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Das Internet-Magazin von Erhard Metz

“© MURAKAMI” im Frankfurter MMK (Teil 2)

Von Atompilzen und “Superflat”, Kaikai und Kiki

Die Ausstellung “© MURAKAMI” im Frankfurter Museum für Moderne Kunst führt uns in eine uns unvertraute Welt, wir müssten einen nicht ganz unbeträchtlichen Teil unserer verbleibenden Lebenszeit für entsprechende Studien aufwenden, um all die Mangas und Animes, die Wesenheiten und Chiffren enträtseln zu können, mit denen uns der Künstler konfrontiert. Das wollen und müssen wir der Kunstwissenschaft und der Japanologie überlassen.

Nähern wir uns unbefangener der Person Takashi Murakami: “Takashi, du hast grosses Glück. Wenn es über Kokura keine Wolken gegeben hätte, wärest du heute nicht hier.” Dies sagte Takashis Mutter zu ihrem Sohn. Wir zitieren aus Paul Schimmels Katalogbeitrag “Die Entstehung Murakamis”. Über Kokura sollte am Vormittag des 9. August 1945 die amerikanische Atombombe “Fat Man” explodieren. Der Himmel dort aber war bewölkt, und zwar von den Folgen der Detonation der ersten Atombombe “Little Boy” drei Tage zuvor, am 6. August, über Hiroshima. Der US-Bomber suchte sich ein neues Ziel: Nagasaki. Kokura blieb verschont. Dort wohnte Takashis Mutter.

Manchmal erklären sich gewisse Dinge eben recht einfach. Immer wieder begegnen wir in der MMK-Ausstellung dem in den verschiedensten Gestaltungen erscheinenden Atompilz. Dem auf einem Halswirbelskelett balancierenden Totenschädel mit dem Phosphorleuchten in den leeren Augenhöhlen. Missgebildeten Figuren, deren fehlende Knochen, Gelenke und Gliedmassen durch maschinelle Mechaniken ersetzt wurden wie den Inochis.

Wir begegnen auch den weissen Wolken am blauen Himmel über einem Meer lachender Blumen – erinnern sie an die Wolken, die einst die Stadt Kokura vor dem Atomblitz bewahrten und Nakasaki das Verderben brachten? Es ist ein sich zigtausendfach wiederholendes Lachen, es verdichtet sich zu einem fast unerträglichen gleichmachenden Grinsen. Jedoch nicht alle Blumen lachen.

Und spätestens wenn wir vor dem neun (!) Meter breiten und drei Meter hohen Bild “Kawaii! Vacances d’été” stehen, beginnen wir allmählich, einen der Schlüssel zu verstehen, die uns die Tür zu dieser Ausstellung öffnen können: Das hunderttausendfache Grinsen, die kinderbonbonkitschigen Farben, die Regression auf Mangas und Comics sind Gleichnisse eines japanischen Weges, erlittene Traumata zu kompensieren, zu verdrängen.

Die beiden Atombomben, der amerikanische Sieg und der nachfolgende Import US-amerikanischer Kultur, Subkultur und Konsumgewohnheiten haben dieses alte Kulturland, haben Japan, so will es uns der Künstler zeigen, “flach” gemacht. Flächendeckend flach wie die riesigen vom ihm gestalteten Tapetenwände der Ausstellung. “In der Nachkriegszeit wurde Japan”, schreibt Murakami, “von Amerika am Leben erhalten und ernährt. Man zeigte uns, dass die wahre Bedeutung des Lebens in der Bedeutungslosigkeit liegt, und man brachte uns bei, ein gedankenloses Leben zu führen. Unsere Gesellschaft und unsere Hierarchien wurden aufgelöst. Man zwang uns ein Gesellschaftssystem auf, in dem keine ‘Erwachsenen’ mehr entstehen.”

“Superflat” nennt sich seine künstlerische Position, mit der er auf die japanische Gegenwarts(sub)kultur Otaku reagiert, die wiederum auf dem Konsum von Manga und Anime, Science Fiction, Pop-Kultur und einer spezifischen Pornografie beruht. Seine Interpretation versucht dabei, die alte japanische Hochkultur der Edo-Zeit (von Anfang des 17. bis zur späten Mitte des 19. Jahrhunderts) mit der Massenkultur zu verbinden. Es bereitet, wie eingangs angedeutet, einige Anstrengungen, sich in dieser künstlerisch-künstlichen Welt zurechtzufinden. Die Sinnlichkeit der Kunst Murakamis “versüsst” uns aber durchaus unsere Mühen.

Von DOB, der Kultfigur, einem alter ego des Künstlers, war schon im ersten Teil unserer Betrachtungen die Rede. Oben begegnet sie uns kindlich-naiv, umringt von aggressiven feindlichen (Atom)Pilzen – lassen wir uns in der fröhlich erscheinenden Farbigkeit nicht täuschen! DOB, “der asiatische Cousin von Mickey Mouse”, zerstört “die DNS des urheberrechtlich geschützten Nagers der Disney Corporation und die ihn entscheidend kodierende Vorspiegelung ewiger Unschuld. Er gibt dessen Immunität gegen Fremdinfektionen preis und setzt ihn dem universell entstellenden Fallout der Detonationen von Little Boy und Fat Man aus”, stellt Dick Hebdige im Katalog fest.

Zu DOB gesellen sich Kaikai und Kiki, ebenfalls als alter ego, als spirituelle Leitfiguren des Künstlers. Sie verkörpern die Prinzipien Gut (Kaikai, eine Art sanftmütiger Teletubbi) und Böse (Kiki, arglistig-dreiäugig blickend mit zwei Haifischzähnen im aufgerissenen Mund).

In einem gewaltigen Panorama-Bild von mehr als sieben Metern Breite erscheint DOB als Gero Tan (”speiender Schleimjunge”), ein schreckliches Ungeheuer mit schwarzem, Flüssigkeiten und im Übermass Vertilgtes ausscheidendem Maul und furchteinflössenden Reisszähnen, aber dem Tode geweiht. Von Lust, Gewalt, Leiden, Sterben und Wiedergeburt handelt die apokalyptische Darstellung – mit vielerlei uns fremden, in der japanischen Tradition verwurzelten Chiffren und Verschlüsselungen versehene Allegorie der unersättlichen Konsumgier der Gesellschaft.


Ein Kommentar zu ““© MURAKAMI” im Frankfurter MMK (Teil 2)”

  1. Lia Thoma
    6. Oktober 2008 18:59
    1

    Hallo Herr Metz, Ihre Seite ist einfach super!!!! Ich habe mich sehr gefreut jemand wie Sie kennengelernt zu haben! STOLZ! Sie schreiben sehr gut und KLAR! Vieleicht könnten wir mit Claude etwas zusammen unternehmen?
    Wir verreisen diese Woche nach Spanien, vieleicht danach?
    Ich freue mich auf ein Wiedersehen!
    Liebe Grüsse
    Lia Thoma

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