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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for November, 2008

Das grüne Kanapee / 5

Sonntag, 16. November 2008

Es ist Zeit, liebe Leserinnen und Leser, wieder auf dem grünen Kanapee Platz zu nehmen und ein neues Gedicht anzuhören. Dass der Dichter – es ist kein Geringerer als habust – höchstselbst liest, wissen Sie ja. Also – dann setzen Sie sich, indem Sie das Kanapee anklicken, und machen Sie sich’s bequem.

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(©  habust; Foto: GearedBull wikimedia commons GFDL)

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Bhutan – ein noch ziemlich unbekanntes Land (Folge 3)

Freitag, 14. November 2008

Feuersegen und Maskentänze

Text und Fotografien: © Ingrid Malhotra

Von Trashigang ging es zurück nach Bumthang (siehe Folge 2).

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Ins gleiche Hotel, dachten wir. Aber in meinem Hotel war überraschend eine VIP angekommen, und die leeren Zimmer an nicht mehr ganz taufrische Touristinnen zu vergeben, schien gewagt – wer weiss, ob in Europa Terroristen nicht gerade so aussehen …

Also gab man mir ein anderes Zimmer, in einem anderen Hotel, in einem anderen Teil dieses speziellen Siedlungskerns – aber, leider, das Hotel war noch im Bau. Der Hotelier zeigte mir voller Stolz, warum die Dinge so aussahen, wie sie aussahen, und inzwischen ist es sicher ein super Laden mit gaaanz viel Lokalkolorit – aber als ich kam, war es eine Baustelle. Aber was soll’s, das Bett war OK, das Bad etwas betonlastig, aber benutzbar. Was tut man nicht alles.

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Was ist das für ein Radau? Ach ja, hatten wir fast vergessen, draussen ist Markt, und nach dem Markt wird kräftig gefeiert.

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Ich will hier `raus …

Und tatsächlich, die oder der VIP stimmte zu, eine Normalsterbliche durfte da schlafen, wo VIPs schlafen. Zumindest versuchte sie es. Dass es ein eher kleines Zimmer war, und dass die Tür nicht verschliessbar war – kein Problem, es war trotzdem gemütlich, und in Bhutan klaut keiner, aber zum Schlafen kam ich trotzdem erst sehr viel später, denn plötzlich klopfte Karma, mein Führer, an die Tür und schleifte mich davon, zu einer „Fire Blessing“, einem Feuersegen, was immer das sein sollte.

Gott, hatte ich ein Glück! Wie viele Touristen haben wohl in Bhutan schon einmal eine Fire Blessing gesehen? Es ist einfach grossartig!

Zuerst fährt man auf engen schmalen Wegen durch grosse Menschenmassen bis zu einem abgelegenen Feld, und dann fädelt sich das Auto durch eine erstaunliche Menschenmenge, und man wird immer neugieriger. Der Chauffeur war während der Fahrt zutiefst beunruhigt, denn er wollte ja teilhaben am Geschehen, aber vorher musste er das Auto loswerden.

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Dann stolpert man in finsterster Nacht über einen Acker und über die Füsse vieler anderer Menschen. Wenn sich dann die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, sieht man, dass mitten auf dem Feld eine Art Triumphbogen aus Ästen, Zweigen und Stroh aufgebaut ist. Rundherum schart sich eine riesige Menschenmenge. Männer in wilden Masken und mit brennenden Reisigbündeln bewaffnet, springen zwischen den Zuschauern herum und versuchen, sie mit den Reisigbündeln zu treffen. Ich erfahre, dass bald der heilige Lama kommen und einen Segen sprechen wird, und dann wird der Bogen angezündet, und alle werden versuchen, unter dem brennenden Bogen hindurch zu laufen. Das soll Glück bringen für das ganze kommende Jahr und eine reiche Ernte.

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Der Lama kommt mit Pauken und Trompeten, wobei die Pauken etwas anders aussehen und die Trompeten eher Alphörnern ähneln, spricht seinen Segen, und die Clowns setzen mit ihren Reisigbündeln den Bogen in Brand.

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Alle Einheimischen stehen jetzt auf einer Seite, und sowie der Bogen richtig brennt, rennen, schieben, stürzen sie alle drunter hindurch. Zumindest versuchen sie es. Es ist mir ein absolutes Rätsel, wieso es dabei weder Tote noch Verletzte gibt. Über den letzten Läufern bricht der Bogen dann qualmend und funkensprühend zusammen. Und alle gehen hochbefriedigt nach Hause.

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Mittlerweile habe ich meine beiden ständigen Begleiter ja recht gut kennen gelernt, und wir sprechen über viele Themen. Dabei kommt dann auch einmal von Karma, dem Führer, die Frage, ob es für ihn nicht ratsam sei, nach Deutschland auszuwandern. Natürlich rate ich ihm ab, erzähle ihm von Arbeitslosigkeit und der Schwierigkeit, die Sprache zu erlernen. Er hat gehört, wie hoch hier die Gehälter sind. Ich halte dagegen, wie hoch hier die Kosten sind. Und dann weise ich noch darauf hin, dass er als braver Buddhist wahrscheinlich etwas geschockt wäre von unseren Moralvorstellungen.

Zwei Tage später komme ich in dem einheimischen Roman, den ich in Thimphu gekauft hatte, zu eben diesem Thema. Und bin selbst geschockt. Gegen die Traditionen in Bhutan sind wir direkt altmodisch. Nicht, dass man wilder Unmoral frönt, aber es gibt keine Prüderie, und man geht von vornherein nicht davon aus, dass Partnerschaften ein Leben lang halten sollen; und die Trennung ist dann scheinbar tatsächlich weniger schmerzlich als sie für uns wäre. Seltsam! Und das so dicht bei Indien, dem prüdesten Land, das ich kenne …

Natürlich dachte ich zuerst, es handele sich vielleicht um dichterische Freiheiten, die sich der Autor, ein ehemaliger Minister des Landes, genommen hätte. Aber alle, mit denen ich darüber sprach, haben es bestätigt, und nicht nur das, sondern auch darauf hingewiesen, dass seit Hunderten von Jahren sexuelle Selbstbestimmung in Bhutan nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen völlig normal und üblich ist.

Das kam unterwartet!

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Die Fahrt ging weiter nach Wangdi Phodrang. Unterwegs hatte ich Gelegenheit, eine Fabrik anzuschauen, in welcher die typischen kleinen Öfchen hergestellt werden, mit denen man nicht nur heizt, sondern auf denen auch immer der Teekessel mit Wasser steht.

Und noch viele, viele Wasserfälle …

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Es gab eine Reihe interessante Zwischenstops, z. B. an einer heiligen Höhle,

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heilig deshalb, weil vor vielen hundert Jahren Guru Rinpoche dort meditiert haben soll. Man sieht natürlich noch seinen Fussabdruck im Stein …

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Interessant war auch das Kloster, in dem ich ungehemmt fotografieren durfte, sogar die Mönche. Dort mussten Wandgemälde restauriert werden, und eine kleine Spende für die Fotoerlaubnis war hochwillkommen, im Gegensatz zu den anderen Klöstern, wo man meine Fotografierwut absolut nicht schätzte.

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Bei einer Rast kaufte ich das schönste Tangka, das ich je gesehen habe: mit Gold auf schwarzem Grund äusserst fein und sorgfältig gemalt. Der Künstler lebt noch, und er und seine Tochter haben sich sehr über meinen Einkauf gefreut.

Gelegentlich hielten wir an, um eine Horde Affen zu beobachten oder interessante Blumen anzuschauen.

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Interessant waren auch immer wieder die Grenzkontrollen innerhalb Bhutans. Wann immer man von einem Dzongkar in den nächsten wechselt, muss man seine Existenz und seine Reiseberechtigung nachweisen …

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Nun, und dann gab es noch während des Abendessens auf einer Hotelterrasse die Unterhaltung einer deutschen Reisegruppe, deren Teilnehmer wohl nicht damit rechneten, dass jemand sie verstünde. Alle hatten im Wesentlichen drei Fragen, auf die niemand eine Antwort wusste:

Wo waren wir gestern?
Wo sind wir jetzt?
Wo fahren wir morgen hin?

Sehr, sehr eigenartig!

Ich muss gestehen, dass mich das schon überrascht hat – irgendwie hatte ich erwartet, dass jeder, der eine solche Reise unternimmt, sich gründlich darauf vorbereitet und nicht nur konsumiert …

Dann erreichten wir schliesslich Wangdi Phodrang und ich sah meine ersten Maskentänze.

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Hier ist alles noch sehr überschaubar. Der Dzong liegt hoch über einem hübschen Flusstal. Das Publikum besteht fast ausschliesslich aus Einheimischen. Auf dem Tanzplatz laufen Hühner herum und suchen nach Essbarem – aber die Tänze sind atemberaubend. Wunderschöne farbenprächtige Kostüme, Masken, die zum Teil Hunderte von Jahren alt sein sollen! Jeder Tanz erzählt eine Geschichte, mal ein Märchen, mal eine Legende, mal eine Begebenheit, die tatsächlich stattgefunden hat.

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Die Menschen sind von weit her gekommen, um diese Tänze zu sehen, und ich muss zugeben: der weiteste Weg lohnt sich. Aber doch ist das, was ich hier erlebe, absolut keine ausreichende Vorbereitung auf die Tänze in Thimphu!

Dort kommen wir am Tag vor dem Beginn des Festivals an, und auch heute gibt es ein besonderes Erlebnis. Aber zunächst musste ich in meinem Hotel einziehen, einem anderen als zu Beginn der Reise, denn irgendwer – entweder in der Agentur oder im Hotel, darüber gab es hitzige Auseinandersetzungen – hatte meine Reservierung storniert. Das war aber auch gut so, denn das neue Zimmer war gross und schön und ganz zentral gleich beim Hauptplatz von Thimphu. Danach habe ich erst einmal versucht, in der einzigen Buchhandlung ein Kochbuch zu erstehen. Gerüchteweise hörte ich, dass es eines geben soll, aber sie hatten es nicht, sie wussten nicht, ob das Gerücht stimmt, und sie konnten das auch nicht schnell genug herausfinden.

Nach dem Abendessen kam dann etwas sehr Überraschendes – eine Veranstaltung zum Thema Aids.

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Auf dem grossen Platz diente eine breite Freitreppe als Tribüne, davor standen noch bunte Plastikstühle für alle möglichen Ehrengäste, und gegenüber war eine grosse Bühne aufgebaut, mit Aids-Postern als Hintergrund. Aids macht den Bhutanesen grosse Sorgen, denn da man hier recht freizügig lebt, ist die Gefahr gross, dass Aids sich schnell ausbreitet. Was besondere Sorgen macht ist, dass die meisten der Strassenbauarbeiter aus Indien kommen, und von denen sollen viele krank sein.

Als es dann dunkel wurde, begann die Vorstellung in Form von kurzen Theaterstücken, Gesangsvorführungen, Rezitationen – alles mit Beispielen, was an schrecklichen Dingen passiert, wenn man sich infiziert, und zum Teil geradezu erschütternd realistisch. Nur als ein Schuljunge weinend auf der Bühne stand und seinem toten Vater Vorwürfe machte, dass er mit einer fremden Frau geschlafen hatte, ohne ein Kondom zu benutzen, hat die Jugend von Thimphu sich blendend amüsiert – sie kannten sowohl ihren Schulkameraden als auch seinen quicklebendigen Vater.

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An der Aufführung nahmen alle Stars der Film- und Schlagerszene von Bhutan teil, und das Publikum ging richtig mit, war begeistert und diskutierte in den Pausen tatsächlich, worauf sie künftig achten wollten.

Der Zeitpunkt war auch gut gewählt für eine solche Veranstaltung, denn einen Tag vor Beginn der grossen Maskentänze waren Menschen aus ganz Bhutan hier, die sich über die Abendunterhaltung freuten und alles, was sie lernten, nach Hause zu ihren Nachbarn und Verwandtem tragen würden.

Und dann kam der grosse Tag: Maskentänze in der Hauptstadt.

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In Wangdi Phodrang war ich ja schon zutiefst beeindruckt von den Tänzen und auch von den versammelten Menschenmengen. Heute verstand ich, dass das eine bescheidene Veranstaltung im engsten Kreis gewesen ist.

In Thimphu schienen sich alle gut 700.000 Einwohner von Bhutan zu drängen. Ordnungshüter hatten grosse Mühe, die Menschen dorthin zu lenken, wo noch ein Plätzchen war und sorgten pausenlos dafür, dass die in den vorderen 20 oder 30 Reihen sitzen blieben, damit die dahinter auch noch etwas sehen konnten. Alle waren in ihrem schönsten Sonntagsstaat, die Sonne strahlte mit aller Kraft – ein herrliches Bild.

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Die Suche nach einem guten Platz zum Fotografieren gestaltete sich schwierig. Am besten war es dort, wo die Honoratioren, Regierungsmitglieder und Diplomaten standen – aber immer wieder hat ein Ordnungshüter versucht, mich irgendwo anders hin zu dirigieren, wo er mich besser untergebracht glaubte. Aber schliesslich war es doch geschafft, und nach einer Weile und ein bisschen Reden und Lächeln kam ich sogar noch oben auf eine Treppe, von der man einen ganz besonders guten Blick hatte – das war schön, denn jetzt konnte ich Bilder machen, auf denen die Halbglatze meines Vordermannes nicht mehr so überaus prominent hervortrat!

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Mein Gott, war das schön!

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Tut mir leid, man kann es nicht beschreiben. Worte sind einfach zu eindimensional. Ich habe Tausende von Fotos gemacht und würde am liebsten alle hier einfügen – die Auswahl fällt unglaublich schwer! Ein Tanz folgte dem anderen; jeder in farbenprächtigen Kostümen und herrlichen phantasievollen Masken. Oft kam der Tod vor in den Geschichten, welche die Tänze erzählten. Aber obwohl er immer bedrohlich wirkte, war er doch oft nicht erfolgreich, sondern machte sich irgendwie lächerlich. Zwischen den Zuschauern sprangen maskierte Spaßmacher herum und versuchten, möglichst viele Menschen mit einem kleinen länglichen Gegenstand zu schlagen, der sich bei näherem Hinsehen als Penis entpuppte. Natürlich war es gut, davon getroffen zu werden, denn das sprach für reichen Kindersegen; und zur Belohnung musste man dann auch ein bisschen Geld übergeben.

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Die Zuschauer waren sehr diszipliniert. Sogar die Kinder. Alle Einheimischen kannten natürlich Sinn und Inhalt der Tänze und haben verstanden und gelacht, wenn etwas komisch war, oder die Luft angehalten, wenn es spannend wurde.

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Alle waren freundlich und entspannt. Man teilte Essen mit seinen Nachbarn, beruhigte Babies, lächelte den Fremden zu - es war ein grossartiges Massenerlebnis! Dabei habe ich doch sonst immer so einen gewaltigen Horror vor grösseren Menschenansammlungen. Aber hier war es einfach ein Gefühl von Gemeinsamkeit, das sich wohl allen Anwesenden mitteilte.

Die Zeit verging rasend schnell, und obwohl mir die Sonne auf den Kopf brannte, nach ein paar Stunden jeder Knochen einzeln wehtat, war ich richtig traurig, als es auf den Abend zu ging und ich gehen musste. Wie gut, dass noch ein Tag kommen würde, die Angst, etwas zu verpassen, wäre sonst einfach zu gross gewesen. Ich hoffe sehr, dass ich irgendwann noch einmal Gelegenheit haben werde, an diesem grossartigen Schauspiel teilzuhaben, denn nach diesen drei unglaublich schönen und interessanten Tagen ging es zur Weiterreise nach Indien.

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Aber das ist ein neues Kapitel.

(Folge 4)

Ulrich Mattner und Stephan Morgenstern Sieger beim Internationalen Medienpreis Frankfurt 2008

Mittwoch, 12. November 2008


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Im Rahmen eines Festaktes Ende Oktober 2008 im Frankfurter Römer zeichnete der Frankfurter PresseClub e.V. sechs Journalisten und eine Journalistin mit seinem Internationalen Medienpreis Frankfurt 2008 aus.

Den Ersten, mit 10.000 Euro dotierten Preis erhielten die Fotojournalisten Ulrich Mattner und Stephan Morgenstern für ihre seinerzeit im “stern” erschienene Fotostrecke “Blendende Aussicht bei guten Geschäften“.

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Erster Preis: Ulrich Mattner und Stephan Morgenstern (Foto: © Rainer Rüffer)

Für seinen Beitrag “Raus aus der Berliner Luft” wurde Tobias Rüther (Frankfurter Allgemeine Zeitung) mit dem Zweiten Preis (7.000 Euro) ausgezeichnet. Den Dritten Preis (4.000 Euro) teilten sich Christoph Hickmann (Süddeutsche Zeitung) für die Reportage “Unter den Wolken” sowie Silke Kujas und Kamil Taylan für die im Hessischen Rundfunk ausgestrahlte Fernsehreportage “Innenstadtrevier”.

Den Nachwuchspreis erhielt Sebastian Gehrmann für seinen in der Frankfurter Rundschau veröffentlichten Beitrag “Der Waldmensch”; er gewann damit eine zweiwöchige Recherchereise nach Südafrika im Vorfeld der Fussball-Weltmeisterschaft 2010.

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Die Preisträger 2008 (von links nach rechts): Kamil Taylan, Sebastian Gehrmann, Christoph Hickmann, Thobias Rüther, Ulrich Mattner, Stephan Morgenstern und Silke Kujas (Foto: © Rainer Rüffer)

Am 6. November 2008 eröffnete der Frankfurter PresseClub in seinen Räumen eine Ausstellung mit einigen Fotografien der Hauptpreisträger Mattner und Morgenstern. Blickfang der Ausstellung ist das seit seiner Veröffentlichung im “stern” deutschland- und europaweit bekannte Motiv der Vorstandstoilette in der Frankfurter Commerzbank-Zentrale.

In seiner Festansprache zur Preisverleihung nahm sich Professor Wolf Singer, Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung, unter dem Titel “Wie wir uns zurechtlegen, was wir wahrnehmen” dem Thema eines Informationsbewusstseins unserer Gesellschaft an.

“Wie wohnt eigentlich das Geld? Wie ist es eingerichtet?” fragten damals die “stern”-Autoren Stefan Schmitz und Ulrich Mattner. Den Preisträgerfotografen Morgenstern und Mattner war es gelungen, sich hinter den glitzernden Fassaden der Frankfurter Bankenszenerie einmal genauer umzuschauen, hinter Fassaden, die “trotz ihrer gläsernen Hülle oft undurchsichtig sind”, wie Mathias Röder, Landesbüroleiter der Deutschen Presseagentur, in seiner Laudatio ausführte. “Fotografie dieser Güte erfüllt den Anspruch der Visualisierung von Themen in ganz heraus­ragender Weise”, so Röder. “Dass die Wahl auf die Fotostrecke fiel, ist auch eine Verbeugung vor der immer grösseren Bedeutung des besonderen Bildes im tagesaktuellen Journalismus.”

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© Ulrich Mattner: Commerzbank-Halle

Mattner und Morgenstern konnten vor zwei Jahren freilich nicht ahnen, dass im Jahr des Medienpreises 2008 die internationale Finanz- und Bankenkrise auch manche der Frankfurter Glasfassaden nebst den sich hinter ihnen entfaltenden Tätigkeiten in ein zwiespältiges Licht rückte. Vielleicht hätten sie dann einige zusätzliche Akzente in ihrer Fotodokumentation gesetzt. Die mit hochqualifizierten Presse-, Fernseh- und Hörfunk-Journalisten besetzte Jury liess es sich nicht nehmen, Mattners und Morgensterns herausragende Arbeit in einem Kontext zur aktuellen Situation zu deuten und ihr vielleicht auch im Blick auf die damit verbundene Dialektik den Ersten Preis zuzusprechen.

“Den Fotografen Ulrich Mattner und Stephan Morgenstern ist es gelungen”, schrieben die genannten “stern”-Autoren, “hinter die Mauern des zweitgrößten europäischen Finanzplatzes zu schauen. Ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben des Kulturamtes der Stadt arbeiteten sie sich immer weiter vor in das Innenleben des Kapitalismus. Sie zeigten den Türstehern der Branche ihre schönen Bilder aus dem Allerheiligsten der Konkurrenz und baten um Einlass – bis sie schliesslich fast überall gewesen waren. In den Gärten der Commerzbank, wo Oliven blühen. In den Fluren des Bankhauses Metzler, wo die Silberlöffelchen in den Teetassen klirren. Im Büro des Frankfurt-Chefs von McKinsey, dessen Glaubensbekenntnis über dem roten Designersofa hängt: ‘Dollar – we trust’ … Mattner und Morgenstern bereisten eine Welt, in der Geld keine Rolle zu spielen scheint und doch das Gegenteil davon wahr ist.”

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© Stephan Morgenstern: Büroleiter bei McKinsey: DOLLAR WE TRUST

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Auf jeder Dollar-Note: IN GOD WE TRUST

Wiesen früher Dome und Kathedralen von Ferne den Weg in das Zentrum einer grösseren Stadt, so sind es heute die profanen Hochbauten, am Finanzplatz Frankfurt am Main die Tempel der Banken und sonstigen Finanzinstitute. Vom alt-ehrwürdigen Frankfurter Dom, einst Krönungsstätte der deutschen Kaiser, bleibt nicht viel zu sehen, man muss im Stadtpanorama mühsam nach ihm suchen. Heute sind die Bankvorstände die wahren Kaiser, und sie krönen sich selbst in ihren monumentalen Hochhauspalästen. Nicht zuletzt das besagte aktuelle Krisengeschehen macht uns deutlich, wie sehr sich die geistigen und materiellenen Proportionen in der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten verschoben haben. Nicht wenige Exponenten politischer wie moralischer und soziokultureller Institutionen mahnen die Abkehr von einer Entwicklung an, in der die Protagonisten der Finanzwelt, aber auch die von ihnen ausgelösten “Sachzwänge” mehr und mehr einen bestimmenden Einfluss auf Regierungen und Gesellschaft ausüben.

Ob unter den gegenwärtigen Bedingungen Banken und andere Finanzinstitute Mattner und Morgenstern Zutritt in ihr “Allerheiligstes” gewährt hätten? Wir glauben es nicht. Und eines der entlarvendsten Bilder wäre nicht entstanden: dasjenige von der hochherrschaftlichen Herrentoilette in der Frankfurter Commerzbank-Zentrale, ein fotodokumentarisches Meisterwerk, das bereits so oft und einschlägig interpretiert wurde, dass wir es nicht noch einmal zu tun brauchen, und das im übrigen für sich selbst spricht.

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© Ulrich Mattner: Commerzbank

Heute vor 90 Jahren … Frauenwahlrecht in Deutschland

Mittwoch, 12. November 2008

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Frauenwahlrecht – eine Selbstverständlichkeit? Wussten Sie, liebe Leserinnen und Leser, dass erst vor 90 Jahren, am 12. November 1919 also, das allgemeine Frauenwahlrecht in Deutschland eingeführt wurde? Zitat:

 Aufruf des Rates der Volksbeauftragten an das deutsche Volk.

 Vom 12. November 1918.
An das deutsche Volk!

 Die aus der Revolution hervorgegangene Regierung, deren politische Leitung rein sozialistisch ist, setzt sich die Aufgabe, das sozialistische Programm zu verwirklichen. Sie verkündet schon jetzt mit Gesetzeskraft folgendes …

Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht auf Grund des proportionalen Wahlsystem für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen …

 

Eine Reise mit und zu Peter Doig

Montag, 10. November 2008

Möchten Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, auf eine Reise begeben, oder besser, sich auf eine Reise einlassen, in geheimnisvolle Landschaften, die uns zugleich bekannt wie fremd erscheinen, uns vielleicht sogar mit Angst erfüllen? Und die doch so “schön” sind, dass wir uns dieser Reise anvertrauen?

Diese Reise führt in die SCHIRN Kunsthalle in Frankfurt am Main, aber, dort angekommen, geht sie eigentlich erst richtig los: Wir reisen in die Welt der Gemälde von Peter Doig.

Doig ist, trotz seiner Position als Einzelgänger, der sich dem Mainstream verweigert, einer der massgeblichen und international einflussreichsten Maler der Gegenwart. 1959 im schottischen Edinburgh geboren und in Kanada und Trinidad aufgewachsen, lebte er rund zwanzig Jahre in London. Er studierte dort an der St. Martin’s School of Art und an der Chelsea School of Art. 2002 übersiedelte er nach Trinidad. Seit 2005 bekleidet er eine Professur an der Kunstakademie Düsseldorf.

Über sein malerisches Schaffen hinaus widmet sich Peter Doig dem Medium Film. In einer ehemaligen Rumfabrik in Port of Spain auf Trinidad veranstaltet er regelmässig den “STUDIOFILMCLUB“, eine Art Festival für den zeitgenössischen avantgardistischen Film. Neben seinen Bildern sind deshalb in der SCHIRN rund 130 seiner von ihm gemalten Filmplakate zu sehen.

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Filmposter zu „Water” von Deepa Mehta, 2007, Öl auf Papier 65 x 50 cm, Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin, Foto: Jochen Littkemann
© Peter Doig

Der Weg in die SCHIRN Kunsthalle wird Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, schon deshalb nicht erspart bleiben, weil ich bei Ihnen zu Hause kaum einen “Doig” in den eigenen vier Wänden vermute: Die Werke des Künstlers, die durchaus zweistellige Millionen-Dollar-Beträge erzielen, gehören zu den höchstbezahlten des aktuellen internationalen Kunstbetriebs.

Ein hervorragend ausgestatteter Katalog gewährt Ihnen interpretatorische Nachhilfe im Anschluss an den Galeriebesuch. Sie sollten ihn jedoch nicht als “Vorhilfe” zur Hand nehmen, sondern die Bilder mit all ihren Überraschungen ohne Vorab-Beeinflussung auf sich wirken lassen.

Meine Auswahl aus den rund fünfzig in der SCHIRN ausgestellten Exponaten gilt Doigs Landschaftsmalerei. So banal seine entsprechenden Vorlagen im Einzelfall gewesen sein mögen, schlagen unerwartete Farben, Kompositionen und Perspektiven, eine Balance zwischen Figuration und Abstraktion den Betrachtenden in Bann. Das Unbestimmte, Ambivalente, das Widersprüchliche seiner Bilder, eine gewisse visuelle Desorientierung üben eine Faszination aus, der wir uns schwer entziehen können.

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Blotter, 1993, Öl auf Leinwand 249 x 199 cm, National Museums Liverpool, Walker Art Gallery, Courtesy of the artist and Victoria Miro Gallery, London
© Peter Doig

Eine Winterlandschaft, ein Junge in einer Pfütze, wie es scheint auf einer Eisfläche. Selbstversunken schaut er in die konzentrischen Kreise, die das Wasser um seine Füsse herum bildet. Die flimmrige Wasseroberfläche spiegelt den Jungen wider. “Blotter”, “Kleckser, Verschmutzer” nennt Doig sein Bild. Die schöne, stille, in sich ruhende winterliche Darstellung mutet widersprüchlich an, sie verunsichert, wenn wir deren Titel in die Betrachtung einbeziehen. Und in der Tat schimmert der Schnee gelblich, durch Schmutzpartikel eines nahen Kraftwerkes verunreinigt, das diese in die klare Winterluft bläst?

Typisch für Doig der dreiteilige Bildaufbau, die klare Bildkomposition, die Spiegelungen; die Figur des Menschen zwar als Mittelpunkt, aber bei längerer Betrachtung zu einer kleinen Nebenfigur reduziert.

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Grand Riviere, 2001/2002, Öl auf Leinwand 228,8 x 358,4 cm, National Gallery of Canada, Ottawa, Foto: National Gallery of Canada
© Peter Doig

Wieder der klar gegliederte, dreiteilige Bildaufbau mit Vorder-, Mittel- und Hintergrund. Eine grossformatig dargestellte, zugleich geheimnisvolle Szenerie. Eine tropische Landschaft, mag sein auf Trinidad. Ein eigenartiges Licht fällt auf die hell erleuchtete Landzunge in der Bildmitte, die im Kontrast zur Schwärze steht, in der sich der Regenwald verliert. Hinter der Landzunge zieht ein kleiner Kahn dahin – folgt er dem horizontalen Flusslauf oder wird er in den Wasserarm einschwenken, der in der Bildmitte in den Wald hinein führt? Aber wohin leitet dieser Wasserweg, würden wir ihm im Boot in die Nacht hinein folgen wollen? Und wohin bewegt sich das weisse Pferd auf dem Landstreifen? Träumerisches scheint auf der Szenerie zu liegen, aber das Albtraumhafte liegt nicht fern.

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Gasthof zur Muldentalsperre, 2000/2002, Öl auf Leinwand 196 x 296 cm, Collection Nancy Lauter McDougal and Alfred L. McDougal, partial and promised gift to The Art Institute of Chicago, Courtesy of the artist and Victoria Miro Gallery, London
© Peter Doig

Was für Figuren empfangen uns am Gasthof zur Muldentalsperre? Es ist der Künstler selbst nebst einem Freund  – angetan mit Kostümen aus dem Ballet “Petruschka” von Igor Strawinsky. Doig versetzt das Paar – es geht auf einen Theaterscherz in seiner Londoner Zeit an der English National Opera zurück – in eine burleske, surreale Traumszene, in der selbst das Mauerwerk ein buntes Clownskostüm trägt. Wieder sehen wir die strenge Komposition und die Doig-typische Gliederung des Bildes in drei Ebenen. Und wieder kann der fröhlich-unbeschwert beginnende Traum zum Albtraum werden: Die anfangs clownesk-heiter anmutende Staumauer führt in einem weiten Bogen ins Ungewisse, die bunten Steine weichen steil abstürzendem Graubeton, dunkel und bedrohlich wirken die Überlauföffnungen der Mauer. Wir möchten den Weg über die Mauerkrone nicht nehmen. Einsam das kleine Boot auf dem See. Ein wärmender, bergender Gasthof ist nicht im Blick.

Es ist ein altes Thema: der Künstler in seiner Verkleidung im Zentrum seines Bildes – im konkreten Werk in der zusätzlichen Brechung der Unbestimmbarkeit, in welcher der beiden Verkleidungen er sich verbirgt.

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Hitch Hiker, 1989/1990, Öl auf Postsäcken 152 x 226 cm, Courtesy of the artist and Victoria Miro Gallery, London
© Peter Doig

In den kanadischen Weiten ein einsamer Lastzug, den Kegel des Scheinwerferlichts in den dichten Regen voranschiebend. Der Gegenstand befindet sich wiederum im Bildzentrum und bestimmt doch nicht das Bildgeschehen. Hat der Anhalter Platz in dem Fahrzeug gefunden? Wohin mag die Reise gehen? Auch in diesem Bild verarbeitet Doig eine real erlebte Situation als Anhalter an einer Strasse zum kanadischen Montréal. Der ziemlich detailgetreu wiedergegebene Lastzug in der Ferne steht in einem eigenartigen Kontrast zu der im Unbestimmten des Regenschleiers verschwimmenden Wiese, die, am unteren Rand beginnend, den Vordergrund und die Hälfte der Bildfläche einnimmt. Will sagen, das Ferne erscheint klar erkennbar, das Nahe nicht: ein irritierendes Vexierbild in einer wiederum bedrohlich wirkenden Landschaftsszenerie.

Mein persönliches Lieblingsbild in der Ausstellung: die Milchstrasse.

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Milky Way, 1989/1990, Öl auf Leinwand 152 x 203,5 cm, Courtesy of the artist and Victoria Miro Gallery, London
© Peter Doig

“In gewisser Weise versuche ich Bilder zu finden, die eher einen Klang besitzen als eine Bedeutung” sagt Peter Doig. Wir spüren einen Klang in diesem Bild. Eine ruhige, stille nächtliche Stimmung, die Milchstrasse am sternklaren Himmel, man könnte sich in das Universum hineinträumen – und doch irritiert die Spiegelung des die Landschaft überwölbenden Firmaments im schwarz-unheimlichen See. Erneut begegnet uns das einsame kleine Boot. Rudert Charon, der Fährmann, die Seelen über die Styx? Weist die nächtliche Szenerie in das “Verheissungsvoll-Ungeheure” Thomas Manns? Vermutlich nicht Peter Doigs Gedanken, aber ein Kunstwerk entsteht im Kopf des Betrachters.

Eine sehr sehenswerte Ausstellung erwartet Sie noch bis zum 4. Januar 2009 in der SCHIRN Kunsthalle Frankfurt am Main.