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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for August, 2009

Starke Frauen: 12. Skulpturenpark 2009 in Mörfelden-Walldorf

Montag, 10. August 2009

“Starke Frauen braucht hat das Land” -

so lautet das Motto des diesjährigen, bereits 12.  Skulpturenparks in Mörfelden-Walldorf.

Stark müssen sie sein, die Bildhauerinnen und Skulpturenbildnerinnen – gilt es doch, zentner- und tonnenschwere Materialien wie Stein, Holz, Gips, Stahl oder Eisen zu handhaben und zu bearbeiten. Aber stark sind diese Frauen – von, wie wir bezeugen können, allesamt eher zierlicher Gestalt – vor allem in ihrer Kunst, die sie jetzt im 12. Skulpturenpark in Mörfelden-Walldorf präsentieren. Im folgenden zeigen wir eine kleinere Auswahl an Arbeiten von fünf der an der Ausstellung beteiligten insgesamt dreizehn Künstlerinnen.

Die in Dresden geborene Gisela Buchholz studierte Malerei und Kostümbildnerei an der Fachhochschulke für Gestaltung in Hamburg; sie lebt und arbeitet in Hamburg und Südfrankreich.

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Im Mittelpunkt ihrer Werke steht der Mensch in der Bewegung, Vitalität und Leben ausstrahlend. Im 12. Skulpturenpark zeigt die Künstlerin eine rund zwei Meter hohe weibliche Gestalt in Bronze, flankiert von zwei Figuren aus rot lakiertem Stahl.

Christiane Erdmann, 1950 in Bonn geboren, verbrachte ihre Kindheit in Istanbul. Sie studierte Keramik, Bildhauerei und Fotografie an der Werkkunstschule Wiesbaden. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Rom und Tätigkeiten am Theater in Mannheim und Wiesbaden widmete sie sich der keramischen Plastik, der Fotografie und der Metallplastik.

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Seit 1994 bildet die Holzbildhauerei ihren Arbeitsschwerpunkt. Unter anderem sägt sie aus Baumstämmen, vorzugsweise Eiche und Esche, Vierkanthölzer, aus deren oberen Enden sie kleine Figuren herausschnitzt. Sie flämmt das Holz und überzieht es mit einer Leinöl-Pigment-Mischung. Ferner zeigt sie in Mörfelden-Walldorf zwei ihrer zahlreichen, nahezu lebensgrossen, farbig gefassten menschlichen Figuren.

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Die in Berlin geborene Kathrin Gordan studierte Kunst, Soziologie und Pädagogik an der Universität Frankfurt am Main. Ihre künstlerische Ausbildung ergänzte sie in verschiedenen weiterbildenden Kursen.

Gordan stellt ihre dreiteilige Arbeit aus Grünsandstein – Grosser Vogel, Rückentorso, Umschlossene Kugel – in einen Zusammenhang mit der Geschichte des heutigen Bürgerparks, einem ehemaligen Friedhofsgelände. So muten ihre Skuplturen wie steinerne Erinnerungen an früheres Leben an. “Rückentorso” und “Umschlossene Kugel” sind teilweise in das Erdreich eingebettet – ein steinernes Memento mori.

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Sieglinde Gros, 1963 in Darmstadt geboren, erhielt ihre Ausbildung zur Holzbildhauerin an der Staatlichen Fachschule Michelstadt und an der Meisterschule für das Holzbildhauerhandwerk in München. Von Zeit zu Zeit öffnet sie ihr Atelier in Michelstadt / Odenwald mit Ausstellungen für Besucher.

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Sieglinde Gros bearbeitet das Holz – es handelt sich vorwiegend um Mammutbaum, Eiche sowie um Obsthölzer – vielfach zunächst mit der Kettensäge. Ihre Figuren, zumeist menschliche Gestalten, ragen asketisch schlank und säulenartig auf. Die Bearbeitungsspuren hinterlassen bei den Skulpturen “Lebenslinien” als Ausdruck ihrer jeweiligen Individualität.

Christine Hach, 1966 im Worms geboren, studierte Bildende Kunst an der Universität in Mainz und am Exeter College of Art and Design in England. Ihr Atelier unterhält sie in Gimbsheim südlich von Mainz.

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In Mörfelden-Walldorf stellt die Künstlerin die Skulpturengruppe “Orangen” aus. Die stelenartigen Elemente aus gebranntem Ton, den sie mit Acryl und einer Glasur bearbeitete, erreichen eine Höhe von bis zu zwei Metern.

Auswahlen sind ungerecht. Ebenso bemerkenswert sind die Arbeiten der anderen an dem 12. Skulpturenpark beteiligten Künstlerinnen:

Nicola Falley,
Gisela Hoffmann,
Romana Menze-Kuhn,
Wanda Pratschke,
Sigrid Siegele und
Ortrud Sturm sowie des Künstlerinnen-Duos
Trash/Treasure (Bea T. und Ina T.).

Der 12. Skulpturenpark in Mörfelden-Walldorf bleibt bis zum 13. September 2009 geöffnet (Bürgerpark Mörfelden, Blumenstrasse / Ecke Parkstrasse).

(abgebildete Werke © der jeweiligen Künstlerinnen; Fotos: FeuilletonFrankfurt)

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Freitag, 7. August 2009

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(Früher: Archivschrank, Zeichnung im Staatsarchiv Würzburg)

Nein, liebe Leserinnen und Leser, Schubladen brauchen Sie nicht mehr aufzuziehen und auch keine Karteikarten durchzustöbern. Das Archiv von FeuilletonFrankfurt funktioniert – dank WordPress – ganz ausgezeichnet. Einfach einen Begriff oder einen aus den Personenregistern kopierten Namen in den Kasten “Suchen” eingeben, “Enter” drücken – und schon haben Sie alle Einträge in FeuilletonFrankfurt zum Anklicken bereit. Viel Spass dabei!

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(Heute: digitale Datenbank; Foto: Rainer Sturm /pixelio.de)

WANDA PRATSCHKE – EIN KÜNSTLERISCHER PROZESS / 6

Mittwoch, 5. August 2009

“LIEGENDE” von Wanda Pratschke

Wir haben eine längere Zeit nichts mehr gehört über die “Grosse Liegende”, deren Werdegang wir – wie Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, erinnern – von Anfang an begleitet haben. Wanda Pratschke, die Bildhauerin, hat die Gipsskulptur in den letzten Wochen ein wenig überarbeitet und mit einer wasserfesten Schicht überzogen. Damit kann die Figur mit den stattlichen Maassen 110 x 195 x 110 cm unter freiem Himmel lagern.

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Das tut sie auch seit kurzem: Sie können die Dame in Weiss in der Ausstellung “12. Skulpturenpark – Starke Frauen braucht hat das Land” im Bürgerpark Mörfelden, Blumenstrasse / Ecke Parkstrasse in Mörfelden-Walldorf besuchen. Genauer gesagt bis zum 13. September 2009 haben Sie dazu die Zeit.

Übrigens haben Daniil Vishnya und Sarah Botella über die Entstehung der Skulptur einen Videofilm “Die Liebe zur Form” veröffentlicht, den Sie bei der Künstlerin bestellen können.

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Wanda Pratschke und Daniil Vishnya präsentieren das Video über das Entstehen der “Grossen Liegenden”

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Noch auf dem Montagewagen: Die Gipsskulptur “Grosse Liegende” – im Vordergrund das Modell als Bronzeguss – im Bürgerpark Mörfelden

Die “Grosse Liegende” hat noch einen weiten Weg vor sich – den Weg in die Bronzegiesserei. Ein Bronzeguss dieser Dimension erfordert einen fünfstelligen Betrag. Eine solche Summe haben unsere heimischen Künstler nicht eben in der Jackentasche.

(Skulpturen © Wanda Pratschke; Fotos: FeuilletonFrankfurt)

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Erinnern, Vergessen: “Album” von Gesine Götting

Dienstag, 4. August 2009

Es kommt nicht eben oft vor, dass der Laudator zu Beginn einer Vernissage die zu Laudatierende für “verrückt” erklärt oder ihr bescheinigt, das, was sie wolle, sei schlechthin unmöglich. So geschehen im 1822-Forum der Frankfurter Sparkasse zur Eröffnung der Ausstellung “Album” von Gesine Götting. Der Laudator: kein anderer als Professor Jean-Christophe Ammann, der sein Verdikt vor dem zahlreich herbeigeeilten Publikum alsbald augenzwinkernd wieder in Frage stellte.

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Jean-Christophe Ammann und Gesine Götting im Künstlergespräch (Foto: FeuilletonFrankfurt)

In der Tat, die bienenfleissige wie begnadete Zeicherin Gesine Götting präsentiert in ihrer “Album” betitelten Ausstellung Aussergewöhnliches: zwei Werkgruppen, die eine mit Bleistiftzeichnungen, die andere besteht aus Zeichnungen mit Kugelschreiber, wobei letztere gleichsam auf ersterer aufbaut.

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Ausstellungsansicht

Die Künstlerin befasst sich mit dem Erinnern und dem mit ihm geschwisterlich verbundenen Vergessen. Arbeitsgrundlagen ihrer jetzt gezeigten Werke sind Fotografien, im ersten Fall ein 20 Jahre altes Gruppenbild ihrer ersten Schulklasse. Für jede der 26 dort abgebildeten Personen fertigte Götting eine vollständige Abzeichnung mit Bleistift im Format der Fotografie, die sie ihnen zuleitete. Sie bat die Empfänger, Gesichter oder auch Garderoben, an die sie sich  nicht mehr erinnern könnten, auszuradieren. 16 derart durch Radieren bearbeitete Zeichnungen erhielt sie zurück und rahmte sie. Bei den zehn nicht mehr erreichbaren ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschülern vernichtete sie die Zeichnungen wieder und rahmte statt dessen jeweils ein weisses Blatt. Die auf diese Weise entstandenen 26 Bilder hängte sie zu einem Tableau, das exakt der Anordnung der Personen auf der Fotografie entspricht.

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Die “interaktive”, von Witz wie Intelligenz zeugende Arbeit erschreckt spätestens auf den zweiten Blick. Menschen in ihrer Kindheit, mit denen man eine wichtige und prägende Zeit gemeinsam verbrachte, an die man sich aber jetzt nicht mehr erinnern kann, werden “ausradiert” – in aller Mehrdeutigkeit dieses Begriffes. Die Kinder rechts unten in der Abbildung besonders häufig. Aber die Ausradierung gelingt nicht vollständig: Schatten der ursprünglichen Zeichnungen deuten ihre ehemalige Existenz an, gleichsam wie gelöschte Daten auf der Festplatte Spuren hinterlassen, die eine Rekonstruktion ermöglichen. Erinnern und Vergessen sind symbiotisch miteinander verbunden. Vergessenes kann unter geeigneten Umständen wieder erinnert werden. Gesine Götting gelingt es, dieses Beziehungsgeflecht zu visualisieren.

Die zweite ausgestellte Werkgruppe umfasst Göttings Porträtzeichnungen in Lebensgrösse. Wieder greift sie auf Erinnerungsfotos zurück – dieses Mal aus dem Fotoalbum von Max Pauer, der die Galerie betreut. Sie zeigen Pauer als Kind, als Heranwachsenden, als jungen Künstler, als den, der er heute ist.

Die Künstlerin wählt als Arbeitsmittel dieses Mal den Kugelschreiber. Ein reines Schreibinstrument, in jeder Weise ungeeignet für ein künstlerisches Zeichnen. Ein vernünftiger Strich erscheint kaum zu bewerkstelligen, Korrekturen sind ausgeschlossen. Wir erinnern uns an Jean-Christophe Ammanns einleitende Worte, ein solches Vorhaben sei verrückt, ja unmöglich.

Nun ist die konzeptuelle Arbeit aber – dank der Beharrlichkeit und der überlegenen handwerklichen Fähigkeiten der Künstlerin – gelungen, Ammann bestätigt es mit sinnendem Schmunzeln. Die Wahl des Kugelschreibers als “unmöglichem” Zeicheninstrument versinnbildlicht den von der Künstlerin erkannten Bruch zwischen dem “Momentbild des Erinnerungsfotos” (Ammann) und dessen “Konservierung” (Götting). Die Vergangenheit kann im Erinnerungsbild nicht heraufbeschworen werden.

Wir aber erinnern uns an Hugo von Hofmannsthals Terzinen:

“Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen:
Wie kann das sein, daß diese nahen Tage
Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?

Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,
Und viel zu grauenvoll, als daß man klage:
Dass alles gleitet und vorüberrinnt.

Und dass mein eignes Ich, durch nichts gehemmt,
Herüberglitt aus einem kleinen Kind
Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.

Dann: dass ich auch vor hundert Jahren war
Und meine Ahnen, die im Totenhemd,
Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar,

So eins mit mir als wie mein eignes Haar.”

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“Mai 1963″, Max Pauer und seine Mutter

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“Juli 1976″, Max Pauer mit Mutter und Schwester

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“März 1992″, A. R. Penck und Max Pauer

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“Dezember 2008″, Max Pauer

“Durch ihre Entscheidung, den Galeristen zum zentralen Bildmotiv zu erklären”, schreibt Lena Ronte, “entsteht eine experimentelle Verschiebung der Ausgangssituation. Der Abgebildete und sein lebensgrosses Abbild befinden sich gleichzeitig in zwei grundliegend verschiedenen Situationen – Arbeit und Freizeit – in einem Raum und erzeugen ein Spannungsfeld zwischen Privatem und Öffentlichem, Vergangenheit und Gegenwart, Erleben und Erinnern”.

Gesine Götting, 1979 in Frankfurt am Main geboren, studierte von 2000 bis 2007 an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach bei den Professoren Manfred Stumpf und Heiner Blum. Aufmerksamkeit erregte sie bereits mit ihrer damaligen Diplomprüfungsarbeit, bezeichnender Weise mit dem Titel “Zur Prüfung”: Sie zeichnete die Professoren ihres Hauptstudiums als Ganzkörperporträts in Lebensgrösse, mit den Augen den Betrachter fixierend. “Die Zeichnungen”, schrieb sie dazu, “ermöglichen dem Betrachter, sich den Blicken der dargestellten Prüfer zu unterziehen … Die Lehrenden stehen vor dem eigenen Porträt und urteilen über Bestehen oder Nicht-Bestehen”.

Die Künstlerin hat die Prüfung bestanden.

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Jean-Christophe Ammann (Mitte), Gesine Götting und Max Pauer in der Vernissage (Foto: FeuilletonFrankfurt)

(Bildnachweis: soweit nicht anders gekennzeichnet 1822-Forum der Frankfurter Sparkasse)