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Archive for Juni, 2009

53. Biennale Arte Venedig 2009 (2) – John Baldessari

Mittwoch, 24. Juni 2009

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Empfang in Venedig: Das Statement von John Baldessari am Canal Grande (Fotos: FeuilletonFrankfurt)

John Baldessari, geboren 1931, US-amerikanischer Künstler, wichtigster gegenwärtiger Vertreter der Konzept- und Medienkunst, ausgezeichnet für sein Lebenswerk mit dem Goldenen Löwen der Biennale 2009


53. Biennale Arte Venedig 2009 (1) – Der Deutsche Pavillon

Dienstag, 23. Juni 2009

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Da steht er also, der Portikus des Deutschen Pavillons in den Giardini Pubblici, mit seinen vier vorgebauten Säulen im Stil der nationalsozialistischen Architektur des Jahres 1938, in welchem der Bau seine heutige Gestalt erhielt: der Pavillon, an dem sich Kurator und Künstler des diesjährigen deutschen Beitrags zur Biennale, Nicolaus Schafhausen und Liam Gillick also, weidlich abarbeiten. Schafhausen würde sogar gerne die Abrissbirne gegen den Pavillon schwingen sehen – da gäbe es denn noch sehr vieles mehr an Nazi-Architektur abzureissen in Deutschland und anderswo, fangen wir gleich mit dem Haus der Kunst in München an und hören bei den als Ministerien genutzten Gebäuden in Berlin – denken wir nur an das riesige vormalige Reichsluftfahrt- und heutige Bundesfinanzministerium – noch lange nicht auf. Und die Bundesregierung brauchte über den Abrissbirnenherstellern gewiss keinen staatswirtschaftlichen Schutzschirm aufzuspannen.

Über das Konzept nationaler Pavillons hinaus missfällt Schafhausen und Gillick auch die übrige repräsentative, palladianischen Proportionen folgende Architektur des Gebäudes mit seiner von einer Apsis abgeschlossenen Zentralhalle und den symmetrisch angelegten Sälen zur Linken und zur Rechten. Nun, es sind Räumlichkeiten, wie man sie seinerzeit für Gemäldeausstellungen konzipiert hatte. Die diesjährige Biennale präsentiert jedoch fast ausschliesslich Installationen und kaum an eine Wand zu Hängendes.

Liam Gillick konterkariert diese Architektur mit seiner Installation, indem er sie mit endlos aneinandergereihten küchenmöbelartigen Einbauten aus powrem Tannenholz durchkreuzt. Sofortige Assoziationen an Billigware für Selbstabholer und Selberschrauber aus dem bekannten Möbelhaus mit den vier grossen Buchstaben lassen sich nicht vermeiden.

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Billigware verhängt auch das Eingangsportal des Pavillons: Fliegenabwehrende Plastikstreifen, wie man sie vor sommerlichen Campingwagentüren und auf Zeltplätzen antrifft.

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Die Arbeit des Künstlers – er betitelt sie “Wie würden Sie sich verhalten? Eine Küchenkatze spricht” – erschliesst sich vornehmlich demjenigen, der seine und des Kurators These nachvollziehen will, der Deutsche Pavillon stelle einen “ideologisch aufgeladenen Ort” dar, oder dem von Gillick höchstselbst vorgetragenen Text folgt, “dass da etwas Böses in dem Gebäude ist”.

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Ja, und da sitzt sie, die Küchenkatze, hoch auf den Schränken, wir werden noch auf sie zurückkommen.

Gillick liess sich für seine Installation durch seine heimische Küche inspirieren, die er als “improvisiertes Studio” nutzt; ferner von der Katze seines Sohnes (Gillick ist mit der anglo-amerikanischen Künstlerin Sarah Morris verheiratet, deren Arbeiten derzeit im Frankfurter Museum für Moderne Kunst gezeigt werden), die – also die Katze natürlich – “stets versuchte, seine Arbeit zu unterbrechen”, wie es im Katalog heisst. Und von der berühmten “Frankfurter Küche” der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky.

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“Frankfurter Küche”? 1926 holte der Frankfurter Stadtbaurat Ernst May, der nach dem Ersten Weltkrieg weite Teile der richtungweisenden, heute oft denkmalgeschützten Frankfurter Siedlungsstrukturen für die wohnungsuchende Bevölkerung gestaltete, Margarete Schütte-Lihotzky in das Hochbauamt der Stadt, wo sie den Prototyp der “modernen” Einbauküche entwickelte und rund 10.000 Mal in die kleinen Arbeiterwohnungen der Mayschen Häuser einbauen liess.

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Die Architektin, kämpferische Antifaschistin, verliess Deutschland bereits 1930. Im Jahr 1941 nahm die Gestapo in Wien Schütte-Lihotzky, mittlerweile Mitglied der Österreichischen Kommunistischen Partei KPÖ, fest. Ein Gericht verurteilte sie zu 15 Jahren Zuchthaus. Ende April 1945 befreiten US-Truppen sie aus ihrem Gefängnis im bayerischen Aichach.

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Gillick, “europäischer Sozialist” (der Künstler über sich), hat die “Frankfurter Küche” im Wiener Museum für Angewandte Kunst wiederholt besucht und sich mit ihr auseinandergesetzt. Es gibt sie also, zumindest im Ansatz: eine Beziehung, ja Verbindung der Architektur des Pavillons mit der von Gillick zitierten, jetzt in seiner Arbeit ins Groteske überhöhten Küchenstruktur Schütte-Lihotzkys und dem politischen Leben der Architektin, die nach dem Zweiten Weltkrieg als immer noch bekennende Kommunistin in den westlichen Ländern keine Aufträge mehr erhielt. Erst spät fand ihr schöpferisches Werk einige Anerkennung: 1980 erhielt sie den Architekturpreis der Stadt Wien.

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Die Katze: sie spricht. Das heisst nicht sie, sondern der Künstler Gillick spricht: Seine Stimme verhallt allerdings, vermutlich absichtsvoll, im weiten Zentralraum des ungeliebten Pavillons. Da spielt es denn auch keine Rolle mehr, dass Gillick den Text nur in Englisch vorträgt.  Der Text liegt am Eingang des Pavillons auch in deutscher Sprache aus; die – ausgestopfte – Katze hält das Papier zwischen ihren Zähnen. Leider trifft man den vom Künstler gesprochenen Text auf der Homepage des Deutschen Pavillons ebenfalls nur in Englisch an (Nachtrag 27. Juni: nun, seit kurzem, auch in Deutsch!).

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Gillick erzählt ein in der Zukunft spielendes poesiereiches Märchen von einer sprechenden Katze, einem kleinen Jungen und einem kleinen Mädchen. Die Beziehungen zwischen der Katze, den Kindern und den anderen Menschen, die zunächst “sehr stolz auf ihre sprechende Katze” sind, verändern sich. Die Katze wird husten, lachen und auch weinen, aber auf ihrem Küchenschrank sitzen bleiben. Am Ende wird sie schniefen, und der Atem der Kinder wird ihr nahe sein, aber sie wird ihn nicht stehlen, wie manche Menschen denken. “Es sind Gebäude wie dieses, die den Menschen den Atem stehlen” sagt Gillick.

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An verschiedenen Tagen beobachteten wir, wie sich das Publikum zügig, kaum innehaltend oder fotografierend, durch die blutleer-kühle, eher abweisende Installation bewegte und den Pavillon rasch wieder verliess.

1938, vor 71 Jahren, wurde der Deutsche Pavillon zu seiner heutigen Gestalt umgebaut; 1945, vor 64 Jahren, endete mit dem Zweiten Weltkrieg die nationalsozialistische Gewaltherrschaft. Deutschland und das Bild Deutschlands in der Welt haben sich seither auf das Grundlegendste und Tiefgreifendste verändert. Kann der diesjährige, von Nicolaus Schafhausen kuratierte Beitrag Deutschlands zur Biennale dieser Tatsache gerecht werden?

Gibt es im Jahr 2009 wirklich nichts Wichtigeres in Deutschland, Europa und der Welt, mit dem sich Kuratoren und Künstler auseinandersetzen könnten, als die Architektur dieses Gebäudes? Ja, gibt es. Beispiele dafür folgen in den nächsten Berichten von der diesjährigen Biennale in Venedig.

(Installation: © Liam Gillick; Fotos: FeuilletonFrankfurt)

Bayrisch / 2

Montag, 22. Juni 2009

Bayrisch:   Massgruag

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Deutsch:   Masskrug

Nur in Bayern anzutreffendes Gefäss aus Glas oder Steingut für eine Mass, also die noch vor dem Meter oder dem Kilogramm wichtigste bayerische Mess-Einheit, nicht zu verwechseln mit dem deutschen Liter! Eine Wiesn-Mass beim Münchner Oktoberfest entspricht etwa einem dreiviertel Liter, eine beim ehrlichen Wirt in ländlicher Gegend gut eingeschenkte Biergarten-Mass etwa 1,1 bis 1,2 Liter.


Auf den Spuren von Konrad Adenauer (2): Der Bundeskanzler und Cadenabbia

Freitag, 19. Juni 2009

1957 kam Konrad Adenauer erstmals zu einem Urlaub nach Cadenabbia, 1966 zu seinem achtzehnten und letzten Aufenthalt. Seit 1959 verbrachte er seine Ferientage in aller Regel in der Villa La Collina.

Am Ufer des Comer Sees wurde dem Altbundeskanzler und leidenschaftlichen Bocciaspieler ein Denkmal gesetzt:

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Das Bocciaspiel entdeckte Adenauer in seinen Urlaubstagen in Cadenabbia, er pflegte es besonders vor dem Abendessen. Allerdings benutzte er eine Bocciabahn auf einem benachbarten Grundstück; die heute in der Villa La Collina neben der Accademia befindlichen Bahnen wurden erst in jüngerer Zeit eingerichtet. Adenauer erwies sich im Spiel als äusserst geschickt, war aber, wie überliefert ist, kein guter Verlierer. Mitspieler und Mitarbeiter liessen deshalb den alten Herrn, um ihn bei Stimmung zu halten, zumeist gewinnen.

“Politik ist”, wird der Altkanzler zitiert, “wie Boccia, man wird immer wieder mit Überraschungen konfrontiert und muss sich was Neues ausdenken.”

Vom Seeufer mit seinen Villen und Hotels geht es steil bergauf, an Adenauers Urlaubssitz, der Villa La Collina vorbei,  in das Dorf,

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vorbei an kleinen Bürgerhäusern und Plätzen, auf denen zur Siesta-Zeit die Arbeitsgeräte in der Sonne dösen,

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nach rechts in das Centro storico, wo wie so oft in Italien gemauerte Bögen die schmalen Gassen überwölben und die Häuser gegen einen Einsturz bei Erdbeben bewahren sollen.

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In der Mittagshitze schützen die dunklen, engen Gassen vor der Sonne und öffnen um eine Ecke herum manch überraschenden Anblick.

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Zur linken Seite geht es die “Passeggiata Adenauer” weiter hinauf zur Kirche Santi Nabori e Felice, die der Kanzler unter grosser Anteilnahme der Dorfbewohner allsonntäglich besuchte. Trotz seines hohen Alters nahm Adenauer den ansteigenden Weg in aller Regel zu Fuss.

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Adenauer erfreute sich bei den Bürgern Cadenabbias grosser Beliebtheit und Verehrung. Bereits bei seinem ersten Besuch in dem 800-Einwohner-Dorf erhielt er die Ehrenbürgerschaft. Nicht nur über das Bocciaspiel war er mit vielen Bürgern des Ortes freundschaftlich verbunden. Nach Adenauers Tod reisten derart viele Einwohnerinnen und Einwohner von Cadenabbia zur Trauerfeier im Kölner Dom, dass der Bürgermeister dafür eigens einen grossen Reisebus chartern musste.

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Konrad Adenauer, Büste in der Villa La Collina, Cadenabbia

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

Auf den Spuren von Konrad Adenauer (1): Drei Tage in der Villa la Collina

Dienstag, 16. Juni 2009

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Wir sind am Ziel: Nach wenigen Serpentinen bergan vom Ufer des Comer Sees halten wir vor dem mächtigen schwarzlackierten Tor der Villa La Collina in Cadenabbia. Hoch türmt sich ein üppig mediterran bewachsener Bergpark auf, dominiert von wuchtig aufragenden Zypressen sowie exotisch anmutenden Tannen- und Laubbäumen. Daneben und dazwischen Palmwedel. Wir stehen vor der berühmten Villa La Collina, in der Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, in den Jahren von 1959 bis 1966 fünfzehn Mal seinen Urlaub verbrachte.

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Über 27.000 Quadratmeter Park, wie der Name besagt auf einem Hügel gelegen, ganz oben die 1899 erbaute “eigentliche” Villa (in Italien heissen exklusive Gebäude samt dem umgebenden Park Villa).

In der beginnenden Dämmerung geht es hinauf, an der 1990 im unteren Teil des Parks errichteten Accademia und an den riesigen, uralten Zypressen vorbei zur Villa …

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Am nächsten Morgen dann das Gebäude im Sonnenschein und der Blick über die Terrassen auf den Comer See …

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Heute ist die Ausstattung des Hauses eine andere als zu Adenauers Zeiten, in denen es dort sehr spartanisch zuging. Die Villa war damals, nach wiederholtem Leerstand, schlecht zu beheizen, Mobiliar, Geschirr und sonst Nützliches bis Notwendiges mussten von einem Hotel in der Nähe herbeigeschafft werden, wenn der hohe Besuch eintraf.

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1977 erwarb die Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. das denkwürdige Anwesen und richtete dort ein internationales Begegnungszentrum für Politik, Wirtschaft und Kunst ein. Zusammen mit der genannten Accademia bietet das Anwesen bis zu 60 Übernachtungsgästen Platz. Rund 50 bis 60 Konferenzen, Seminaren und Tagungen jährlich gibt die Villa ein einzigartiges Ambiente und Gepräge.

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In der Villa finden die Zusammenkünfte der Autorenwerkstatt der Stiftung statt; Künstler und Kunstmanager aller Sparten treffen sich regelmässig zum Gedankenaustausch beispielsweise über Fragen von Kunst, Macht und Politik.

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Überall auf den Wegen und in den Räumen weht uns der Genius loci an. Konrad Adenauer fand hier, obwohl die Villa in den Wochen seiner Anwesenheit zu einer Art Aussenstelle des Bonner Kanzleramts hergerichtet werden musste, ein paar Stunden der Ruhe und Musse. Er liebte die alten Bäume, besonders die himmelwärts aufstrebenden Zypressen. Er traf an diesem Ort wichtige politische Entscheidungen und Weichenstellungen auch für den eigenen persönlichen Lebensweg: So entschied er sich hier in politisch brisant-bewegten Zeiten dafür, entgegen früheren Erwägungen doch nicht für das Amt des Bundespräsidenten zur Verfügung zu stehen, sondern die Kanzlerschaft fortzusetzen. Und nicht zuletzt: Hier verfasste er die ersten Bände seiner “Erinnerungen”.

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Inzwischen steht die Villa La Collina bei rechtzeitiger Voranmeldung auch Gästen für einen kürzeren privaten Urlaub zur Verfügung. Einen entsprechenden Kontakt zur Leitung der Villa finden Sie unter www.kas.de.

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(Fotos: FeuilletonFrankfurt)