home

FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

“Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden” im Städel Museum Frankfurt / 3

Den Darstellungen zweier Madonnen des “Meisters von Flémalle” und aus der Werkstatt Rogier van der Weydens in den ersten Abschnitten unserer Betrachtungen schliesst sich heute eine Geburtsszene an, wiederum aus dem Kreis des “Meisters von Flémalle”.

flemalle_geburt-dijon-430.jpg

Meister von Flémalle, Geburt Christi, Eichenholz, 85,7 mal 72 cm,
Musée des Beaux Arts, Dijon
Foto: Musée des Beaux Arts, François Jay

Diese Darstellung der Geburtsszene zählt mit zu den bemerkenswertesten – und faszinierendsten – ihrer Art in der abendländischen Malerei. Ihre Symbolsprache und ihr Detailreichtum vermag sich einem Betrachter im Zeitalter heutiger massenmedialer Reizüberflutung zwar kaum mehr zu erschliessen. Versuchen wir es dennoch:

Die Szene ist in eine ideale Landschaft gebettet mit der detaillierten Wiedergabe einer befestigen Burg und Stadt. Es ist eine herbstlich-winterliche Landschaft, die Bäume stehen beschnitten und ohne Laub. Eine – offensichtlich aufgehende – Sonne erhellt die Szenerie. Bemerkenswert die brennende Kerze in Josephs Hand, an die Dunkelheit der Geburtsnacht gemahnend.

Die Personengruppen umfassen jeweils drei Gestalten: die der drei Engel in ihren farbigen Gewändern, der drei Hirten, der heiligen Familie und der beiden Damen rechts im Vordergrund mit dem ihnen zugewandten Engel.

Das Jesuskind liegt nackt auf dem blossen Erdboden. Maria – im Gegensatz zu fast allen anderen überlieferten wie modernen bildlichen Darstellungen, die sie in blauen und roten Gewändern zeigen – trägt knieend ein weisses Kleid und einen weissen Umhang. Und: Ihr gegenüber knieen beziehungsweise stehen zwei Hebammen, es sind Azel und Salome, zwei Figuren aus dem apokryphen Evangelium des “Pseudo-Matthäus”, von denen die eine an die “unbefleckte Empfängnis” glaubt, die andere hingegen nicht. Die beiden Damen tragen eine hochherrschaftliche, festliche, zweifellos sehr aufwändige und teure Kleidung. Zu ihnen spricht der ihnen zugewandte Engel, im Gegensatz zu der Engeltroika über dem Dach des Stalles in ein ähnlich festlich anmutendes weisses Gewand gekleidet. Welch ein ungeheurer Kontrast zu dem nackt auf dem Boden liegenden Jesuskind!

Bescheiden dagegen wiederum die Aufmachung der drei Hirten in ihren rustikalen, aus groben Stoffen gefertigten Umhängen, der eine hält ein armseliges Musikinstrument, eine Sackpfeiffe, der andere einen schmucklosen Filzhut in den Händen.

Die Geburt findet – besser fand, auch die beiden Hebammen scheinen zu spät zu ihr gekommen zu sein –  vor einem sich in einem erbärmlichen Bauzustand befindlichen Stall statt. Und auch dieser Stall mit seinen verrotteten Wänden bleibt den Tieren als Schutzraum vorbehalten – Ochse und Esel haben ihn in Beschlag genommen, allenfalls Maria scheint noch etwas Geborgenheit unter dem vorstehenden, ebenfalls schadhaften Dach zu finden.

Alt und müde wirkt Joseph – und distanziert, wie er hilflos seinen Blick auf das nackt auf dem Boden liegende Kind senkt.

Erinnern wir uns: Die Bildersprache der alten Meister richtete sich – vor allem, wenn sich die Werke im öffentlichen oder zumindest halböffentlichen Raum befanden – an eine in weiten Teilen noch von Analphabetismus gekennzeichnete Gesellschaft. Sie trat neben die mündliche Überlieferung von Wissen und Erfahrungen. Wir haben es längst verlernt, diese Bildersprache zu entziffern, und es setzt Zuwendung voraus und bereitet einige Mühe, den Weg zu ihr zu finden  in unserer – wir sprachen bereits davon – von ebenso banalen wie plumpen massenmedialen Reizen überfluteten Zeit. Aber die Anstrengung lohnt sich – so meinen wir.

Die Ausstellung im Städel Museum endet am 22. Februar 2009. Anschliessend ist sie – in einer allerdings modifizierten Form – in der Berliner Gemäldegalerie zu sehen.

Eine herausragende Leistung stellt der zur Ausstellung erschienene, reich bebilderte Katalog dar. Sein Preis von 34,90 Euro mutet in Anbetracht der opulenten Ausstattung nahezu als ein Schnäppchen an – es ist immer noch Zeit für ein verspätetes Weihnachtsgeschenk und erst recht für die sinnvolle Verwendung einer entsprechenden Geldgabe.

Wir hoffen, liebe Leserinnen und Leser, Ihnen mit der nachfolgenden grösseren Wiedergabe dieser Geburtsszene eine erste vertiefte Auseinandersetzung mit diesem Meisterwerk zu ermöglichen. Eine Abbildung kann jedoch keinesfalls die unmittelbare Betrachtung des Originals im Städel Museum ersetzen, sondern lediglich dazu ermuntern, die Schritte dorthin zu lenken.

flemalle_geburt-dijon-700.jpg

(Bildnachweis: s. oben)

Ein Kommentar zu ““Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden” im Städel Museum Frankfurt / 3”

  1. Ursula Günther
    26. Dezember 2008 14:38
    1

    Das Sichtbare… das Verhüllte..das Unsichtbare..das Ungeschaute..das Unerhörte… das Offenbare… das Verborgene…und die große Rätselfrage…

Schreib´ einen Kommentar