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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for Juli, 2008

Hunger in der Welt – Spekulation mit Getreide

Donnerstag, 31. Juli 2008

Die Spekulationsprotagonisten der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung befinden sich wohl in der Defensive: Unlängst besorgten sie sich Verstärkung und professoralen Beistand – siehe Ausgabe vom 20. Juli 2008, Seite 47:

“Der Hunger und das Geld – Spekulieren mit Nahrungsmitteln” titelt auf dieser Seite Nadine Oberhuber. “Ist es moralisch vertretbar, Geld mit dem Hunger anderer zu verdienen?” fragt sie. Für einen Menschen christlich-abendländischer Werteorientierung ist die Antwort klar. Aber welche Antwort erhält der Leser? Die Autorin – und/oder die FAS – beziehen sich undistanziert auf ein dort wiedergegebenes Interwiew:

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“Spekulation ist nötig” meint da Karl Homann, ein Professor für Philosophie und Ökonomik in München, wohl einer der rigorosesten Vertreter einer totalitären Marktideologie und eines neoliberalistischen “Turbokapitalismus” à la “Friss, Vogel, oder stirb”: Auf die FAS-Frage, ob das Spekulieren auf steigende Nahrungsmittelpreise moralisch vertretbar sei, antwortet er: “Natürlich ist es das.” Und weiter macht er keinen Hehl aus seiner sattsam bekannten Gedankenwelt: “Die Spekulation zeigt uns an, wo künftig Knappheit herrschen wird. Und wenn jetzt in diesem Umfang auf Nahrungsmittel spekuliert wird, dann können wir uns darauf einstellen, dass auch künftig die Menge an Nahrung knapp bleiben wird.” Na prima! Noch mehr Homann gefällig? Hier ein Interwiew – und zugleich ein Hohelied auf das vorbildliche Verhalten von Nokia in Bochum – in der Süddeutschen Zeitung:

Ja, wenn das so ist, dann sollten wir den ehrenwerten Damen und Herren Getreidespekulanten nicht mehr mit sozialromantischen und gutmenschentümlichen Spenden und Hilfsmassnahmen für die rund 900 Millionen Hungernden auf unserem Erdball in ihr hochwertiges und hochmoralisches Handwerk pfuschen! Denn: Wir stören auch damit ja das freie Marktgeschehen!

Kirchenvertreter, Ethiker, Moralphilosophen, Humanisten, Mitarbeiter der Hilfswerke in aller Welt, an irgendwelchen Werten noch Orientierte: wo bleibt der Protest? Oder werden derlei professorale Hervorbringungen in diesen Kreisen nicht wahrgenommen?

Unsere klare Meinung: Spekulation mit Nahrungsmitteln halten wir für unethisch, unanständig und unmoralisch!

Trompetenmusik des 18. und frühen 19. Jahrhunderts

Mittwoch, 30. Juli 2008

Leserinnen und Leser dieser Seite kennen bereits eine Vorliebe des Autors (eine von vielen!) für alte Trompetenmusik, namentlich in historischer Aufführungspraxis und auf Originalinstrumenten oder entsprechenden Replikaten.

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(Barocke Langtrompete; Foto: Nevilley wikimedis commons GFDL)

Heute möchte ich Ihnen eine Einspielung des Trompeters Crispian Steele-Perkins mit dem auf historischen Instrumenten musizierenden King’s Consort auf dem Label hyperion vorstellen. Steele-Perkins spielt auf der Replika einer Klappentrompete (nach Joseph Felix Riedl, Wien, nach 1812) sowie der Replika einer barocken Langtrompete (nach John Kohler, London, um 1785), aber dem Beiheft nach zu urteilen mit einem Original-Kohler-Mundstück.

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(Klappentrompete; Grassi Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig; Foto: Janos Stekovics)

Bei den weithin als “Ohrwürmer” bekannten Konzerten von Joseph Haydn (Konzert in Es-Dur) und Johann Nepumuk Hummel (in E-Dur) für die Klappentrompete lässt Steele-Perkins seine Hörer – wie wir meinen erfreulicherweise – durchaus nicht im Unklaren über die spieltechnischen Tücken dieses seinerzeit alsbald durch die Ventiltrompete wieder verdrängten Instruments. Die Aufnahme vermittelt umso mehr Glaubwürdigkeit und Authentizität. Freilich spielt Reinhold Friedrich – ebenfalls auf der Replika einer Klappentrompete – die genannten Konzerte auf Capriccio um einiges geschmeidiger, fülliger und strahlender – anzunehmen um den Preis einer elektronischen “Veredelung” im Studio, auf die Steele-Perkins dem Anschein nach verzichtet.

Vergleichbares lässt sich für Steele-Perkins’ Einspielung des nicht minder populären Konzerts von Leopold Mozart (D-Dur) sowie zweier weniger bekannter Werke von Michael Haydn (Trompetenkonzert in C-Dur, Adagio und Allegro molto) sowie von Johann Wilhelm Hertel (Trompetenkonzert Nr. 1 in Es-Dur, Allegro, Larghetto und Vivace) auf der barocken Langtrompete feststellen: Der Klang ist von gleichsam leise singender, intimer Anmutung, im hohen Register mitunter an Flötenklang erinnernd. Besonders schön erscheinen die Legato-Partien. Auch hier ergibt sich – bei aller trompetistischen Virtuosität – der Eindruck einer gewissen Zurückhaltung, manchmal klanglichen Enge, verglichen etwa mit der Souveränität und dem “Glanz” des Ausnahme-Virtuosen auf der Naturtrompete Niklas Eklund. Wir können annehmen, dass Steele-Perkins’ Spiel der seinerzeitigen Musizierpraxis durchaus nahe kommt. Bedenken wir auch bei allem, dass es an den damaligen Höfen, Residenzen und Kantoreien jeweils lediglich weniger als eine halbe Handvoll Trompeter gab, die diese Werke auf den ventillosen Instrumenten überhaupt zu spielen in der Lage waren.

Alles in allem: Ein Ohrenschmaus und Fest für die naturtrompetenklanggeneigten Sinne – insbesondere im Kontrast zu den spieltechnisch zwar brillierenden, aber die Partien auf der Ventiltrompete mehr oder weniger gefühllos herunterschmetternden Musikern à la Wynton Marsalis (der, pardon, in der Barockmusik so wenig zu suchen hat wie die Kuh im Hühnerstall, nicht nachvollziehbar, warum die Musikabteilung des hiesigen Hessischen Rundfunks gerade auf diesen “Musikmaschinisten” abonniert zu sein scheint).

Szenenwechsel:

Eine Einspielung der beiden renommierten Meistertrompeter und Lehrer Claude Rippas und Mauro Ghisletta sowie des Organisten Diego Fasolis auf dem Schweizer Label DIVOX mit dem Titel “Barocco Italiano”. Die beiden Bläser agieren wie anzunehmen auf der von uns ansonsten eher geschmähten, nur ein Viertel an Länge gegenüber der Barocktrompete messenden und deshalb völlig anders klingenden Piccolo – und doch finden sich die drei Musiker zu einer interpretatorisch wie klanglich faszinierenden Ensembleleistung zusammen. Wobei eine vor allem auf Kirchenraumnachhall bedachte Klangveredelung der mit dem Copyright von 1994 versehenen Aufnahme im nachbearbeitenden (remasternden) Studio nicht überhört werden kann, aber alle Sinne erfreut. Und das ist legitim.

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(Legendäre, vor längerem durch ein Nachfolgemodell abgelöste Selmer-Piccolotrompete; Foto: Nevilley wikimedia commons GFDL)

Auf dem Programm stehen Werke von Giuseppe Aldrovandini, Petronio Franceschini, Domenico Gabrielli, Giuseppe Jacchini, Francesco Manfredini, Alessandro Scarlatti, Giuseppe Torelli, Antonio Vivaldi und Johann Gottfried Walther – ausschliesslich Transkriptionen für Trompeten und Orgel – ein für die Barockzeit übliches Verfahren.

Bedauerlich nur das lieblos und informationsarm gestaltete Beiheft – das heisst, eigentlich gibt es gar keines, für das insoweit spärlich Gebotene muss der CD-Umschlag herhalten. Eine Aufmachung, die dem selbstgestellten Anspruch des Labels DIVOX nicht gerecht wird. Nicht einmal über den Ort der Einspielungen lässt sich etwas erfahren.

Bundesverkehrsminister Tiefensee will den “Schilderwald” lichten und übersieht das Notwendige

Dienstag, 29. Juli 2008

Den “Schilderwald” im bundesdeutschen Strassenverkehr lichten – das klänge wahrhaftig nach einer herkulischen Heldentat, dem Ausmisten des Augiasstalls gleichzusetzen, fiele diese Meldung nicht in das berüchtigte “Sommerloch” der Politik und machte sie sich nicht bereits dadurch verdächtig.

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(Schilderwald-Schwachsinn in Passau; Foto: Bernd Sluka)

Bei näherer Betrachtung der Meldungen aus dem Ministerium aber erkennt man: Wolfgang Tiefensee will gar nicht solche Irrsinnszustände wie oben abgebildet bereinigen (auf kürzester Strecke 7 Halteverbots- mit 10 Zusatzschildern!), sondern eher nützliche, sogar sicherheitsrelevante Warn- und Hinweiszeichen abschaffen:

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Verkehrspolitiker von CSU und FDP meldeten zu Recht Bedenken und Proteste an.

Nein, es riecht nach reinem Aktionismus des bis dato weithin blassen und glücklos operierenden Ministers. Ein durchschaubar vordergründiger Aktionismus, der davon ablenken soll, dass es dem Minister ganz und gar nicht gelingen will, die eigentlichen Probleme des Strassenverkehrs auch nur ansatzweise in den Griff zu bekommen.

Ein Hauptproblem: die “LKW-Wand” auf vielen Autobahnen! Das werktägliche Chaos mit verunfallten LKW, die nicht selten rollenden Schrottplätzen gleichen, ganz zu schweigen von den zahlreicher werdenden Havarien von Gefahrguttransportern. Hören Sie nur einmal über einen Tag hinweg die Verkehrsfunkmeldungen!

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(Der werktägliche LKW-Wahnsinn auf Autobahnen; Fotos: Uwe Steinbrich pixelio.de)

Überforderte und übermüdete, von skrupellosen Spediteuren gehetzte LKW-Fahrer verursachen immer wieder Unfälle mit kilometerlangen Staus und stundenlangen Wartezeiten der anderen, sich verkehrsgerecht verhaltenden Reisenden. Wer errechnet endlich einmal den damit verbundenen staubedingten volkswirtschaftlichen Schaden?

Und: Speditionen sowie Liefer- wie Herstellerbetriebe missbrauchen ganz offensichtlich die Fernverkehrsstrassen mit ihrer – wie sie selbst einräumen – “rollenden Lagerhaltung”! Was aber sagt Tiefensee dazu?

Hier hätte Tiefensee ein wirklich sinnstiftendes Betätigungsfeld! Nun hat er zwar unlängst einige erste vernünftige und notwendige Massnahmen vorgeschlagen, vor allem mehr Überholverbote für LKW auf den Autobahnen und eine Staffelung der LKW-Maut in ihrer Höhe nach der Uhrzeit. Allein uns fehlt der Glaube an die Durchsetzungsfähigkeit des Ministers: fielen doch bisher seine Kollegen und Vorgänger in Bund und Ländern vor der schier übermächtigen LKW- und Speditionslobby zumeist schlicht und einfach um.

Menschen und Wirtschaft

Mittwoch, 16. Juli 2008


Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Bischof Wolfgang Huber:

“Der Mensch ist nicht um der Wirtschaft willen da, sondern die Wirtschaft ist um des Menschen willen da.”

18. Januar 2007 beim Kongress christlicher Führungskräfte in Leipzig.

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(Nach einem Foto von Gerd Altmann/ pixelio.de)

“Dieses [christliche] Verständnis von Freiheit steht im Widerspruch zu einer blossen Orientierung an der Gewinn- und Nutzenmaximierung. Die Bedeutung der internationalen Finanzmärkte und die Orientierung von Spitzengehältern an der Entwicklung des Börsenwerts des Unternehmens beeinträchtigen in erheblichem Umfang das Vertrauen in die Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft. In der öffentlichen Wahrnehmung dominiert inzwischen oft ein Unternehmertyp, der die Grundwerte der sozialen Marktwirtschaft nicht mehr repräsentiert: Es ist der Manager eines Grossbetriebes, der nur eine möglichst hohe Dividende für die Anteilseigner im Blick hat, dabei wenig Rücksicht auf die Beschäftigten nimmt, in keiner Weise mit seinem persönlichen Vermögen haftet und beim eigenen Scheitern auch noch Abfindungen in Millionenhöhe kassieren kann …

Die soziale Einbettung unternehmerischen Handelns ist auch heute möglich. Wir trauen der Ordnung der sozialen Marktwirtschaft die Fähigkeit zur notwendigen sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit zu. Dafür ist es aber erforderlich, Fehlentwicklungen zu korrigieren …

9. Juli 2008 in der Pressekonferenz zur Veröffentlichung der Denkschrift des Rates der EKD “Unternehmerische Verantwortung in evangelischer Perspektive” in Berlin

KUNST / 26

Montag, 14. Juli 2008

Kunst ist eine Bildsprache. Jeder Künstler entwickelt seine Bildsprache. Sie transportiert Inhalte, die anderwärtig nicht transportierbar sind.

Jean-Christophe Ammann (geb. 1939), Kunsthistoriker, Kurator, ehemaliger Direktor des Frankfurter MMK

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Kasimir Malewitsch (1878 bis 1935), Schwarzes Quadrat, 1912