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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Arne-Bernd Rhaue: “Ein Bild o.T.”

Wenige Schritte abseits der bekannten, vielfrequentierten Frankfurter Galeriemeilen Braubachstrasse und Fahrgasse lädt ein majestätischer und zugleich stiller, stimmungsvoller Raum zu regelmässigen Wechselausstellungen ein: das Quadrium im Dommuseum des Kaiserdoms St. Bartholomäus. Noch bis zum 1. März 2009 stellt dort Arne-Bernd Rhaue ein monumentales Werk von sieben Meter Breite und knapp vier Meter Höhe “Ein Bild o.T.” aus.

Es handelt sich um eine Arbeit, die der Künstler eigens für den Kaiserdom entwickelt hat: eine mit Leinöl bearbeitete Leinwand, die Rhaue vor Ort auf einen hölzernen Rahmen entsprechender Grösse aufgezogen hat.

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Arne-Bernd Rhaue, Ein Bild o.T., Leinöl auf Leinwand, 700 x 380 cm

Eine Gruppe von Personen schart sich um eine Figur in der Bildmitte. Es sind sämtlich Frauen: eine Art Thronende in der Mitte, umgeben von jeweils sechs Frauengestalten zur Rechten und zur Linken. Eine Szenerie und Bildkomposition, wie sie von den zahllosen Darstellungen des Abendmahls her vertraut ist.

Aber die Figuren sitzen nicht, sie scheinen zu schweben, über einem Erdhügel, der sich zur Bildmitte hin erhebt. Lediglich einige der Gestalten haben, über die Spitzen ihrer Füsse, noch ein wenig Bodenkontakt.

Auch die zentrale Frauenfigur in der Mitte schwebt über dem Hügel und einem sonnenartigen Gestirn über diesem. Sie spreitzt offensichtlich ihre Schenkel, ihre Brüste heben sich, nach rechts und nach links zu den Frauengruppen gerichtet, deutlich vom Körper ab. Eine Gebärende, eine Empfangende? Eine Gestalt voll Leben, erdgebunden-körperlichem und zugleich vergeistigt-entrücktem. Vier figurative Elemente, die als Beine mit Füssen verstanden werden könnten, kreuzen sich hinter ihr. Assoziationen an die mehrarmigen Göttinnen Shiva als Nataraja oder Durga stellen sich ein. Ein dunkleres Quadrat, es kann als eine Aura empfunden werden, umgibt ihren Kopf. Eine rätselhafte, in Chiffren sprechende Darstellung.

Auch die die zentrale Frauengestalt umgebenden zwölf Figuren, jeweils sechs zu jeder Seite, sind offenkundig Frauen. Jeweils drei dieser sechs sind körperhaft-dunkel ausgeführt, die jeweils drei anderen transparent, die Körper lediglich mittels Linienstrukturen und in ihren Umrissen dargestellt. Es könnten Astralleiber der ausgemalten Figuren sein, es könnten ebenso eigenständige, jedoch in eine andere Sphäre entrückte Gestalten sein.

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Ausschnitt (die sechs Frauengestalten der rechten Seite)

Einige der Frauen scheinen in einer eher statischen Ruhe zu verharren, jedoch gehen von ihnen, ähnlich wie von der Zentralfigur, strahlenförmig Kraftfelder aus. Andere der Frauen befinden sich in schreitender bis lebhafter, ja tänzerischer Bewegung. Überhaupt vermittelt das Gesamtbild Bewegung und ausstrahlende Energie. Ob sich die Frauen auf die Zentralgestalt zu oder um sie herum bewegen, mag offen bleiben.

Warum nun konzentriert sich der Künstler in seinem Bild auf die Darstellung von Frauen? Auf einen weiblichen Mittelpunkt, auf weibliche Gestalten zur rechten und zur linken Seite? Welche Prozesse will er in den Betrachterinnen und Betrachtern auslösen? Wollen wir wirklich dem Künstler von dieser Stelle aus vorgreifen?

Bemerkenswert auch das vom Künstler bevorzugte Malmittel: Es ist Leinöl. Zweifellos hat er es nicht zufällig gewählt. Zwar wird es von alters her in der Kunstmalerei verwendet; es ist aber zugleich auch ein Nahrungsmittel. Wie das Leinen selbst wird es aus Flachs gewonnen. Malgrund und Malmittel sind auf das Engste miteinander verwandt. Flachs als Nahrungs- und Nutzpflanze ist mit der menschlichen Existenz seit Urzeiten verbunden.

Dem Bild mutet in seiner durchkomponierten Dramaturgie Kultisches, Sakrales an. Es scheint archaische, prähistorische Darstellungsformen namentlich aus dem südamerikanischen Raum aufzugreifen und in einen neuen Interpretationszusammenhang zu stellen. Spontan erinnern Formen und Farben an frühe Höhlenmalereien. Aber die Darstellung hat trotz ihrer Bildsprache und bei aller Monumentalität nichts Bannendes, Beschwörendes, gar Bedrohliches; vielmehr eignet ihr im Gegenteil eine durchaus heiter zu nennende Leichtigkeit, ja Beschwingheit.

Wieder einmal gilt es, auf einem der Stühle im Quadrium Platz zu nehmen und die Darstellung vor der Kulisse des warmen Buntsandsteins auf sich wirken zu lassen.

“Die Fragen des Künstlers”, schreibt der Chef des Dommuseums, Professor August Heuser, “an die Betrachterinnen und Betrachter sind: Was oder wen verehren wir? Wer oder was ist uns heilig? In welchen Beziehungen stehen wir? Dabei bringt das Bild religiöse und säkulare Antworten ins Spiel der Gedanken und Gefühle. An solchen Fragen und den Antworten kann sich das Leben entscheiden.”

Der Arbeit des Künstlers soll als Bildidee der Maria-Schlaf-Altar im Frankfurter Kaiserdom zugrunde liegen.

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Maria-Schlaf-Altar im Dom zu Frankfurt am Main, unbekannter Meister, Tuffstein mit Ausbesserungen in Ton, Gestiftet 1434 von dem Frankfurter Patrizier Ulrich von Werstatt
(Bildnachweis: Dommuseum Frankfurt am Main)

Arne-Bernd Rhaue, 1954 in Görlitz geboren, studierte in der Meisterklasse von Professor Wilhelm Uhlig an der Akademie der bildenden Künste in Nürnberg Bildhauerei. Eine ausgedehnte Studienreise führte ihn nach Südamerika. Von 1984 bis 1985 hatte er an der Nürnberger Akademie einen Lehrauftrag. 1986 zog er nach Köln. Nach verschiedenen Stipendien und Auslandsreisen lehrt er seit 2007 an der Kunstakademie Münster. Gemeinsam mit dem Maler Roman Nygar und dem Grafiker und Fotografen Romuald Jeziorowski gründete er die “Internationale Künstlergruppe RAR”. Rhaue lebt und arbeitet auch heute in Köln.

Rhaue stellte an zahlreichen Orten in ganz Deutschland, im Ausland in Kattowitz und Oppeln, in Moskau, Lüttich und Wien sowie in Ankara aus. Viele seiner Arbeiten befinden sich in kirchlichem wie in weltlichem öffentlichen Besitz.

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(Fotos “Ein Bild o.T.”: FeuilletonFrankfurt; © Arne-Bernd Rhaue)


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