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Das Internet-Magazin von Erhard Metz

Archive for August, 2008

Claudia Johann – Gedichte

Dienstag, 12. August 2008

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Claudia Johann

Harry V

Harry langweilte sich
mich jedoch
beschäftigte eine seltsame Geschichte
und ich erzählte sie:

es war einmal ein Mann
der hatte bei einem Unfall
eine Hand verloren
er litt unter dieser Verstümmelung
und so schien es wie ein Glücksfall
als die Nachricht eintraf
ein frischer Toter
verfüge über die passende Hand
er ließ sie sich annähen
und war glücklich
denn sie funktionierte ausgezeichnet
nach und nach aber
wurde ihm die neue Hand
fremd und fremder
er ertrug sie nicht mehr
und ließ sie wieder entfernen…

aus Harrys Stimme sprach Verständnislosigkeit:
undankbarer Typ, das…
hatte ich früher ein Handy?
nun ist es mit meiner Hand verwachsen
als sei es ein Teil von mir
man muss nur wollen!

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(Handabdrücke in der Cueva de las Manos/Argentinien, 10. bis 7. Jahrtausend v. Chr.; Foto: Christof01 wikimedis commons GFDL)

Der Hunger in der Welt und die Getreidepreise

Montag, 11. August 2008

Nein, wir können keine Ruhe geben bei diesem Thema, sondern wir legen nach:

Da titelte vor einigen Tagen eine grosse deutsche Zeitung im Aufmacher ihres Wirtschaftsteils: “An den Rohstoffmärkten fallen die Preise”. Auch von Weizen ist die Rede: Sein Preis fiel in Einheiten der jeweiligen Terminkontrakte um gut 41 %.

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Millionen Hungernde in der Welt könnten Hoffnung schöpfen. Wie aber ist die entsprechende Tabelle in dem Blatt überschrieben? “Verfall der Rohstoffpreise” (!).

Die Sprache der Spekulanten und ihrer Lobby entlarvt deren Gesinnung.

Der fatale 08.08.08

Sonntag, 10. August 2008

Es ist eigentlich ein schöner Morgen, noch nicht ganz halb acht (08) Uhr, man denkt an nichts Böses, schaltet den Computer ein, schliesslich will man ein paar Gedanken ins Netz stellen, auch einen Artikel für Frankfurt-live, einem Kultur- und Gesellschaftsmagazin (für das an dieser Stelle natürlich diskret geworben werden soll), da passiert es: Ein rotes Lämpchen am Router leuchtet auf, und schon geht nichts mehr.

Es ist zufällig der 08.08.08 – also der 8. August 2008, der Tag, an dem das fragwürdige Kommerz- und Politspektakel unter dem Decknamen „Olympische Sommerspiele“ beginnen wird, ein Glückstag für die der „8“ anhängenden , dem Aberglauben zugeneigten Chinesen, auch für die vielen hiesigen Hochzeitspaare, die sich nicht nur im traditionsreichen Frankfurter Römer unbedingt an diesem und keinem anderen Tag trauen lassen wollen und derentwegen eine verdoppelte Mitarbeiterschicht schon früh im Standesamt den Dienst aufgenommen hat, aber kein Glückstag offensichtlich für den Router und schon gar nicht den Autor.

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(Foto ungenannt; wikimedis commons GFDL)

Dieser begibt sich, anfangs noch optimistisch, auf Fehlersuche, man kennt sich ja schliesslich ein wenig aus in der Technik, aber vergebens. Das nach einer Reihe von zunächst gescheiterten Versuchen über das sogenannte Call-Center (also doch tatsächlich ein Glückstag?) erreichte Unternehmen namens T-Online kriegt es tatsächlich hin, die Leitungen durchzumessen und, weil es daran nicht liegt, einen Techniker zu schicken. Dieser findet sich gegen Mittag ein. Der Router ist es, der sich verabschiedet hat, so der Techniker. Einen neuen hat er nicht dabei, man muss sich zum T-Punkt begeben, um Ersatz zu erwerben. Das tut man denn schliesslich.

Es ist der Tag nach dem Tag, der Router ist nun ausgepackt, leider ist er grösser und sperriger als sein verblichener Vorgänger, na macht nichts, auch gelingt es, ihn zu konfigurieren – aber erneut: rien ne va plus. Genervt greift man zum Telefon (das tatsächlich funktioniert, also doch zumindest ein halber Glückstag!) und klingelt nach dem Computerdoktor. Der ist ausgelastet an diesem Tag nach dem 08.08.08 – aber am Sonntag, da will er vorbeischauen, schliesslich ist es ja eilbedürftig, den Autor drängt es nicht nur zum Schreiben, sondern natürlich auch zum Publizieren. Das weiss der Computerdoktor.

Er kam also, kruschelte an den Gerätschaften herum und rief wie einst Gaius Iulius Caesar nach seinem Blitzsieg über den bosporanischen König Pharnakes den II “Veni, vidi, vici” – ich kam, sah, ich siegte, über die böse sperrige Technik nämlich. Oder hatte der Autor bei der Konfiguration des neuen Routers doch nur eine winzige gemeine Kleinigkeit übersehen?

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(Foto: Thomas Schüßler)

Doch noch Glück gehabt am Ende – wenn auch nicht am 08.08.08. Und das glückliche Ergebnis haben Sie soeben gelesen.

Thema “Städel”

Donnerstag, 7. August 2008

“Städel” – so hiess das Thema der diesjährigen Sommerausstellung des Frankfurter Künstlerclubs. Heute möchte ich Ihnen eine der eingereichten Arbeiten vorstellen, die ich für bemerkenswert halte.

“Städel” – ein sehr offenes Thema. Gemeint ist natürlich der Städel-Komplex in Frankfurt am Main – also das Städel Museum mit seinen auch im internationalen Vergleich hervorragenden Sammlungen alter Meister wie auch von Werken des 19. und 20. Jahrhunderts; die Städelschule, also die Staatliche Hochschule für Bildende Künste; nicht zu vergessen die einen eigenen Kreis von Künstlern und Kunstinteressierten ansprechende Städel-Abendschule.

“Städel” weckt komplexe Assoziationen. Namentlich für die Künstlerinnen und Künstler des Clubs, die um entsprechende Arbeiten gebeten wurden. Wie gehen sie damit um, mit dieser Galerie, den dort präsentierten Exponaten, dem Publikum, das diese Werke betrachtet? Kaum einer, vielleicht gar keiner der ihren ist mit seiner eigenen Kunst im Städel vertreten, wie mag man sich zu dieser Tatsache verhalten? Blickt man auf zu den Meistern, neidet man ihren Erfolg, resigniert man ob des Zweifels am eigenen Werk? Oder hält man sich insgeheim für durchaus ebenbürtig, hegt gar eine, wenn auch nur vage, Hoffnung, noch zu Lebzeiten oder wenigstens posthum mit einer Arbeit in diese Walhalla der Malerei aufgenommen zu werden, und sei es nur in eines ihrer Magazine?

Annelie Morelli – so der Name der Malerin – hat sich mit dem gestellten Thema, also der Situation des Museums, der in ihm ausgestellten Kunst – hier der Malerei – , des betrachtenden Publikums, aber auch der eigenen Situation der malenden Künstlerin intensiv und selbst-reflexiv auseinandergesetzt:

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© Annelie Morelli, Mirror, Öl auf Leinwand, 60 x 40 cm, 2008

Wir, die Betrachter, werden, wenn wir vor dem Bild stehen, sogleich verunsichert, denn auch die reale Malerin stand ja – und steht gewissermassen stets gemeinsam mit uns – vor ihrem Werk, wir blicken ihr dabei von hinten über die Schulter geradeso wie der Frau links im Gemälde. Das Bild: Eine Frau befindet sich wiederum vor einem Bild, betrachtet es, es mag im Museum hängen, wir sehen nur ihren Hinterkopf. Eine – trotz Öffentlichkeit suggerierende – intime Situation. Und das Bild im Bild? Es stellt erneut eine Frau dar, wir sehen ebenso wieder nur ihren Hinterkopf, dazu eine Partie des unbekleideten Rückens, möglicherweise ist es ein Akt, vielleicht auch eine Szene in Abendgarderobe, auch hier eine Anmutung von Intimität.

Wie aber verhalten sich die Betrachter, also zunächst wir selbst, aber ebenso die schwarzhaarige Dame im Bild, zu der – beziehungsweise zu allen beiden – Betrachteten?

Der Hintergrund des “Bildes im Bild” unterscheidet sich farblich von dem des eigentlichen Bildes – aber könnte dieses “Bild” nicht auch ein Spiegel sein, suggeriert dies nicht der bei Spiegeln öfters anzutreffende venezianisch-muranohaft anmutende Rahmen? Zumal, wenn Annelie Morelli ihrem Gemälde den Titel “Mirror” – Spiegel – gibt?

Aber wenn es, jenseits des Hintergrunds, ein Spiegel wäre, müssten wir dann nicht das Gesicht der schwarzhaarigen Betrachterin, müsste auch jene nicht selbst ihr eigenes in ihm erkennen?

Wo befinden wir uns, wohin werden wir geführt: in das Bild oder in das Bild im Bild? Werden wir vexiert, träumen, schweben, fantasieren wir? Blickt eine Mutter auf ihre Tochter oder umgekehrt, eine Frau auf ihre Nebenbuhlerin, auf die Geliebte ihres Geliebten? Was sucht sie in dem vermeintlichen Spiegel, das sie dort doch nicht finden kann? Sucht sie sich selbst?

Es ist eine alte Weisheit, dass sich ein Bild erst im Auge des Betrachters verwirklicht, ein Kunstwerk sich erst in dessen Kopf vollendet.

Annelie Morelli spiegelt, reflektiert in ihrer Arbeit recht gekonnt über mehrere Brechungsebenen hinweg und nicht ohne Humor die Situation eines Bildes, die Situation seiner Maler-Schöpferin in einer Gemäldegalerie; es reflektiert die Wechselwirkung und Wechselbezüglichkeit also zwischen der Künstlerin, ihrem Werk, dem Museum und dem Publikum.

Warum besuchen wir eine Gemäldegalerie wie beispielsweise das “Städel”, was erwarten wir uns von ihr? Wie sehen wir die dort ausgestellten Bilder, wie stellen wir uns deren Schöpferinnen und Schöpfer als Künstlerinnen und Künstler vor? Die Fragen sind gewiss nicht neu.

Wir müssen uns im Angesicht des Gemäldes von Annelie Morelli unseres eigenen Standpunktes und unserer zunächst durchaus abhanden gekommenen Orientierung neu vergewissern. Auch eine Aufgabe, die Kunst uns stellt – immer wieder.

Und: Wir erinnern uns der Preisträgerarbeit der Absolventenausstellung 2007 der Städelschule “Sinnbild der umgekehrten Vorstellung von Dir in meiner Seele (Porträt des Mr. Glendinning aus ‘Pierre’ von Herman Melville)” von Martin Hoener, die uns in einer in manchem vergleichbaren Weise vexiert wie fasziniert.

Festspielsommer 2008

Samstag, 2. August 2008

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Beim Begriff Festspielsommer gönnt sich Ihre Stirn etwas mehr Runzelfalten, als es Ihnen ansonsten lieb und recht ist?

Sie erfreuen sich an textlich herausragenden Glossen?

Dann empfehle ich Ihnen auf das Unbedingteste die Lektüre der Glosse von Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Freitag, den 1. August 2008, Feuilleton, Seite 40, aus der einen nur kleinen Ausschnitt zu zitieren ich mir erlaube:

“. . . Die Schar der herrlich gelifteten Damen, die Herrn Prof. Dr. Botox-Skalpellinski zu ewigem Dank verpflichtet sind, ausstaffiert von den Kostümbildnern Dolce & Gabbana, Louis Vuitton und Escada, die den Festspielboden mit ihren Riesenpaillettenschleppen wischen, die sie mit spitzen Fingern raffen, die in armlangen Handschuhen stecken; die Herren in ihren schlechtsitzenden Smokings, mit abenteuerlich gebundenen Fliegen, unpassenden oder gleich ganz fehlenden Einstecktüchern, aber blendend leuchtenden Haarimplantaten; das ganze Haifisch-Ensemble aus Geld, Macht , Kledage und Stil-Ersatzteil, serviert in einer Sauce aus Bedeutungsgebissgelächel – diese superbe Null-Valeur-Bagage . . .”

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Respekt, Gratulation und Dank, Herr Stadelmaier! Wir möchten gerne immer mehr von Ihnen lesen!