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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for Februar, 2009

Urlaubsbrief aus der Türkei / 3

Freitag, 20. Februar 2009

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Erzählung

© von Robert Straßheim

(Erstes  Kapitel)

(Zweites Kapitel)

Drittes Kapitel

Nächster Morgen

Habe Zara gefragt, ob mein Nachtrag über Istanbul sie zufriedenstellt?

Sie hat alles noch mal gelesen und empört sich erneut: Wie ich schreiben konnte, dass in Istanbul alles an einem Tag zu erledigen wäre! Ich hätte keine Ahnung, was wir da alles noch hätten sehen können: Die vielen Gemäldegalerien, oder die Gecekondu – die Vororte, die Slums, in denen es gefährlich wäre für Touristen, aber sie hätte sich von Bekannten einladen lassen können, damit hätten wir sozusagen sichere Passage bekommen. Aber ich hätte das nicht gewollt!

Du hast mich nicht eingeladen! Ich wäre gerne mitgekommen“, streite ich. Soziale Studien gehören ja zu meinen Interessensgebieten! Und Gemälde, richtige Gemälde? Warum hat sie das nicht früher vorgeschlagen? – Weil ich schon ihr die Kapale carsi abgeschmettert hatte.

Damit bezieht sie sich auf einen ganz unerquicklichen Tag in Istanbul: Strapaziöse Bummel durch Bazare und überlaufene Verkaufsstraßen, und als ich am Ende war, schleppte mich Zara in einen Bahnhof, warum? Zara wollte vom Touristenbüro einen Stadtplan geschenkt haben, so stritt sie sich mit einem Beamten herum, der nichts herausrücken wollte, weil Zara Türkin ist: Die kostenlosen Pläne seien nur für Touristen, so viele hätte er nicht, dass er sie auch noch an Türken ausgeben könne, denn die Türken würden sie dann an Touristen weiterverkaufen, was verboten sei. Aber Zara zerrte mich, der ich abseits stand, zum Schalter hin, wo ich kein Wort sagte, sondern nur deutsch aussah und ausharrte, bis die hitzige Auseinandersetzung damit endete, dass der Beamte mir eine Karte überreichte, allerdings auf Französisch.

Und wozu brauchten wir den Stadtplan? Zara suchte dort nach dem Kapali carsi, einem Bazar-Großmarkt, jauchzte, als sie ihn fand, und wollte nun aus der Karte Wirklichkeit werden lassen! Ich aber hatte das Gedrängel gründlich satt und ließ mich in einem Straßencafé nieder, wo ich Ayran bestellte, das einzige genießbare Getränk. Zara zeterte, sie könne nicht allein zur Kapali carsi gehen, denn Ibo, unser Gastgeber, hatte sie gewarnt: Nicht einmal seine Freundin würde sich dort ohne eine männliche Begleitung hintrauen, die Räuber seien zu dreist. Zara forderte, ich müsse mitzukommen, ich verweigerte, dann bat sie mich sogar, aber ich saß fest. Nein, ich bin kein türkischer Mann; nein, der Ayran schmeckt mir auch nicht; nein, ich habe keine Ehre; ja, ich lasse sie in türkische Messer laufen. Ist doch ihre Verantwortung, wenn sie gehen will.

Folglich blieb Zara bei mir und dem schleimigen Ayran sitzen.

Und jetzt gibt sie mir die Schuld, dass sie diesen „Höhepunkt“ versäumt hat. Dabei gibt es trotz der unzähligen Läden und Verkaufsstände nirgends viel Auswahl. Ich habe versucht, eine Aktentasche zu finden, ein ähnliches Modell wie meine alte. Wir durchstreiften das spezielle Stadtviertel, in dem sich die Koffer- und Taschen-Fachgeschäfte aneinander reihen, fragten in mindestens zwölf Läden nach, die Farbe war mir egal, aber das half nichts, alle Händler sind auf dasselbe Sortiment beschränkt, alle Taschen waren ungeeignet. All die Anstrengung, all das eingeatmete Gift – vergebens.

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Zara meint, ich hätte noch mehr über Istanbul schreiben sollen; ich bitte sie, dir das selber mitzuteilen, warum schreibt sie keine Briefe, oder wenigstens eine Karte – aber sie faucht mich nur an. Du siehst: Eine feurige mündliche Kultur ist das hier, die das Papier versengt.

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Das einzige, was mir einfällt, dass ich es im Brief übergangen habe, ist der erste Tag in Istanbul. Um halb sechs stiegen wir aus dem Bus um in ein Taxi, das uns zu Ibos Wohnung brachte – Ibo, ein Freund von Zila, hat uns in seiner Wohnung in Istanbul aufgenommen. Der arme Kerl wartete schon seit fünf Uhr auf uns, empfing uns auf der Straße, trug die Koffer hinein, wir saßen auf dem alten Sofa, ich frühstückte meine letzten gelben Alnatura- Pflaumen, die beiden redeten, bis Ibo nach sieben Uhr endlich aufstand, da er zum Arbeiten in der Apotheke musste, die seiner Schwester gehört.

Zara hat gefordert, alles über Ibo zu schreiben, zum Beispiel warum er, ein keineswegs reicher Student, eine Zweizimmerwohnung allein bewohnt? – Also, gerne decke ich dir die Ursache auf, nämlich eine landestypische Lüge: Offiziell wohnt er mit seiner Schwester zusammen, die auch die Miete bezahlt. Und wo ist die Schwester? Sie lebt bei ihrem Freund, was aber niemand wissen darf, da sie unverheiratet sind. Dieser Moral verdankt Ibo den Luxus einer großen Wohnung, und wir profitierten, indem wir ein Zimmer für uns allein bekamen, mit einem bequemen Schlafsofa. Ibo braucht sowieso nur ein Zimmer, er guckt bis in die Nacht fern, zockt Videospiele, da er keinen PC hat, liest nicht (!), und auch stört es ihn nicht, in dem verrauchten Zimmer zu schlafen. Seine Marke ist Marlboro, was als snobistisch gilt, da doppelt so teuer wie normale türkische Zigaretten; dafür arbeitet er in den Semesterferien, obwohl er Englisch lernen müsste, für sein Studienfach: Internationale Beziehungen. Seine Uni ist elitär und teuer, aber weil er bei der Aufnahmeprüfung zu den Besten zählte, bekam er ein Stipendium. Eitel ist er und gibt es auch zu: Markenklamotten, lange Zeiten im Bad, neurotische Züge: Unterwegs kackte ihm eine Taube auf seinen Kopf – Ibo stürzte sofort in ein öffentliches WC, wir warteten, fragten uns, warum er nicht wiederkam – er war noch beim Frisör, um sein Haar wieder aufrichten zu lassen. Zugleich klagt er über Schulden. Ich bat Zara, ihm zum Abschied 50 Euro zu schenken. Höflich und stolz lehnte er ab, und rechnete damit, dass wir das Geld einfach in der Wohnung hinterlegen würden. Nachher am Telefon fragte er, ob wir Geld dagelassen hätten – Zara hat es aber nicht getan. Recht hat sie: Soll er doch lernen, aufrichtig zu sein!

Was hat mir Zara noch aufgetragen? Ich soll mich dafür geißeln, dass ich auf der Schifffahrt zur Büyük Ada, der Insel vor Istanbul, es vorzog, zu lesen, während Zara sich nicht sattsehen wollte an dieser monoton-kargen Küste, immer wieder forderte sie mich auf, mit ihr zu schauen, ich schaute ja auch auf: immer das Gleiche. Im übrigen konnte man auf diesem Linienschiff nichts genießen, da total überfüllt, zweitausend Menschen drängten sich auf beiden Decks, auf den Fluren, selbst auf den Treppen des Kahns – was soll ich da positiv berichten? Doch nur, dass ich mich auf den Boden setzte und froh war, wenn diese hyperaktiven Leute, die sich an mir vorbei zwängten, mir nicht das Buch vom Schoß rempelten, was oft genug geschah.

Ach ja, etwas wirklich Positives fällt mir noch ein: Der erste Tag in Istanbul wendete sich zum Guten, nachdem Ibo uns in der Wohnung allein gelassen hatte. Wir versanken im Bett, liebten uns ausgiebig und ungeniert und schliefen bis zum Abend, gingen einkaufen, kochten Patliçan, liebten uns, frühstückten auf dem abgenutzten, staubdunklen Teppich in der Küche, schlugen mit Steinen die Aprikosenkerne auf; Früchte und Kerne und die Liebe schmeckten so, als ob die Verheißung sich erfüllen würde, mit der Istanbul uns in der Frühe empfangen hatte. Soll ich mich trauen, zu schreiben, dass das der schönste Tag dieses Urlaubs gewesen ist? Wären wir doch nur in der Wohnung und in diesem Bergviertel geblieben, mit Büchern, Aprikosen, Patates, Patliçan und der Liebe! Ob Zara mich dafür kritisieren wird? Dass ich unsere Liebe preise?!

Nächster Tag

Wieder ist es Morgen, Zila hat die Frou-Frou-CD auf Repeat gestellt, und diese Musik hält mich weich, weich geworden bin ich von Zaras Liebe, und weich ist hier der leichte Morgenwind auf dem Balkon. Heute Morgen habe ich eine Lobrede auf Zelal gehalten, weil sie das Chaos in der Wohnung aushält. Abgelegte Kleider häufen sich in allen Ecken, der dunkle Teppichboden sprenkelt sich zunehmend, das Zimmer, in dem Zara und ich schlafen, ist wie ein großer Schrank, dem die Böden fehlen, und niemand räumt auf, niemand putzt.  Das freue sie, wenn ihre Gäste sich wohl fühlen, antwortete unsere Abla, aber das könne nicht so dreckig bleiben. Sie sei noch müde von der Reise. Aber morgen werde aufgeräumt. Nun denn, so genießen wir den Tag! Gleich gehen wir zum Strand, wo ich mich dank Ablas Kissen in die Steine schmiegen werde.

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Nachmittag

Von wegen schmiegen.Schießen ist eher dran! Unser Strand ist vom Militär besetzt worden: Sondereinsatz zur Rettung der Türkei! Ein schwerer Artillerielaster, mit Rohren beladen, und eine technische Abteilung hat sich vor dem Promenaden-Steg postiert. Dort wird eine Fahne aufgerichtet. Welch ein Lärm! Wir versuchten auszuweichen, aber das Dröhnen des Stromgenerators, das Kreischen der Kreissägen nerven kilometerweit. Außerdem belästigen uns regelmäßig die Annoncen der Stadtverwaltung. Heute sind sie wohl besonders stolz, also gibt’s lange Durchsagen über die Lautsprecher, die bevorzugt den Strand vollplärren. Eine monotone Frauenstimme liest minutenlange Litaneien herunter, macht eine halbe Minute Pause, setzt neu an, zehn Minuten lang. Heute dreimal, viermal. Was hat sie zu sagen, nichts als Tratsch: Wer zu Gast in dieser Gemeinde ist (jeden Tag wird gemeldet, wer angekommen ist), der Wetterbericht, und die neue Nationalflagge! Wie soll man lesen mit dieser Stimme!

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(Fotos: © Robert Straßheim)

(Viertes Kapitel)


Urlaubsbrief aus der Türkei / 2

Mittwoch, 18. Februar 2009

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Erzählung

© von Robert Straßheim

(Erstes  Kapitel)

Zweites Kapitel


Einen Tag später

Ich muss mehr schreiben! Gestern habe ich zuviel gelesen: Das dritte Buch ist aus. Was soll ich auch machen, am Morgen, am Strand, abends und in der Nacht? Ich muss meinen Geist, so lange als möglich, auf das Schreiben lenken – wie ich hoffe, zu deinem Vergnügen?

Ja, lieber Markus, was gibt es zu berichten? Gestern reisten Zaras Schwester Zelal und ihre Tochter Zila aus Malatya an: 18 Stunden im Bus bis Istanbul, dann noch mal drei bis vier Stunden bis Tekirdag, das ist die Kreisstadt.

Eigentlich lebt die Familie in Malatya, aber der Enişte hatte sich vor zwei Jahren auf diesen Direktorenposten beworben – in der Stadtverwaltung einer Kleinstadt bei Tekirdag. Er wurde tatsächlich befördert, und so zog er in diese Dienstwohnung hier ein; seitdem hat die Familie den 22-Busstunden-Spagat zu bewältigen.

Also, gestern Abend holte der Enişte Zela und Zila mit dem Auto vom Bus ab, und als nächstes sollten sie in einem Möbelgeschäft ein Schlafsofa aussuchen. Wo sollten wir auch alle schlafen? Zu sechst in einer Dreizimmerwohnung mit einem Doppelbett und einem Schlafsofa und keinem einzigen Kleiderschrank (hoffentlich heilsam für Zara)!

Um acht Uhr abends trafen der Enişte, Abla und Dila zu Hause ein – ohne irgendein Möbelstück. Ich fragte mich, wer auf dem Boden schlafen sollte? Zwei Stunden später erklärte mir Zara, warum sich außer mir niemand Gedanken mache: Das Problem sei gelöst, die hätten ja viel gekauft, und natürlich werde gleich geliefert. Wir brauchten nur zu warten, entzündeten alle Lampen, innen und außen, damit man uns fände!

Kurz vor Mitternacht fuhr der LKW vor, und zwei Möbelpacker schleppten zwei Sessel und zwei Sofas ins Wohnzimmer, wo sie bis nach ein Uhr werkelten, bis alles aufgebaut war.

Zara und ich haben ein eigenes Zimmer mit dem alten Schlafsofa, Dila und Zila schlafen auf den neuen Sofas im Wohnzimmer, das ein Durchgangszimmer ist, so dass ich die beiden morgens, auf dem Weg ins Bad, schlummernd vorfinde: die süßen Kinder, ihre dicken, straffen Gesichter schauen aus, als wären ihnen die Schnuller aus dem Mund gefallen, dabei sind sie 20 und 22 Jahre alt.

Wie haben sie uns geküsst! Zwei Jahre lang hatten wir uns nicht gesehen, seit unserer Hochzeit. Leider spricht Dila schlechter Englisch als letztes Mal – kein Wunder, sie studiert in Ankara Informatik, da braucht sie kein Englisch mehr. Dafür kann ich mich mit Zila jetzt besser verständigen, denn nach dem Abitur hat sie drei Jahre lang in einer Privatschule für die Uni-Aufnahmeprüfung gebüffelt. Zila habe ich eine CD von Frou Frou geschenkt, wir beide lieben diese amerikanischen Songwriter: Einst in Frankfurt hatte ich Zila an die Hand genommen, um mit ihr zu tanzen – sie hüpfte so schön. Jetzt aber bin ich zu schüchtern.

Zara hat meinen Brief gelesen und kritisiert: „Gözleme“ sei eine Teigware, die wir einst in Side aßen; die Frau heiße richtig Özlem. Vor allem empört sich Zara, dass ich so negativ über Istanbul schreibe. Mein Lob über das „Istanbul-Modern“-Museum will sie nicht gelten lassen: Das sei nichts Besonderes (das stimmt: nach globalen Maßstäben ist dieses Museum nicht erwähnenswert, aber innerhalb Istanbuls durchaus). Nun, ich gab zu: Der Kunst wegen wäre ich tausendmal besser in Frankfurt geblieben – ohne Zara wäre ich vermutlich niemals nach Istanbul gereist, niemals in die Türkei. Immerhin spendete mir die Kunst Trost, wo sonst manches trostlos war. Alles trostlos außer Zara.

Doch, zugestandenermaßen, da gab es noch etwas: etwas Universales, das mich, der ich in diesem Moment Weltenbürger war, berührte, in Istanbul; und so will ich, nicht nur Zara zuliebe, mich bemühen, es so einfühlsam zu schildern, wie es ihm gebührt.

Gleich am ersten Morgen geschah es, in aller Frühe. Gegen 4 Uhr waren wir gelandet und nahmen den ersten Bus stadteinwärts. Nach einer Nacht in der sterilen Flughafen-Flugzeug-Atmosphäre war ich gespannt auf dieses Morgenland, empfänglich saugte ich alles ein, was die graue Dämmerung zu enthüllen bereit war. Wir fuhren eine Küstenstraße entlang, die den Blick auf das Meer freigab, und selbst die Weite des Meeres wurde rundum wieder eingefangen von einem Horizont ferner Lichter. Stille waltete, begleitet vom tief summenden Bus, die Ruhe der frühesten Stunde war hin und wieder belebt von einem einsamen Auto, einem Fußgänger, über der Stadt lag unerschütterlicher Frieden, unten leuchteten rote Ketten winziger Begrenzungslämpchen aus dem Asphalt der Straßenränder, rasch glitten wir vorüber, durch weite, leere, von modernen Bauten gesäumte Straßen, ein römisches Viadukt ragte vor uns auf, dessen Pfeiler noch immer die Macht besaßen, die vierspurige Einfallstraße zu zerteilen, so dass der Bus abbremste, ein wenig auswich und frech sich hindurch quetschte. Äußersten Respekt hingegen bezeugte der Bus vor den erstaunlichen Erhebungen der innersten Kerns, um den er einen weiträumigen Bogen schlug: Dort oben erahnte ich jene heiligen Hügel der Stadt, diese runden Formen im Himmel: die Kuppeln der ewigen Moscheen, vom rosa Schimmer des Morgens zart beleckt: so schmiegten sie sich ins Herz und entführten es in grenzenloses Aufgenommen­sein, ehe ich wieder denken konnte.

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Nach diesem überwältigenden Blick in Ewigkeit musste die Stadt, bei Tage besehen, in Ungnade fallen: Wie sie ihre Schönheit prostituiert! Schande über sie! Die Ströme des motorisierten Verkehrs, die Unmassen an Menschen, allerorten Unrat, Armut, die misslungenen Versuche von Europäisierung – sie raubten ihr die Würde, sie zerbrachen mein Bild des märchenhaft schönen Orients, sie verhöhnten meine Liebe, und wie ein verstoßener Liebhaber grollte ich, verfluchte diesen Verrat an eine falsche, abgeschmackte Moderne. Wie also hätte ich positiv schreiben können, ohne meine Liebe zu verleugnen?

Das einzige, was mich jeden Tag erfreute, waren die Kedis (eigentlich heißt der Plural Kediler), die überall herumstreunen, meist abgemagert, weil sie sich aus Mülltonnen ernähren müssen. Leider verbot mir Zara, sie anzufassen, aber vor einem Schreibwaren-Laden habe ich doch eine dicke Kedi gestreichelt, die zwischen Karten und Papieren der Auslage schlief; hinterher mied es Zara, mich an die Hand zu nehmen – was mir nur recht war, weil dieses Händehalten nur dazu führte, dass die Innenflächen sich gegenseitig anschwitzten, so dass ich Zaras Hand immer wieder abschüttelte.

Gar nicht niedlich sind dagegen die Hunde, die ebenfalls wild herumlaufen. Sie gelten als gefährlich, und das will ich gerne glauben. Wenn man einen sieht, wechselt man die Straßenseite. Die Türken finden das normal. Aber warum wollen sie die Natur nicht beherrschen? Besteht nicht das Verdienst der Zivilisation darin, die Natur zu bändigen, die Wildnis außerhalb ebenso wie die Triebe innerhalb des eigenen Körpers?

Nein, es ist gut, fern von all diesem Wahnsinn zu sein.

Nächster Morgen

Wie ist das Leben hier mit Zaras Abla-Schwester Zelal (die Älteste), dem Enişte (Schwager), Dila und Zila, den zwei Nichten?

Außer dem Enişte reden alle unentwegt. Mit mir haben sie Mitleid. Weil ich nichts von ihrem Türkisch verstehe. Tatsächlich fühle ich mich manchmal einsam, würde gern mittun beim Erzählen, Necken, Spaßen und Schimpfen.

Besonders schade ist es mir um den Schwager, den ich gerne kennenlernen würde: Was ist dieser ruhige, schmächtige Mann, der hier als Beamter arbeitet, für ein Mensch? Er redet relativ wenig, also normal viel, er ist gegen die Regierung, gegen Nationalismus, aber er versieht zuverlässig seinen Verwaltungsdienst, sitzt pünktlich zu den Mahlzeiten am Tisch, auch mittags gesellt er sich zu uns, isst mit uns, trinkt mit uns Tee, während drüben scharenweise die Bittsteller auf ihn warten, bis seine Pause vorbei ist. Und er ist belesen! Welche Literatur bevorzugt er? Zara versorgt mich äußerst unzureichend mit Daten. Datenbeschaffung ist hier schwer, wenn man nicht redet.

Überhaupt hätte ich viele Fragen, existenzielle Fragen zu dieser seltsamen Kultur: In dieser Kleinstadt sitzen Dutzende Männer, alte, junge, tagtäglich am Straßenrand auf Stühlen, trinken Tee, rauchen, klönen oder tun einfach gar nichts. Kaum hundert Schritte entfernt der Strand. Warum baden sie nicht? Warum lesen sie nicht? Warum sitzen sie? Sind sie glücklich? Zara gibt mir keine Antwort. Sie ist von den anderen so in Beschlag genommen, dass sie komplexe Fragen nicht verarbeitet. Soweit ich es mitbekomme, handelt es sich bei der hiesigen Kommunikationspraxis überwiegend um impulsive, schnelle, flackernde Wortwechsel. Nur der Enişte lässt sich für seine Antworten Zeit – vielleicht bleibt er deshalb außen vor und ist froh, wenn er zum Dienst gehen kann? Vielleicht sitzen die vielen Männer deshalb auf der Straße? Doch auch Zaras Brüder sind eifrige Plapperer.

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Vielleicht ganz gut, dass ich nichts davon verstehe. So werde ich nicht genervt, sondern bin frei, abzutauchen: in die Bücher, zum Schreiben, oder in mich selbst.

Vorgestern lag ich am Strand, der mit faustgroßen Steinen bedeckt ist, die ich mir halbwegs ebnete; doch spürte ich auf den drückenden Kieseln meine Zerbrechlichkeit und fragte mich, was mit mir anzufangen wäre?

Sonne und Müdigkeit wirkten auf mich ein, ich ließ es geschehen, und irgendwann war die Erinnerung da: der erste Urlaub, den ich mit Eltern, Großmutter, Onkel und Tante in Dänemark erlebte. Das Schönste daran waren nicht das Meer mit seinen gewaltigen Wellen, nicht die riesigen gelben Dünen oder die Tatsache, dass drei Wochen lang die ganze Familie zusammen war; es waren die mitgebrachten LEGO-Kästen und der Tisch draußen im Garten, an dem ich die Modelle zeichnete, die ich bauen wollte. Nun aber wollte ich mir mein Glück neu erschaffen. Gleich nach der Rückkehr habe ich nach einem Tisch gesucht, doch in der ganzen Wohnung gibt es nur einen Wohnzimmertisch, der unentbehrlich ist, da er zugleich als Esstisch dient. Nach einiger Überlegung habe ich das Bügelbrett umfunktioniert: der Bügeltisch ist mein Schreibtisch, und ich nutze ihn weidlich. Wie weit das Glück aus der Kindheit ins spätere Leben hinauszugreifen vermag! Wieviel öfter folgen wir anderen Emotionen als dem Glück: dem Ärger, dem Groll, der Trauer, der Angst. Dabei haben wir ja die Wahl.

Vorhin fragte mich Karicigim besorgt, ob ich mich langweile. Ich schüttelte den Kopf ob ihrer Unwissenheit: Wie kann ich mich langweilen, wenn ich Stift und Papierblock habe? Sobald möglich, eile ich an den Schreibtisch, oder ich lese. Allerdings erledige ich als wohlerzogener Mann vorher den Abwasch – die Nichten sind glücklich, wenn ich sie vor dem Küchendienst rette, Abla gesellt sich dazu und zeigt mir, wie sie den Schaum weg­gespült haben will. Der Enişte dagegen hält sich grundsätzlich von der Küche fern.

Was war mein Wunsch, den ich diesmal mit dem Schreibtisch verband? Keine Baupläne zu zeichnen, sondern Schaubilder für den Unterricht! Es sind nicht meine ersten Semesterferien als Dozent, in denen ich an die Uni denke – aber diesmal nicht mit Schrecken, sondern mit einer gewissen Neigung. Mir scheint, dass ich ganz gern in die Uni zurückkehren, mich in den Betrieb dort stürzen werde, um meine Lehre darin zu entfachen! Auf dass wir alle aufleben, lernen und Spaß dabei haben. Jetzt will ich mehr Struktur in die Inhalte bringen, von Anfang an Orientierung geben, und das erfordert durchdachte „Baupläne“. Allerdings fehlt mir zur geflissentlichen Ausarbeitung hier die Fachliteratur. Wenn ich wenigstens mein Notebook und einen Internetzugang hätte. Mit den hier vorhandenen steinzeitlichen Mitteln muss mein Konzept rudimentär bleiben. So ein Urlaub ist der Qualität der Lehre absolut abträglich.

Lieber Markus,

ich hoffe, deine Arbeit ist fruchtbarer? Bist glücklich in Frankfurt? Hast doch alles, was du brauchst! Dienst brav der Welt und deinen Klienten!? Deine Beziehungs-Turbulenzen sind abgeflaut? All deine geborenen und ungeborenen Kinder gedeihen? Die Aussicht in deine Zukunft unvernebelt? Die Liebe in Harmonie gebettet?

Das alles glaube ich von dir nicht. Gerade deshalb bist du ja ein so faszinierender Mensch, den ich gern bald wieder sehen möchte!

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(Fotos: © Robert Straßheim)

(Drittes Kapitel)


Städelschule: Rundgang 2009

Montag, 16. Februar 2009

STAATLICHE HOCHSCHULE FÜR BILDENDE KÜNSTE FRANKURT AM MAIN – STÄDELSCHULE

RUNDGANG 2009

Den traditionellen “Rundgang” der Städelschule – besser durch die Städelschule – am vergangenen Wochenende mussten wir dieses Jahr auf das Stammhaus in der Dürerstrasse  konzentrieren: Und dort wiederum entschieden wir uns aus der breiten Palette des Dargebotenen für die Malerei.

Unser Eindruck: In dieser Sparte der bildenden Künste entschieden sich nicht wenige Künstlerinnen und Künstler für das Figurative – oder sie kehrten zur figurativen Malerei zurück. Wir liessen uns dabei nicht entmutigen durch Sentenzen wie diese, dass alles nur Erdenkliche mindestens schon einmal, vielleicht gar tausendmal gemalt wurde. Denn jedes Neue ist ein Anderes.

Wir wollen an dieser Stelle nicht bewerten, sondern Exemplarisches zeigen (wobei jedweder Auswahl notwendigerweise ein – ebenso notwendigerweise subjektiver – Bewertungsprozess zugrunde liegt).

Hier nun eine kleine Auswahl, lediglich mit den Namen der Städelschülerinnen und Städelschüler versehen (da Titel-, Malmittel-, Format- und Klassenangaben mitunter fehlten):

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Genoveva Filipovic

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Tom Przondzion

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Tom Przondzion

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Jenny Kalliokulju

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Jenny Kalliokulju

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Vinzent Spielmann

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Vinzent Spielmann

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Hannes Michanek

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Hannes Michanek

(Fotos: FeuilletonFrankfurt; © jeweilige Künstler)


Urlaubsbrief aus der Türkei / 1

Samstag, 14. Februar 2009

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Erzählung

© von Robert Straßheim

Erstes Kapitel


Am Marmara-Meer, Anfang August

Lieber Markus,

welch ein Zauber geschieht! Vom beschatteten Balkon aus schaue ich in die Olivenhaine, noch weiter in die Berge; das Bügelbrett federt ein wenig unter meinen Ellenbogen, ich setze nur deinen Namen auf das leere Blatt und schon sind wir auf diese mysteriöse Weise verbunden. Sanft und lau streicht der Sommerwind vorüber, fern und lieb, der du mir bist, denke ich an dich.

Zerschlagen von über vier Stunden Busfahrt sind wir hier angekommen, in einer kleinen Stadt in der Nähe von Tekirdag, wo der Schwager arbeitet. Hier nun kann ich schreiben und lesen, soviel ich will, und meine Lust darauf ist unersättlich.

Wie froh bin ich, dieser verrückten Millionen-Armuts-Stadt Istanbul entkommen zu sein. Zara wollte es nicht glauben, als ich nach zwei Tagen wünschte, vorzeitig abzureisen. Sie bestand darauf, dass wir noch so viel zu erleben hätten – dabei dachte ich gar nicht ans Sterben, sondern nur an ein besseres Leben. Aber Zara versteht unter gutem Leben Anderes, Schlechteres als ich, vor allem das Herumlungern auf Bazaren, wo sie unermüdlich herumguckte und fast nichts kaufte – ein sinnloses Treiben -, während ich auf Bordsteinen saß, vergraben in einen Roman. Wann immer sie mich nötigte, meinen Kopf aus dem Buch zu ziehen, verblassten mir die Farben im Staub dieser Stadt. Jeden Abend wiederholte ich mein Lamento, drohte, wenn ich länger bleiben müsste, dann nur noch in der Wohnung, lesend versteht sich, denn unsere Wohnung lag in einem höher gelegenen Stadtteil, wo die Luft nicht ganz so verseucht war. Der Kompromiss: Wir verkürzten nur um einen Tag, aber dafür musste ich immer mitziehen, durch verpestete Luft, Gedränge, Verkehrs-Chaos – das alles liegt nun endlich, nach sechs Tagen, hinter uns.

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Hier können wir wieder frei atmen, abseits aller Touristenströme das milde Meeresklima genießen, baden, an der Küste spazieren gehen, uns selbst genügen und uns genießen. Und ebenso goutiere ich die Früchte des Landes mit täglich neuem Erstaunen: honigsüße Pflaumen, mit Aroma durchfärbte Pfirsiche, die Aprikosen, die die Schwägerin aus Malatya mitgebracht hat, schmeicheln samten dem Gaumen. Berühmt ist die hiesige Gegend für Oliven, deren Öl ich sogar dem mitgebrachten Weizenkeimöl bevorzuge. Selbst Patates entfalten ein Aroma, das mich deutsche Kartoffeln vergessen lässt.

Du siehst also: Bei soviel Genuss und Milde und Liebe, mit der mich meine Karicigim umhegt, fehlt mir nur eins: die Kunst. Leider sind die wenigen Museen hier wohl eher auf Nationales ausgerichtet: Teppiche, Militär, Kunst des Islam, Paläste und so weiter – nichts, was mich anzieht, im Gegensatz zu London oder Rom, wo die Luft ähnlich schlecht ist, aber dort will man endlos in Museen weilen, während die Umwelt sich verliert im Wohlgefallen.

In Istanbul dagegen war alles schnell erledigt: Hagia Sofia, die betagte Kathedrale, die Kaiser Konstantin hatte erbauen lassen, und die benachbarte Blaue Moschee hatten wir schon am ersten Tag besichtigt, züchtig mit dunkelblauen Schürzen bedeckt. Trotzdem bekam ich von argwöhnischen Wärtern, die genau zusahen, mörderische Blicke und Geschimpfe ab: Sieh da, im Schneidersitz, lüpfte sich meine Schürze, ließ Beine blinken! Was ist denn dabei? – Doch ich fügte mich der fundamentalen Macht. Anschließend liefen wir durch eine der Straßen mit den rauchgeschwärzten Mauern weiter bis zum Bosporus mit der Brücke, die unerwartet über allem auftauchte, als wir über die Häuser hinweg in den Himmel schauten. Ende. – Wir aber, drunten auf Erden, wateten im Dieselqualm. Da ist man schon ungläubig und trotzdem in der Hölle. Du verstehst, dass ich nur zu flüchten trachtete?

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Nur auf eins war ich noch neugierig: auf Zaras Tante, die mit ihrer Familie in Istanbul lebt. Wir brauchten zwei Stunden, um zu ihr zu gelangen – eine durchschnittliche Entfernung innerhalb Istanbuls; viele haben so einen Weg zur Arbeit. Stell dir vor, 15 Millionen Menschen in einer Stadt, und keine U-Bahn! Wie zufällig gibt es mal eine Straßenbahn, die mittendrin anfängt und mittendrin aufhört, einfach so, ohne Anschlusslinien. Man kann nur in einen Bus umsteigen, Busse fahren überall, nur nicht nach Plan. Dank Zaras ständigem Befragen fremder Leute gelangten wir endlich an, aus dem Staub der Straße traten wir ein in eine Oase der Ordnung und Sauberkeit; sofort hieß uns die Tante, nicht nur die Schuhe aus-, sondern sofort Hausschuhe anzuziehen, sodann schickte sie uns ins Bad, zum Füßewaschen. Danach durften wir barfuß durch die Wohnung laufen – und sicherlich wird die Tante nach unserem Besuch die beschmutzen Hausschuhe gewaschen haben. Zara gesellte sich zu ihr in die Küche, wo die erbetenen Patates für mich brodelten und viele gefüllte Formen und Schalen in Öfen und Backröhren zu schieben waren; ich blickte nur flüchtig hinein – es ziemte sich für mich, der Küche fernzubleiben.

Eine Stunde lang saß ich, lesend, im Wohnzimmer, bis die erwachsene Tochter der Tante kam. Erfreut wollte ich ihr junges Gesicht betrachten, doch höflich wandte ich den Blick ab; was mir blieb, war, wie so oft, der Eindruck: hübsch, aber dick. Sie heißt Gözleme oder ähnlich, und verschwand in der Küche. Kurz darauf erschien Gözlemes sechsjährige Tochter, mit noch dickerem Gesicht, auch ab in die Küche.

Ein Kapitel später fuhren sie ein stattliches Menü auf, zu dem plötzlich der Onkel auftauchte: sein Gesicht nicht nur dick, auch hässlich – schnell brachte ich meinen Blick in Sicherheit: Gözlemes Mann, kein dickes Gesicht, auch das Gesicht der Tante ist nicht dick, aber ausgezehrt. Bei der Tischkonversation fiel mir auf, dass niemand schrie. Ich machte Zara darauf aufmerksam, dass, im Gegensatz zu ihrer Familie, hier Zimmerlautstärke eingehalten wurde. Zara übersetzte mein Lob und übersetzte mir die Antwort der Tante zurück: Die Lautstärke mache den Unterschied zwischen Stadtmenschen und Landmenschen.

Ein zweiter Unterschied, der mir gefiel: Wenn ich sagte: nein, danke, yeter, teschekür, dann respektierten sie meine Abweisung und fragten nicht dreimal nach, traktierten mich nicht.

Am Ende des Mahls verschwand der Onkel wieder. Zara verriet mir später, dass er nicht arbeite und ins Bordell gehe – nein, es sei ihr nicht bekannt, welche dieser beiden Sünden für die Tante die tödlichere ist.

Geld scheinen sie genug zu haben, sie wohnen sehr großzügig, aber sie luden uns nicht zum Übernachten ein – was wir erwartet hatten, aber nicht wünschten.

In den nächsten Stunden musste Zara weiter reden – für sie ein Vergnügen -, ich wäre gern mal abgetaucht ins Meer, das nur hundert Meter entfernt zum Baden einlud, aber das sei dreckig, beschied die Tante, und Gözleme stimmte ein. Einen Tag vorher hatte ich es ausprobiert, in einem Strandbad, nicht weit von der Wohnung der Tante entfernt – bedenkenlos schwamm ich in der dunklen Lauge, kein Geruch oder Geklebe. Und diese Familie wohnt direkt am Strand und badet niemals – auch das Kind nicht! Nun, ich passte mich an und blieb sitzen – hatte ja meinen Roman, der mich entschädigte. Gözlemes Mann aber, ein Photograph und Künstler, reichte mir einen Bildband mit alten Photos von Istanbul – eigentlich mache ich mir lieber eigene Bilder – aber es war eine freundliche Geste, mir etwas zu geben als Ersatz für die unverstandenen Worte, und so ließ ich mich, gerührt, von ihm unterhalten, nahm auch noch den zweiten und dritten Band hin, bis ihm endlich der Nachschub ausging und ich weiter lesen konnte; doch brach die Dunkelheit ein ins Wohnzimmer, so ging es nicht mehr gut: zu funzelig war die Deckenbeleuchtung, und noch quälender wurde es auf der Rückfahrt im Bus, wo eine europäische Straßenbeleuchtung die tranige Innenbeleuchtung übertraf und mich gerettet hätte; aber allzu unstet wanderten die Straßenlampen über mein Buch hin, und so gab ich es auf. Dafür erzählte mir Zara über diese Tanten-Familie, weit ausführlicher als ich es hier berichte, denn was geht mich solcher Klatsch an?

Nächster Morgen

Ach, Markus,

wie glücklich war ich in Istanbul, wo ich noch nicht gewärtigte, wie rasch mir mein Büchervorrat dahin schmilzt! Von den sechs Büchern, die ich mitgebracht habe, habe ich schon zwei ausgelesen, und noch nicht mal eine Woche ist vorüber – zu Hause, beim Packen, wollte Zara sogar zwei stolze Wälzer wieder aus dem Koffer nehmen, weil der zu schwer war. Wir stritten uns, ob sechs Bücher oder sechs Kilo Schokolade wichtiger seien – mit dem Ergebnis, dass keines nachgab (drei Kilo Übergewicht, aber diesbezüglich zeigten sich die Turkish Airlines tolerant – wer sollte auch sonst mit ihnen fliegen?). So war ich froh um sechs erkämpfte Bücher. Dennoch: Eine Fehleinschätzung! 1500 Seiten für dreieinhalb Wochen, in denen man nur lesen kann, sind doch recht kläglich – wenn ich nur mal vernünftig gerechnet hätte! Aber wie gesagt, selbst in Istanbul, wo doch so wenig zu sehen war, hatte ich mir noch keine Sorgen um meinen Lektürevorrat gemacht und las nach Herzenslust.

Ebenso nach meinem Herzen verlief der Tag nach dem Tantenbesuch: Gözlemes Mann hatte Zara informiert, dass es ein Museum für Moderne Kunst gibt! Ich glaubte ihm nicht, weil es im Reiseführer nicht vermerkt war, aber wir fanden es dann tatsächlich: Der Schriftzug „Istanbul Modern“ prangt groß auf einem 50 Meter hohen roten Poller vor dem Meer, daneben eine weiße Halle, hier öffnete sich die Welt – warum stand es nicht im Reiseführer? Ich fragte an der Kasse (hier versteht man Englisch und spricht es auch gut): Das „Istanbul Modern“-Museum wurde erst vor zwei Jahren eröffnet. Unseren Reiseführer aber hatte ich spottbillig im Antiquariat gekauft – gedruckt 1997. Wer würde auch denken, dass sich in Istanbul etwas ändert? Noch dazu zum Guten!

Ohne diesen gebildeten und geistesgegenwärtigen Verwandten, der viel lieber in New York leben würde, hätten wir uns also fast ins Unglück gespart. Nun aber bekamen wir doch noch einen Brocken Kultur zu fassen. Das Museum weckte schon äußerlich die glücklichste Erinnerung: Seine Architekten waren augenscheinlich inspiriert worden von der zur documenta-11-Halle umgebauten Binding-Brauerei. Obwohl die Istanbuler Halle nicht so groß ist wie die d11-Brauerei in Kassel (und die ausgestellte Malerei höchstens zweitklassig), bin ich sehr zufrieden gewesen, allein wegen der Reminiszenz: mutig aufragende Betonflächen, vornehm grau gestrichen, genau wie in Kassel. An diesem Tag liebte ich Zara noch mehr und las weniger.

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(Fotos: © Robert Straßheim)

(Zweites Kapitel)

MMK-Impressionen, 11. Februar 2009

Freitag, 13. Februar 2009

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Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, am 11. Februar 2009

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)