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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for Juli, 2009

Bayrisch / 4

Sonntag, 5. Juli 2009

Bayrisch:   Hutzlbrüah

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Deutsch:    Ungeniessbar dünner Kaffee (Hessisch Muckefuck, Preussisch Lorke)

Der deutsch Sprechende denkt bei Hutzlbrüah zunächst fälschlich an warmen Pflaumensaft, was bei Bestellungen oder Reklamationen am bayerischen Frühstücksbuffet zu Irritationen führen kann.

53. Biennale Arte Venedig 2009 (6) – Aleksandra Mir bringt “Venezia” in die ganze Welt

Freitag, 3. Juli 2009

Von Publikum vielfach umlagert: die zweiteilige Installation von Aleksandra Mir im Palazzo delle Esposizioni und in den Arsenale (in Frankfurt am Main ist die Künstlerin durch ihre Ausstellung “Triumph” bekannt).

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Ständer für Postkarten, Kartons auf Holzpaletten: gefüllt mit Ansichtskarten, die Rückseiten mit dem üblichen Blanko-Adressfeld bedruckt, fertig zum Verschicken. Aleksandra Mirs Installation umfasst denn auch gleich einen echten Briefkasten der Poste Italiane und einen Verkaufsstand für Briefmarken auf dem Ausstellungsgelände.

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“VENEZIA (all places contain all others)”

betitelt die Künstlerin ihre Aktion. 1 Million farbige Bildpostkarten hat sie drucken lassen, von 100 Motiven mit jeweils einer Auflage von 10.000 Exemplaren. Die Postkarten liegen in den Ständern und Kartons für die Dauer der aktuellen Biennale für die Besucher zur kostenfreien Entnahme aus. Ein jeder kann so viele Karten mitnehmen, wie er möchte.

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(Aleksandra Mir, Venezia, Digital Vision, Getty Images)

Aber was sind das für seltsame Ansichtskarten? Da stimmt doch etwas nicht. Die Motive der Karten tragen zwar alle die Aufschrift “Venezia”. Aber was hat das, was da zu sehen ist, mit Venedig zu tun?

Alle 100 Motive zeigen Situationen, die mit Wasser zu tun haben. Alle Wasser dieser Erdkugel hängen in vielerlei Weise miteinander zusammen, stehen untereinander in einem weltumspannenden Konnex. So sind auch die Kanäle Venedigs, selbst wo dies nicht unmittelbar der Fall ist, doch mittelbar über den irdischen Wasserkreislauf aus Verdunstung und Regen mit allen Meeren, mit allen Flüssen, Bächen, Seen und Teichen in allen Kontinenten verbunden.

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(Aleksandra Mir, Venezia, Andy Sotiriou/Photodisc, Getty Images)

Venedig ist, so die Künstlerin, in allen Regentropfen, in allen Wassermolekülen präsent. Die miteinander verbundenen Wasserwege sind uns ein Gleichnis für die Globalisierung.

Die Verflechtung der Wasserflächen und -wege symbolisiert weltweite Mobilität, sie steht, so Aleksandra Mir weiter, für die Erosion des Nationalstaatlichen, aus der eine neue weltweite kulturelle Identität erwächst.

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(Aleksandra Mir, Venezia, George Doyle/Stockbyte, Getty Images)

Wir haben aus den 100 Motiven auch solche ausgewählt, die uns zugleich als ein Menetekel erscheinen: beispielsweise die Bedrohung der Meere durch Ausbeutung unterseeischer Ressourssen, die Zerschneidung und Zerstörung der Umwelt durch gigantische Verkehrswegeschneisen, die Gefährdung und Verletzung der Natur durch aggressives Freizeitverhalten.

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(Aleksandra Mir, Venezia, Karl Weatherly/Photodisc, Getty Images)

Mit ihrer Aktion schreibt Aleksandra Mir den Besuchern der Biennale in Venedig eine aktive und fundamentale Rolle zu: die Million Postkarten in alle Welt zu verschicken, damit das Kunstwerk seine globale Wirkung entfalten und sich auf diese Weise vollenden kann.

Fotos: FeuilletonFrankfurt

53. Biennale Arte Venedig 2009 (5) – Die Komoren und Monsieur Pinault

Mittwoch, 1. Juli 2009

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Einen nationalen Pavillon zur Biennale hat sie nicht: die Union der Komoren im Indischen Ozean. Kein Wunder bei einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von gut 800 US-Dollar (Deutschland rund 45.000). Und dennoch ist der föderale Inselstaat bei all seiner Armut zum ersten Mal bei einer Biennale in Venedig vertreten.

Kuratiert von Wahidat Hassane verankerten der italienische Künstler Paolo W. Tamburella und fünf komorische Dockarbeiter am Ufer der Bacino di San Marco, am Eingang zu dem Pavillon-Park der Giardini Pubblici, ein im Hafen der Komoren-Hauptstadt Moroni verlassenes Djahazi-Boot. Beladen ist es mit einem braun angestrichenen Container. Dieser trägt zu beiden Seiten die Aufschrift “CAPITAL FORWARDING SOLUTIONS”.

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Das erbärmliche Boot – einst tatsächlich zum Transport von Lasten bis hin zu Containern im Hafen von Moroni eingesetzt – dümpelt im an dieser Stelle brackigen, veralgten Uferwasser, umgeben von manchem Plastikunrat. Am Kai wurde ein Lattengerüst aus rohem Holz installiert, zur Lagunenseite hin geneigt. Es signalisiert Abwehr.

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Der 1973 in Rom geborene Paolo W. Tamburella lebt und arbeitet dortselbst und in New York. Er befasst sich mit Fragen der Globalisierung und postkolonialer Verhältnisse. Tamburella wurde für seine weltweit gezeigten Installationen bekannt. Wahidat Hassane versieht das Amt des Direktors für Kultur, Jugend und Sport in der Union der Komoren.

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Szenenwechsel:

Schräg über den Bacino di San Marco hinweg, durchaus noch in Sichtweite zum Djahazi-Boot, vor der mächtigen Kulisse der Votivkirche Santa Maria della Salute die blendend weisse Fassade der Punta della Dogana. Der französische Luxusmarken-Unternehmer, Kunstsammler und Milliardär François Pinault liess jüngst das ehemalige venezianische Zolllager zu seinem zweiten Privatmuseum (neben dem ebenfalls am Canal Grande gelegenen, 2006 renoviert eröffneten Palazzo Grassi) ausbauen, eigene Yacht-Ankerplätze inklusive. Rund 20 Millionen Euro liess er sich den neuen “Palazzo Prozzo” (Silke Müller, stern 25/2009) kosten. Was Pinault an weltweit Teuerstem erwarb und beherbergt, übersteigt den Geldwert der Baumassnahmen um ein Vielfaches: Andy Warhol und Mark Rothko, Maurizio Cattelan und Takashi Murakami, Jeff Koons und Damien Hirst, um nur einige Namen zu nennen.

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Standesgemässe Wasserfahrzeuge, wenn auch der bescheideneren Art gegenüber dem, was man sonst so alles in Venedig ankern sehen kann: zu Besuch bei François Pinault. Oder sind es lediglich seine Wassertaxen, mit denen er seine Freunde abholen lässt?

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Ach ja, CAPITAL FORWARDING SOLUTIONS.

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)