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Archive for Juli, 2009

Porträts – Max Pauer

Mittwoch, 29. Juli 2009

“Im Anfang liegt alles beschlossen.”

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Introspektion, Ölmalerei hinter Kunststofffolie, 2008

“Introspektion” betitelt Max Pauer seine Arbeit.

Röntgenblick in das eigene Ego, das eigene Cerebrum mit seiner unendlich erscheinenden Zahl an Verschaltungen und Funktionen, Botenstoffe ausschüttend, Hormone dirigierend, Nerven bis in die entferntesten Körperwelten stimulierend, von dort wiederum Stimulationen empfangend? Der Blick in ein diversifiziertes physisches und psychisches Geflecht von Senden und Empfangen, Wohlbefinden und Schmerz, Liebe und Angst, Hinwendung und Flucht, Zuversicht und Verzweiflung, ein Geflecht von Fragen und dem Suchen nach Antworten? Der Blick in ein unerschliessbares Geheimnis, das Geheimnis des Lebens, der eigenen Existenz?

“Im Anfang liegt alles beschlossen”. Wir erlauben uns dieses unverdächtige Zitat des in manchem anderen kritisch rezipierten Philosophen Martin Heidegger.

Das Grosse liegt im Kleinen, das Kleine im Grossen beschlossen. Mikro- und Makrokosmos begegnen sich, verweben sich in Max Pauers Arbeiten. Der Künstler stellt Fragen. Es sind die alten Fragen der Menschen. Das Faustische “Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält”. Max Pauer sucht in seiner Kunst nach Antworten. Beidem, dem Fragen und dem Suchen, gibt er in seinen Werken Gestalt.

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“Alchimistische Bilder” nennt Max Pauer eine Serie fotografischer Vergrösserungen von Miniaturen in Mischtechnik auf Glas.

Es sind mit kaum glaublicher Akribie ausgeführte Aufglasmalereien, auf Glasscheibchen meist im Kleinbildfilmformat, über einhundert an der Zahl. Der Künstler fertigt sie mit feinsten Werkzeugen. Die Malmittel stellt er – oft experimentell – selbst zusammen, Überraschungen stellen sich ein, scheinen nicht unwillkommen. Die winzigen Substanzen entwickeln sich, entfalten ein Eigenleben, bevor sie trocknen. Dann kommt die Zeit, dass Pauer die Glasscheibchen fotografiert und um ein Zigfaches vergrössert.

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Das Grosse liegt im Kleinen, das Kleine im Grossen beschlossen: Es entstehen fotografische Abbildungen von einer erstaunlichen Intensität und Dichte: Bakterien, Viren, Mikroben aus der Petrischale unter dem Rasterelektronenmikroskop könnten in ihrer Gestalt nicht fantasievoller aufscheinen. Die fotografischen Vergrösserungen versetzen uns in die Welt kleinster zellularer Strukturen, der Moleküle, der Atome, der diese wiederum bildenden allerkleinsten Teilchen, bis dorthin, wo Materie als ein Zustand von Energie sich gänzlich in diese auflöst.

Es ist die Welt im Allerkleinsten – aber auch im Allergrössten:

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Zieht da nicht ein Meteor im interstellaren Raum seine Bahn, ein winziger Teil des Universums, vor fernen Gestirnen, diese wiederum winzige Teile einer der Millionen von Galaxien?

Das Glas – es scheint Max Pauer zu faszinieren. Ein Scheibchen simplen Glases, Silicium, Natrium, Calcium und Aluminium, jeweils als Oxide. Ein einzigartiger, höchste Leuchtkraft, Brillianz und Kontraste ermöglichender Malgrund. Nicht umsonst begegnen wir dieser Technik vorzugsweise in der sakralen Malerei. Komplizierter gestaltet sich die Hinterglasmalerei: Dort trägt der Künstler lichtundurchlässige Farben seitenverkehrt auf die Glas”rückseite” auf. Ein langwieriges, ja mühsames Verfahren, über Jahrhunderte hinweg widmeten sich künstlerisch begabte, in der Nähe der Glashütten angesiedelte bäuerliche Familien in den langen Wintermonaten dieser Kunst, das Hinterglasmuseum im oberösterreichischen Sandl wie auch die Museumssammlungen in Freistadt und Linz legen ein beredtes Zeugnis dieser alten Maltradition ab.

In Max Pauers Palette dominieren die dunklen Töne, die kontrastierenden Stufen des Grau bis hin zum tiefen, reinen Schwarz.

Ein “Schlüsselbild”: Ist es eine Antwort auf des Künstlers Fragen?

Es ist das Wort “Risiko”, mit dem die feinnervigen, vegetativen Strukturen eines “alchimistischen Bildes” in einer Mischtechnik mit Hinterglasmalerei durchschrieben sind. Ein Lebensgrundsatz, ein Lebensbekenntnis, wie wohl bei vielen Künstlern von autobiografischer Dimension.

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Max Pauer wechselt in seinem Schaffen zwischen den künstlerischen Medien. Insbesondere untersucht er die Wechselbeziehungen zwischen Malerei und Fotografie. Beide Arbeitstechniken befruchten sich gleichsam gegenseitig.

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Winternacht, Ölmalerei hinter Glas, 2005

Die “Winternacht”: ein kleines Meisterwerk, die Lichtpunkte sind mit winzigen, mit der Fingerkuppe aufgetragenen Tröpfchen in Weiss ausgeführt, anschliessend wurde die Glasplatte schwarz übermalt.Schwarz und Weiss stossen aufeinander, die hell erleuchteten Fenster erzeugen das Gegenteil von Wärme: Winterkälte, menschliche Kälte liegt vor und über der Frankfurter Hochhaussilhouette.

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Tiefflug, (Analogfotografie, Farbdia), 2003

“Neues vom Kronberger Malerblick” nennt der Künstler eine in ihrer Perspektive ähnliche, jedoch als Hinterglasmalerei ausgeführte Ansicht der im südöstlichen Taunusabschwung gelegenen Stadt Frankfurt am Main.

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aus der Serie “Urbi et Obi” (Analogfotografie, schwarz/weiss), 2001

Doppelt verschattet und in der Spiegelung gebrochen strahlt der monumentale Frankfurter Messeturm gegen die ihn bedrängende benachbarte Baustelle an. DJ BOBO blickt wie aus einer anderen Welt in die Szenerie.

Umfangreich ist Max Pauers zeichnerisches Werk. Es ist ein feiner, oft kaum wahrnehmbarer Strich, die Motive, mitunter Vexierbildern gleich, sind bei allem Minimalismus in ihrer Figürlichkeit erlebbar.

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Giovanna Paola, Zeichnung

Schon der Titel der Zeichnung provoziert in seiner zweideutigen Anspielung (eine legendenhafte, im 9. oder 11. Jahrhundert angesiedelte, in ihrer Existenz historisch nicht belegte “Päpstin” soll auf den Namen Giovanna gehört haben), der feine Strich enthüllt den Antagonismus zwischen dem kargen, “giacomettihaften” Kreuz der Christenheit und einem sich hier in Leibesüberfülle ausdrückenden, selbstentlarvenden obrigkeitlichen Machtanspruch.

Max Pauer, Frankfurter von Geburt und, wie er betont, aus Überzeugung, zeigte, nach Studium in Frankfurt und Gaststudium an der Hochschule für Gestaltung Offenbach mit dem Schwerpunkt konzeptuelle Fotografie bei Rudolf Bonvie, seine Arbeiten in  zahlreichen Gruppenausstellungen: 2005 Dia-Installation “Urbi et Obi” in der Reihe “jour fixe” bei Gabriele Juvan, Offenbach; 2006 “draußensein” mit Uta Mallin, Wiesengrund im Finkenhof, Frankfurt, und Gruppenausstellung “Künstler der Galerie”, Galerie Wildwechsel, Frankfurt; 2007 Gruppenausstellung “blind gekommen” in der Galerie Heimspiel, Frankfurt, ferner “Die Sammlung Rausch” (”It Takes Something To Make Something”), Portikus, Frankfurt, sowie “Open Doors” – Tage der offenen Ateliers des Kulturamtes der Stadt Frankfurt am Main als Gast im Frankfurter Atelier holgerherrmann; 2008 Schweizer Nº 9 mit Elizabeth Dorazio und Nikolaus A. Nessler (ehemalige Räume der Galerie Voges), Frankfurt, ferner die Lichtbildinstallation “Adventsturm”, Wartburggemeinde Frankfurt am Main.

Wer sich in der Frankfurter Kunstszene bewegt, begegnet Max Pauer regelmässig. Noch nicht allen jedoch ist der schlanke, hochgewachsene Mann als derjenige bekannt, der er im Ureigensten ist: ein sensibler wie begabter Künstler. Gesine Götting nimmt ihn zum “Gegenstand” ihrer am vergangenen Montag eröffneten vielbeachteten Ausstellung “Album” im 1822-Forum der Frankfurter Sparkasse: Der dortige Galerist, unser Künstler, als Objekt der Künstlerin, die er ausstellt, dessen galeristisches Objekt sie also selbst wiederum ist. Wer stellt am Ende wen aus? Und wie erträgt der Galerist diese Situation?

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Max Pauer im Gespräch mit Gesine Götting vor ihrer Zeichnung “April 2009″, Kugelschreiber auf Papier, 2009 (nach einer Fotografie von Wolfgang Günzel: Max Pauer im Gespräch mit Städel-Professor Tobias Rehberger)

“Im Anfang liegt alles beschlossen”. Man muss sich dessen bewusst sein. Im kleinen Kern ist der spätere starke Baum angelegt. Es dürfen dabei auch Umwege gegangen werden, denn auch sie führen zum Ziel. Am kommenden Freitag, 31. Juli 2009, eröffnet Max Pauer im Frankfurter “Kunstraum Lalibela” seine eigene Einzelausstellung “Mother Nature And Suns”. Seine Werkschau in der Klingerstrasse 2 – 4 wird bis zum 11. September 2009 zu sehen sein (Öffnungszeiten täglich 13 bis 23 Uhr, Freitag und Samstag bis 24 Uhr).

(abgebildete Werke © Max Pauer und Gesine Götting; Fotos: Max Pauer [1 - 9], FeuilletonFrankfurt [10])


Mit Att Poomtangon auf Fischfang im Frankfurter Portikus

Samstag, 25. Juli 2009

An der Wand ein kleiner Zeitungsausschnitt, Frankfurter Rundschau, 30. November 1988: Ein Artikel über einen Mann, “in dessen Augen sich, so wurde erzählt, Himmel und Fluss spiegelten”. Von Aal-Pfeiffer ist die Rede, von Joseph Pfeiffer, dem letzten der einst rund 45o Mainfischer allein im südlich des Flusses gelegenen Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Am Rechneigrabenweiher hat ihm die Stadt ein Denkmal gesetzt.

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Wer den Zeitungsausschnitt an einer Wand der Frankfurter Ausstellungshalle Portikus lesen möchte, muss sich zunächst auf ein kleines Abenteuer einlassen: eine Art von Boot besteigen, das keines ist, vielmehr eine schwarze Plastikschüssel, in einen LKW-Reifenschlauch gebettet, das Gefährt schwankt bedenklich beim Entern, ein Sturz ins Wasser scheint nicht ausgeschlossen, endlich, wir sitzen in dem kleinen Rund, eine Hand stösst es vom hölzernen Ufersteg ab, reicht uns noch ein Paddel – wir treiben auf dem Wasser. Mit jedem Paddelschlag dreht sich das schwimmende Etwas um sich selbst, erst langsam lernen wir, es mit dem hölzernen Werkzeug in eine Richtung zu bugsieren, vielleicht gar zur ersehnten Lektüre des nur spärlich beleuchteten Zeitungsartikels an der entfernten Wand. Es ist dunkel, es ist Nacht über dem Wasser im Portikus, nur ein paar kleine Punktlichter leuchten, Sternen gleich, vom Himmel, einem Fischernetz, auf uns herab. Fische, an besagtem Netz aufgehängt, halten die Lämpchen in ihren Mäulern.

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In der Dunkelheit auf dem Wasser verspüren wir in unserem kleinen, leicht schaukelnden Rund, losgelöst vom Alltag, ein Wohlgefühl, eine eigenartige Leichtigkeit. Doch werden wir uns bewusst: Wir sitzen in einem Vehikel, welches kaum diesen Namen verdient, in Thailand jedoch auch heute noch traditionell zum Fischfang eingesetzt wird. Die Fischer nutzen die Plastikschüsseln zugleich als Boot wie auch als Fangbehälter.

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Der thailändische Künstler Att Poomtangon hat die Ausstellungshalle des Portikus in eine nächtliche Fluss- oder Meeresszenerie verwandelt. Über 60 Zentimeter hoch steht das Wasser in dem mit einer schwarzen Folie versiegelten, 90 Quadratmeter grossen, abgedunkelten Saal. Dessen Boden – zugleich Decke der darunter liegenden Räumlichkeiten – wurde aus statischen Gründen mit sechs Stahlstützen unterfüttert.

Poomtangon setzt sich in seiner Installation “On the Way to the Alps I see Sand” mit dem Konflikt zwischen den natürlichen Ressourcen, konkret der Reinheit und Qualität des Wassers, dem damit verbundenen Fischreichtum und einer der Ernährungsgrundlagen der Menschen einerseits und den – vermeintlichen – ökonomischen Zwängen andererseits auseinander, die diese Ressourcen in Flüssen und Meeren gefährden, wenn nicht zerstören. So nimmt die Vielfalt der Fischbestände weltweit fortlaufend ab, zu Lasten auch des ökologische Gleichgewichts in den Gewässern.

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Aber sprachen wir soeben nicht von einem gewissen Wohlgefühl, einer Leichtigkeit, die uns in unserem schaukelnden Ring erfüllte? Etwas von Spiritualität scheint sich mit Poomtangons Installation auf uns zu legen: In ihren Tempeln verehren die Thailänder auch heute noch die Tierwelt, namentlich die Fische, die ihnen als wichtigstes Nahrungsmittel dienen. Att Poomtangon gelingt es, eine gleichsam weihevolle Athmosphäre auf und über dem Wasser zu initiieren, die rituelle Stimmung in einem thailändischen Tempel zu vermitteln.

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Nicht umsonst siedelt Poomtangon seine Arbeit auf der Frankfurter Maininsel an: “Der Main war der fischreichste Fluss Deutschlands”, schrieb Aal-Pfeiffer seinerzeit an die Frankfurter Rundschau – wiedergegeben im zu Beginn erwähnten, nicht ohne weiteres erreichbaren Artikel an der fernen Wand. “Heute ist er eine stinkende Abfallgrube der Industrie, der Berufsfischer ist seiner Existenz beraubt worden. Durch das Mainwasser habe ich mir eine infektiöse Gelbsucht zugezogen.”

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Portikus-Kuratorin Melanie Ohnemus und Att Poomtangon im Pressegespräch

Att Poomtangon, 1973 im thailändischen Bangkok  geboren, studierte an der Chiangmai University in Chiangmai Kunst mit dem Schwerpunkt Skulptur. Sein an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste / Städelschule) fortgesetzes Studium schloss er als Meisterschüler bei Tobias Rehberger ab. Auf der 53. Biennale 2009 in Venedig ist er mit einer raumgreifenden Skulptur auf dem Gelände der Arsenale vertreten.

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Bevor wir den Portikus verlassen, werfen wir einen Blick durch das Fenster des Büro- und Presseraums auf die Fahrrinne des Mains, auf die vorbeituckernden Binnenschiffe. Das Flusswasser ist in den letzten Jahren sehr viel besser geworden. Zahlreiche Wasservögel umgeben die Maininsel mit oft ohrenbetäubendem Geschrei. Wir freuen uns darüber. Fische haben wir von den Ufern und Brücken aus allerdings noch nicht gesehen. Es gibt Politiker, die zum Baden in diesem Fluss einladen. Wir schenken ihnen – noch – keinen Glauben.

Die Ausstellung im Frankfurter Portikus auf der Maininsel läuft noch bis zum 6. September 2009.

(Installation © Att Poomtangon; Fotos: FeuilletonFrankfurt)

Hochschule für Gestaltung Offenbach: Rundgang 2009

Dienstag, 21. Juli 2009

Hochschule für Gestaltung Offenbach, von Kennern einfach HfG genannt; am Hafen 2; in der Ölhalle, 30 mal 20 Meter gross, fünf Meter hoch – ein idealer Ausstellungsort für grossformatige Exponate. Zum HfG-Rundgang 2009 präsentieren Studierende der Hochschule Arbeiten aus den Bereichen Malerei (Professor Adam Jankowski), Bildhauerei (Professor Wolfgang Luy) und Fotografie (Professor Martin Liebscher). Die dortige Ausstellung ist – wegen des grossen Zuspruchs – noch freitags, 24. und 31. Juli, und samstags, 25. Juli und 1. August 2009, jeweils von 16 bis 20 Uhr geöffnet. Wir empfehlen allen an aktueller Kunst Interessierten unbedingt einen Abstecher nach Offenbach.

Ähnlich wie bei dem Rundgang der Städelschule 2009 beschränken wir uns auf eine Auswahl an figurativer, dieses Mal durchweg grossformatiger Malerei. Sechs sehr unterschiedliche künstlerische Positionen stellen wir hier vor. Wir möchten die Arbeiten, die den hohen Qualitätsstandard der HfG- Studierenden und der Hochschule selbst belegen, frei aller (selbsteitlen) Kommentierungen allein für sich sprechen lassen – sie bieten jedweden Stoff für eine intensive Auseinandersetzung mit ihnen. Diesen Künstlerinnen und Künstlern werden wir gewiss wiederbegegnen.

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Gökhan Erdogan, untitelt, 2009

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Jos Diegel, 2009

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Jos Diegel, 2009

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Dirk Baumanns, Triptychon Blues, 2008

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mit Rehkitz, die Maske liegt am Boden, die Leiter ist natürlich auch vorhanden, aber hier nicht im Bild: Xenia Lesniewski, wie wir sie kennen

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Erik Pfeiffer, e:\bilder\gesehen\trugschl.uss, 2009, Acryl und Öl auf Leinwand, 178 x 227,5 cm (Atelierfoto)

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Erik Pfeiffer, e:\bilder\gesehen\overload.jpg, 2009, Öl auf Leinwand, 185 x 316 cm (Atelierfoto)

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Erik Pfeiffer, e:\befinden\findekeineruhe.jpg, 2008, Öl auf Leinwand, 193 x 248,5 cm (Atelierfoto)

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Kostas Tsobanidis, O. T., Öl auf Leinwand

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Kostas Tsobanidis, O. T., Öl auf Leinwand

(abgebildete Werke: © jeweilige Künstler; Fotos: FeuilletonFrankfurt)


Wahlkampfgetöse – im Frankfurter Kunstverein kunstvoll entlarvt

Sonntag, 19. Juli 2009

“Gemeinsam in die Zukunft”

Es nähert sich unaufhaltsam die Zeit, dass wir uns reif fühlen – reif für die Insel, nein, nicht für Sylt, das ist ja Wahlkampfgebiet, also Schlachtfeld für die Parolen der politischen Parteien in der drohend hereinbrechenden Zeit der Bundestags- und Landtagswahlkämpfe. Es müsste schon etwas weiter in die Ferne gehen – wir überlegen, wo wir ein sicheres Plätzchen finden könnten, unerreichbar für Fernseh- und Radiowahlwerbespots, eine Zeitung brauchten wir dort auch nicht unbedingt, wenn man unter den mehreren Übeln das kleinere wählen müsste.

Wäre da nicht die Eröffnungsausstellung des Frankfurter Kunstvereins unter der neuen Direktion von Holger Kube Ventura. Nach einem Rundgang im Steinernen Haus am Frankfurter Römerberg schöpfen wir nicht nur Hoffnung, nein, wir finden Gewissheit, dass wir nicht fliehen müssen: Der Besuch der Ausstellung “Gemeinsam in die Zukunft” härtet uns ab gegen das bevorstehende Ungemach, den Gang in das Reisebüro brauchen wir nicht anzutreten.

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REINIGUNGSGESELLSCHAFT, Adler, 1998, Klöppelspitze

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REINIGUNGSGESELLSCHAFT, Einig Vaterland, 2000, Figurengruppe, Holz lackiert

Gleich zur rechten im Parterre erwarten uns die Arbeiten der REINIGUNGSGESELLSCHAFT, einer Künstlerkooperation “Labor im Denkraum Kunst an der Schnittstelle zu anderen gesellschaftlichen Bereichen” mit Adresse in Dresden.

Lebensgrosse, funktionsfähige “Räuchermännchen” erzgebirgischen Brauchtums singen uns brav, aber starren Blicks ein zweifellos vaterländisches Lied entgegen, der – ebenso erzgebirgischer Volkskunst verpflichtete – Klöppelspitz-Bundesadler feinster handwerklicher Ausführung grüsst artig von der Wand.

Das waren noch Zeiten, in denen die stämmigen Parolen derer, die sich Volksparteien nennen, den vereinnahmten Teil des Vereinigungsgebiets überzeugen konnten. Seither ist viel Elbwasser in die Deutsche Bucht geflossen.

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Martin Conrath & Marion Kreißler, Das Grossvaterparadoxon. Zeitschleifen und Wiedergänger, 2009, Mixed-Media-Installation

“Gemeinsam in die Zukunft” – die Floskel wurde der Zeit der Vereinigung Deutschlands entliehen – nimmt sich das sogenannte Superwahljahr 2009 vor, das in der Wahl zum 17. Deutschen Bundestag am 27. September seinen Höhepunkt erreichen dürfte. Es geht um Rhetorik und Bildsprache der um Sieg und Macht kämpfenden politischen Parteien, um die Hohlheit, die Beliebigkeit und parteiübergreifende Austauschbarkeit, die inhaltliche Leere der einschlägigen Slogans, Gesten, Farben und Symbole, mit denen das Wahlvolk optisch wie akustisch immer wieder traktiert wird. Um die Sicht- und Fühlbarmachung der oft grossen Diskrepanz zwischen den Politparolen einerseits und der Lebenswirklichkeit andererseits.

Eine der pointiertesten Arbeiten dieser Ausstellung treffen wir im obersten Stockwerk des Steinernen Hauses an:

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Martin Conrath & Marion Kreißler, Das Grossvaterparadoxon. Zeitschleifen und Wiedergänger, 2009, Mixed-Media-Installation

Wie eine riesige Ehrenmal- (oder Trauerkranz-) Schleife liegt ein 58 Meter langes Transparent ausgebreitet um das mittig inszenierte Wort “Freiheit”, im markanten Edeka/neukauf-Blau-Gelb der FDP. Der vollständige Text: “Verantwortungsgemeinschaft für den Frieden – Ihre Freiheit ist unsere Niederlage”. Der Netzgitterdruck war Teil einer Installation zur 5. Werkleitz Biennale Tornitz im Jahr 2002. Nicht jeder wird die Anspielung auf Frank Schirrmachers Verdikt gegen Martin Walser “Ihre Freiheit ist unsere Niederlage” im Streit um den Roman “Tod eines Kritikers” aus dem gleichen Jahr verstehen.

Auf drei gegenüber positionierte mächtige Videowände werden – in einer gut fünfminütigen Schleife – in den gängigen Farben der Parteien Wahlkampfschlagworte und -slogans projiziert. Rund 350 an den Wänden zumeist paarweise aneinandergereihte, verkleinert abgebildete Original-Wahlplakate aus den vergangenen Jahrzehnten ergänzen die raumfüllende Arbeit. Jene sind nach bestimmten inhaltlichen und gestalterischen Merkmalen miteinander kombiniert.

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Martin Conrath & Marion Kreißler, Das Grossvaterparadoxon. Zeitschleifen und Wiedergänger, 2009, Mixed-Media-Installation

“Je stärker die politischen Handlungsfelder”, schreibt Holger Kube Ventura, “in allgemeine Werte wie zum Beispiel Sicherheit, Gerechtigkeit oder Freiheit abstrahiert werden, desto austauschbarer sind sie.” Und weiter: “Da in Wahlkampfzeiten weniger mit Argumenten als mit austauschbaren Parolen Öffentlichkeit hergestellt wird, manifestiert sich in solchen Zeiten deutlicher als sonst eine grundsätzliche Kluft zwischen Staat und Bevölkerung: Den Proklamationen und Richtungsappellen der politischen Stellvertreter stehen die Lebensrealitäten von Einzelnen und Teilgesellschaften gegenüber, die möglicherweise ganz andere Einschätzungen oder Fragen haben. Wie gross die Distanz dazwischen sein kann, manifestiert sich nicht zuletzt in der Wahlbeteiligung.”

Ähnlich die Arbeiten der 1954 in Wien geborenen Malerin Johanna Kandl: Die dargestellten Szenerien eines alltäglichen Gemüse- und Trödel-Marktgeschehens – das für das “grosse” nationale und globale Marktgeschehen steht – entlarven die mit ihnen in Verbindung gebrachten, aufgemalten Slogans aus Politik und Wirtschaft als Sarkasmus und Zynismus, als Lügen.

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Johanna Kandl, o. T., 2001, 80 x 56,5 cm, Courtesy Landesbank Hessen-Thüringen Girozentrale

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Johanna Kandl, o. T., 170 x 243, 2003, Courtesy Christine und Martin Baulmann

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Johanna Kandl, o. T., 2001, 80 x 56,5 cm, Courtesy Landesbank Hessen-Thüringen Girozentrale

Ein erheblicher Teil der ausgestellten Arbeiten widmet sich dem Aspekt der werbenden Ansprache der Parteien im Wahlkampf an das Wahlvolk, vor allem in ihrer Suggestivität und Unentrinnbarkeit.

Eindrucksvoll und beklemmend die Videoarbeit der aus Taiwan stammenden Künstlerin Effie Wu: Die in ihrem Clip selbst agierende Künstlerin versieht alltägliche Verrichtungen wie Küchenarbeit und Essen, Zähneputzen und Schlafengehen, ohne dabei auch nur für Sekundenbruchteile ihren bohrend fokussierenden Blick von den unter ihrer ständigen Beobachtung stehenden Betrachtern zu wenden.

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Effie Wu, Super Smile, 2007, Video

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Effie Wu, Super Smile, 2007, Video

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Effie Wu, Super Smile, 2007, Video

So intelligent wie witzig ist die interaktive Videoinstallation von Catrine und Olaf Val: Eine teleprompterähnliche Apparatur, in die der von einer Kamera aufgenomme Zuschauer allerlei Redetext-Schnipsel von Politikern bis hin zu Showstars zum Mitsprechen eingespiegelt bekommt. Vergleichbar einem Karaokesänger kann er in die Rolle des jeweiligen Redners hineinschlüpfen. Und dessen rhetorische Auslassungen hinterfragen, wenn nicht demaskieren.

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Catrine & Olaf Val, YouPrompt, 2009, interaktive Videoinstallation

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Catrine & Olaf Val, YouPrompt, 2009, interaktive Videoinstallation

Arbeiten von insgesamt 13 Künstlern und Künstlergemeinschaften zeigt die am 9. Juli 2009 eröffnete Ausstellung des Frankfurter Kunstvereins. Sie dauert bis zum 4. Oktober 2009.

Der 1966 im südhessischen Dreieich geborene Holger Kube Ventura trat Anfang April dieses Jahres die Nachfolge von Chus Martínez als Direktor des Frankfurter Kunstvereins an. Der promovierte Kunsthistoriker, Anglist und Erziehungswissenschaftler war in Kassel in verschiedenen Positionen tätig, so bei der documenta 10 und im dortigen Kunstverein. Von 2001 bis 2003 leitete er die Werkleitz Gesellschaft in Tornitz (heute in Halle). Anschliessend arbeitete er als Koordinator bei der in Halle ansässigen Kulturstiftung des Bundes.

(Abgebildete Werke © jeweilige Künstler; Fotos: FeuilletonFrankfurt)


Weisheiten / 50

Mittwoch, 15. Juli 2009

Jubiläum: die 50. Weisheit,

heute von dem Schriftsteller Mark Twain (1835 bis 1919)

Sommer ist die Zeit, in der es zu heiss ist, um das zu tun, wozu es im Winter zu kalt war.

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(Foto: Henrike Domning / pixelio.de)