Eine Reise mit und zu Peter Doig
Möchten Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, auf eine Reise begeben, oder besser, sich auf eine Reise einlassen, in geheimnisvolle Landschaften, die uns zugleich bekannt wie fremd erscheinen, uns vielleicht sogar mit Angst erfüllen? Und die doch so “schön” sind, dass wir uns dieser Reise anvertrauen?
Diese Reise führt in die SCHIRN Kunsthalle in Frankfurt am Main, aber, dort angekommen, geht sie eigentlich erst richtig los: Wir reisen in die Welt der Gemälde von Peter Doig.
Doig ist, trotz seiner Position als Einzelgänger, der sich dem Mainstream verweigert, einer der massgeblichen und international einflussreichsten Maler der Gegenwart. 1959 im schottischen Edinburgh geboren und in Kanada und Trinidad aufgewachsen, lebte er rund zwanzig Jahre in London. Er studierte dort an der St. Martin’s School of Art und an der Chelsea School of Art. 2002 übersiedelte er nach Trinidad. Seit 2005 bekleidet er eine Professur an der Kunstakademie Düsseldorf.
Über sein malerisches Schaffen hinaus widmet sich Peter Doig dem Medium Film. In einer ehemaligen Rumfabrik in Port of Spain auf Trinidad veranstaltet er regelmässig den “STUDIOFILMCLUB“, eine Art Festival für den zeitgenössischen avantgardistischen Film. Neben seinen Bildern sind deshalb in der SCHIRN rund 130 seiner von ihm gemalten Filmplakate zu sehen.

Filmposter zu „Water” von Deepa Mehta, 2007, Öl auf Papier 65 x 50 cm, Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin, Foto: Jochen Littkemann
© Peter Doig
Der Weg in die SCHIRN Kunsthalle wird Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, schon deshalb nicht erspart bleiben, weil ich bei Ihnen zu Hause kaum einen “Doig” in den eigenen vier Wänden vermute: Die Werke des Künstlers, die durchaus zweistellige Millionen-Dollar-Beträge erzielen, gehören zu den höchstbezahlten des aktuellen internationalen Kunstbetriebs.
Ein hervorragend ausgestatteter Katalog gewährt Ihnen interpretatorische Nachhilfe im Anschluss an den Galeriebesuch. Sie sollten ihn jedoch nicht als “Vorhilfe” zur Hand nehmen, sondern die Bilder mit all ihren Überraschungen ohne Vorab-Beeinflussung auf sich wirken lassen.
Meine Auswahl aus den rund fünfzig in der SCHIRN ausgestellten Exponaten gilt Doigs Landschaftsmalerei. So banal seine entsprechenden Vorlagen im Einzelfall gewesen sein mögen, schlagen unerwartete Farben, Kompositionen und Perspektiven, eine Balance zwischen Figuration und Abstraktion den Betrachtenden in Bann. Das Unbestimmte, Ambivalente, das Widersprüchliche seiner Bilder, eine gewisse visuelle Desorientierung üben eine Faszination aus, der wir uns schwer entziehen können.

Blotter, 1993, Öl auf Leinwand 249 x 199 cm, National Museums Liverpool, Walker Art Gallery, Courtesy of the artist and Victoria Miro Gallery, London
© Peter Doig
Eine Winterlandschaft, ein Junge in einer Pfütze, wie es scheint auf einer Eisfläche. Selbstversunken schaut er in die konzentrischen Kreise, die das Wasser um seine Füsse herum bildet. Die flimmrige Wasseroberfläche spiegelt den Jungen wider. “Blotter”, “Kleckser, Verschmutzer” nennt Doig sein Bild. Die schöne, stille, in sich ruhende winterliche Darstellung mutet widersprüchlich an, sie verunsichert, wenn wir deren Titel in die Betrachtung einbeziehen. Und in der Tat schimmert der Schnee gelblich, durch Schmutzpartikel eines nahen Kraftwerkes verunreinigt, das diese in die klare Winterluft bläst?
Typisch für Doig der dreiteilige Bildaufbau, die klare Bildkomposition, die Spiegelungen; die Figur des Menschen zwar als Mittelpunkt, aber bei längerer Betrachtung zu einer kleinen Nebenfigur reduziert.

Grand Riviere, 2001/2002, Öl auf Leinwand 228,8 x 358,4 cm, National Gallery of Canada, Ottawa, Foto: National Gallery of Canada
© Peter Doig
Wieder der klar gegliederte, dreiteilige Bildaufbau mit Vorder-, Mittel- und Hintergrund. Eine grossformatig dargestellte, zugleich geheimnisvolle Szenerie. Eine tropische Landschaft, mag sein auf Trinidad. Ein eigenartiges Licht fällt auf die hell erleuchtete Landzunge in der Bildmitte, die im Kontrast zur Schwärze steht, in der sich der Regenwald verliert. Hinter der Landzunge zieht ein kleiner Kahn dahin – folgt er dem horizontalen Flusslauf oder wird er in den Wasserarm einschwenken, der in der Bildmitte in den Wald hinein führt? Aber wohin leitet dieser Wasserweg, würden wir ihm im Boot in die Nacht hinein folgen wollen? Und wohin bewegt sich das weisse Pferd auf dem Landstreifen? Träumerisches scheint auf der Szenerie zu liegen, aber das Albtraumhafte liegt nicht fern.

Gasthof zur Muldentalsperre, 2000/2002, Öl auf Leinwand 196 x 296 cm, Collection Nancy Lauter McDougal and Alfred L. McDougal, partial and promised gift to The Art Institute of Chicago, Courtesy of the artist and Victoria Miro Gallery, London
© Peter Doig
Was für Figuren empfangen uns am Gasthof zur Muldentalsperre? Es ist der Künstler selbst nebst einem Freund – angetan mit Kostümen aus dem Ballet “Petruschka” von Igor Strawinsky. Doig versetzt das Paar – es geht auf einen Theaterscherz in seiner Londoner Zeit an der English National Opera zurück – in eine burleske, surreale Traumszene, in der selbst das Mauerwerk ein buntes Clownskostüm trägt. Wieder sehen wir die strenge Komposition und die Doig-typische Gliederung des Bildes in drei Ebenen. Und wieder kann der fröhlich-unbeschwert beginnende Traum zum Albtraum werden: Die anfangs clownesk-heiter anmutende Staumauer führt in einem weiten Bogen ins Ungewisse, die bunten Steine weichen steil abstürzendem Graubeton, dunkel und bedrohlich wirken die Überlauföffnungen der Mauer. Wir möchten den Weg über die Mauerkrone nicht nehmen. Einsam das kleine Boot auf dem See. Ein wärmender, bergender Gasthof ist nicht im Blick.
Es ist ein altes Thema: der Künstler in seiner Verkleidung im Zentrum seines Bildes – im konkreten Werk in der zusätzlichen Brechung der Unbestimmbarkeit, in welcher der beiden Verkleidungen er sich verbirgt.
Hitch Hiker, 1989/1990, Öl auf Postsäcken 152 x 226 cm, Courtesy of the artist and Victoria Miro Gallery, London
© Peter Doig
In den kanadischen Weiten ein einsamer Lastzug, den Kegel des Scheinwerferlichts in den dichten Regen voranschiebend. Der Gegenstand befindet sich wiederum im Bildzentrum und bestimmt doch nicht das Bildgeschehen. Hat der Anhalter Platz in dem Fahrzeug gefunden? Wohin mag die Reise gehen? Auch in diesem Bild verarbeitet Doig eine real erlebte Situation als Anhalter an einer Strasse zum kanadischen Montréal. Der ziemlich detailgetreu wiedergegebene Lastzug in der Ferne steht in einem eigenartigen Kontrast zu der im Unbestimmten des Regenschleiers verschwimmenden Wiese, die, am unteren Rand beginnend, den Vordergrund und die Hälfte der Bildfläche einnimmt. Will sagen, das Ferne erscheint klar erkennbar, das Nahe nicht: ein irritierendes Vexierbild in einer wiederum bedrohlich wirkenden Landschaftsszenerie.
Mein persönliches Lieblingsbild in der Ausstellung: die Milchstrasse.

Milky Way, 1989/1990, Öl auf Leinwand 152 x 203,5 cm, Courtesy of the artist and Victoria Miro Gallery, London
© Peter Doig
“In gewisser Weise versuche ich Bilder zu finden, die eher einen Klang besitzen als eine Bedeutung” sagt Peter Doig. Wir spüren einen Klang in diesem Bild. Eine ruhige, stille nächtliche Stimmung, die Milchstrasse am sternklaren Himmel, man könnte sich in das Universum hineinträumen – und doch irritiert die Spiegelung des die Landschaft überwölbenden Firmaments im schwarz-unheimlichen See. Erneut begegnet uns das einsame kleine Boot. Rudert Charon, der Fährmann, die Seelen über die Styx? Weist die nächtliche Szenerie in das “Verheissungsvoll-Ungeheure” Thomas Manns? Vermutlich nicht Peter Doigs Gedanken, aber ein Kunstwerk entsteht im Kopf des Betrachters.
Eine sehr sehenswerte Ausstellung erwartet Sie noch bis zum 4. Januar 2009 in der SCHIRN Kunsthalle Frankfurt am Main.
