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Archive for Januar, 2009

Arne-Bernd Rhaue: “Ein Bild o.T.”

Freitag, 30. Januar 2009

Wenige Schritte abseits der bekannten, vielfrequentierten Frankfurter Galeriemeilen Braubachstrasse und Fahrgasse lädt ein majestätischer und zugleich stiller, stimmungsvoller Raum zu regelmässigen Wechselausstellungen ein: das Quadrium im Dommuseum des Kaiserdoms St. Bartholomäus. Noch bis zum 1. März 2009 stellt dort Arne-Bernd Rhaue ein monumentales Werk von sieben Meter Breite und knapp vier Meter Höhe “Ein Bild o.T.” aus.

Es handelt sich um eine Arbeit, die der Künstler eigens für den Kaiserdom entwickelt hat: eine mit Leinöl bearbeitete Leinwand, die Rhaue vor Ort auf einen hölzernen Rahmen entsprechender Grösse aufgezogen hat.

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Arne-Bernd Rhaue, Ein Bild o.T., Leinöl auf Leinwand, 700 x 380 cm

Eine Gruppe von Personen schart sich um eine Figur in der Bildmitte. Es sind sämtlich Frauen: eine Art Thronende in der Mitte, umgeben von jeweils sechs Frauengestalten zur Rechten und zur Linken. Eine Szenerie und Bildkomposition, wie sie von den zahllosen Darstellungen des Abendmahls her vertraut ist.

Aber die Figuren sitzen nicht, sie scheinen zu schweben, über einem Erdhügel, der sich zur Bildmitte hin erhebt. Lediglich einige der Gestalten haben, über die Spitzen ihrer Füsse, noch ein wenig Bodenkontakt.

Auch die zentrale Frauenfigur in der Mitte schwebt über dem Hügel und einem sonnenartigen Gestirn über diesem. Sie spreitzt offensichtlich ihre Schenkel, ihre Brüste heben sich, nach rechts und nach links zu den Frauengruppen gerichtet, deutlich vom Körper ab. Eine Gebärende, eine Empfangende? Eine Gestalt voll Leben, erdgebunden-körperlichem und zugleich vergeistigt-entrücktem. Vier figurative Elemente, die als Beine mit Füssen verstanden werden könnten, kreuzen sich hinter ihr. Assoziationen an die mehrarmigen Göttinnen Shiva als Nataraja oder Durga stellen sich ein. Ein dunkleres Quadrat, es kann als eine Aura empfunden werden, umgibt ihren Kopf. Eine rätselhafte, in Chiffren sprechende Darstellung.

Auch die die zentrale Frauengestalt umgebenden zwölf Figuren, jeweils sechs zu jeder Seite, sind offenkundig Frauen. Jeweils drei dieser sechs sind körperhaft-dunkel ausgeführt, die jeweils drei anderen transparent, die Körper lediglich mittels Linienstrukturen und in ihren Umrissen dargestellt. Es könnten Astralleiber der ausgemalten Figuren sein, es könnten ebenso eigenständige, jedoch in eine andere Sphäre entrückte Gestalten sein.

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Ausschnitt (die sechs Frauengestalten der rechten Seite)

Einige der Frauen scheinen in einer eher statischen Ruhe zu verharren, jedoch gehen von ihnen, ähnlich wie von der Zentralfigur, strahlenförmig Kraftfelder aus. Andere der Frauen befinden sich in schreitender bis lebhafter, ja tänzerischer Bewegung. Überhaupt vermittelt das Gesamtbild Bewegung und ausstrahlende Energie. Ob sich die Frauen auf die Zentralgestalt zu oder um sie herum bewegen, mag offen bleiben.

Warum nun konzentriert sich der Künstler in seinem Bild auf die Darstellung von Frauen? Auf einen weiblichen Mittelpunkt, auf weibliche Gestalten zur rechten und zur linken Seite? Welche Prozesse will er in den Betrachterinnen und Betrachtern auslösen? Wollen wir wirklich dem Künstler von dieser Stelle aus vorgreifen?

Bemerkenswert auch das vom Künstler bevorzugte Malmittel: Es ist Leinöl. Zweifellos hat er es nicht zufällig gewählt. Zwar wird es von alters her in der Kunstmalerei verwendet; es ist aber zugleich auch ein Nahrungsmittel. Wie das Leinen selbst wird es aus Flachs gewonnen. Malgrund und Malmittel sind auf das Engste miteinander verwandt. Flachs als Nahrungs- und Nutzpflanze ist mit der menschlichen Existenz seit Urzeiten verbunden.

Dem Bild mutet in seiner durchkomponierten Dramaturgie Kultisches, Sakrales an. Es scheint archaische, prähistorische Darstellungsformen namentlich aus dem südamerikanischen Raum aufzugreifen und in einen neuen Interpretationszusammenhang zu stellen. Spontan erinnern Formen und Farben an frühe Höhlenmalereien. Aber die Darstellung hat trotz ihrer Bildsprache und bei aller Monumentalität nichts Bannendes, Beschwörendes, gar Bedrohliches; vielmehr eignet ihr im Gegenteil eine durchaus heiter zu nennende Leichtigkeit, ja Beschwingheit.

Wieder einmal gilt es, auf einem der Stühle im Quadrium Platz zu nehmen und die Darstellung vor der Kulisse des warmen Buntsandsteins auf sich wirken zu lassen.

“Die Fragen des Künstlers”, schreibt der Chef des Dommuseums, Professor August Heuser, “an die Betrachterinnen und Betrachter sind: Was oder wen verehren wir? Wer oder was ist uns heilig? In welchen Beziehungen stehen wir? Dabei bringt das Bild religiöse und säkulare Antworten ins Spiel der Gedanken und Gefühle. An solchen Fragen und den Antworten kann sich das Leben entscheiden.”

Der Arbeit des Künstlers soll als Bildidee der Maria-Schlaf-Altar im Frankfurter Kaiserdom zugrunde liegen.

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Maria-Schlaf-Altar im Dom zu Frankfurt am Main, unbekannter Meister, Tuffstein mit Ausbesserungen in Ton, Gestiftet 1434 von dem Frankfurter Patrizier Ulrich von Werstatt
(Bildnachweis: Dommuseum Frankfurt am Main)

Arne-Bernd Rhaue, 1954 in Görlitz geboren, studierte in der Meisterklasse von Professor Wilhelm Uhlig an der Akademie der bildenden Künste in Nürnberg Bildhauerei. Eine ausgedehnte Studienreise führte ihn nach Südamerika. Von 1984 bis 1985 hatte er an der Nürnberger Akademie einen Lehrauftrag. 1986 zog er nach Köln. Nach verschiedenen Stipendien und Auslandsreisen lehrt er seit 2007 an der Kunstakademie Münster. Gemeinsam mit dem Maler Roman Nygar und dem Grafiker und Fotografen Romuald Jeziorowski gründete er die “Internationale Künstlergruppe RAR”. Rhaue lebt und arbeitet auch heute in Köln.

Rhaue stellte an zahlreichen Orten in ganz Deutschland, im Ausland in Kattowitz und Oppeln, in Moskau, Lüttich und Wien sowie in Ankara aus. Viele seiner Arbeiten befinden sich in kirchlichem wie in weltlichem öffentlichen Besitz.

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(Fotos “Ein Bild o.T.”: FeuilletonFrankfurt; © Arne-Bernd Rhaue)


Auf- und Umbruch im Frankfurter MMK

Dienstag, 27. Januar 2009

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Ramma damma – für Nicht-Bayern: Räumen tun wir …

Nein, das sagte Susanne Gaensheimer, in München geborene, vom Münchner Lenbachhaus kommende neue Direktorin des Frankfurter Museums für Moderne Kunst MMK nicht bei ihrer Präsentation des Jahresprogramms 2009. Aber es ist schon schweres Gerät im Einsatz, wie die Abbildung unzweifelhaft erkennen lässt. Und Neues steht wahrlich auf dem Tapet im Chefinnenzimmer an der hiesigen Domstrasse.

Vorbei ist es mit den spektakulären Ausstellungs-Events eines Udo Kittelmann. Oft räumte er schon mal das Haus zur Hälfte oder zu Dreivierteln und zwei Mal sogar in toto für Solcherlei – das brachte auf nationaler wie internationaler Ebene durchaus Glanz und Gloria, verschreckte aber manchen Heimischen und wohl die heimische Kulturpolitik am Main, aus welchen Gründen auch immer. Ein Museum kann keine Ausstellungshalle sein, sicher – aber kaum ein Museum kann heutzutage auf Ausstellungsevents gänzlich verzichten – auch das Städel Museum folgt diesem Trend und bietet mehrmals jährlich Spektakuläres.

Im MMK soll es künftig ohne Kesselpauke und Wagnertuba und gänzlich anders zugehen als bisher: Susanne Gaensheimer will sich – so verkündete sie in ihrer Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag – auf das Haus konzentrieren, also auf dessen Sammlung. Diese ist wirklich von Rang und Qualität, nur wissen das offenkundig viel zu wenige des Event-verwöhnten Publikums, denn der Prophet gilt ja bekanntlich wenig im eigenen Land. Allzu oft waren die Schätze des Hauses sozusagen im Magazin-Gefängnis eingesperrt. Das soll sich ändern. Ob dieses Konzept auf Dauer trägt und welche Auswirkungen es auf die bisherige europa- und weltweite Position des MMK hat, wird sich allerdings erst noch zeigen müssen.

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Andreas Bee, Sophie von Olfers, Susanne Gaensheimer, Klaus Görner und Mario Kramer (v.l.)

Und wieder fragen wir, wer kennt schon diese Zahl: 4.358 Werke – so sagte Gaensheimer – beherberge das MMK: deutsche und internationale Kunst beginnend etwa mit den sechziger Jahren. Kein anderes Museum dieses Genres in Deutschland könne einen derart gehaltvollen Bestand vorweisen. Namentlich gilt dies für die Kunst der achtziger und neunziger Jahre. Gaensheimer zollte dabei ihren Vorgängern Jean-Christophe Ammann und Udo Kittelmann, die diese Sammlung auf der Basis der ehemaligen Sammlung Ströher aufgebaut haben, allen Respekt.

“Lebendig und diskursiv” soll sie gehalten werden: sie zu präsentieren, zu ergänzen und zu erweitern, mit Neuankäufen und Neuproduktionen zu aktualisieren lautet die Devise. Dabei soll die Präsentation der Sammlung mit Ausstellungen solcher Arbeiten verbunden werden, die dort  – noch – nicht vertreten sind: Angesichts lediglich symbolisch dotierter Ankaufetats sollen unter dem Motto “Visionen” zahlungskräftige Förderer gewonnen werden, um die Objekte solcher Sehnsucht erwerben zu können.

Für das laufende Jahr hat das Leitungsteam des MMK zwei Sammlungspräsentationen vorgesehen: zunächst Werke der Pop art und des Minimalismus der sechziger und siebziger Jahre, gefolgt von auf diesen Strömungen fussenden Arbeiten der achtziger und neunziger Jahre. Und in der zweiten Jahreshälfte soll der Fokus auf die Konzeptkunst sowie auf die sogenannte Post-pop art gerichtet werden.

Besondere Ausstellungen sind in diesem Jahr mit Sarah Morris (Mai), Jack Goldstein (September) und Peter Roehr (erst im November) vorgesehen, letztere in Kooperation mit dem Städel Museum.

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(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

Auch die Bienen werden wieder das MMK bevölkern – genauer gesagt dessen Dach: Im Rahmen der Installation “Stadtimkerei” von Andreas Wolf und Florian Haas werden etwa 650.000 dieser liebenswerten Tierchen von diesem luftigen Produktionsstandort ausschwärmen und dabei nicht nur an den legendären gestempelten und handsignierten Blecheimer “Gib mir Honig” von Joseph Beuys erinnern, sondern veritablen Honig sammeln, den man auch richtig kaufen und essen kann.

Und ein sehr vielversprechendes Projekt: “DOUBLE – 40 Jahre Kabinett für aktuelle Kunst Bremerhaven”. Jeder Besucher des MMK kennt diesen Raum – Gregor Schneider richtete ihn einst als Kopie des Bremerhavener Originals im MMK ein. In Kooperation mit Schneider und Moritz Wesseler wird das Haus ab März 2009 analog der Ausstellungsreihe in Bremerhaven in diesem Raum neun ausgewählte Arbeiten präsentieren.

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Gregor Schneider, “N. Schmidt”, Installation, 2002 – 2003 (Bildnachweis: MMK Frankfurt am Main; Foto: Axel Schneider)

Nicht zu vergessen schliesslich die Dependance MMK-Zollamt: In erstmaliger Zusammenarbeit mit dem “Haus am Dom” – dem katholischen Kultur- und Begegnungszentrum des Bistums Limburg – eröffnet das MMK am 19. Februar 2009 die Ausstellung “ANGEL DUST – Bogumir Ecker, Mark Wallinger und ein unbekannter Meister”. “FeuilletonFrankfurt” freut sich darauf, manche seiner Leserinnen und Leser dort zur Eröffnung um 19.30 Uhr anzutreffen.

Aber zuvor schon besteht Gelegenheit zu einem Wiedersehen: Am 3. Februar 2009 öffnet das MMK wieder seine Pforten für das Publikum. Was es dann zu sehen gibt? Nichts. Das heisst, doch: etwas wirklich Spektakuläres und Einzigartiges, die fantastische Architektur des Hauses ohne jegliche Exponate! Gewissermassen den reinst-möglichen “white cube”. Auf dieses Raumerlebnis sind wir gespannt!

→      MMK-Impressionen, 11. Februar 2009

Frankfurter Künstlerclub und Heussenstamm-Galerie beginnen das Ausstellungsjahr 2009 mit Retrospektiven

Samstag, 24. Januar 2009

”Figuration und Abstraktion” – “Expressive Energie”: Der Frankfurter Künstlerclub und die Heussenstamm-Galerie beginnen das Ausstellungsjahr 2009 jeweils mit einer Retrospektive: auf Herm Dienz und auf Georg Dickenberger. Obgleich die beiden sehr unterschiedliche künstlerische Profile entwickelten, eignet ihnen manches gemeinsam: Dienz und Dickenberger sind im deutschen Expressionismus verwurzelt, beide erlebten die Zeit der nationalsozialistischen Ideologie mit der Verfolgung und Unterdrückung der sogenannten “entarteten Kunst”, beide durchlitten den zweiten Weltkrieg und mussten nach 1945 zu neuen künstlerischen Ansätzen finden.

Ein unmittelbarer Vergleich zwischen diesen beiden Künstlern erscheint von einigem Reiz.

Der Frankfurter Künstlerclub e. V., 1955 mit dem Ziel gegründet, Kunstschaffenden aller Sparten der bildenden wie darstellenden Künste ein Forum zu bieten, präsentiert unter dem Motto ”Figuration und Abstraktion” einen Ausschnitt aus dem Werk des Malers und Grafikers Herm Dienz, in Frankfurt am Main und in Hessen bekannt durch seine Ausstellungen im Kunstkabinett Hanna Bekker vom Rath sowie im Friedberger Wetterau-Museum.

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Moseltal im Winter, 1913

Herm (Hermann) Dienz, 1891 in Koblenz geboren, fühlte sich von kleinauf zur Malerei berufen. Sein Elternhaus hielt ihn jedoch dazu an, Rechtswissenschaften zu studieren. Das Studium in München, Berlin und Bonn schloss er mit der Promotion ab. 1921 beendete er jedoch abrupt seine juristische Karriere und liess sich als freischaffender Maler und Grafiker im westerwäldischen Rossbach nieder. Er wurde Mitbegründer der Künstlergruppe “Das Boot”. “Es sind künstlerisch goldene Jahre”, schreibt Britta Klöpfer in ihrer Dissertation über Herm Dienz, “die ihm aber immer wieder den Spagat mit den finanziellen Notwendigkeiten des täglichen Lebens abverlangen”. In der Abgeschiedenheit des kleinen Westerwalddorfs, in dem er sich mit seiner Familie niedergelassen hatte, fand er die nötige Ruhe für seine Arbeit, sie inspirierte ihn zu zahlreichen Bildern, doch zum Lebensunterhalt trug sie kaum bei.

Nach einer ausgedehnten Italienreise studierte Dienz deshalb in den Jahren 1925 bis 1927 an der Düsseldorfer Kunstakademie Kunsterziehung und bekleidete anschliessend den Beruf eines Lehrers, ab 1937 den eines Professors an der Pädagogischen Hochschule in Bonn. Nach Kriegsende kehrte er in den Lehrerberuf zurück. Zugleich versuchte er in seiner figurativen, später aber auch mehr und mehr gegenstandslosen Malerei, die Greuel des Erlebten mit den ihm eigenen Mitteln zu verarbeiten. Seit 1956 widmete er sich ausschliesslich der Malerei.

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Komposition Blau-Grün, 1950

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Phoebus im Regen, 1950

Dienz – stets streitbar und eigenwillig – verbrachte nahezu den gesamten Tag in seinem Atelier und malte bis zum Ende seines Lebens. Nach einer Fussamputation, gegen die er sich bis zuletzt gewehrt hatte, verweigerte er jedwede Nahrungs- und Medikamentenaufnahme. Er starb hochbetagt im August 1980 in einem Krankenhaus in Siegburg.

Das weit über 2000 Werke umfassende Œuvre von Herm Dienz – neben den Ölgemälden zahlreiche Druckgrafiken und Zeichnungen – lässt sich keiner ausschliesslichen Kunstrichtung zuordnen. Angeregt zunächst durch Naturalismus, Impressionismus, Symbolismus und Jugendstil fand Dienz im deutschen Expressionismus und nach 1945, später auch unter dem Einfluss der Pop art, einen subjektiven Weg zwischen einer figurativen und einer zunehmend abstrahierender Malerei bis hin zur Collage. In der Frankfurter Ausstellung dominieren die dunkleren Töne der Palette. Ein Ständer mit zahlreichen Druckgrafiken lädt zu einer Entdeckungsreise ein.

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Winterlich III, 1954

Dienz hat, so Britta Klöpfer weiter, “keiner bestimmten Schule angehört, sich keiner Richtung dauerhaft verschrieben, sondern stets sensibel auf die Strömungen seiner Zeit reagiert und sie in eine persönliche Bildsprache umgesetzt. Trotz der immer wieder auftauchenden Affinität zu anderen Malern folgen seine Arbeiten einer eigenen, originären Spur, die bis zuletzt von einem unermüdlichen Gestaltungswillen zeugt, aber auch von einer steten Unrast. Immer wieder stellt er sich und sein Werk in Frage, ohne Scheu vor den Erfahrungen der Grenzen … Von Höhen und Tiefen ist sein künstlerisches Tun geprägt, das jeweils eng mit seiner Biografie verwoben ist.”

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Florentinische Collage, 1963

Obwohl ihm Streben nach Publizität und jedwedes Marketing fremd waren, fanden seine Arbeiten immer wieder in Ausstellungen, neben Bonn beispielsweise in Bielefeld, Duisburg, Düsseldorf, Essen, Koblenz, Köln oder Wuppertal ein interessiertes Publikum. In Süddeutschland wurde er in Erlangen und Schweinfurth bekannt, in Frankfurt am Main bei Ausstellungen im besagten Kunstkabinett Hanna Bekker vom Rath sowie im nahe gelegenen Friedberger Wetterau-Museum. Seine Arbeiten sind in vielen Museen und Privatsammlungen anzutreffen.

Eine bemerkenswerte Ausstellung, bei der man über die mitunter mangelhaften Rahmungen hinwegsehen muss.

Die Ausstellung im Nebbienschen Gartenhaus des Frankfurter Künstlerclubs läuft bis zum 8. Februar 2009.

(Bildnachweis: © Barbara Dienz / VG Bild-Kunst)

Die Galerie der Heussenstamm-Stiftung – einer unselbständigen Stiftung der Stadt Frankfurt am Main – , kurz Heussenstamm-Galerie, erinnert unter dem Titel “Expressive Energie” an das Werk des in Frankfurt am Main und Hessen weitbekannten Malers, Grafikers, Kritikers und Hörfunkautors Georg Dickenberger.

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Studie zum Wald, 1966

Der 1913 in Frankfurt am Main geborene Georg Dickenberger hielt sich schon als Jugendlicher in den Frankfurter Ateliers auf und veröffentlichte als Siebzehnjähriger erste literarische Arbeiten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann er – einer der Pioniere der Frankfurter Kunstszene der Nachkriegszeit – seine aktive Arbeit als Maler, Grafiker und Illustrator. Marksteine seines künstlerischen Weges sind die Mitgründung der Gruppe “Junge Kunst”(1946), sein Engagement im Berufsverband Bildender Künstler sowie in der Frankfurter Künstlergesellschaft. Seit 1949 war er zusätzlich als Kunstkritiker und Hörfunkautor tätig. Seine im Rundfunk ausgestrahlten Sendungen machten ihn weit über die Grenzen Hessens hinaus bekannt. Zahlreiche Studienaufenthalte führten ihn nach Nord- und Südfrankreich, Irland und Spanien. Dickenberger verstarb 2004 in Frankfurt am Main.

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Sonnenaufgang, 1972

Dickenbergers Arbeiten fanden in zahlreichen Ausstellungen ein breites Publikum, über Frankfurt am Main hinaus in Bensheim, Giessen, Herborn, Ludwigshafen, Kronberg, München und Wiesbaden. Im Ausland wurden seine Werke in Boston, Dublin, Provo (Utah), San Francisco und Toronto gezeigt.

Die Stadt Frankfurt am Main, das Land Hessen, die Staatlichen Museen zu Kassel, das Oberhessische Museum in Giessen und die Städtische Kunstsammlung Ludwigshafen erwarben, ebenso wie zahlreiche private Sammler, seine Werke.

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Felsenlandschaft, 1987

Dickenbergers Arbeiten liegen überwiegend Erinnerungen an Landschaften zugrunde. Erinnerungen, die er von seinen zahlreichen Reisen in sein heimisches Atelier trägt. Zumeist gestaltet er seine Bilder von einer Mitte aus, um einen Mittelpunkt herum. Es ist die Natur, die ihn fasziniert, es sind Steine und Felsen, Bäume und Wälder, Hölzer und Wurzeln, es sind die Farben und Anmutungen der Landschaften in den wechselnden Tageszeiten, von den Gebirgen bis hin zu den Dünen, die er, an die Traditionen des Expressionismus anknüpfend, in seinem Inneren verarbeitet, bewältigt und in seiner Kunst spiegelt. Mal sind die Bilder von pastoser Farbgebung, meist aber in kräftig-vitalen, leuchtenden Farben gestaltet.

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Bei Westport, 1992

“Was mit der Natur möglich ist”, schreibt Friedhelm Häring über den Künstler, “zeigen seine gleissenden Sonnen, Wasserfälle, Vulkane, jahreszeitlichen Stimmungen, Berge, Schluchten, Dünenlandschaften. All dies sind nicht Ansichten, die er übernimmt, sondern Einsichten, die er aufnimmt. Vielleicht zog es ihn darum in unverstellte, unverbrauchte Landschaften, vor allem an Irlands Westküste … Und dieser Erinnerungsprozess schafft die Summe aus Energie, Vitalität und Formkraft, die sich auf dem Blatt niederschreibt.”

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Erinnerung 3, 1999

Auch diese Werkschau, nicht zuletzt in ihrem reizvollen Kontrast und Wechselspiel zur vorgenannten, sollte man nicht versäumen.

Die Ausstellung in der Heussenstamm-Galerie läuft noch bis zum 6. Februar 2009.

(Bildnachweis: © Georg Dickenberger Nachlass / Barbara Dickenberger)


WANDA PRATSCHKE – EIN KÜNSTLERISCHER PROZESS / 3

Donnerstag, 22. Januar 2009

“LIEGENDE” von Wanda Pratschke

Status 12. Dezember 2008
Status 20. Dezember 2008
Status 22. Januar 2009

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Vor wenig mehr als einem Monat hatten wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, zum zweiten Mal in die Frankfurter AusstellungsHalle 1A eingeladen, um Sie an einem in seiner Transparenz derzeit einzigartigen künstlerischen Prozess teilnehmen zu lassen: Wir beobachten dort die Bildhauerin Wanda Pratschke, wie sie ihre überlebensgrosse “Liegende” modelliert. Und Sie erinnern sich: In einem “work in progress” (wie es auf Neudeutsch heisst) entsteht zunächst das Modell in Gips, bevor es später seinen Weg in die Bronzegiesserei nehmen kann.

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Gegenüber unseren Besuchen am 12. und am 20. Dezember 2008 sind die Fortschritte, die die grosse “Liegende” nimmt, nicht mehr so spektakulär auf den ersten Blick erkennbar, wir müssen genauer hinschauen. Wanda Pratschke hat in einem ausserordentlich arbeitsamen Prozess die Oberflächen gestaltet. Ihr Werkzeug nimmt sich für Laien grausam aus: es ist das Beil. Immer wieder schlägt sie zentimeterweise Material von der Gipsgestalt ab, anschliessend setzt sie neues in Gestalt kleiner Gipsplättchen – wir haben in der letzten Folge beschrieben, wie sie diese zubereitet – auf den Oberflächen an. Viele der kleinen Fugen glättet sie, schmiert sie mit Gipsbrei aus.

Überhaupt die Oberflächen: Sie haben es der Künstlerin angetan. Sie müssen im kleinsten Detail “stimmen”, die Skulptur umfangen, gleichsam einer Haut, aber diese Haut muss “leben”. Und die kleinsten Flächen müssen zu einem harmonischen Ganzen in dem grossen “Fluss” der Linien aufgehen, die die Gestalt der Liegenden und das ihre Blösse bedeckende Tuch charakterisieren.

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Eine wichtige Rolle spielen die Proportionen. “Es muss glaubhaft sein”, sagt die Künstlerin. Sie arbeitet intensiv an dem Kopf der “Liegenden”, sie wird ihn behutsam vergrössern. Kleine Gipsbröckchen hat sie, Mass nehmend, auf ihn gelegt.

Mit kräftigen schwarzen Strichen kennzeichnet sie die Partien, auf die es ihr besonders ankommt. Sie ist sehr kritisch, gegenüber ihrem Geschöpf, gegenüber sich selbst. Und sie hat sich ein Ziel gesetzt, das ehrgeizig ist: Zur Eröffnung ihrer Werkschau in der AusstellungsHalle 1A am 5. Februar 2009 soll die “Liegende” einem grossen Publikum vorgestellt werden.

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Die AusstellungsHalle 1A und Wanda Pratschke laden ein zur Eröffnung der Werkschau

Donnerstag, 5. Februar 2009, 19 Uhr

Schulstrasse 1A, 60594 Frankfurt am Main

Begrüssung:
Susanne Kujer, Referentin für Bildende Kunst im Kulturamt Frankfurt am Main

Einführung:
Professor Anja Pratschke, São Paulo, Brasilien

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(Fotos: FeuilletonFrankfurt; © Wanda Pratschke)

Oh ihr Kunstkritiker

Mittwoch, 21. Januar 2009

“Bevor man seine Bedenken äussert, sollte man seine Äusserungen bedenken.”

Gerhard Uhlenbruck (* 1929), Immunologe, Aphoristiker

“… Je digitaler, glatter die Frustration der Formerwartung ist, desto verzweifelter krallen sich die Konnotationen der Inszenierung in die an sich bedeutungslose, zufällig raue Oberfläche der Form … Bei genauer Betrachtung verweigert sich noch die negierte Form, indem sie einfache Bedeutungen abschüttelt und parasitäre Botschaften als Mythen entlarvt … Mit dem zweiten Blick thematisiert die Form Paradoxie und Inkonsequenz ihrer Nichtgestalt zugleich. Denn immerhin wiederholt sich die durchgängige Amorphie von Gesamtbild und Bildausschnitt des Objekts auf seiner Oberfläche als Isomorphie …” (Zitat Ende).

Nur ein Beispiel einer Kunstbesprechung, einer Kunstkritik. Ein furchtbares zugegebenermassen. Wollen wir es einfach als das einstufen, was es ist: als sprachlichen, semantischen, kommunikationssoziologischen wie logischen Unsinn. Und umkleiden wir den Autor dieses Dummzeugs, der sich sogar – aus uns unerschliessbaren Gründen – einen “Professor” nennen – besser gesagt schimpfen – darf, wie auch den dermassen schrecklich Besprochenen mit dem Mantel der christlichen Nächstenliebe und damit der Anonymität, auch wenn dies schwerfällt. (Der Künstler ist mit seinem Werk immerhin prominent im Frankfurter Museum für Moderne Kunst MMK vertreten.)

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Gabriel Cornelius Ritter von Max (1840 bis 1915, Maler, Professor für Historienmalerei), Affen als Kunstrichter, 1889, Öl auf Leinwand, 85 x 107 cm, Neue Pinakothek München

Wir gehen gern zu Vernissagen, denn es ist wichtig zu versuchen, neben deren Werken auch die Künstlerinnen und Künstler in ihrer künstlerischen Persönlichkeit kennen zu lernen, zu erleben.

Aber: Zuvor muss man mitunter Unbekömmliches ertragen: Einführungen in Gestalt manch abstruser Auslassungen von Kunstkritikern, Kunstsoziologen, Kunstwissenschaftlern, besser oder genauer gesagt von Personen, die derartige Qualifikationen oft wohl unberechtigt in Anspruch nehmen. Zumeist liest jene Spezies ihre verschroben-sperrigen, gekünstelt-unverständlichen Texte mehr oder weniger vom Manuskript ab. Nicht den Künstler, sondern sich selbst wollen sie in den Vordergrund ihres Auftritts stellen. Nein, da schmeckt dann auch das Glas Wein nicht mehr, das die Galeristin oder der Galerist nach Beendigung solcher Verbalzumutungen versöhnlich lächelnd reicht.