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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for Juli, 2009

53. Biennale Arte Venedig 2009 (9) – Roman Ondák: Verweigerung

Dienstag, 14. Juli 2009

Die Tschechische und die Slowakische Republik haben in den Giardini Pubblici einen gemeinsamen Pavillon. Er soll leicht aufzufinden sein, entnehmen wir dem Ausstellungsplan, einfach schräg gegenüber dem Haus der Deutschen.

Wir sind gespannt auf das, was es zu sehen gibt. Erwartungsvoll gehen wir über den bekiesten Platz in Richtung üppig wuchernden Grüns der Bäume und Sträucher.

Aber wo ist eine Eingangstür? Und wo ist denn überhaupt dieser Pavillon?

Ja, Wände und Dach sind wohl vorhanden, aber … Wir versuchen, uns zu orientieren.

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Innerhalb der vier Wände: ist dies denn ein Gewächshaus? Der Kiesweg verläuft geradewegs durch den Pavillon. Rechts und links dieses Wegs setzt sich die Vegetation des Gartens fort.

Und die Ausstellung, das Kunstwerk?

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Mittendrin, ja, wir sind mittendrin.

Besucherinnen und Besucher des Pavillons schlendern durch das angenehme Grün. Kopfschütteln, auch Lachen und Scherzen. Es ist ein Gag, so hören wir sagen, warum nicht? Die Stimmung ist heiter.

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Die Giardini setzen sich im Pavillon fort, wachsen durch ihn hindurch. Vor dem, was vormals der gegenüberliegende Ein- und Ausgang war, erhebt sich ein mächtiger Baum. Dahinter wieder das Grün der abgeblühten Rhododendren.

Roman Ondák wurde 1966 im slovakischen Zilina geboren. Der in den unterschiedlichsten Medien wie Skulptur, Zeichnung, Fotografie, Video oder Installation tätige, weltweit ausstellende Konzept-Künstler lebt und arbeitet in Bratislava.

In Venedig lässt er jetzt in seiner von der Österreicherin Kathrin Rhomberg kuratierten Arbeit “Loop” die Grenzen zwischen Innen und Aussen, zwischen dem für Kunst vorgesehenen Raum und dem diesen umgebenden Park verwischen. Ein Gegner nationaler Pavillons, negiert er so auf konsequente Weise deren Existenz. Der Künstler hatte sich dabei nach eigenem Bekunden allerdings mit der besonderen Situation auseinanderzusetzen, dass sich aus der früheren Tschechoslowakei die beiden heutigen Staaten Tschechische und Slowakische Republik gebildet haben, die den Pavillon derzeit (noch) gemeinsam bespielen.

Uns scheint deshalb ein weiterer künstlerische Ansatz für Ondáks Arbeit noch plausibler zu sein: die Verweigerung gegenüber einer Auftragskunst, gegenüber dem biennalen Kunstbetrieb. Sogar dessen Negierung.

Eine der, wie wir meinen, grandiosesten Arbeiten dieser Biennale.

(Installation © Roman Ondák; Fotos: FeuilletonFrankfurt)


Zum letzten Mal: die “Waldschlösschenbrücke”

Sonntag, 12. Juli 2009

Auch wir glossierten seinerzeit – wie könnte es anders sein – die berühmte Welterbe-Vernichtungsanlage und Sächsische Freistaatsgroteske  Waldschlösschenbrücke.  Am 25. Juni 2009  entzog das UNESCO-Welterbekomitee nun endlich dem “Dresdner Elbtal” den Welterbetitel. Und das ist gut so.

“Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert”, lautet ein geflügeltes Wort. Warum sollte deshalb der Brücke im schönen Elbtal nicht auch ein wunderschöner grosser Park folgen? Selbstverständlich ein Industrie”park”, versteht sich.

Nun leben wir im schönen Frankfurt am Main und nicht im fernen Dresden, und die Dresdener sollen sehen, wie sie ohne den Titel auskommen, uns ist es “Wurscht”, frei nach dem – Friedrich August III. zugeschriebenen – Motto “Machd doch eiern Drägg alleene!”. Und Rhinolophus hipposideros - die Kleine Hufeisennase – wird auch mit Brücke überleben können.

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(Rhinolophus hipposideros, Foto: Dodoni, wikimedia commons GFDL)

Nun gingen wir zu unserer Tagesordnung über, wenn da nicht etwas Anstössiges wäre, aufgelesen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 28. Juni 2009. Da schreibt nämlich Peter Richter unter dem vermeintlich witzigen Titel: “Haut doch die Stadt in Brücke – Dresden auf Welterbetitelentzug” – wir zitieren: “Faktisch bedeutet so ein Welterbetitel, dass einer Kulturlandschaft untersagt wird, das zu tun, was ihr Wesen ist: sich entsprechend der ökonomischen Ansprüche ihrer Bewohner zu verändern.”

Na, da haben wir wieder einmal ein entlarvendes Beispiel für unser gesellschaftspolitisches, derzeit von Finanz- und Wirtschaftskrise beschriebenes Defizit: die Gleichsetzung der Kultur mit der Ökonomie, will sagen in der Konsequenz deren Unterwerfung unter die Ökonomie.

Ökonomie ist nur ein kleiner Teil dessen, was Menschen unter materieller und immaterieller Kultur verstehen. Die Ökonomie, also die Wirtschaft, hat dem Menschen, sprich dem Gemeinwohl zu dienen und nicht umgekehrt der Mensch der Ökonomie. Peter Richter sollte sich einmal mit Google-Hilfe danach umsehen, welche wahren geistigen und charakterlichen Autoritäten hinter dieser Einsicht stehen. Und auch ein Blick in die jüngste päpstliche Sozial-Enzyklika “Caritas in Veritate” könnte ihm gewiss nicht schaden. Auch wenn deren Lektüre einem Ökonomisten langweilig erscheinen mag.

53. Biennale Arte Venedig 2009 (8) – Elmgreen & Dragset: Ein Riss durch die Welt

Freitag, 10. Juli 2009

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Es ist fein eingedeckt im zur Villa gestalteten dänischen Pavillon – aber durch die Mitte des Esstisches, durch Stühle und Teller geht ein Riss. Die Welt ist zerrissen, geteilt in Gut und Böse, Nord und Süd, Reich und Arm, Glück und Pech.

Wohltätig ging es zu in der Villa, Bittgesuche und Dankschreiben Armer, Obdachloser, in Not Geratener bekleiden, sorgfältig passepartoutiert und auf das Feinste gerahmt, die Wand hinter dem Esstisch.

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Das Künstlerduo Elmgreen & Dragset verwandelte mit seiner Arbeit “The Collectors” – wiederum in Kooperation mit einer Reihe von Künstlern und Designern – den unmittelbar neben dem nordischen Pavillon gelegenen Pavillon Dänemarks in diese Villa.

Längst hat, längst musste das Kunstsammler-Ehepaar das Haus verlassen. Nur die Stumme Dienerin blieb.

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Die baufällige Treppe in der Bibliothek ist zerbrochen – kein Weg führt mehr dorthin, wo “Oben” ist.

Auf dem Spiegel im Flur ein Abschiedswort.

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“FOR SALE” – so steht es auf einem Schild vor dem Anwesen geschrieben.

(Installationen © Elmgreen & Dragset; Fotos: FeuilletonFrankfurt)


53. Biennale Arte Venedig 2009 (7) – Elmgreen & Dragset und der Tote im Pool

Donnerstag, 9. Juli 2009

Wohl das meistfotografierte Motiv der diesjährigen Biennale:

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Eine riesige Bungalow-Villa, davor ein Gartenschwimmbad, darin ein Toter. Korrekte Kleidung: schwarze Hose und weisses Hemd, jedoch Hosenbeine und Ärmel aufgekrempelt, dunkle Socken und schwarze Schuhe am Beckenrand geordnet abgelegt. Der Tote treibt bäuchlings auf dem Wasser, die Arme über den Kopf erhoben, eine hilflose, fast flehentliche Gebärde. Oder eine ins Groteske überhöhte Karikatur?

“Tod in Venedig”? Nun, so respektlos wollen wir mit Thomas Manns Meisterwerk nicht umgehen.

Aber ein Zeichen unserer Zeit, ein Zeichen der Finanz- und Wirtschaftskrise könnte es schon sein: Freitod eines gescheiterten Börsenspekulanten? Eines bankrotten Investmentbankers? Oder steckt nicht gar die Kunst, zumindest der Kunstbetrieb in der Krise? Also der Freitod eines Kunsthändlers, der seine “Blue chips” nicht mehr an den millionenschweren Mann bringen kann? Eines Galeristen, der sich an dem, was er für marktträchtige Kunst hielt, verhoben hat?

Michael Elmgreen und Ingar Dragset inszenieren den Tod im Pool als Teil einer Gemeinschaftsausstellung im Pavillon Dänemarks sowie im benachbarten Pavillon der drei nordischen Länder Finnland, Norwegen und Schweden. “The Collectors” lautet beziehungsreich ihr Titel. Und wir dürfen daher etwas sicherer in der Annahme gehen, dass es dem Künstler-Duo durchaus um zeitgenössische kulturell-ökonomische Phänomene geht.

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Elmgreen & Dragset – die beiden treten mit dem Firmen-”&” auf – verwandelten in Kooperation mit 24 Künstlern, Designern und entsprechenden Kollektiven den nordischen Pavillon in den Luxusbungalow eines homosexuellen Kunstsammlers. Eine grosszügige Wohnlandschaft ist ebenso wie eine Schlaflandschaft in die um einige Stufen erhöhte Hauptgebäudeebene eingesenkt. Eine futuristische Kücheneinrichtung beschränkt sich auf das Notwendigste. Dafür zieren verschiedene Kunstwerke meist homoerotischen Sujets den Raum und die Wände.

Auf dem Schreibtisch des verlassenen Grossraums eine Ablage, gefüllt mit zahlreichen Kopien dieses Blattes: der Entwurf eines Plots, Titel: Der erotische Autor, eine autobiografische Novelle.

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Der Tote im Pool: Ein Ende im hedonistischen Überdruss, in der Apokalypse der Dekadenz, im – purgatorischen? – Freitod. Menetekel? Vision? Ach ja, wir befinden uns ja auf der Biennale 2009 in Venedig, mitten im alleraktuellsten Kunstbetrieb (wäre da nicht noch der einwöchig zeitgleiche Messe-Markt der Art Basel).

Michael Elmgreen und Ingar Dragset, ersterer in Dänemark, letzterer in Norwegen geboren, leben und arbeiten in Berlin, seit 1995 in einer künstlerischen Kooperation. Das Duo Elmgreen & Dragset, weltweit bekannt für seine Installationen und Performances, entwarf das “Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen”, das im Mai 2008 in Berlin, nahe dem “Denkmal für die ermordeten Juden Europas”, enthüllt wurde.

(Installationen © Elmgreen & Dragset; Fotos: FeuilletonFrankfurt)


Auch zur 53. Biennale Arte 2009: Venedig im Zeichen der Musik

Dienstag, 7. Juli 2009

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Junge Musikerinnen und Musiker in venezianischen Kostümen des 18. Jahrhunderts laden zu einem Konzert der I Musici Veneziani mit Antonio Vivaldis “Le Quattro Stagioni” ein.

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San Maurizio am Campo San Maurizio, 1806 durch Giannantonio Selva im klassizistischen Stil errichtet:  In der Ausstellung “Vivaldi und seine Zeit – der Lauten- (Geigen)bau” erwartet den Musikliebhaber eine wahre Augenweide.

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Violoncello, Mailänder Schule, Ende 1700

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Neapolitanische Mandolone (Bass-Mandoline) um 1750 und Laute um 1800

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Salterio, venezianische Schule, Settecento (im deutschen Sprachgebrauch 18. Jahrhundert)

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Viola da gamba, 1580

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Kontrabass von Niccolò Amati, Cremona, 1670

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Die profanierte, als Konzertsaal genutzte Kirche San Vidal (18. Jahrhundert) am Campo San Vidal ist die ständige Spielstätte des renommierten Ensemles Interpreti Veneziani.

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(Fotos: FeuilletonFrankfurt)