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“Triumph”: 2529 Pokale – Aleksandra Mir stellt sie in der SCHIRN Kunsthalle aus

Habent sua fata pocula … Auch wir vergewaltigen jenen berühmten Satz des Terentianus Maurus, um mit all den um Bedeutung ringenden Rezensenten und Autoren mithalten zu können.

Dabei warnte Matthias Ulrich, Kurator der besagten Ausstellung in der SCHIRN Kunsthalle, vor dem Versuch, eine Bedeutung in jene hineinzulegen. Und SCHIRN-Chef Max Hollein riet dazu, das Kunstwerk primär als eine Projektionsfläche zu betrachten. Obwohl gerade dies dem schauenden Kunstkonsumenten eine Leistung abverlangte, um die er sich – wohlversehen mit von hochrangiger Stelle gelieferten Erklärungsmustern – gerne gedrückt hätte. Wir wollen deshalb nichts überhöhen und Assoziationen etwa an den Abendmahlskelch oder den Heiligen Gral der Artussage nicht weiter strapazieren.

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“Triumph” also in der SCHIRN Kunsthalle: 2529 Pokale in einem Raum. Absurd? Mal sehen.

Jeder Pokal hat eine Geschichte. Ein jeder Pokal trägt seine Geschichte in sich. 2529 Geschichten also, mit allen Emotionen verbunden. Aleksandra Mir kennt sie grossenteils, hat sie mit den einzelnen Pokalen gesammelt, archiviert, aber sie erzählt sie nicht, nicht verbal. Die Pokale könnten sie erzählen, wenn sie erzählen könnten. Aber – vielleicht können sie das ja?

2529 Pokale mit ihren Geschichten in einem Raum. Immer noch absurd?

Es sind Geschichten von Menschen, über Menschen. Pokale werden gewonnen, feierlich überreicht, für erbrachte Leistungen, für erworbene Verdienste. In allen Erscheinungsformen des Sports, aber auch auf nahezu unendlich vielen anderen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens: Da gibt es Kleingärtner und Kanarienvogelzüchter, Briefmarkensammler und Brieftaubenverschicker, Böllerschützen und Modellraketenflieger, Feuerwerker und freiwillige Feuerwehrleute, Biergärtner, Rebenzüchter und Blaukreuzler, Steilwandfahrer und Rotkreuzhelfer, Karnevalisten und Kirmesburschen, Heilsarmisten und Karl-May-Festspieler …  es gibt Zünfte und Gilden, Vereine und Bruderschaften, Clubs und Gesellschaften, Korporationen und Genossenschaften … und sie alle vergeben aus allerlei Anlässen Pokale.

Immer sind es grössere oder kleinere Triumphe, die sich mit Pokalen verbinden. Stolz sind wir darauf, wenn wir auf dem Treppchen stehen, bei Gold, Silber und Bronze mit von der Partie sind, aus anderen Gründen eine Ehrung empfangen. Dann tragen wir die Trophäen nach Hause, wo sie irgendwann in Vergessenheit geraten oder ob ihres kitschigen Aussehens gar lästig werden. Und wir vernachlässigen sie, lösen, trennen uns von ihnen … und was wird aus den Geschichten?

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Pokale: einst …

… und später

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Die Leserinnen und Leser des “Il Giornale di Sicilia” werden nicht schlecht gestaunt haben, als sie Aleksandra Mirs Anzeige mit der Bitte entdeckten, ihr Sportpokale zuzusenden – gegen jeweils fünf Euro das Stück. Aus logistischen Gründen wählte die heute in Palermo lebende Künstlerin dieses Blatt für ihre Aktion. 2529 Exemplare erhielt sie innerhalb weniger Wochen.

Mir untersucht unter anderem das Spannungsverhältnis zwischen der zumeist kitschigen Massenware – Pokale werden in aller Regel aus einer Vielzahl standardisierter Teile entlang einer im Inneren tragenden Metallstange zusammengeschraubt – und der Individualität des einzelnen, mit Namen, Datum und Verleihungsgrund gravierten Exemplars, den jeweils mit dem Einzelstück verknüpften Geschichten und Schicksalen. Sie interessiert der mit der Überlassung der Pokale an sie jeweils verbundene Trennungsprozess, das Loslassen, das Weggeben eines derartigen Objekts im Zuge einer inneren wie äusseren Neuorientierung des vormaligen Besitzers.

Und sie zieht Parallelen aus der Welt des Sports zum Kunstbetrieb. Wir zitieren Aleksandra Mir aus ihrem Interview mit Matthias Ulrich: ” Die Ähnlichkeit von Sport und Kunst auf der Ebene ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Inszenierung ist offensichtlich. Künstler werden von ihren inneren Dämonen genauso angetrieben wie von den Beziehungen zu ihren gegenwärtigen und früheren Kollegen. Die Biennale hat die Olympischen Spiele zum Vorbild – die Preisverleihungen sprechen für sich selbst.”

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Pokale: auf Säulen stolz präsentiert …

… und auf der Halde

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Aleksandra Mir, 1967 in Lublin / Polen geborene, schwedisch-amerikanische Künstlerin, studierte in New York und Göteborg Medien, Kommunikationswissenschaften, Kunst und Kulturanthropologie. Sie nahm an über 150 internationalen Ausstellungen teil.

Auch bei der bevorstehenden 53. Biennale in Venedig werden wir ihrem Werk begegnen. Frage: Was tut sie, wenn sie dort am Ende selbst einen Pokal gewinnt – in Gestalt des begehrten Leone d’Oro?

(Bildnachweis: SCHIRN Kunsthalle Frankfurt; © Aleksandra Mir; Fotos: FeuilletonFrankfurt)


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