home

FeuilletonFrankfurt



Erhard MetzHerzlich willkommen!
Das Internet-Magazin von Erhard Metz

Archive for Dezember, 2008

“Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden” im Städel Museum Frankfurt / 1

Montag, 22. Dezember 2008

Die Feiertage um Weihnachten und Neujahr, noch dazu in diesem Jahr “arbeitnehmerfreundlich” im Wochenablauf eingebettet, sollten Daheimgebliebenen eine Gelegenheit bieten, im Städel Museum Frankfurt am Main eine der schönsten, bemerkenswertesten und sicher auch spektakulärsten Ausstellungen dieser Jahrzehnte zu besuchen. Ihr Titel: “Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden”.

Zum ersten Mal in der Ausstellungsgeschichte werden die entsprechenden herausragenden Bestände des Städel Museums und der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin zusammengeführt, ergänzt durch Leihgaben unter anderem der Londoner National Gallery, dem Madrider Museo del Prado, dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Musée du Louvre in Paris, der St. Petersburger Staatlichen Eremitage, der National Gallery in Washington und dem Wiener Kunsthistorischen Museum. Bei den meisten der ausgestellten Exponate handelt es sich wegen ihres unschätzbaren Wertes um grundsätzlich nicht ausleihbare Werke. Umso bemerkenswerter ist diese – tatsächlich einzigartige – Schau; obendrein für die Kunstwissenschaft ein bedeutendes Ereignis: bietet diese Zusammenstellung doch erstmals die Möglichkeit des unmittelbaren Vergleichs dieser Gemälde untereinander, die vieles miteinander gemeinsam haben, vor allem die “Entdeckung der Wirklichkeit in der Malerei”. So wollen der Städel-Kurator Jochen Sander und sein Berliner Kollege auf der Grundlage dieser Ausstellung einer weitverbreiteten Ansicht entgegentreten, die in dem legendären “Meister von Flémalle” den in Tournai tätigen Maler Robert Campin (1375 bis 1444) vermutet. Vielmehr wird mit der Werkschau die These untermauert, bei dem fiktiven “Meister von Flémalle” handele es sich nicht um eine Einzelperson, sondern um einen Kreis von Malern, wohl unter dem Einfluss Robert Campins, zu denen auch Rogier van der Weyden zählt.

Eine derartige Malerei mit ihrer detailrealistischen Wiedergabe der Wirklichkeit hatten die Menschen des 15. Jahrhunderts noch nicht gesehen. Den Weg zu dieser neuen Malweise ebnete nicht zuletzt die Ölfarbe, bei der das Öl die bisher hauptsächlich als Bindemittel verwendete Tempera ablöste.

flemalle_madonna_rasenbank-430.jpg

Meister von Flémalle, “Madonna an der Rasenbank”, Eichenholz, 40,2 mal 28,5 cm,
Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie
Foto: bpk/Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin/Jörg P. Anders

Bei der in das erste Drittel des 15. Jahrhunderts zu datierenden “Madonna an der Rasenbank” handelt es sich, wie sich aus Vergleichen mit inhaltlich ähnlichen Werken ergibt, vermutlich um die rechte Tafel eines Diptychons. Auffallend und ungewöhnlich die erschrockene, ja angstvolle und abwehrende Gebärde des Jesuskindes. Sie scheint sich gegen eine Darstellung der späteren Passion – des Schmerzensmannes – auf der dazugehörigen linken Tafel zu wenden.

Auffallend zum Beispiel auch die akribisch-realistische Darstellung der Flora auf dem Boden und auf der Rasenbank, neben einer Vielzahl von Pflanzen sind unschwer Erdbeeren und Löwenzahn auszumachen.

“Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden” im Städel Museum Frankfurt – eine wirklich phantastische Schau von Meisterwerken der Malerei der “ars nova” an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit.

(zu Folge 2; zu Folge 3)

Oh du schöner Weihnachtsbaumarktbaum …

Sonntag, 21. Dezember 2008

arbol_navidad_03.gif

500px-xmas_tree_animated-x.gif

arbol_navidad_03.gif

 

am-weihnachtsbauhaum.gif

arbol_navidad_03.gif

500px-xmas_tree_animated-x.gif

arbol_navidad_03.gif

WANDA PRATSCHKE – EIN KÜNSTLERISCHER PROZESS / 2

Samstag, 20. Dezember 2008

“LIEGENDE” von Wanda Pratschke

Status 12. Dezember 2008
Status 20. Dezember 2008

l1000171-430.jpg

Wanda Pratschke, “Liegende”, (zweiter) Bronzeguss, 22 x 38 x 22 cm

l1000172-430.jpg

Es hat sich viel getan seit besagtem 12. Dezember: Die Bildhauerin Wanda Pratschke arbeitet rund sechs Stunden täglich in der zum Atelier umgewandelten AusstellungsHalle 1A in Frankfurt-Sachsenhausen. Ihre grosse “Liegende”, vor einer Woche – Status 12. Dezember – noch eher einem Gerüst ähnelnd, hat einiges an “Fleisch” und “Muskeln” angesetzt. Die Skulptur mit den Ausmassen 110 x 190 x 110 cm wächst langsam und stetig in den Raum hinein.

l1000160d-430.jpg

l1000164a-430.jpg

Die Künstlerin arbeitet derzeit intensiv am Grundaufbau der werdenden Skulptur. Ein Arbeitsprozess, der einen steten Wechsel zwischen dem Antragen von Material und dem korrigierenden Abtrag bedeutet. Das Zuviel schlägt sie mit der Axt wieder ab.

Unzählige kleine Styroporstückchen sowie ein wenig Holzwolle hat sie mit dem Alabaster Modellgips verklebt und mit diesen Materialien die zunächst skelettartige Figur angereichert. Weiter bereitet sie auf einem Arbeitstisch, gleichsam wie auf einem Kuchenblech, grosse dünne Fladen aus Gips, die sie nach dem Austrocknen in kleine Plättchen zerreisst. Mit diesen Plättchen modelliert sie die Oberfläche der Skulptur weiter aus. Gerne schlägt sie dabei zusätzlich die erhärteten Gipsablagerungen aus den Eimern und zerkleinert sie: Gerade auch die angerundeten Plättchen werden für den Modellierungsprozess benötigt. Dieser Prozess soll der Skulptur deutlich anzusehen sein. Und vieles an der Oberflächengestaltung soll noch über einen längeren Zeitraum hinweg offen bleiben.

l1000149d-360.jpg

l1000169-430.jpg

Die Bildhauerei hat viel mit handwerklicher Arbeit zu tun – schwerer körperlicher Arbeit. Der erhärtete Gips muss mit dem Beil bearbeitet werden, die Schläge erfordern viel Kraft, belasten die Gelenke des Armes und der Hand. Es sind gewaltige Gewichte zu handhaben – viele Zentner Alabaster Modellgips, ebenso viele Eimer mit Wasser. Wer je mit Gips und Wasser hantiert hat, weiss, wovon die Rede ist. Der Rollwagen mit der grossen “Liegenden” gewinnt an Gewicht, er lässt sich immer schwerer schieben und drehen.

l1000165h-430.jpg

“Liegende”: Gipsmodell, dahinter Wachsmodell auf grosser Gipsskulptur

Wanda Pratschke hat die Formen der zu erarbeitenden grossen Skulptur an den kleinen Modellen über Monate hinweg beobachtet. Das kleine Wachsmodell liegt – man könnte es im ersten Moment gleichsam als ein Kind der grossen Liegenden empfinden – auf den Gipsmassen. Es ist umgekehrt: Das Grosse folgt dem Kleinen. Mit täglichen Fotografien aus allen Perspektiven kontrolliert die Künstlerin immer wieder das Ergebnis ihrer Arbeit.

l1000135d-700.jpg

Wanda Pratschke bei der Arbeit

Wanda Pratschke unterbricht über die bevorstehenden Feiertage ihre Arbeit. Ende Dezember wird sie sie wieder aufnehmen. Viele Schwierigkeiten, sagt sie, seien noch zu überwinden. Nicht nur gilt es, die Proportionen der Skulptur auszutarieren, deren Oberflächen zu gestalten. Das Werk muss sich im Raum behaupten und bewahrheiten, mit ihm und den Menschen in ihm kommunizieren. Vor Wanda Pratschke liegen viele Wochen der eigentlichen künstlerischen Auseinandersetzung mit ihrem Geschöpf.

l1000159d-700.jpg

(Fotos: FeuilletonFrankfurt; © Wanda Pratschke)

Bergpark Nidda-Bad Salzhausen, Mitte Dezember 2008

Donnerstag, 18. Dezember 2008

l1000112-430.jpg

l1000121-430.jpg

l1000128-430-a.jpg

Siegfried Böttcher, “Popcorn”, Michelnauer Tuff

l1000115-430.jpg

l1000119-650.jpg

Ernst Hingerl, Skulptur, OSB-Platten

l1000130-430.jpg

l1000123-650.jpg

Ernst Hingerl, Skulptur, OSB-Platten

l1000116-430.jpg

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

“La Dame de Francfort”

Dienstag, 16. Dezember 2008

dame.jpg

Gustave Courbet (1819 bis 1877), “La Dame de Francfort” (oder: Dame auf der Terrasse), 1858, Öl auf Leinwand, 207 × 325 cm, Wallraf-Richartz-Museum Köln

Nicht allen Frankfurterinnen und Frankfurtern ist bewusst, dass Gustave Courbet, eine bedeutende Malerpersönlichkeit in der Zeit des Übergangs vom Realismus zum Naturalismus, im Jahr 1858 rund sechs Monate in Frankfurt am Main verbrachte. In Frankreich hatte er bereits manches Aufsehen erregt, sowohl künstlerisch als auch gesellschaftlich und politisch. Nach früheren Erfolgen im Pariser Salon sorgte er zur Weltausstellung 1855 in Paris für einen Eklat, als er sich weigerte, der Jury zunächst den Entwurf eines für die Ausstellung vorgesehenen grösseren Werkes vorzulegen. Zwar wurden zu dem Ereignis elf seiner Bilder präsentiert, doch errichtete der verärgerte Courbet in Konkurrenz einen eigenen “Pavillon du Réalisme” mit vierzig Arbeiten.

In Frankfurt am Main stellte die Kunstakademie Courbet ein eigenes Atelier zur Verfügung. Während dieses Aufenthaltes schuf er zwölf Bilder, darunter die bekannte Ansicht “Blick auf Frankfurt” (1858) sowie die besagte “Dame de Francfort”, unter deutschem Titel als “Dame auf der Terrasse” eingeführt. Im Frühjahr 2007 war die besagte Madame vom kölnischen Rhein an den heimatlichen Frankfurter Main zurückgekehrt – im Rahmen der Ausstellung des Städel Museums “Gärten: Ordnung, Inspiration, Glück”.

Geheimnisvoll erscheint dieses Werk, gleichsam als eine “Frankfurter Mona Lisa”, wie Sabine Hock schreibt. Es ist nicht bekannt, wer das Gemälde in Auftrag gab und wen es darstellt. Zweifellos handelt es sich um eine Dame der “höheren” Gesellschaft, zu der der auch in Frankfurt erfolgreiche Courbet Zutritt hatte. Bemerkenswert erscheinen Komposition und Proportionen des Bildes, die zu vielerlei Spekulationen Anlass geben. Sie gehen zum Teil dahin, so etwa die Kunsthistorikerin Bettina Erche, dass ursprünglich neben der Dame ein Herr mit am Tische dargestellt gewesen sein soll, den Courbet jedoch später – möglicherweise aus persönlichen, in der Intimshäre angesiedelten Gründen – übermalt haben soll, allerdings in einer Weise, die die einstige Gestalt durchaus noch erahnen lasse.

Uns mutete es hingegen eher geheimnisvoll, wenn nicht unverständlich an, wenn dieses Rätsel einer eventuellen Übermalung des ominösen Begleiters der Dame mittels der heute zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Analysemöglichkeiten nicht längst gelöst sein sollte. Aber, so Sabine Hock, “das Geheimnis um Courbets Dame lässt das Bild eigentlich nur noch interessanter scheinen”. Das mag richtig sein; denn ohne Geheimnisse wäre die Welt um einiges ärmer.