Wahlkampfgetöse – im Frankfurter Kunstverein kunstvoll entlarvt
“Gemeinsam in die Zukunft”
Es nähert sich unaufhaltsam die Zeit, dass wir uns reif fühlen – reif für die Insel, nein, nicht für Sylt, das ist ja Wahlkampfgebiet, also Schlachtfeld für die Parolen der politischen Parteien in der drohend hereinbrechenden Zeit der Bundestags- und Landtagswahlkämpfe. Es müsste schon etwas weiter in die Ferne gehen – wir überlegen, wo wir ein sicheres Plätzchen finden könnten, unerreichbar für Fernseh- und Radiowahlwerbespots, eine Zeitung brauchten wir dort auch nicht unbedingt, wenn man unter den mehreren Übeln das kleinere wählen müsste.
Wäre da nicht die Eröffnungsausstellung des Frankfurter Kunstvereins unter der neuen Direktion von Holger Kube Ventura. Nach einem Rundgang im Steinernen Haus am Frankfurter Römerberg schöpfen wir nicht nur Hoffnung, nein, wir finden Gewissheit, dass wir nicht fliehen müssen: Der Besuch der Ausstellung “Gemeinsam in die Zukunft” härtet uns ab gegen das bevorstehende Ungemach, den Gang in das Reisebüro brauchen wir nicht anzutreten.

REINIGUNGSGESELLSCHAFT, Adler, 1998, Klöppelspitze

REINIGUNGSGESELLSCHAFT, Einig Vaterland, 2000, Figurengruppe, Holz lackiert
Gleich zur rechten im Parterre erwarten uns die Arbeiten der REINIGUNGSGESELLSCHAFT, einer Künstlerkooperation “Labor im Denkraum Kunst an der Schnittstelle zu anderen gesellschaftlichen Bereichen” mit Adresse in Dresden.
Lebensgrosse, funktionsfähige “Räuchermännchen” erzgebirgischen Brauchtums singen uns brav, aber starren Blicks ein zweifellos vaterländisches Lied entgegen, der – ebenso erzgebirgischer Volkskunst verpflichtete – Klöppelspitz-Bundesadler feinster handwerklicher Ausführung grüsst artig von der Wand.
Das waren noch Zeiten, in denen die stämmigen Parolen derer, die sich Volksparteien nennen, den vereinnahmten Teil des Vereinigungsgebiets überzeugen konnten. Seither ist viel Elbwasser in die Deutsche Bucht geflossen.

Martin Conrath & Marion Kreißler, Das Grossvaterparadoxon. Zeitschleifen und Wiedergänger, 2009, Mixed-Media-Installation
“Gemeinsam in die Zukunft” – die Floskel wurde der Zeit der Vereinigung Deutschlands entliehen – nimmt sich das sogenannte Superwahljahr 2009 vor, das in der Wahl zum 17. Deutschen Bundestag am 27. September seinen Höhepunkt erreichen dürfte. Es geht um Rhetorik und Bildsprache der um Sieg und Macht kämpfenden politischen Parteien, um die Hohlheit, die Beliebigkeit und parteiübergreifende Austauschbarkeit, die inhaltliche Leere der einschlägigen Slogans, Gesten, Farben und Symbole, mit denen das Wahlvolk optisch wie akustisch immer wieder traktiert wird. Um die Sicht- und Fühlbarmachung der oft grossen Diskrepanz zwischen den Politparolen einerseits und der Lebenswirklichkeit andererseits.
Eine der pointiertesten Arbeiten dieser Ausstellung treffen wir im obersten Stockwerk des Steinernen Hauses an:





Martin Conrath & Marion Kreißler, Das Grossvaterparadoxon. Zeitschleifen und Wiedergänger, 2009, Mixed-Media-Installation
Wie eine riesige Ehrenmal- (oder Trauerkranz-) Schleife liegt ein 58 Meter langes Transparent ausgebreitet um das mittig inszenierte Wort “Freiheit”, im markanten Edeka/neukauf-Blau-Gelb der FDP. Der vollständige Text: “Verantwortungsgemeinschaft für den Frieden – Ihre Freiheit ist unsere Niederlage”. Der Netzgitterdruck war Teil einer Installation zur 5. Werkleitz Biennale Tornitz im Jahr 2002. Nicht jeder wird die Anspielung auf Frank Schirrmachers Verdikt gegen Martin Walser “Ihre Freiheit ist unsere Niederlage” im Streit um den Roman “Tod eines Kritikers” aus dem gleichen Jahr verstehen.
Auf drei gegenüber positionierte mächtige Videowände werden – in einer gut fünfminütigen Schleife – in den gängigen Farben der Parteien Wahlkampfschlagworte und -slogans projiziert. Rund 350 an den Wänden zumeist paarweise aneinandergereihte, verkleinert abgebildete Original-Wahlplakate aus den vergangenen Jahrzehnten ergänzen die raumfüllende Arbeit. Jene sind nach bestimmten inhaltlichen und gestalterischen Merkmalen miteinander kombiniert.



Martin Conrath & Marion Kreißler, Das Grossvaterparadoxon. Zeitschleifen und Wiedergänger, 2009, Mixed-Media-Installation
“Je stärker die politischen Handlungsfelder”, schreibt Holger Kube Ventura, “in allgemeine Werte wie zum Beispiel Sicherheit, Gerechtigkeit oder Freiheit abstrahiert werden, desto austauschbarer sind sie.” Und weiter: “Da in Wahlkampfzeiten weniger mit Argumenten als mit austauschbaren Parolen Öffentlichkeit hergestellt wird, manifestiert sich in solchen Zeiten deutlicher als sonst eine grundsätzliche Kluft zwischen Staat und Bevölkerung: Den Proklamationen und Richtungsappellen der politischen Stellvertreter stehen die Lebensrealitäten von Einzelnen und Teilgesellschaften gegenüber, die möglicherweise ganz andere Einschätzungen oder Fragen haben. Wie gross die Distanz dazwischen sein kann, manifestiert sich nicht zuletzt in der Wahlbeteiligung.”
Ähnlich die Arbeiten der 1954 in Wien geborenen Malerin Johanna Kandl: Die dargestellten Szenerien eines alltäglichen Gemüse- und Trödel-Marktgeschehens – das für das “grosse” nationale und globale Marktgeschehen steht – entlarven die mit ihnen in Verbindung gebrachten, aufgemalten Slogans aus Politik und Wirtschaft als Sarkasmus und Zynismus, als Lügen.

Johanna Kandl, o. T., 2001, 80 x 56,5 cm, Courtesy Landesbank Hessen-Thüringen Girozentrale

Johanna Kandl, o. T., 170 x 243, 2003, Courtesy Christine und Martin Baulmann

Johanna Kandl, o. T., 2001, 80 x 56,5 cm, Courtesy Landesbank Hessen-Thüringen Girozentrale
Ein erheblicher Teil der ausgestellten Arbeiten widmet sich dem Aspekt der werbenden Ansprache der Parteien im Wahlkampf an das Wahlvolk, vor allem in ihrer Suggestivität und Unentrinnbarkeit.
Eindrucksvoll und beklemmend die Videoarbeit der aus Taiwan stammenden Künstlerin Effie Wu: Die in ihrem Clip selbst agierende Künstlerin versieht alltägliche Verrichtungen wie Küchenarbeit und Essen, Zähneputzen und Schlafengehen, ohne dabei auch nur für Sekundenbruchteile ihren bohrend fokussierenden Blick von den unter ihrer ständigen Beobachtung stehenden Betrachtern zu wenden.

Effie Wu, Super Smile, 2007, Video

Effie Wu, Super Smile, 2007, Video

Effie Wu, Super Smile, 2007, Video
So intelligent wie witzig ist die interaktive Videoinstallation von Catrine und Olaf Val: Eine teleprompterähnliche Apparatur, in die der von einer Kamera aufgenomme Zuschauer allerlei Redetext-Schnipsel von Politikern bis hin zu Showstars zum Mitsprechen eingespiegelt bekommt. Vergleichbar einem Karaokesänger kann er in die Rolle des jeweiligen Redners hineinschlüpfen. Und dessen rhetorische Auslassungen hinterfragen, wenn nicht demaskieren.

Catrine & Olaf Val, YouPrompt, 2009, interaktive Videoinstallation

Catrine & Olaf Val, YouPrompt, 2009, interaktive Videoinstallation
Arbeiten von insgesamt 13 Künstlern und Künstlergemeinschaften zeigt die am 9. Juli 2009 eröffnete Ausstellung des Frankfurter Kunstvereins. Sie dauert bis zum 4. Oktober 2009.
Der 1966 im südhessischen Dreieich geborene Holger Kube Ventura trat Anfang April dieses Jahres die Nachfolge von Chus Martínez als Direktor des Frankfurter Kunstvereins an. Der promovierte Kunsthistoriker, Anglist und Erziehungswissenschaftler war in Kassel in verschiedenen Positionen tätig, so bei der documenta 10 und im dortigen Kunstverein. Von 2001 bis 2003 leitete er die Werkleitz Gesellschaft in Tornitz (heute in Halle). Anschliessend arbeitete er als Koordinator bei der in Halle ansässigen Kulturstiftung des Bundes.
(Abgebildete Werke © jeweilige Künstler; Fotos: FeuilletonFrankfurt)
