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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for März, 2009

“Manipulation” – Semesterausstellung der Schule für Mode.Grafik.Design im Frankfurter Künstlerclub

Samstag, 14. März 2009

Wie in jedem Jahr ging es im Nebbienschen Gartenhaus in dieser Woche drei Tage lang bunt zu: Der Frankfurter Künstlerclub öffnete sein Domizil für die jüngste Semesterausstellung der Offenbacher “Schule für Mode.Grafik.Design“. 13 junge Studierende der Schule präsentierten ihre Ideen zu dem vorgegebenen Thema “Manipulation”. Heraus kam dabei Beachtliches: Die angehenden Künstlerinnen und Künstler in den Sparten Mode, Malen, Zeichnen, Druckgrafik und Design näherten sich dem Thema auf unterschiedlichste Weise, mal ironisch-sarkastisch, oft im Stil der Comic-art, mal hintersinnig-kritisch, stets engagiert, couragiert und talentiert.

Im folgenden eine Auswahl aus den ausgestellten Arbeiten; ebenso Sehenswertes zeigten SARAH  ALAOUI, BEATRICE  KATSCHER, RAMONA  KLEIN, RACHEL  RAHEJA, WAQAS  AHMAD  RAJA und LISA  RILKA.

JANA  SCHÜTZ  “GENMANIPULATION”

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Silence

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Das Designerbaby

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Bert

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Eve

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Beelzebub

ALESSANDRA  PISTOIA  “BRILLEN”

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Manipulation durch Fernsehen

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Manipulation durch Politik

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Manipulation durch Mode

PATRICK  REH  “PC-FIKATION”

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Von den Anfängen zur Abhängigkeit … am Ende zieht der Monitor den Betrachter ein.

JENNIFER  LOOSS  “WAS IST JETZT SCHÖNER?”

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Jennifer Looss erläutert ihren Comic (Foto: Horst Thürling)

ALEXANDER  HEIN  “MANIPULATION MODE – MOPPELCHEN ZU MAGERMODELS”

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Big is beautiful?

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Haut und Knochen

PAULINE  KONDRATUK  “GENETISCHE ZWILLINGE”

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rechts: Pauline Kondratuk (Foto: Horst Thürling)

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Quelle: Nach einer Fotografie von Robert Lebeck, “Romy Schneider, Berlin 1976″

BEGÜM  SENER  “HITLERKÖPFE”

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Begüm Sener vor ihrer Arbeit (Foto: Horst Thürling)

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Durch Manipulation damals verboten und verpönt: Behinderte, Homosexuelle, Bücher, Kirchen, Jüdische Mitbürger

(Fotos: Horst Thürling (3); alle anderen: FeuilletonFrankfurt)

→  “Leuchtstoff”

Urlaubsbrief aus der Türkei / Statt eines Vorworts – ein Nachwort

Freitag, 13. März 2009

nachwort

Statt eines Vorworts  – ein Nachwort

Für den möglichen Fall, dass Sie vielleicht Robert Straßheims Erzählung “Urlaubsbrief aus der Türkei” nicht zu Ende verfolgt haben sollten: Wir möchten ihnen ein aufmunterndes “bitte lesen Sie weiter!” zurufen.

Und noch eines vorab: Wer diese Erzählung kurzgegriffen als eine Türkei-kritische Reisegeschichte missverstanden hätte, der hätte den Text weit verfehlt.

Es musste ja nicht gleich eine Art neuer “West-östlicher Divan” werden. Straßheim erzählt die Geschichte eines jungen, intellektuellen, ein wenig introvertierten Deutschen, der durchaus an seinem althergebrachten Deutschtum leidet (am Ende lehnt er sich mit einem verzweifelten “ich und deutsch!” gegen diese Zurechnung, freilich vergeblich, auf). Mit seiner türkischen Ehefrau Zara besucht er deren Heimatland. In der hektischen 10-Millionen-Metropole Istanbul wie auch in deren ländlicher Umgebung begegnet er Zaras Familie. Die dreiwöchige Reise führt ihn in einen zu deren Beginn so kaum erwarteten Einkehr- und Selbstfindungsprozess. Nicht des Türkischen mächtig, verliert er sich in Zaras und deren Familie Umgebung in der Lektüre seiner mitgebrachten Bücher. Das Lesen treibt ihn in eine Isolation, an den zur Schreibunterlage umfunktionierten Bügeltisch ebenso wie an den Internet-PC des Enişte, des türkischen Schwagers, in dessen nach Feierabend abgeschlossener Dienststelle.

Und: Was hatte er sich nicht alles erwartet von Istanbul: “… jene heiligen Hügel der Stadt, diese runden Formen im Himmel: die Kuppeln der ewigen Moscheen …” Was er antraf: Verkehrschaos, Lärm, Schmutz, Gedränge, Luftverpestung und so manche Befindlich- und Widrigkeiten des ihm fremden türkischen Alltagslebens.

Was uns an dieser Erzählung gefällt: die Begegnung zwischen den unterschiedlichen Kulturen und Traditionen im fremden Land, wie auch die selbstreflektorische Auseinandersetzung mit dieser Begegnung. Dies alles jedoch exemplifiziert in der zärtlich-subtil erzählten Beziehung unseres Helden zu seiner Zara.

Aktuell ist diese Auseindersetzung: vor dem Hintergrund eines zusammenwachsenden Europas, zu dem viele auch die Türkei zählen, und der Option eines Beitritts der Türkei zur Europäischen Union.

Die Briefform spricht uns persönlich an, nimmt uns unmittelbar in die Gedanken der Handelnden und das Geschehen um sie herum hinein. Und über allem walten eine feine, selbstkritische Ironie ebenso wie ein schmerzlicher Selbstzweifel am eigenen Deutschsein, am eigenen Unvermögen, sich dem Fremden zu öffnen.

Das kleine Opus erschliesst sich in seiner Dimension erst von seinen beiden letzten Kapiteln her. Am Schluss mündet die Reflexion der Reise unseres Helden in der Erkenntnis: “Wenn nicht gleich mein eigener Geist auch Folter wäre! Wenn ich auf dieser Reise etwas gelernt habe, dann das: Wie jämmerlich mein Gedankenapparat ins Leere läuft! Und wie seine Ressentiments alle auf ihn selbst zurückfallen! Von daher bereue ich keine Zeile von dem, was ich Gehässiges gegen die Türken geschrieben habe, denn es ist das ja alles wahr, spiegelt es doch nichts anderes als mein ureigenstes Elend wider! Das einzige, was ich bereue, ist, dass ich Zara Kummer machte, da sie glaubt, dass ich ihr Istanbul nicht hätte sehen wollen, und sie als Türkin kann nicht verstehen, dass ich meistens etwas anderes sah, nämlich: die Projektionen eines verqueren deutschen Geistes, eines spießigen Kasselaners, wenn du so willst!”

Straßheim verfügt über sprachlich präzise, einfühlsame, poesiereiche erzählerische Mittel. Der Frage, wieviel an autobiografischen Zügen seiner Geschichte eignen mag, wollen wir nicht nachgehen; Straßheim erzählt zweifellos authentisch und erlebnisnah.

Robert Straßheim, Jahrgang 1965, mit einer “türkeistämmigen kurdischen Deutschen” verheiratet, lebt und arbeitet als Studienrat in Hessen.


Urlaubsbrief aus der Türkei / 8

Donnerstag, 12. März 2009

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Erzählung

von © Robert Straßheim

(Erstes  Kapitel)   (Zweites Kapitel)   (Drittes Kapitel)  (Viertes Kapitel)  (Fünftes Kapitel)  (Sechstes Kapitel) (Siebtes Kapitel)

Letztes Kapitel

In Frankfurt

Erstmal muss ich beklagen, wie die Dörrie mich enttäuscht und, unterwegs im Bus, in Not gebracht hat: Von den vier Erzählungen, die ihr Buch „Liebe“ beinhaltet, waren drei völlig ungenießbar. So saß ich die fünf Stunden im Bus nach Istanbul und konnte kaum lesen. Zara saß neben mir, hatte Bücher und wollte nichts lesen. So ungerecht ist die Welt. Wir redeten wenig, da wir alle um sechs Uhr morgens, noch nüchtern, das Haus verlassen hatten – die Frauen und das Gepäck wurden im Taxi zur Bushaltestelle gefahren, der Enişte und ich liefen durch den Ort, niemand war auf den Straßen außer Hunden, die uns anguckten, einer kam auf uns zu gelaufen, aber der Enişte zog sich die Kappe vom Kopf, schlug damit ein paar Mal heftig Löcher in die Luft, der Hund zog wieder ab, ich war froh, nicht allein unterwegs zu sein. Wir wurden herzlich verabschiedet, von Abla mit Tüten voll Pfirsichen und Börek versorgt, und es wurde trotz der Müdigkeit geredet, bis der Fahrer uns einsteigen hieß. Träge schaukelte uns der Reisebus über die holprige Landstraße, der Sonnenaufgang bannte uns, ein zartes rotes Licht, das über die Hügel und das Meer streifte. Die Zeit verging rasch, da die Landschaft ein würdiger Ersatz für die magere Lektüre war; am Flughafen kaufte mir Zara die FAZ, für 5,50 Lira, viel zu teuer, eigentlich lese ich keine Zeitung, die FAZ schon gar nicht, aber der Stoff verfing, ich fing sofort an zu lesen, was Zara gar nicht recht war, galt es doch, dass wir uns trennen mussten!

Wir verabschiedeten uns am Gate ihres Fluges nach Adana. Ich bat, dass wir uns küssten. (In der Frühe hatten wir uns nicht einmal geliebt.) Zara erlaubte nur flüchtige Wangenküsschen. Ich umarmte sie fest, hob sie zu mir empor. Umsonst, ich musste sie gehen lassen, da half auch das Winken nicht. Trotzdem winkten wir bis zum Schluss.

Keine Traurigkeit, ich las die neuesten Meldungen, Titelthema: Grass in der Waffen-SS. Welch scheinheilige Aufregung! Verdrossen suchte ich nach gehaltvolleren Nachrichten, Reportagen, aber die FAZ versteht es, jedes interessante Thema, das nicht zum Feuilleton gehört, durch ihren ökonomistischen Ansatz zugrunde zu richten. Es war mir schade um das Geld, schade um die Zeit. Wenn ich nur ein Buch gehabt hätte!

Übrigens hat mir heute ein superschlauer Kollege geraten: Mittels Internet hätte ich auf die Gutenberg-Datenbank zugreifen können, die kostenlose Downloads von Literatur bereithält. Doch verkennt der werte Kollege die Bedingungen eines Entwicklungslands: Wenn man nicht ausdrucken kann und als Bildschirm nur eine alte, flackernde Strahlenschleuder hat, verkehrt sich das Lesen bald zur Qual. Und so ließ ich ab.

Im Nachhinein betrachtet, ein Segen, denn:

“Unsere Aufnahmefähigkeit für Wissen entspricht dem Grad unserer Leere.“ (S.21)

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Demütig ahne ich, dass ich so gut wie gar nicht aufnahmefähig bin. Vielmehr geistere ich durch ein Scheinleben.

Am letzten Abend indes war das Leben lebendig: Zara hatte mich aufgefordert, eine Abschiedsrede zu halten, die sie übersetzte. Abla und der Enişte waren ganz gerührt, wir mögen uns ohne viele Worte, und der Enişte antwortete, dass unser Besuch ihn froh machte, dass er so gern mit mir reden würde, ich sollte doch Türkisch lernen! Höflich erklärte ich, wie viel Aufwand das bedeute, dass ich Sprachen ungern und schwer lerne. Ich bin weder Sprachensammler noch Weltensammler!

Ich bin nur ein beschränkter Deutscher, der mal ein wenig herausschaut, aber gern wieder heim­kehrt. Das sagte ich aber nicht. Du kennst mich ja, ich suche das Fremde nicht, außer in mir selbst. Allenfalls noch in den Fremdsprachen. Aber wenn schon lernen, dann sicher kein Türkisch. In der Türkei zu leben kommt nicht in Betracht, und türkische Fachliteratur gibt es nicht.

Später, als ich im Bett lag und schlechten Gewissens die erste Dörrie-Geschichte las, rief mich Zara zum Fernsehen, wo sie eine Bauchtänzerin bewunderten. Ich guckte mit ihnen zu und, in schönster Zara-Manier, kommentierte ich: Diese Madonna sei nicht so besonders toll, so könne ich ja selber tanzen. – „Dann tanz doch!“ forderte Zara, und vor der Familie stellte ich mich auf, schwang die Arme hoch, miaute, drehte ein paar kunstvolle Figuren, brach aber ab, da alle schallend lachten. Wir tanzten nun alle (außer dem Enişte) zu eigenen Musikcassetten und der Fernseher war aus.

Samstag

Habe mir den Pamuk vorgenommen, der für die Türkei zu schwergewichtig und zu riskant war: „Schnee“. Auf Seite 233 finde ich die Antwort auf meine Frage, die ich mir in der Türkei oft gestellt hatte: Warum sitzen diese vielen Männer tagein tagaus auf der Straße?

“Sunay, ein Schauspieler, erzählt dem Protagonisten: Auf seinen jahrelangen Tourneen durch entlegene anatolische Provinzstädte habe er gesehen, dass alle Männer dieses Landes gelähmt von Schwermut seien. ‘Sie sitzen tagaus, tagein in Teehäusern und tun gar nichts’, erklärte er. ‘In jeder Kleinstadt sind es Hunderte, in der ganzen Türkei Hunderttausende, Millionen von arbeitslosen, erfolglosen, hoffnungslosen, bewegungslosen Schwächlingen.’ “

Ist diese Literatur nicht hinreißend? Das war es, was mir zum Glück fehlte, sonst nichts. Ich bin so begeistert, dass ich dir den ganzen Absatz zitiere:

” ‘Die Brüder haben keinen Anlass, auf ihr Aussehen zu achten, keinen Willen, ihr fettiges und verflecktes Jackett zuzuknöpfen, keine Energie, ihre Glieder zu bewegen, keine Konzentration, um eine Geschichte bis zum Ende anzuhören, und keinen Grund, über einen Witz zu lachen.’ Er behauptete, viele könnten vor Unglück nicht schlafen, rauchten Zigaretten deshalb, weil sie sie umbrächten, begriffen die Sinnlosigkeit, einen angefangenen Satz zu Ende zu bringen und ließen ihn darum unvollendet, sie schauten nicht deswegen fern, weil sie das Programm mochten und sich amüsierten, sondern weil sie die anderen Gründe für Schwermut in ihrer Umgebung nicht aushielten, wollten eigentlich sterben, hielten sich aber für einen Selbstmord nicht für wertvoll genug, stimmten bei Wahlen für die schändlichsten Kandidaten der nichtswürdigsten Parteien, damit die ihnen die wohlverdiente Strafe zukommen ließen, und zögen die dauernd von Bestrafung redenden Putschisten Politikern vor, die ihnen ständig Hoffnung machten. Funda Eser war herein gekommen und ergänzte, dass sie alle zu Hause unglückliche Frauen hätten, die auf die Kinder aufpassten, von denen sie mehr als genug hätten, und die an Orten, von denen ihre Ehemänner nicht mal wüssten, wo sie seien, putzten, Tabak verarbeiteten, Teppiche knüpften oder als Krankenschwester arbeiteten und so ein bisschen Geld verdienten. Wenn es diese Frauen nicht gäbe, die das ständige Schimpfen mit ihren Kindern und ihr ständiges Weinen an das Leben binde, würden diese Millionen von unrasierten Männern in schmutzigen Hemden, ohne Fröhlichkeit, ohne Arbeit oder Beschäftigung, diese Männer, die ganz Anatolien überschwemmten und einer wie der andere aussehen, sie würden ohne Frauen ganz verschwinden wie Bettler, die in frostigen Nächten an einer Ecke erfroren, oder wie Trinker, die aus der Kneipe kamen, in einen offenen Kanalisationsschacht fielen und nie wieder auftauchten, oder wie die verkalkten Opas, die sich im Schlafanzug und in Pantoffeln zum Krämer aufmachten, um ein Brot zu kaufen und sich verirrten. [...] ihre einzige Freude sei es, ihre Frauen zu unterdrücken, denen sie ihr Leben zu verdanken hätten und denen sie mit einer Liebe anhingen, deren sie sich schämten.”

Nun, was mir jetzt fehlt, ist Zara. Selbst ihre Familie habe ich lieb gewonnen. Wer kann mich schon wochenlang so ertragen? Im Kampf gegen die Leere. Jeden Tag diese pamukschen Männer vor Augen, die diesen Kampf verloren haben und nicht mal mehr nach einem Buch dürsten.

Ich habe auch keinen Mitbewohner mehr, der mir darüber hinweg hilft. Was mir hilft, ist die Uni, die große Aufgabe der Lehre, ich freue mich auf den Semesterbeginn, ich werde das Gequirl der Seminare lichten, Klarheit und Bildung schaffen!

Morgens wache ich um sechs Uhr auf, denn ich behalte die türkische Zeit in mir (eine Stunde Verschiebung), praktiziere weiterhin die 50 Minuten Stilles Sitzen; gehe dann bibliotheken, mensen, wieder bibliotheken, oder treffe auch mal ein paar Kollegen, und am Spätnachmittag habe ich einen neuen Programmpunkt: das Café beim Merianplatz, wo ich mir grünen Tee bestelle, Zeitungen lese, zweimal heißes Wasser in die Kanne nachfüllen lasse, und darauf achte, dass ich auch mal für ein paar Minuten einfach dasitze, ohne zu lesen, nur zu sitzen, zu beobachten, freundlich und wohlgesonnen, wie ein alter Mann, den Tag genießen, als wäre er der einzige Tag, bis der Hunger mich nach Hause treibt, wo ich mir Patates koche, leider mit Quark statt Patliçan.

Jeden Abend um halb acht trainiere ich mich mit Michael im Fitnessstudio, um etwas für Zara zu tun, und den Rest des Abends fülle ich mit einem guten Buch. Damit bin ich fast glücklich – wenn nur Zara hier wäre …

Zara hat mich angerufen, mit weicher, verletzlicher Stimme, wie sie mich liebt! Auch alle anderen hätten mich vermisst. Das erstaunte mich. Was vermissen sie denn an mir? Meine Verdrießlichkeit? – Nein, meint Zara, „das Lesen“ hätte keinen gestört (dabei bin ich nur verdrießlich, wenn ich nicht lesen kann); sie meinen, ich sei so ein ruhiger, höflicher Mann, zwar mit sehr „deutschen Ansichten“ (ich und deutsch!), aber „lustigen Methoden“, seine Zuneigung zu zeigen: Besonders gefiel ihnen, wie ich mit ihnen tanzte, und wie ich mich immer zum Dank vor ihnen verbeugte.

Ich entgegne, sie solle ihnen öfter mal den Fernseher abschalten, um sich meiner zu erinnern.

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Frankfurt

Lieber Markus,

du schreibst, ich hätte offener sein sollen. Mich anpassen und mich einlassen sollen. Hätte mich mal nicht als Kasselaner, sondern als Weltbürger auszeichnen sollen?

Nun, in einem hast du zweifellos Recht: Einmal Kasselaner, immer Kasselaner, daran ändern auch ein paar Jahre Frankfurt nichts. – Wozu auch? Was macht es, ob man Frankfurter, Kasseler, Kasselaner oder Kasseläner ist? Solche Geburtstitel sind ohnehin sinnlos und töricht. Allein die Bildung zählt.

Wie aber sollte ich mich bilden lassen von einer Kultur, die das Militär mitregieren und die eine Religion erstarken lässt, die die Frauen knechtet? Eine „Bildungsreise“ in eine solche Kultur mögen Sozialpädagogen unternehmen, die mit Migranten arbeiten müssen. Mich interessiert so eine Kultur nicht. Das klingt vielleicht arrogant, aber ich bestehe auf meinem Recht.

Schon übergenug plagt mich die Verworfenheit unserer eigenen Kultur, nämlich die deutsche Unkultur, einen Großteil der eigenen Bevölkerung in Armut und Unbildung verkommen zu lassen, der undemokratische Lobbyismus, die BILD-Zeitung und die Unbarmherzigkeit gegen Flüchtlinge, die Tatenlosigkeit gegen Rechtsradikale, bis sie Immigranten und sozial Schwache ermorden, und so weiter und so fort, du kennst all unsere Übel.

Nein, es war ein Zugeständnis an Zara, in die Türkei zu reisen. Freiwillig würde ich sicher keinen Staat besuchen, bei dem man immer noch die Folter fürchten muss.

Wenn nicht gleich mein eigener Geist auch Folter wäre! Wenn ich auf dieser Reise etwas gelernt habe, dann das: Wie jämmerlich mein Gedankenapparat ins Leere läuft! Und wie seine Ressentiments alle auf ihn selbst zurückfallen! Von daher bereue ich keine Zeile von dem, was ich Gehässiges gegen die Türken geschrieben habe, denn es ist das ja alles wahr, spiegelt es doch nichts anderes als mein ureigenstes Elend wider!

Das einzige, was ich bereue, ist, dass ich Zara Kummer machte, da sie glaubt, dass ich ihr Istanbul nicht hätte sehen wollen, und sie als Türkin kann nicht verstehen, dass ich meistens etwas anderes sah, nämlich: die Projektionen eines verqueren deutschen Geistes, eines spießigen Kasselaners, wenn du so willst!

Ach ja, das Leben ist schwierig. Ich habe Zara geheiratet, und zu dem Deal gehört, dass wir unsere Kulturen miteinander teilen. Von daher hast du Recht: Ich muss mir mehr Mühe geben. Ich glaube, dass mir das leichter gefallen wäre, wenn ich genug Bücher dabei gehabt hätte. Nächstes Mal ist man immer schlauer.

So, und jetzt packe ich, auf nach Kassel, wie freue ich mich auf den Bugasee! Kassel, Kassel, die Karlsaue, die Cafés der Treppenstraße, unser Bebelplatz, die Wilhelmshöhe! Ach, das versteht ihr einfach nicht.

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(Fotos: © Robert Straßheim)

Ende

(Nachwort)


Der grosse Dreiklang – “Angel Dust” im MMK-Zollamt

Dienstag, 10. März 2009

Ein grosser Dreiklang erwartet den Besucher im MMK-Zollamt: die – erste – gemeinschaftliche Ausstellung des Museums für Moderne Kunst und des Hauses am Dom “Angel Dust”.

Dreiklang?

Die Ausstellung – es handelt sich eher um eine Gesamtinstallation – besteht aus drei Komponenten: einem Gemälde, einer Skulpturengruppe und einem Video.

Das Gemälde stellt wiederum drei Figuren beziehungsweise Erscheinungen dar: den Erzengel Gabriel, die Jungfrau Maria und den Heiligen Geist in Gestalt einer weissen Taube. Auch die Skulpturengruppe besteht aus drei Elementen, es sind drei weitestgehend abstrahierte Gestalten. Und schliesslich das Video: auf eine grossformatige Leinwand wird das Bild eines Auf- und Abgangs zu einer U-Bahnstation mit – es verwundert nicht – drei Rolltreppen projiziert.

Drei völlig unterschiedliche Formen der bildenden Kunst treten miteinander in Beziehung.

Da ist zunächst die Verkündigungsszene, die Arbeit eines unbekannten niederrheinischen Meisters, datiert auf das Ende des 15. Jahrhunderts. Eine uns aus der abendländischen Malerei in ihrer Aussage vertraute Darstellung. Übermächtig gross und doch behutsam tritt der Verkündigungsengel Gabriel Maria gegenüber, demutsvoll vernimmt diese die aus dem Evangelium des Lukas bekannte Botschaft.

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Unbekannter Meister, Verkündigungsszene, Niederrheinisch, Ende 15. Jahrhundert, Öl auf Holz (Foto: Axel Schneider)

Unmittelbar gegenüber dem Bild ein Raum, aussen grau, innen schwarz, wir betreten ihn durch eine vertikale Öffnung ohne Tür und gewahren das Video. Es ist eine Szene aus der Londoner U-Bahnstation namens Angel, jener Auf- und Abgang mit drei Rolltreppen. Die mittlere und die rechte laufen aufwärts, die linke abwärts. Aber die Menschen zur Rechten und Linken fahren und laufen auf den Treppen verkehrt herum, mit dem Rücken streben sie nach vorne.

Auf der mittleren Treppe predigt eine mächtige Gestalt, es ist der Künstler Mark Wallinger, verkörpert als “Blinder Glaube”, mit weissem Hemd – weiss wie das Gewand des Verkündigungsengels -, dunkelverglaster Brille und einem weissen Blindenstock den Weg ertastend, den er auf der aufwärts fahrenden Rolltreppe nach unten nimmt: derart bewegt er sich auf der Stelle. Bei näherem Hinhören erkennen wir die ersten Verse des Johannes-Evangeliums “Im Anfang war das Wort …” in englischer Sprache, aber warum so schwer verständlich gestammelt? Am Ende seiner Rede fährt der Künstler, zu Klängen aus Georg Friedrich Händels “Zadok the Priest”, auf der Rolltreppe nach oben, immer kleiner werdend, bis er verschwindet.

Das Geheimnis dieses Videos: es läuft rückwärts. Und auch der Künstler spielte seinen Text zunächst rückwärts gelesen ein(!), so dass er sich, wenn auch mühsam-holperig, bei der “verkehrten” Wiedergabe als von vorn gelesen anhört.

Eine hernieder- und wieder emporfahrende Engelsgestalt? Was verkündigt sie uns in einer Welt, in der Menschen ihren Weg verkehrt herum nehmen? Was aber würde aus dem Text, wenn das Video “richtig herum” abgespielt würde?

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Mark Wallinger, Angel, 1997, Videoinstallation, Dauer: 7 min 30 sek; Copyright of the artist; Courtsey Anthony Reynolds Gallery (Foto: Axel Schneider)

Gleichsam mit den beiden einander gegenüberliegenden Präsentationen ein gleichschenkeliges Dreieck bildend befindet sich die dreiteilige Skulptur von Bogumir Ecker “Hänger und Strippen (1-2-4)” in der säulengetragenen Halle des alten Zollamts, aus Eisenblech, in einem leuchtenden warmen Rot lackiert. Wir begreifen sie durchaus als drei abstrahierte figürliche Wesen, die Aufhängung verbindet sie mit der Decke, gleichsam dem Himmel, die aus ihnen herauswachsenden Schnüre mit dem Boden, der Erde. Runde Löcher, wie Augen, Ohren, Münder anmutend, als Ein- und Ausgänge in die Körperlichkeit und wieder aus ihr heraus. Auch sie Engel, Chiffren für Engelhaftes zwischen Himmel und Erde?

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Bogomir Ecker, Hänger und Strippen (1-2-4), 2003, Eisenblech, Lack, Stricke; Courtesy Galerie SixFriedrichLisaUngar (Bildnachweis: MMK, Foto: FeuilletonFrankfurt)

“Angel Dust” ist die Gesamtinstallation betitelt: Engelsstaub? “Angel Dust” – ein Album der US- amerikanischen Rock-Band “Faith No More”, der Name einer bekannten deutschen Metal-Band, aber auch der Name des als Partydroge berüchtigten Dissoziativums Phencyclidin. Dust, im Englischen auch Müll, Kehricht?

Wir stehen vor der Stille des spätmittelalterlichen Bildes, in der Halle dröhnt in stundenlanger Wiederholungsschleife, alle siebeneinhalb Minuten von neuem, Mark Wallingers “In the beginning was the word, and the word was with God, and the word was God …” Zerrbild, Abbild unserer medialen, vom allgegenwärtigen Dröhnen allgegenwärtiger Lautsprecher verstörten Welt? Dann – im Beziehungsdreieck – die Skulpturengruppe von Ecker: Stumm, mit ihren Augen-, Mund- und Ohröffnungen.

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Ausstellungsansicht (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Wir bewegen uns im Kreis, vom Gemälde zum Video, von dort zur Gruppe und wieder zum Gemälde zurück, und noch einmal im Kreis und noch weitere Male. Und sind überzeugt: diese Ausstellung zu besuchen, ein gewisses Zeitbudget vorausgesetzt, sollte man sich nicht entgehen lassen und ebenso wenig den Erwerb des bemerkenswerten Katalogs.

Eine vielversprechende Zusammenarbeit von MMK und Haus am Dom – zu sehen noch bis zum 13. April 2009 im MMK-Zollamt.

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Ausstellungsansicht (Foto: FeuilletonFrankfurt)


KUNST / 37

Montag, 9. März 2009

= Eine Harmonie, die parallel zur Natur verläuft.

Paul Cézanne (1839 bis 1906), Maler

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Montagne Sainte-Victoire, von der Umgebung bei Gardanne aus gesehen, 1886/90, National Gallery of Art, Washington