home

FeuilletonFrankfurt



Erhard MetzHerzlich willkommen!
Das Internet-Magazin von Erhard Metz

Archive for Februar, 2009

Urlaubsbrief aus der Türkei / 5

Samstag, 28. Februar 2009

titel-neu4

Erzählung

von © Robert Straßheim

(Erstes  Kapitel)   (Zweites Kapitel)   (Drittes Kapitel)   ( Viertes Kapitel)

Fünftes Kapitel

Nächster Tag

Was für ein Frust! Alle Maßnahmen erweisen sich als unzureichend. Ich habe noch über eine Woche zu füllen und schon das vorletzte Buch angefangen, einen Novellenband von Maupassant, der arg dünn ist, auch so einfach geschrieben, dass man das Ganze, wenn man nicht aufpasst, nach einem halben Tag ausgelesen hat. Da die Stadtverwaltung des Enişte keinen Laserdrucker hat, kann ich auch keine längeren Texte aus dem Internet ausdrucken; zwar erlaubte mir der Enişte, den Tintendrucker zu benutzen, aber Zara hat recht damit, dass ich als guter Gast an der teuren Tinte sparen sollte.

Ich passe also auf, dass ich nach jeder Novelle das Buch weglege. Ich habe ja nur noch eins: Doris Dörrie, und die muss ich reservieren für die lange Rückfahrt. Deshalb habe ich die Dosis meiner Algentabletten erhöht, so dass ich wegen der stärkeren Entgiftung mehr schlafe. Morgens schlafe ich manchmal sogar bis halb acht, mittags noch mal eine Stunde. Außerdem hilft mir der Sex, wir konnten auch hier, bei aller Vorsicht, die Dosis erhöhen.

All das erbringt nicht den Durchbruch. Zara fragt mich, ob ich glücklich sei. „Ja“, seufze ich, „wenn ich genug Bücher hätte!“

Wandern solltest du“, würdest du Naturfanatiker mir entgegenhalten, „die Berge nicht nur anschauen!“

Das ist sehr deutsch gedacht! Hier aber gibt es nichts zu wandern, höchstens zu wundern: Wie Zara mir erklärt, dürften wir nicht riskieren, uns zu Fuß von der Stadt zu entfernen, wegen der wilden Hunde und wegen mancher Landstreicher.

blick-aus-der-kuche-430

So muss ich damit vorlieb nehmen, die Berge vom Bügelbrett aus zu betrachten, mit der Wäscheleine davor, die mit unseren Badesachen behangen ist. Zu genießen ist die Aussicht nur, wenn es mal still ist. Entweder töten einem die Hunde den Nerv, besonders nachts, oder, noch schlimmer, die Bauern, die überall herumkrabbeln und brummen mit ihren Mini-Zugmaschinen, die auf einer Achse laufen, die vom Anhängerchen aus gelenkt werden, mit ganzen zwei Quadratmetern Ladefläche hinter dem Fahrer – wie Spielzeugfahrzeuge, aber ein Spiel mit dem Leben, da der Fahrer direkt hinter dem Auspuff in den Abgasen sitzt, doch vor lauter Stolz auf seine Motorisierung lässt er den Motor sogar laufen, wenn er parkt. Dabei dürfte nur der Besitzer eines Traktors wirklich stolz sein, denn richtige Traktoren sind eine Seltenheit, da sich die kaum einer leisten kann. Leider sind die Bauern nicht arm genug, um Esel einzusetzen. Das ist doch kein Fortschritt, statt der Tiere diese lahmen Gift- und Lärmschleudern zu benutzen. Übrigens sind Esel auch keine Lösung, du glaubst gar nicht, wie die schreien können, im Wechsel mit dem Hundegebell. Auf Dauer ist das nicht auszuhalten.

dscn2417

Einen Tag später

Kannst du dir meine Freude vorstellen, als ich erfuhr, dass die städtische Leihbücherei ein Regal mit deutschen Büchern hat? Gestern stellte ich fest, dass die Hälfte davon englisch ist – leider fehlt mir ein Wörterbuch. An deutschen Büchern gibt es: Edgar Wallace, einige andere Kriminalromane, Roald Dahl und Konsalik. Kein Goethe, kein Kafka, kein Mann, keine Weltliteratur. Welch böse Enttäuschung!

Was sollte ich tun?

Wie ein Süchtiger in der Not nahm ich den Stoff, den ich kriegen konnte: Dahl und Konsalik. Mein Sachverstand wurde betäubt von einer Notiz vorn im Konsalik-Buch: “Welt-Auflage 22 Millionen”. Kann das denn schlecht sein? So nehme ich diesen Schund auf, der ganz eingängig unterhält, aber mit schalem Nachgeschmack: die Story ist konstruiert und oberflächlich, die Protagonisten sind typisiert, besitzen kein Innenleben.

Ich wechselte zu Roald Dahl, war zunächst eingefangen von der extremen Sexualisierung, dann gelangweilt: Alles auf­schneiderisch und übertrieben, vor allem mit männlichen Omnipotenzfantasien durchseucht. Nach einer Stunde höchste Zeit, es wegzulegen.

Dann versuchte ich es abermals mit dem deutschen Landser von Konsalik, der immer penetranter beweist, wie überlegen der Arier sei, wenn er auf bolschewistische Untermenschen trifft. Also, nein, das ist das übelste Brechmittel! Dann doch eher Dahls Ejakulate.

Mein Frust stößt mich darauf, wie unerbittlich mein Geist beschäftigt sein will. Ich sitze am Meer, beobachte die Brandung, doch keine Viertelstunde lang. Ich kann nicht wie die alten Männer hier den ganzen Tag sitzen, sei es auf der Straße oder am Meer. Viele unterhalten sich nicht mal. Was denken sie? Müssen wir immer denken? Nein, ein disziplinierter Geist kann das lassen. Es wäre keine schlechte Übung, die Meditation auf den ganzen Tag auszudehnen. So etwas habe ich nur einmal bei einem Wochenend-Workshop gemacht, und selbst dort wurden wir immer unterbrochen durch Mahlzeiten und Teestunden, die einen besonderen Reiz in die Veranstaltung brachten, da schöne Frauen teilnahmen, und damals war ich ja Single. Jetzt bin ich Ehemann, und so werde ich nicht den ganzen Tag an Frauen denken.

Ach, ich armseliger Mensch! Wäre ich erleuchtet, so gäbe es keine Zeit und kein Problem für mich. So aber fehlt mir die Kommunikation, kann kaum reden: mit den Nichten ein bisschen hin und her auf Englisch, viel können sie nicht, es hapert an den einfachsten Vokabeln. Mit den Älteren geht nicht mal das. Zara übersetzt manchmal einen Satz, aber eben keinen Dialog. Besonders traurig ist das in Bezug auf den Schwager, denn wir scheinen uns in vielem zu ähneln, vor allem in unserer Ablehnung Istanbuls und der Abneigung gegen überflüssige Bewegungen (inbegriffen überflüssiges Gerede), und in unserer Verpflichtung gegenüber dem Dienst. Zara berichtete mir, wie der Enişte es geschafft hat, sich als Kurde in dieser westlichen Stadt Achtung zu verschaffen: Zuerst wurde er diskriminiert, da „Anatolier“ hier für minderwertig gehalten werden; so schien ein Kurde als Direktor inakzeptabel. Der Enişte aber versah stoisch seinen Dienst – und überzeugte mit seiner Seriosität.

Stets respektvoll begrüßen wir uns – wenn wir nur reden könnten! So aber, da es aussichtslos ist, überreicht mir der Enişte Abend für Abend den Schlüssel zu seinem Büro und ich übergebe meinen Geist dem PC.

Nun, es ist Freitag Vormittag,

die Frauen wollen schon wieder nach Tekirdag fahren, um zu shoppen und am überbevölkerten Strand zu liegen. Ich werde folgen, obwohl ich weder den Bazar mag noch diesen Sand, der von vorübergehenden Füßen aufgewirbelt und vom Wind zu uns getragen wird; so verrieselt er mir die Buchseiten, prickelt im Gesicht und verdirbt das Essen. Zudem ist der Strand ein riesiger Aschenbecher, dunkelgrau vom Schmutz. Die Nachbarn rauchen ununterbrochen, und so werden wir mehrfach vergiftet. Dazu kommen alle paar Minuten diese Nervensägen vorbei, die ständig herumschreien, weil sie etwas verkaufen wollen: Simit, gebrannte Maiskolben oder Muscheln mit Zitrone. Und die Kinder schreien immer nach Anne (Mutter): Anne, Anne! Die Anne aber stellt sich taub für das Anne-Geschrei der Kinder, so dass sie um so lauter schreien.

Und warum bevorzugen unsere Frauen diesen unhygienischen Strand bei Tekirdag?

“Da kommt Wasser nicht hoch“, schwärmt Zara – was meint sie denn damit? – Dass man einen halben Kilometer weit ins seichte Wasser hinauslaufen kann. Das ist für Zara ideal zum Schwimmen, denn sie fürchtet sich im Tiefen. Also lagern wir dort. Abla hat in der Frühe Börek gebacken, und ich drehe meinen Rücken in Windrichtung, so dass ich Börek und Oliven ohne Sand genießen kann.

Der wahre Genuss liegt natürlich in der Weite und Ruhe des Meeres. Gestern schwamm ich nach draußen, ließ die letzten Schwimmer und Boote hinter mir und erblickte die springenden Fische vor mir – Delfine! Ich schwamm ihnen entgegen: ein Pärchen, das manchmal nacheinander aus dem Wasser sprang. Doch als ich wieder zurückkehrte, waren die Frauen aufgeregt – nicht, weil sie Angst gehabt hätten, dass mir da draußen die Kraft ausginge, sondern wegen der Haifische. Angeblich seien im Marmarameer Haie gesichtet worden, und deshalb würde keiner mehr so weit rausschwimmen. Aber gefressen worden ist wohl noch niemand.

Ich weiß nicht, ob ich das Schwimmen noch genießen kann. Hier wird einem alles verleidet. Haie – so ein Problem muss man doch in den Griff bekommen: Warum setzen die nicht ihre Marine ein, die müsste doch froh sein, wenn sie etwas zu tun hat.

Gestern Abend kam Zara mit einer weiteren Hiobsbotschaft zu mir ins Büro: Am Samstag wolle uns der Enişte etwas Besonderes bieten. Er hatte von Zelal und den Kindern gehört, dass wir ihnen viele Ausflüge und Museumsbesuche beschert hatten, als sie uns in Frankfurt besucht hatten. Nun wolle er sich revanchieren: Ein Ausflug auf die asiatische Seite des Marmarameers. Ein Bekannter werde uns fahren.

Bestürzt warf ich mich in den übermächtigen Ledersessel, ließ mich einsinken, dann hielt ich mit Zara Krisenrat: Wir diskutierten, ob wir diese Einladung annehmen müssten – für Zara keine Frage: selbstverständlich wolle sie mitfahren. Für mich sehr heikel; es galt, sorgfältig abzuwägen. Was gibt’s dort zu sehen? Eine Gedenkstätte für den Sieg über die Engländer und einen Sandstrand. Dafür eine Autofahrt und die Fähre – ich studierte die Landkarte und schätzte die Fahrzeit auf zweimal zwei Stunden. Bin ich verrückt, so eine Strapaze auf mich zu nehmen? Vier Stunden in einem überfüllten Auto? Mit einem türkischen Fahrer? Niemals! Aber wäre der Enişte beleidigt?

Zara meinte, das wäre nicht so schlimm, er meine es nur als Angebot. – Mein Entschluss stand fest. – Zara aber gab nicht so schnell nach. Sie wollte mitfahren. „Das kannst du ja machen. Ich bleibe lieber hier.“ Die Idee, dass wir uns trennen, lag ihr fern. Ich musste es ihr verdeutlichen: „Ich fände es schlimm genug, wenn du verunglückst. Ich will nicht auch sterben.“

Samstag

Sie sind weg. Wie gern winkte ich ihnen nach, den Schlüssel zum Büro in der Tasche!

Sogleich schloss ich mich ein, warf den PC an. Den Vormittag bin ich sehr produktiv gewesen, will sagen restlos glücklich – während die anderen im Auto schwitzten.

Nun sitze ich gemütlich auf meinem Balkon, die Patates kochen schon, werde gleich Patliçan aufsetzen, die ich am liebsten jeden Tag essen würde: diese kleinen Patliçan sind entzückend, viel aromatischer als alles, was man in Deutschland kaufen kann.

Es ist ein Festmahl gewesen: Patates, Patliçan, dazu Yoghurt und Peynir, alles so einfach und vortrefflich (der Yoghurt hat 10 % Fett, so vermisse ich den Schmand nur wenig). Mein Bauch ist übervoll, so werde ich nun zum Strand gehen, die Steine unter mir spüren, mich so betten, dass sie nicht drücken, schlafen, in die Wellen tauchen, ein bisschen schwimmen, Sonne aufsaugen, nachschlummern, keinesfalls lesen, damit mein Verlangen nach dem Büro wächst, bis es gegen Sonne und Meer siegen wird, und nach ein, zwei Stunden werde ich wieder am PC sein, in der Musik, in der Arbeit. Mein schönster Tag des Jahres!

am-bosporus-600

(Fotos: © Robert Straßheim)

(Sechstes Kapitel)

Weisheiten / 45

Freitag, 27. Februar 2009

Die Lösung ist immer einfach, man muss sie nur finden.

Alexander Issajewitsch Solschenizyn (1918 bis 2008), Schriftsteller, Träger des Nobelpreises für Literatur

alexander-solschenizyn-in-wladiwostok.jpg
(Solschenizyn 1994 in Wladiwostok; Foto: Evstafiev wikimedia commons GFDL)

Urlaubsbrief aus der Türkei / 4

Donnerstag, 26. Februar 2009

titel-neu3


Erzählung

von © Robert Straßheim

(Erstes  Kapitel)   (Zweites Kapitel)   (Drittes Kapitel)

Kapitel 4


Nächster Tag

Abermals war unser Strand ungenießbar. Naja, erstmal war es amüsant. Wie immer hat Zila den herumliegenden Müll eingesammelt – ich achte sie hoch für diesen freiwilligen sozialen Dienst; Zara dagegen verspottet sie. Klar: Türkinnen haben ihre Wohnung sauber zu halten.

Jedenfalls, wir lagerten zwei, drei Stunden ganz leidlich über den Steinen, gepolstert mit allerlei Tüchern und Kissen. Ich brachte eine Plastiktüte mit aus dem Wasser, und nun musste Zara auch mich anfauchen. Zila dagegen liebte mich dafür. Wie leicht man Kinder glücklich machen kann, und wie man dabei selber glücklich wird!

Dann setzte der Krawall ein. Nicht genug damit, dass sie eine neue Fahne haben, die rot in den unschuldig blauen Himmel sticht. Nein, sie muss auch geehrt werden. Eine Blaskapelle schmetterte, dann dröhnte eine martialische Stimme aus den Großlautsprechern, um den versammelten Männern und allen, die es nicht hören wollten, die rechte Politik beizubringen.

Nach Hause geflohen, gerieten wir unter Ablas Putzbefehl. Die Schonzeit ist vorbei. Eigentlich stehen nur die Kinder unter ihrem Kommando, aber wie können wir zuschauen? Zara räumte ihre Klamotten auf, ich fuhrwerkte mit dem Staubsauger. Jetzt bekommen wir zur „Belohnung“ Fisch, den Zelal nebenbei gegrillt hat. Das fürchterliche Kohlenfeuer, das sie auf dem Balkon entfachte, wollte sie mir anvertrauen – da ich sowieso dort sitze, könnte ich auch die Fische nebenbei wenden? Doch wie sollte ich es auf dem verräucherten Balkon aushalten? Ich habe den Auftrag zurückgewiesen mit der Begründung, dass ich noch nie gegrillt habe, und bin auf den Südbalkon ausgewichen, wo es eigentlich zu heiß ist. Nein, mit dem Grillen will ich nichts zu tun haben, du weißt ja, ich bin ein Feind dieser kanzerogenen Unsitte, die jede Nahrung umbringt.

Aber ich fürchte, meine Widerstandskraft ist für heute erschöpft. Ich werde den Fisch wohl essen.

Nächster Morgen

Die Mädchen und Frauen packen und schminken sich und reden!

Um nicht zu ungehalten zu werden, nutze ich die Wartezeit für deinen Brief. Warum soviel Schönheit? Wir wollen nach Tekirdag, zum Bazar, denn der hiesige Bazar ist den Frauen zu klein. Mir ist das willkommen, denn ich hoffe auf eine deutsche Zeitung, auf dass meine Lesenot gelindert werde. Heute morgen habe ich mir verordnet, die tägliche Meditation auf 50 Minuten zu verlängern. Tatsächlich habe ich es dadurch geschafft, dass Zara schon wach war, als ich fertig meditiert hatte; so muss ich zumindest die Lücke am Morgen nicht mehr mit Lesen oder Schreiben füllen, sondern kann mich von Zara ins Bett ziehen lassen. Ob wir allerdings auch im Bett bleiben können, hängt davon ab, ob Zara sich ihren Leuten zeigt. Sobald sie aufsteht, ist sie für mich nicht mehr exklusiv, sondern Allgemeingut für die ganze Familie, die für die ganze Nacht darauf verzichten musste, mit ihr zu reden. Entsprechend hungrig stürzen sich alle mit Worten auf sie.

Mich verschonen sie ebenso wenig. Ach, ich mag es ja, ohne die Frauen wäre ich ein alter Griesgram. Wie sie mich aber umtänzeln, küssen und belachen! Zila hat mir einen Zopf gebunden, zahm und brav ließ ich es geschehen. Es kribbelte unter meiner Kopfhaut, ich genoss es. Als sie fertig war, lehnten sich Dila und Zila links und rechts an meine Schultern und jede küsste eine Wange – Zara musste das fotografieren. Warum verhätscheln sie mich? Es ist so eine natürliche Unschuld dabei, dass es passt, wenn wir sie „die Kinder“ nennen.

Einige Tage später

Du täuschst dich, wenn du glaubst, nur weil ich drei Tage lang nichts geschrieben habe, hätte sich alles zum Guten gewendet? – Keineswegs. In Tekirdag suchten wir vergebens nach deutschen oder englischen Zeitungen. Die Touristen dort sind keine Ausländer, sondern Türken, die sogar die Steinstrände fast lückenlos mit widerwärtigem Zigarettenqualm und überdrehtem Gerede füllten. Als ich allein ins Wasser ging, sprach mich ein Türke an: Woher ich denn käme? Er berlinerte. Normalerweise flögen deutsche Touristen an die Südküste, sagte er, denn am Mittelmeer sei es viel heißer. Wir wurden uns schnell einig, dass das Marmarameer milder und genießbarer sei.

Ich glaube, dass die Deutschen aus einem anderen Grund nicht hierher kommen: Es gibt hier nichts als das Meer; keine antiken Ruinen, keinen Wasserfall, keine Sicherheit beim Wandern. Das aber sagte ich dem Türken nicht.

strand-in-istanbul-4301

Zara, die uns aus der Ferne beobachtete, sorgte sich, dass ich Ärger bekäme, weil ich eine viel zu kurze Badehose trug – nicht diese halblange Mode beziehungsweise Moral, wie sie hier üblich ist. Die Frauen haben mehr Möglichkeiten: Bikinis, Badeanzüge oder ganz fromme Ganzkörperanzüge mit Kapuze. Es sieht lustig aus, wie sich diese Musliminnen so zugekleidet in die Fluten begeben: Der Anzug lässt die Luft nur langsam entweichen, die Haut bläht sich auf und ohnehin dicke Frauen verlieren dann jedes Maß. Trotz der mitgenommenen Luft schwammen sie nicht; sie planschten mit den Kleinkindern.

Überhaupt sind die Türken ängstliche Wassergänger; die meisten können gar nicht schwimmen, andere schwimmen nur unwesentlich über die Bojen hinaus. Gerade das liebe ich: Hinter der Linie fangen erst Freiheit und Erholung für mich an, all das lärmende Volk lasse ich im Seichten hinter mir und habe nichts als Tiefe und Weite und Meer vor mir. Natürlich wär’s nachts noch erhebender: den gestirnten Himmel über mir!

Zara ahnt von solchen Idealen nichts. Sie wäre lieber am Mittelmeer: Dort könnte sie ihre Brüste bräunen; dass man dort sogar im Schatten schwitzt und im brühwarmen Mittelmeer keine Linderung findet, schreckt sie nicht.

Zurück zur Hauptsache. Wirksamere Maßnahmen sind erforderlich geworden, seit das vierte Buch ausgelesen ist:

Erstens: Mit Zara habe ich verabredet, dass wir uns jeden Tag mindestens eine Stunde Zeit für uns allein nehmen, und zwar nicht erst im Bett. So waren wir gestern Tee trinken gegangen – was erst gelang, nachdem ich Zara recht unhöflich aus der Familie herausgezerrt hatte. Zum Strand, zu volkstümlichen Cafés: Plastiktische, Plastikstühle unter Plastikplanen oder Bäumen, Blick aufs Meer, das aber die wenigsten würdigen, weil sie miteinander reden oder mit den Spielsteinen des Cafés stundenlang Okey (Rummikub) spielen. Was es nicht gibt, ist genießbarer Tee. Notgedrungen bestellten wir Pommes, saßen nebeneinander, schauten uns an oder das Meer und brachten eine Unterhaltung in Gang. Das geht nicht ganz leicht, wie du weißt, dränge ich niemandem meine Geschichten auf, man muss mich fragen, nicht oberflächlich, sondern interessiert, aber Zara fragt nicht viel, wie auch, sie ist ja gewöhnt, dass alle ungefragt reden, ohne Unterlass, und wenn ich mich nicht aufnötige, hält sie mich für schweigsam oder langweilig.

dscn2560-4302

Zweitens: Die wichtigste Maßnahme verdankt sich dem privilegierten Status des Enişte: In den Amtsräumen befinden sich mehrere Computer, sogar mit Internetzugang, wenn auch stark gebremst. Und: Der Enişte, der Direktor, erlaubt uns Zugang und Nutzung nach Feierabend! – Nun, ich bin sehr zufrieden! So arbeitete ich von Freitagabend bis Sonntag­nacht am Bildschirm, formulierte die Skripte für die Uni aus; ich glaube, dass es ganz gut wird. So bin ich hier zum ersten Mal vollkommen glücklich gewesen, ungestört mit dem PC, einem Kanister Wasser, einem Klohockloch. Zum Essen werde ich abgerufen, was ich mir gerne gefallen lasse, zumal ich sicher bin, dass Patates für mich bereitstehen (als Ersatz für das gräuliche Ekmek, das heißt Gummibrot, denn unser deutsches Vollkornbrot ist schon lange aufgezehrt).

Heute, am Montag, muss ich wieder vor dem Papier sitzen, habe kein Flimmern vor mir, sondern die Olivenhaine und Weinfelder und das ganze Zeug, das noch zur Landschaft gehört. Ich weiß jetzt, warum ich keinen türkischen Wein kannte: Gestern früh gegen sechs Uhr erwachten wir von horrend lauten Zweitaktmotoren, die sich die Feldarbeiter zusammen mit der Giftbrühe auf die Rücken gepackt hatten, um sich selbst und den Wein zu vergiften. Auch die Verarbeitung des Weins ist suspekt, denn es gibt hier keine Winzer, sondern nur Weinfabriken und Tanklaster. Nicht nur in Istanbul, selbst auf dem Land ist der Giftkonsum normal. Gestern bemerkte ich spät abends einen sonderbaren Geruch, da mahnte der Enişte, die Fenster zu schließen: Die Straßen wurden mit Insektizid eingenebelt. Mücken und Fliegen haben wir trotzdem.

Meine Träume sind glücklich: aus der Kindheit, zum Beispiel von der Freude des ersten Schultags nach den Ferien, da ich alle Leute wiedersehen konnte. Heute will ich mich wieder mit Zara verabreden (am Wochenende haben wir damit pausiert, da ganztägiger PC-Zugang). Mal sehen, ob ich ihr etwas aus der Kindheit erzählen kann. Wenn sie nur fragen würde!

Zara küsst mich, fragt, wem ich schreibe?

Immer noch Markus, sage ich, und sie staunt: “Immer noch nicht fertig!”

Ja, das Leben geht doch weiter, also schreibe ich.

Einen Tag später

Die anderen waren noch nicht aufgestanden (außer dem Enişte schlafen sie alle lang); nach dem Stillen Sitzen fand ich Zara erwacht im Bett vor, sie bat mich, sie zur Toilette zu geleiten. Warum konnte sie nicht allein gehen? Ich sollte sie hinter meinem Rücken verstecken (wir haben keinen Flur, sondern das Wohnzimmer ist Durchgangszimmer überall hin, und dort schlafen die Nichten). So stahl sie sich an den schlafenden Ungeheuern vorbei – wären sie wach geworden, hätte ihr Geplapper Zara eingefangen und unseren schönen Plan zunichte gemacht. Auf dem Rückweg waren Zilas Augen schon aufgeschlagen und auf mich gerichtet, so musste sie auch Zara hinter mir entdecken, aber bevor Zila sich berappelte und Worte hätten hervorsprudeln können, huschten wir vorüber und schlüpften in unser Schlafzimmer. Wir nahmen das Risiko in Kauf, und es ging gut: Wir konnten noch eine Stunde im Bett genießen. Eine effektive Maßnahme zur Verhütung des Lesens!

Während unserer Teestunde berichtete mir Zara:

Dila hat Liebeskummer. Ihr Freund, ein Bäcker, stamme aus einer streng religiösen Familie und wolle Dila heiraten; dafür darf sich Dila nicht normal anziehen, darf nicht allein ausgehen – jeder sieht, wie dieser Muselmann sie kontrolliert und unterdrückt. Zila sei davon so abgeschreckt, dass sie Single bleiben wolle. Dila sei sogar willens, ihr hervorragendes Informatikstudium wegzuwerfen, um als Lehrerin zu arbeiten. Vom Lehrerinnengehalt kann zwar keine leben, aber dieser Beruf ist dermaßen unbeliebt, dass sie sich den Dienstort aussuchen, also in der Nähe ihres Geliebten gelangen könne! Jeden Tag telefoniere sie heimlich mit ihm, obwohl die Eltern ihr die Beziehung verboten haben. Gestern, als Dila mit ihrem Handy auf den Balkon ging, um zu telefonieren, bestieg Zelal im Bad einen Hocker, um das verdächtige Gespräch durch das geöffnete Oberlicht abzuhören; hinterher gab es ein Drama, da herauskam, dass Dila den Sunniten immer noch heiraten will. Zara nahm sich Dila an, ging mit ihr allein spazieren, redete ihr gut zu, sie kenne diese Zwickmühle: „Du schläfst mit einem Mann, merkst später, dass er nicht der Richtige ist, denkst aber, du müsstest ihn heiraten, weil deine Ehre nicht anders zu retten wäre.“ Dila habe Angst. Zara fragte sie, was sie machen würde, wenn ihr Vater diese Eheschließung verweigert? – Dann würde sie nicht heiraten. Welche horrenden Probleme diese Kultur erzeugt und wie einfach die Lösung sei!

Zara und ich sind uns schnell einig gewesen – was mich immer wieder erstaunt. Ihre Generation hat eine Emanzipation erreicht, die jetzt wieder bedroht wird. Übertriebene Formen von Religiosität drängen Freiheit und Fortschritt zurück. Warum sind die Menschen so streng religiös? Wegen des Hasses auf die Amerikaner? Wir begreifen es nicht.

Jetzt brutzeln meine Bratkartoffeln auf kleiner Flamme, in einer zweiten Pfanne habe ich Patliçan (Aubergine), mein Leibgericht; Dila und der Enişte essen meine Bratkartoffeln gerne, sie wissen die Qualität meines langsamen Bräunens zu schätzen. Wenn meine Kartoffeln länger als eine halbe Stunde auf dem Herd stehen, handle ich mir den Spott von Abla und Zara ein. Für sie zählt nur das hitzige Braten, bei dem es schneller schwarz als gar wird; sogar gekocht wird mit einem Übermaß an Feuer, warum, weil sie glauben, je mehr Dampf, desto schneller werde es gar. Trotz meiner Aufklärungsversuche ignorieren sie die physikalische Binsenweisheit, dass Wasser bei Atmosphärendruck nicht heißer als 100° werden kann. Andererseits schaltet Zelal überflüssige Lampen im Wohnzimmer ab, klagt, dass der Strom so teuer sei. Ich schlug ihr vor, das Wasser zum Spülen mit Gas zu erwärmen anstatt elektrisch, aber sie meinte, Gas sei genauso teuer. Ich konnte nicht herausfinden, was sie mit dieser Gleichheit meint: gleiche Kosten pro Joule (ich bezweifle, dass sie die Äquivalente von kWh in m³ umgerechnet hat) oder, was mir eher so schien: gleicher Rechnungsbetrag? Aber es geht hier ja gar nicht um Rationalität: Ich kritisierte, dass sie, wie es hier üblich ist, das Wasser für den Çay stundenlang verkochen lässt (per Gas) anstatt es in eine Thermosflasche zu füllen oder zumindest die Flamme so zu drosseln, dass es nicht so arg sprudelnd kocht. Zelal stimmte bei, aber heute morgen züngelten die Flammen wieder an den Wänden der dampfenden Teekanne empor. Auch Zaras Schwester Rojda, die im allgemeinen noch sparsamer ist, verschwendet doppelt: Da ihre Teekanne viel kleiner ist als ihre elektrische Kochplatte, gehen 50 % der Energie verloren, und 90 % werden durch unnötig langes Kochen verheizt. Es handelt sich anscheinend um eine tief verwurzelte Unvernunft, vergleichbar mit dem Bleifuß des Autofahrers. Was ließe sich durch vernünftiges Kochen an Energie einsparen! Wie können die Frauen Physik in der Schule lernen und im Leben verachten!

Ich rege mich auf. Warum? Die Fehler der anderen stoßen einem immer auf. Was sind wir Deutschen erst für Verschwender! Ich fliege und halte mich für vorbildlich …

Ich mache mir zu viele kleine, unnütze Gedanken, die quälend werden, wenn ich sie nicht abstelle. Das kommt davon, wenn der Geist unterbeschäftigt ist.

Das Wesentliche ist: Ich freue mich, dass dem Enişte schmeckt, was ich brate.

istanbul-hafenszene-600

(Fotos: © Robert Straßheim)

(Fünftes Kapitel)

Xi’an – Chinas alte Hauptstadt (Teil 1)

Dienstag, 24. Februar 2009


Xi’an – Chinas alte Hauptstadt (Teil 1)

Text und Fotografien: © Ingrid Malhotra


Wer kennt Xi’an?

Ach, Sie haben schon davon gehört? Richtig, dort gibt es die Terrakotta-Armee. Und sonst?

Hmm, genau so ging es mir auch. Xi’an schien mir eine kleine, unbedeutende Stadt irgendwo in der chinesischen Provinz zu sein, und bei meinem ersten Besuch in China vor vielen, vielen Jahren verstand ich gar nicht, warum dort so viel Zeit eingeplant war. Natürlich wollte ich die Terrakotta-Armee sehen – die ist ja schliesslich weltberühmt! Aber die anderen Sehenswürdigkeiten – Grosse Wildganspagode,

grosse-wildganspagode-430

Kleine Wildganspagode, Stadtmauer,

stadtmauer1-4302

stadtmauer-2-430

Trommelturm – das klang alles nicht so prickelnd. War es damals auch nicht. Es goss in Strömen, die Stadtmauer war mit Stacheldraht umwickelt. Die Pflichtbesichtigungen waren, na ja, langweilig.

Seither hat sich nicht nur Xi’an verändert. Auch meine Einstellung zu dieser Stadt ist eine völlig andere geworden.

Zum Teil liegt dies sicher daran, dass ich dort gute Freunde gewonnen habe. Aber ich glaube, weitaus wichtiger war, dass ich mich mit der Stadt beschäftigt habe, gelernt habe, welche unglaubliche Geschichte sie hat.

Wann immer wir an China denken, denken wir auch an seine Hauptstadt, Beijing – oder Peking, wie wir es in Gedanken immer noch nennen.

Aber ein Blick auf die Landkarte wirft Fragen auf. In diesem Riesenland liegt die Hauptstadt ziemlich am Rande. Wäre nicht eine zentraler gelegene Stadt besser geeignet? In der Tat, über Jahrtausende war immer wieder eine andere Stadt die Hauptstadt Chinas – Xi’an, damals meist unter dem Namen Chang’an. Wie der Ort zur Zeit des Lantian-Menschen vor rund 500.000 Jahren hiess, wissen wir ebenso wenig wie den Namen des neusteinzeitlichen Dorfes, dessen Reste 6500 Jahre alt sind. Richtig angefangen hat das alles unter der Zhou-Dynastie, so ungefähr um 1046 v. Chr.; damals hiess die Stadt wahrscheinlich Fenghao. Unter der Qin-Dynastie wurde China zum ersten Mal zu einem Grossreich vereint und zwar unter dem ersten der beiden Herrscher dieser Dynastie, Qin Shihuangdi, der auch die Terrakotta-Armee in Auftrag gab. Schon sein Sohn verlor die Macht (und sein Leben) bei Aufständen. Damals hiess die Stadt Xianyang. Unter der Han-Dynastie kam dann zum ersten Mal der Name Chang’an auf, die Sui änderten das so rund 580 Jahre n. Chr. zu Daxing, und 618 n. Chr. kam die Tang-Dynastie an die Macht, und die grosse Zeit von Chang’an begann – sie währte eben so lange wie die Tang-Dynastie, bis 904 n. Chr. In diesem Jahre wurde Chang’an weitgehend zerstört. Die Hauptstadt zog nach Luoyang um.

Aber unter der Tang-Dynastie war Xi’an schon eine Stadt mit mehr als einer Million Einwohnern …

Die Ming-Dynastie verlegte dann die Hauptstadt nach Nanjing, später nach Beijing; und während dieser ganzen langen Zeit lag Xi’an in einem tiefen Schlaf versunken.

Erst in den letzten Jahrzehnten hat Xi’an wieder immens an Bedeutung gewonnen; und eine grosse Rolle hat dabei sicher die Entdeckung des Grabes von Qin Shihuangdi mit der Terrakotta-Armee gespielt.

Mittlerweile ist Xi’an nicht nur eine Grossstadt mit mehr als 7 Millionen Einwohnern, sondern auch eine bedeutende Wirtschafts- und Industriemetropole. Und die Chinesen haben sogar noch bemerkt, dass Tourismus ein bedeutender Wirtschaftsfaktor ist, so dass man vielleicht ein paar alte Sachen stehen lassen und nicht alles zugunsten breiter Boulevards und Paradestrassen abreissen sollte, was von der Geschichte Xi’ans übrig geblieben ist.

Also können wir heute nicht nur die Grosse und die Kleine Wildganspagode und diverse andere Pagoden

alt-und-neu-2-4301

anschauen, auch die Stadtmauer ist vom Stacheldraht befreit, und wir können auf ihr wandern oder eine Fahrradtour unternehmen, können uns eine überaus chinesische Moschee samt dem dazugehörigen Stadtviertel

muslimisches-viertel-430

mit überirdischen Bao-se (Teigtaschen mit Fleischfüllung) und einem faszinierenden Touristenmarkt anschauen, nein, auch eine ganze Tang-Palaststadt ist nachempfunden worden, mit prachtvollen Gebäuden und allabendlichem Programm: Wasserorgel, Feuerwerk, Theater, erstklassigen Restaurants und – bei Windstille – einer Theaterprojektion auf Wasserwände, wie man sie sonst nirgendwo sieht.

sommerabend-9-650

sommerabend-10-650

sommerabend-1-650

sommerabend-5-650

Umgeben ist das alles von weitläufigen Parkanlagen, in denen man viele traditionelle Skulpturen, aber auch moderne Kunstwerke sieht, bei denen die Künstler mitunter ihre Landsleute unerwartet ironisch auf die Schippe nehmen.

kunst-1-430

kunst-2-430

alt-und-neu-430a

wachter-430

volkspark-650

Wobei, ich muss es gestehen, mir in Xi’an eines ganz besonders wichtig ist: Die Stadt ist die Wiege der Xiao-se, der gefüllten Teigtaschen, der Urform aller Dim Sum. Und wenn man in Xi’an gepflegt Xiao-se essen geht, dann reserviert man eine Chambre Separée, versammelt sich dort mit einer Gruppe von Freunden und der Familie, und dann wird aufgetischt.

bankett-1-430

Das Bedienungspersonal ist immer reichhaltiger vorhanden als die Gäste, und dann kommt ein so unglaublicher Variantenrreichtum an Teigtaschen (Maultaschen, wie die deutsch sprechenden Chinesen sie naiv nennen), also wirklich, das ist unglaublich. Mir fehlen die Worte zur Beschreibung; denn nicht nur die Füllungen sind völlig unterschiedlich, auch die Formen sind äusserst phantasievoll: kleine Vögelchen, passend zur Hühnerfleischfüllung, kleine Fische, passend zur Füllung aus Fisch oder Meeresfrüchten, Obst, Blumen, Nüsse – alles aus Teig.

block

Und die allerkleinsten, kaum erbsengross, kommen in die Suppe, den Feuertopf, der traditionsgemäss zum Schluss auf den Tisch kommt.

bankett-5-430

Diese Tradition gründet sich wohl auf die Sorge, dass irgendwo im Magen nach einem üppigen Mahl noch eine leere Stelle verblieben sein könnte, die sich vernachlässigt fühlt. Es ist Aufgabe der Suppe, solche Stellen zu finden und auszufüllen …

bankett-6-430

Unglaublich sind auch die Aufführungen von Theater, Tanz, Musik und Gesang aus der Tang-Zeit. Meine chinesischen Freunde runzeln ironisch die Stirn, weil sie das alles sehr kitschig finden, aber wenn auch zugegebenermassen das Essen bei diesen Veranstaltungen sehr zu wünschen übrig lässt – ich finde es schön. Und zu manchen Jahreszeiten gibt es

tang-show-1-650

tang-show-2-650

tang-show-3-430

hervorragenden Reiswein. Wunderschöne Mädchen (die Tang-Kaiser haben alle schönsten Mädchen aus dem ganzen Reich zu sich befohlen, die Gene sind erhalten geblieben, und die Leute in Xi’an sind zu Recht stolz darauf, dass die Frauen in ihrer Stadt die schönsten in ganz China sind), grossartige Akrobatik, unvergleichliche Stimmen (unsere zahllosen Tenöre sind irgendwie recht schwach im Vergleich, aber in China gibt es nun einmal mehr Auswahl), und dazu die Tatsache, dass von allen chinesischen Musikrichtungen die Musik aus der Tang-Zeit unserer klassischen Musik am nächsten kommt. Also, mir macht’s Spass!

Und ich muss gestehen, dass ich – ob Kitsch oder nicht – jetzt schon darüber nachdenke, wie ich meine Freunde beim nächsten Besuch wieder dort hin lotsen kann. Zum Glück sind Chinesen enorm höflich …

Aber zurück zu dem Touristenmarkt bei der Moschee: Auch hier rümpfen meine lieben Freunde die Nase. Aber die Souvenirs dort sind schon deutlich interessanter als das, was wir so als “Made in China” kennen: Natürlich sind das keine echten Antiquitäten, und die Jade ist oft Serpentin, und die von innen bemalten Snuff Bottles sind nicht völlig fehlerfrei, aber viele, viele Dinge sind Handarbeit und erstaunlich gute Kopien antiker Gegenstände – auch das macht mir zum Entsetzen meiner chinesischen Freunde einen Heidenspass.

Was man unter keinen Umständen vergessen darf, sind die Museen, in denen viele Grabfunde sowie Kunst- und Gebrauchsgegenstände von der Lantian-Zeit bis zur Neuzeit ausgestellt sind. Nicht nur sind sie interessant, schön und fremdartig, sondern zum Teil auch richtig spannend präsentiert.

museum-4-430

museum-6-650

museum-7-650

Um das alte Stadtzentrum herum erstrecken sich riesige Neubaugebiete: Büro- und Geschäftshäuser mit teils durchaus interessanter Architektur, aber auch mit etwas überraschenden Versuchen, moderne und traditionell chinesische Stilelemente zu kombinieren. Gelegentlich sieht man auch sehr bekannte Logos, die an zuhause erinnern; und riesige Wohnblöcke! Sie sind von beängstigender Grösse, und wenn man sie von aussen sieht, fragt man sich schon, wie da drinnen eine Familie glücklich leben kann.

neue-wohnviertel-430

Aber in diesen Riesenbauten gibt es – auch – erstaunlich schöne und anspruchsvolle Wohnungen mit allem Komfort, den man sich nur wünschen könnte. Und ihre glücklichen Bewohner sagen sich: wenn ich meine Wohnungstür zugezogen habe, merke ich ja nicht mehr, was darum herum ist. Zwischen den Wohnblöcken, auf freien Plätzen und in Grünanlagen übt man Tai’Chi oder tanzt Walzer.

tai-chi-430

Erschlossen werden diese Neubaugebiete durch gewaltige Stadtautobahnen, die schon für eine voll motorisierte Zukunft dimensioniert sind. Heute kommt man noch angenehm staufrei weiter – solange man sich nicht der Innenstadt nähert … Aber dann!

Es ist gut, dass die meisten grossen Ampelkreuzungen eine Sekundenanzeige haben, wie lange es noch dauert, bis man wieder ein paar Meter weiter fahren darf – man wird doch weniger ungeduldig, während man aufpasst, wie viele es noch sind. Chinesische Autofahrer unterscheiden sich da nicht allzu sehr von uns – sie wollen auch immer die ersten sein, und wenn vor ihnen jemand döst, wird wild gehupt.

Nur was gelegentlich auf den grossen Autobahnen unterwegs ist, unterscheidet sich dann doch ein wenig von dem, was man erwartet.

moderne-zeiten-4301

geschaftsviertel-1-430

Innerhalb der Stadtmauer gibt es dann auch noch ein paar breite, baumbestandene Boulevards mit mehreren Fahrbahnen in jede Richtung, breiten Radwegen und noch breiteren Bürgersteigen auf jeder Seite – herrlich zum Bummeln, aber diesen Boulevards sind leider viele der ursprünglichen Altstadtviertel zum Opfer gefallen.

geschaftshaus-430

Von der Altstadt sind eigentlich wirklich nur noch die Sehenswürdigkeiten übrig geblieben, integriert in moderne Neubauviertel – sieht manchmal sogar gut aus –

trommelturm-430

trommelturm-2-650

und einige wenige enge Strassen,

schosshund-430

in denen man dann doch merkt, dass Chinesen einen etwas eigenwilligen Fahrstil pflegen. Auf den Stadtautobahnen wagen sie das nicht, denn dort gibt es alle paar Meter eine Radarfalle mit Kamera.

Wenn wir dann hinaus fahren, um alles zu sehen, was um Xi’an herum sehenswert ist, müssen wir unsere Ungeduld zügeln und langsam fahren, sonst kann eine Reise nach Xi’an schnell sehr teuer werden.

Aber in die Umgebung von Xi’an muss man unbedingt fahren – es gibt da so viel zu sehen. Das beschreibe ich dann beim nächsten Mal.

seifenblasen-430

(Teil 2)



Licht – Farbe – Raum: Enrico Bertelli

Sonntag, 22. Februar 2009

Enrico Bertelli: Harz- views

Text: Friederike Schroeder

“Ich glaube, dass alles das, was wir sehen, hören, riechen, berühren, bedeutsam ist, jedes Ding” (Enrico Bertelli).

2_dsc4299_-150x120-430

Prossima stagione, 2008, Harz auf Forex, 150 x 120 cm

Enrico Bertellis Themen sind Licht, Farbe und Raum. Mittels zarter Farbtöne und sich überlagernden, transparenten Farbschichten, entsteht in seinen Bildern ein starker atmosphärischer Eindruck, eine Weite und Tiefe, die Assoziationen an Landschaften aufkommen lassen, weshalb die Ausstellung auch mit Harz – views betitelt ist. Nicht zufällig hat sich Bertelli auch mit der Filmästhetik von Wim Wenders auseinandergesetzt.

Der 1959 in Livorno geborene Künstler lebt und arbeitet dort auch heute. Zum dritten Mal zeigt er in der Frankfurter Westend Galerie, Forum für moderne und zeitgenössische italienische Kunst in Deutschland, aktuelle Arbeiten in einer Einzelausstellung.

In seinen früheren Acrylbildern gingen Malen und Zeichnen ineinander über. Ergebnis waren gestische, gewebeartige Arbeiten, die an Cy Twombly erinnern. In seinen jüngsten Bildern überlagern sich bunt gefärbte Harzschichten, greifen ineinander und bilden poetische Strukturen, die den Arbeiten ihren besonderen Charakter geben. Bertelli verzichtet nun ganz auf traditionelle Maltechniken, stattdessen färbt er flüssiges Harz ein und verdickt es mittels eines Katalysators. Das sich frei entfaltende Material beeinflusst er allein durch die Bewegung des Bildträgers, wodurch er dem Zufall beziehungsweise einer geplanten Zufälligkeit bewusst in seiner Kunst Raum gewährt.

4_destination-one-150x120-430

Destination one, 2007, Harz auf Forex, 150 x 120 cm

“In seinen Werken hat Bertelli schon immer die Möglichkeit des Fehlers, des Zufalls, der Imperfektion in Szene gesetzt. Das Beiläufige rückt ins Zentrum der Kunst, die Abfallprodukte der Malerei: Krakeleien, Schmierer, Kratzer. Bertelli verwendet immer den Zufall als Arbeitsmethode, er ist ein notwendiger und konstitutiver Aspekt seines Werkes” (Emma Gravagnolo).

Dieses künstlerische Konzept steht auch hinter den “Loop” betitelten Objekten. Auf den ersten Blick überraschen diese Arbeiten aufgrund ihrer geometrischen Komposition. Erst ein genaueres Hinsehen zeigt, dass es sich bei den auf quadratischer Fläche gruppierten vier bunten Kreisen jeweils um Bodensätze der Becher handelt, die der Künstler zum Mischen seiner Harzfarben verwendet.

Unabhängig von der angewandten Technik ist es vor allem die Leere und Weite der geschaffenen Bildräume, die die absichtslos wirkende Schönheit der Werke ausmacht.

loop02-430

Loop 02, Harz auf Forex, 15 x 15 cm

“Die strenge Poetik von Enrico Bertelli enthält eine kritische Botschaft, die nicht vernachlässigt werden sollte, weil sie den verborgenen Schlüssel zum Verständnis seiner Arbeit darstellt. Diese erfordert, um richtig gelesen zu werden, eine besondere Aufmerksamkeit, eine Art meditativer Ruhe, die es erlaubt, alle Details wahrzunehmen.”(Valerio Dehò)

dont-stop-600

Don’t stop, 2007, Harz auf Forex, Durchmesser 170 cm

Die Ausstellung in der Frankfurter Westend Galerie, Arndtstrasse 12, 60325 Frankfurt am Main, ist bis zum 20. März 2009 zu sehen.

(Bildnachweis: Frankfurter Westend Galerie; © Enrico Bertelli)