reha-Therapie. Genau zum Ende der Probezeit bin ich entlassen worden.

Zuhause finde ich nun einen Brief der AOK vor: Sie fragt höflich an, ob mir die Probezeit gefallen habe? Ob sie mich weiterhin als ihren AOK-Versicherten führen dürfe?

Naja, denke ich, dank der AOK bin ich nicht im Delirium verreckt, nicht vom mutwilligen Springen querschnittsgelähmt, und durch hinterlistiges Küssen nicht zum Schwein geworden, jedenfalls nicht im medizinischen Sinne. Aber wenn ich es mir recht überlege, will ich doch keine Beiträge an eine Versicherung löhnen, die für all die Dummheiten, wie ich sie begangen habe, bedingungslos bezahlt.

P.S. Mein AOK-Test bringt mir jetzt ein Vermögen ein: Kurz nachdem ich meinen Bericht veröffentlicht hatte, habe ich mehrere Angebote von privaten Fernsehsendern bekommen: Die sind ganz heiss darauf, aus meiner Erfahrung ein neues Format zu produzieren, Titel: Die Kassenprüfer“. In diesem Format soll das Fernsehpublikum die Abenteuer von Freiwilligen in AOK-Probezeiten begleiten, je verwegener, je verrückter, je blutiger, desto grösser der Werbeumsatz. Gratuliere, AOK, tolle Idee!

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(Foto: Jutta Anger /pixelio.de)


Absolventenausstellung 2009 der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule

Freitag, 25. September 2009

DUDE, WHERE’S MY CAREER?

- so titelt die am 18. September eröffnete Abschlussausstellung 2009 der Absolventinnen und Absolventen der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule. Melanie Ohnemus und Bernd Reiß kuratieren die Doppelausstellung an den beiden Standorten PORTIKUS und MMK  ZOLLAMT in Frankfurt am Main.

Die Namen der diesjährigen Hochschulabgänger aus den Klassen der Professoren Christa Näher, Willem de Rooij, Michael Krebber, Mark Leckey, Simon Starling und Tobias Rehberger:

Marisa Argentato, Wiebke Bachmann, David Catherall, Florencia Colombo, Simon Denny, Martin Flemming, Jorma Foth, Oleksiy Gendlin, Florian Heinke, Oliver Heinzenberger, Hanna Hildebrand, Janus Hochgesand, Simone Junker, Normann Kaiser, Klaus Kamptner, Marty Kirchner, Max Kober, Flo Maak, Stefanie Mayer, Ryan Siegan-Smith, Cristina Szilly, Rebecca Ann Tess, Christian Tonner, Siw Umsonst, Friedrich Vater, Jeronimo Voss und Natalie Vu.

Dude, where’s my Career? So lautet der Titel eines Buches – eines Art Leitfadens für Studienabgänger. Eine ironische, vielleicht ein wenig zynische Frage junger Künstlerinnen und Künstler an die Gesellschaft. Die Hochschule ist Vergangenheit, die Zukunft liegt im Ungewissen. Eine Karriere als Künstler ist weder planbar noch ergibt sie sich als Wahrscheinlichkeit. Und was ist das überhaupt, eine Künstlerkarriere? Worin manifestiert sie sich, am Ende im Geld, am sogenannten Kunstmarkt? Manche der Absolventen mögen sich zunächst einmal allein gelassen fühlen, andere werden neue Freiheiten geniessen, bis ein eher nach Graubrot als nach Kuchen schmeckender Alltag sie einholt.

Zur Ausstellung erschien ein bemerkenswerter Katalog: in Gesangbuch-Schwarz eingebunden, artig mit einem schwarzen, zusammenhaltenden Gummiband versehen. Beim Aufblättern entfaltet er kladdenhaften Arbeitscharakter. Wer sich auf das knapp 130 Seiten starke Büchlein einlässt, kann zwar seine Füsse auf dem Sofa belassen, muss sich aber selbst auf ein tüchtiges Stück Arbeit einstellen. Das muss ja nicht unbedingt falsch sein.

Den diesjährigen, vom Verein STÄDELSCHULEPORTIKUS e.V. gestifteten, mit 2000 Euro dotierten Absolventenpreis erhielten  zu gleichen Teilen Hanna Hildebrand und Janus Hochgesand.

“Hanna Hildebrand zeigt uns”, so die Begründung der Jury, “in ‘A display with a purpose‘ überzeugend die Übertragung einer Performance in eine skulpturale Lösung. Sie destilliert das eine Medium hochkonzentriert in ein Neues.”

Ein niedriger Tisch, in dessen Platte ein Bildschirm eingearbeitet ist, ein Performance-Video, ein aufgeblättertes Heft des Lifestyle- und  Stadtmagazins “Prinz” (Frankfurt-Ausgabe). Eine Integration der Medien Video und Print mit einem möbelartigen “Bildschirm-Lese-Tisch” zu einer Gesamtskulptur.

Hanna Hildebrand wurde 1978 in Como geboren. Seit 2003 studierte sie, unterbrochen von einem Auslandssemester in Japan, an der Städelschule bei Professor Tobias Rehberger. Sie stellte bisher in Belgrad, Frankfurt am Main und Münster aus. In ihren Performances befasst sie sich zumeist mit der Thematik Gruppen und Individuen. Sie ist Ko-Autorin des Buches “kunst lehren – teaching art. Städelschule Frankfurt”.

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Hanna Hildebrand, “A display with a purpose”, 2009, table, magazine, video

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Janus Hochgesand, “Wenn Sex überall ist, gibt es keinen mehr” aus der
dreiteiligen Serie Denk mal an mich, 2009, Stoff, Holz, Pfauenfeder

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Mit der Installation könnten wir eine kritische Beziehungssituation zwischen dem Maskulinen und dem Femininen, zwischen Mann und Frau also assoziieren. Zwischen den beiden Skulpturen liegt voller schmerzlicher Poesie eine zerrissene Pfauenfeder auf dem Boden.

“Es gelingt Janus Hochgesand, in seiner szenischen Installation mit dem Titel: ‘Wenn Sex überall ist, gibt es keinen mehr’ vor allem durch die Wahl der Materialien eine präzise formale Lösung zu finden. Seine skulpturale Sprache entwickelt Narratives, ohne dabei etwas abzubilden” lautet das Urteil der Jury zur Verleihung des Preises an den Künstler.

Der 1981 in Dierdorf geborene Janus Hochgesand studierte zunächst an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Karlsruhe bei Andreas Slominski. Nach einem Auslandsaufenthalt an der Kunsthochschule La Esmeralda in Mexiko-City setzte er sein Studium an der Städelschule bei Professor Tobias Rehberger fort.

Hochgesand stellte neben Frankfurt am Main in Alexandria, Ettlingen, Köln, London und Mexiko-City aus. Grosse Beachtung fand jüngst seine Arbeit in der gemeinschaftlichen Ausstellung mit Philip Götze “Wannabe – ein Sehnsuchtsmodell” in der Frankfurter Hochschule Sankt Georgen.

(abgebildete Werke © Hanna Hildebrand bzw. Janus Hochgesand; Fotos: FeuilletonFrankfurt)


Vincent van Gogh im Kunstmuseum Basel

Donnerstag, 24. September 2009

Zwischen Erde und Himmel -
Die Landschaften

Text: © Renate Feyerbacher

Nur noch bis 27. September – wer es einrichten kann, der sollte zu dieser aussergewöhnlichen Ausstellung noch hineilen: am besten mit Voranmeldung zur Eintrittskartenreservierung oder sich auf längere Wartezeiten an den Kassen einstellen. Aber es lohnt sich.

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Eingangshalle des Kunstmuseum Basel mit bewegter Bilderschau; Foto: Renate Feyerbacher

Noch nie hat sich eine Ausstellung ausschliesslich auf die Landschaftsmalerei des Malers konzentriert und bewusst gemacht, dass sie quantitativ den weitaus grössten Teil seiner Werke ausmacht. 70 Gemälde, bekannte wie das Bild “Zypressen” aus dem Metropolitan Museum of Art in New York und weniger bekannte wie zum Beispiel die Weizenfelderbilder, die einer breiten Öffentlichkeit bisher verborgen waren, sind in der Schau versammelt. Die meisten Exponate kommen aus der Schweiz, immerhin etwa ein Drittel aus Deutschland und der Rest aus Frankreich.

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Ernte in der Provence, Juni 1888; Öl auf Leinwand; 51 x 60 cm;
The Israel Museum, Jerusalem; Gift of Yad Hanadiv, Jerusalem, from the collection of Miriam Alexandrine de Rothschild, daughter of the first Baron Edmond de Rothschild
© The Israel Museum by Avshalom Avital

Gezeigt werden Werke aus der Schaffenszeit von 1883 bis 1890. Es zeigt sich, dass das Landschaftsbild für Leben und Werk des Malers van Gogh eine grosse Bedeutung hatte, ihn wie ein Leitmotiv begleitete. “Es sind endlos weite Kornfelder unter trüben Himmeln und ich habe mich nicht gescheut, Traurigkeit und äusserste Einsamkeit auszudrücken … Ich glaube fest daran, diese Bilder werden Euch sagen, was ich in Worten nicht sagen kann, nämlich was ich Gesundes und Kraftgebendes im Landleben erblicke” schreibt van Gogh im Januar 1890.

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Blumenbeete in Holland, April 1883; Öl auf Leinwand;48.9 x 66 cm;
National Gallery of Art, Washington, Collection of Mr. and Mrs. Paul Mellon
© The Board of Trustees, National Gallery of Art, Washington

Die Ausstellung folgt seiner Biografie: 1883 Einzug ins elterliche Haus in Nuenen. Hier entstehen die in erdigen Töne, noch dem Sozialrealismus der Haager Schule verhafteten Bilder – unter anderem der alte Friedhofsturm und die Kirche von Nuenen. Zwei Jahre später nach dem Tod des Vaters, eines Pfarrers, geht er für ein Jahr an die Kunstakademie in Antwerpen, dann zieht er überstürzt nach Paris zu seinem Bruder Theo, einem Kunsthändler. Schon bald begegnet er Paul Signac, Alfred Sisley und Toulouse Lautrec. Sein Bruder macht ihn mit Camille Pissarro bekannt. Die Farben seiner Bilder werden leuchtender, unverkennbar ist der impressionistische Einfluss.

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Angler und Boote an der Pont de Clichy, Sommer 1887; Öl auf Leinwand; 49 x 58 cm;
The Art Institute of Chicago, Gift of Charles Deering McCormick, Brooks McCormick, and Roger McCormick
© The Art Institute of Chicago

Im Februar 1888 zieht van Gogh aus Gesundheitsgründen, aber auch, um sich weiter zu entwickeln, nach Arles, wo er im Mai das gelbe Haus am Place Lamartine bezieht. Seine Pinselschrift wird immer expressiver. Geradezu wild sind nun seine Striche, seine Farbtupfen, seine Schraffuren. Smaragdgrüne Augen malt er sich im Selbstbildnis mit japanischem Holzschnitt.

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Selbstbildnis mit japanischem Holzschnitt, Dezember 1887; Öl auf Leinwand; 43 x 34 cm;
Kunstmuseum Basel, Depositum der Dr. h.c. Emile Dreyfus-Stiftung 1970
© Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler

In sein “Atelier des Südens” kommen Künstlerfreunde. Drei Monate teilt er das Atelier mit Paul Gauguin, der das Haus im Dezember nach einem Streit verlässt. Van Gogh schneidet sich ein Stück seines linken Ohrläppchens ab. Nach Krankenhausaufenthalten arbeitet er zunächst weiter im Atelier. Wenig später lässt er sich “aus freien Stücken” in die Heilanstalt Saint-Paul-de-Mausole in Saint-Rémy de Provence einweisen.

Die Wirbel und Strudel auf den Bildern, die hier entstehen, haben eine neue Dynamik.

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Zypressen, Juni 1889; Öl auf Leinwand; 93,4 x 74 cm;
The Metropolitan Museum of Art, New York. Rogers Fund, 1949
© The Metropolitan Museum of Art

In Saint-Rémy versucht er sich mit Lösungsmitteln und Farben zu vergiften. Die meiste Zeit kann und darf er nicht malen und wenn, dann nur unter Aufsicht. Anfang 1890 erscheint ein erster, enthusiastischer Artikel über van Gogh. Kurze Zeit später ist er mit zehn Gemälden beim Pariser Salon vertreten.

Er verlässt die Heilanstalt, nachdem ihn Bruder Theo überzeugt hat, und geht in die Obhut des Dr. Paul-Ferdinand Gachet in Auvers-sur-Oise. Über hundert Werke entstehen in den neun Wochen, die er hier ist, unter anderem das berühmte Portrait des Arztes, aber auch ein grosser Panoramazyklus von den Landschaften um Auvers, wo es ihm zunächst gut geht. Dann beginnen wieder die Anfälle, kehrt die Verzweiflung zurück. Auf einer Wanderung schiesst sich van Gogh am 27. Juli 1890 mit einer Pistole in die Brust und stirbt zwei Tage später.

Parallel zur van Gogh-Ausstellung sind 40 Meisterwerke von van Goghs Zeitgenossen ausgestellt. Sie gehören in die grossartige Sammlung des Kunstmuseums Basel.