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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for Juni, 2009

Weisheiten / 49

Samstag, 13. Juni 2009

Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören,

ein gutes Gedicht lesen,

ein treffliches Gemälde sehen,

und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.


Johann Wolfgang Goethe (1749 bis 1832)


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Kunst / 42

Donnerstag, 11. Juni 2009

Kunst ist etwas, was so klar ist, dass es niemand versteht.

Karl Kraus (1874 bis 1936), Dramatiker, Kritiker, Satiriker, Essayist

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Alltägliches Kalk-Natron-Glas (Bildnachweis: wikimedia)

Bayrisch / 1

Dienstag, 9. Juni 2009

Bayrisch:  O’zapft is

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Deutsch:  Guten Morgen

Ursprünglich auf die Starkbierzeit beschränkte, wegen deren Verbreitung über fast das ganze Jahr hinweg heutzutage universelle bayerische Grussformel am Morgen


Nonsens aus der Chefetage

Samstag, 6. Juni 2009

“Jeder Metzgermeister könnte von sich behaupten, ein ‘gut aufgestellter, fokussierter’ Anbieter von Fleischwaren zu sein. Er wird es aber nicht tun, weil die Kunden kopfschüttelnd aus dem Laden rennen würden. Dort aber, wo sich Unternehmen räumlich und emotional von ihren Kunden entfernen, drucken sie Firmenbroschüren voller nichtssagender Formulierungen. Das klingt dann etwa so:

‘Wir realisieren nachhaltige Projekte, implementieren Prozesse und heben eine Vielzahl von Synergien.  Unsere Tools basieren auf einem Netzwerk von Applikationen. Wir bündeln unsere Kernkompetenzen und generieren neue Umsatzpotentiale. Unser Portfolio besteht aus internationalen Aktivitäten. Wir arbeiten absolut kapitalmarktorientiert. Auf diese Weise erzielen wir eine hohe Profitabilität.’ ”

Zitat aus: Christoph Moss, Nonsens aus der Chefetage, Sprachnachrichten Nr. 42 / Mai 2009 des Vereins Deutsche Sprache e.V. (VDS), als Nachdruck aus dem Handelsblatt Nr. 9 vom 14. Januar 2009

Christoph Moss ist Autor und Professor für Unternehmenskommunikation an der “International School of Management” (sic!) Dortmund.

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(Foto: Gerd Altmann /pixelio.de)

SARAH MORRIS: “GEMINI DRESSAGE”

Mittwoch, 3. Juni 2009

Untrügliche Wegweiser in der Frankfurter Braubachstrasse führen zum Museum für Moderne Kunst

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SARAH MORRIS:  “GEMINI DRESSAGE”

Wir sind  – sagen wir es offen – erleichtert in der Einsicht, manchmal einer Besorgnis Raum beigemessen zu haben, die sich im Nachhinein als unbegründet erweist. Der Besorgnis etwa, das internationale Kunstgeschehen könne an uns Liebhabern des Frankfurter Museums für Moderne Kunst künftig möglicherweise vorübergehen, ohne dass es in diesem Haus Station machte.

Noch ein wenig erstaunt, schon kurz nach der Event-aktiven Ära Kittelmann das MMK bereits wieder fast schon zur Hälfte vom eigenen Bestand geräumt zu sehen, gilt es, einer Präsentation Aufmerksamkeit zu widmen, die auf eine besonders geglückt erscheinende Weise Arbeiten der amerikanischen Künstlerin Sarah Morris in einen fruchtbaren und überzeugenden Dialog mit den derzeit in der aktuellen Ausstellung “Yellow and Green” gezeigten Teilen des Bestands und zugleich mit der einzigartigen Architektur dieses Hauses bringt. So liessen es sich denn auch Künstler und Kunstmanager wie Daniel Birnbaum, Nicolaus Schafhausen und Liam Gillick – aktuell Direktor, Kurator beziehungsweise Künstler der Biennale Venedig und des dortigen Deutschen Pavillons – nicht nehmen, zu dem Eröffnungsabend anzureisen.

Wir begegnen im MMK einem Gesamtkunstwerk, einem Beziehungsgeflecht aus drei Elementen: drei Filmen beziehungsweise Videos, ferner grossformatigen, die Formensprache der Pop-art und des Minimalismus aufgreifenden Leinwandbildern sowie schliesslich dem ebenfalls dieser Sprache verpflichteten raumgreifenden, sich über zwei Etagen des Hauses erstreckenden Wandgemälde. Im Mittelpunkt steht – auf den ersten Blick durch die sich optisch aufdrängende Dominanz der Wandmalerei überlagert – der knapp 90minütige Film “Beijing” im 35 mm-Kinoformat. Er hat formal die Olympischen Sommerspiele 2008 zum Thema, weist aber in seinem gesellschaftlichen und politischen Kontext weit darüber hinaus. Aus ihm hat Sarah Morris, spektakulär sichtbar, den Farbenklang entnommen, der ihre Leinwand- und Wandgemälde regiert.

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Rings, 2008, Lackfarbe auf Leinwand

Beschränken wir uns auf “Beijing”, im Frankfurter MMK erstmals in Europa gezeigt: Museumschefin Susanne Gaensheimer und die Künstlerin heben die besonderen Umstände hervor, die seinerzeit einen derartigen Film ermöglichten: Die chinesische Regierung habe um die Olympischen Spiele herum gleichsam einen Wall an bürokratischen Massnahmen errichtet, der Besuchern wie Journalisten und anderen Medienvertretern im wesentlichen nur die Teilnahme an den Massenspektakeln des Sportgeschehens gestattete. Eine schriftliche Fürsprache des Direktors des Museum of Modern Art New York, Glenn D. Lowry, an den IOC-Präsidenten Jacques Rogge habe Morris den Weg zu dem eröffnet, was anderen verschlossen blieb: eine unbeschränkte Dreherlaubnis. In der Rückschau stellt sich sofort eine Erinnerung an Taryn Simon ein, der es seinerzeit gelang, als Fotografin Zutritt unter anderem zu geheimen Orten des US-amerikanischen nationalen Sicherheitsapparates zu erhalten. (Auf den interessanten Beitrag “In einem potemkinschen Dorf / Schöner kann sich Zensur nicht camouflieren” von Julia Voss – FAZ / FAZ.NET vom 29./30. Mai 2009 -, dem wir uns aber in manchem nicht anschliessen, sei verwiesen).

Den nicht narrativen Film (musikalisch-akustische Unterlegung: Morris-Ehemann Liam Gillick) anzuschauen, wobei der Betrachter im Grunde genommen an beliebiger Stelle “einsteigen” kann, ist ein “Muss”. Vor düsterer hochhausbewehrter Pekinger Smog-Realität brennt ein wahres Feuerwerk an Farben und Figuren des vordergründigen olympischen Spektakels ab. Beides, das bedrohlich Dunkle wie das Spiel der Farben, begegnet uns in den Malereien von Sarah Morris auf Schritt und Tritt wieder.

“Der Film ist”, so die Ankündigung des MMK, ” das surreale Porträt eines autoritären, neokapitalistischen Staates in einer extremen Phase der Selbststilisierung und Kontrollsucht. ‘Beijing’ zeigt ein bislang in vielen Bereichen verschlossenes Land in einem Moment der scheinbaren Öffentlichkeit, eine verborgene Kultur in einem Moment extremer Sichtbarkeit, ein Volk mit einer erhöhten Eigenwahrnehmung und einem grossartigen Gespür für das Schauspiel.”

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Rings, 2008, Lackfarbe auf Leinwand (Detail)

Hinzu tritt ein zweiter Ansatz der Künstlerin: Origami, die alte Tradition der Papierfaltkunst in Japan, die in die Mitte des ersten Jahrtausend zurückreicht. Stehen die Ring-Motive schon formal, aber auch in manchen inhaltlichen Aspekten in einem Kontext zu Olympia im weitesten Sinne (MMK: “ein System, das durch einen beispiellosen technologischen und finanziellen Aufwand, durch Massenmigration und durch eine hypermedialisierte Ereigniskultur den modernen Zusammenfluss von Kapitalismus und Massenmedien versinnbildlicht”), so beziehen sich die nicht dem Kreis verpflichteten geometrischen Formen der Leinwand- und Wandbilder auf jenes japanische Erbe.

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Chimera (Origami), 2009, Lackfarbe auf Wand (Detail)

Sarah Morris stellt ihre Arbeiten in einen Diskurs, der sich zwischen Politik, Industriedesign, Unterhaltung, Kommerz und Architektur bewegt. Dabei sind sie von grosser formaler (und zugleich hintergründiger) Ästhetik, Schönheit und Eleganz. Der “Chimera” betitelten, an die alte Origami-Kunst anknüpfenden Wandarbeit liegen, ebenso wie den entsprechenden Gemälden auf Leinwand, komplexe Koordinatensysteme zugrunde, die die Künstlerin computerunterstützt weiterentwickelt und zu kristallin anmutenden, an Kaleidoskope aus Kindertagen erinnernde Strukturen ausdifferenziert. Morris will mit Hilfe dieser Verfahren die “psychologischen und gesellschaftlichen Codes der modernen Stadt” erkunden und “urbane und soziale Typologien unserer Gegenwart” aufspüren und deuten.

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Chimera (Origami), 2009, Lackfarbe auf Wand (Detail)

Chimäre – das uns aus Homers Ilias bekannte Ungeheuer, Schwester der furchterregenden neunköpfigen Hydra und der die Menschen, die ihre Rätsel nicht lösen konnten, verschlingenden Sphinx – begegnet sie uns nicht immer wieder in manchen unserer zivilisierten, urbanen, gesellschaftlichen, ja zwischenmenschlichen Strukturen und Kommunikationsmechanismen?

Sarah Morris, 1967 in London geborene Amerikanerin, lebt und arbeitet in New York und London.

Die Künstlerin hat die Wandarbeit eigens für die Applikation im Frankfurter MMK geschaffen und dem Museum zum Geschenk gemacht. Eine Kopie des Films “Beijing” hat das MMK für seinen Bestand erworben.

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Sarah Morris vor Chimera (Origami), 2009, Lackfarbe auf Wand (Detail)

Die Ausstellung im MMK läuft bis zum 30. August 2009.

(Bildnachweis: Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main; © Sarah Morris; Fotos: FeuilletonFrankfurt)