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Das Internet-Magazin von Erhard Metz

Archive for Mai, 2008

Von Heuschrecken und Monstern

Mittwoch, 21. Mai 2008

Diese Wahrheit gefällt nicht jedem – schon gar nicht den Protagonisten der internationalen Finanz- und Spekulationslobby.

Wir jedoch sind Franz Müntefering durchaus dankbar für seine damalige Klartextsprache in den Jahren 2004 und 2005:

“Wir müssen denjenigen Unternehmern, die die Zukunftsfähigkeit ihrer Unternehmen und die Interessen ihrer Arbeitnehmer im Blick haben, helfen gegen die verantwortungslosen Heuschreckenschwärme, die im Vierteljahrestakt Erfolg messen, Substanz absaugen und Unternehmen kaputtgehen lassen, wenn sie sie abgefressen haben. Kapitalismus ist keine Sache aus dem Museum, sondern brandaktuell.” Und:Manche Finanzinvestoren verschwenden keinen Gedanken an die Menschen, deren Arbeitsplätze sie vernichten – sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter. Gegen diese Form von Kapitalismus kämpfen wir.”

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(Foto: Debivort wikimedia commons GFDL)

Auch freuen wir uns über die deutlichen Worte des Präsidenten des Deutschen Bundestages vom 23. März dieses Jahres.

Jetzt sind wir dem Bundespräsidenten dankbar für sein dem “stern” (Ausgabe 21 vom 15. Mai 2008) gegebenes Interwiew:

“Jetzt muss jedem verantwortlich Denkenden in der Branche selbst klargeworden sein, dass sich die internationalen Finanzmärkte zu einem Monster entwickelt haben, das in die Schranken gewiesen werden muss … Die Überkomplexität der Finanzprodukte und die Möglichkeit, mit geringstem eigenen Haftungskapital grosse Hebelgeschäfte in Gang zu setzen, haben das Monster wachsen lassen.” Und: “Nur ein Kapitalismus, der bereit ist, sich in Verantwortung zu binden, hat Zukunft.”

Eine das menschliche Mass, die Moral und die christlichen Wertevorstellungen vermissen lassende Gier nach immer höheren Renditen und Gewinnen sowie die absolute Verantwortungslosigkeit der weitgehend anonym operierenden Finanzwelt gegenüber den Folgen ihres Handelns gefährden schon heute das Vertrauen in die demokratische Gesellschaftsordnung und eine diesen Namen rechtfertigende Soziale Marktwirtschaft, mittelfristig aber auch den sozialen Frieden. Wir brauchen deshalb mehr kritische Köpfe mit dem Mut, den erkennbaren Fehlentwicklungen entschieden entgegenzutreten.

Und es sollte ausgeschlossen sein: nach dem Motto “Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren” die Gesellschaft, also die Steuerzahler, für die Folgen verlustreicher Fehlspekulationen einer derartigen Finanzwelt einstehen zu lassen.

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(Foto: Justin McIntosh, wikimedia commons CC)


Haegue Yangs Installation “Siblings and Twins” im Frankfurter Portikus

Montag, 19. Mai 2008

Wir überschreiten die Brücke zum Portikus-Gebäude auf der Maininsel und nähern uns einer Art von imaginärer Landschaft, gebildet aus unterschiedlich hohen, grossflächigen und doch zugleich zierlich wirkenden, lebhaft-roten, von einer Gerüstkonstruktion herabhängenden Lamellenrollos – oder begeben wir uns eher in eine gebirgeartige Situation aus vielen räumlichen Möglichkeiten – oder gar in ein Labyrinth? Die Lamellenrollos erlauben eine gewisse Durchsicht, ermöglichen bei allen denkbaren Verirrungen Perspektiven, visuelle Begegnungen. Vier langsam rotierende Scheinwerfer senden kreisförmige Lichtgebilde aus, lassen diese in – wie sanfte Sonnenaufgangs- und Sonnenuntergangsläufe anmutenden – Bewegungen über die Rollos gleiten, wandelnden Gestirnen – oder sich begegnenden Menschen – ähnlich. In ihrer Durchsichtigleit ergeben hintereinander hängende Lamellen interferierende, harmonisch geschwungene Muster. Der eine Teil der Installation, “Red Broken Mountainous Labyrinth” betitelt.

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Nachdem wir ihn durchschritten haben, erreichen wir deren anderen Teil mit der Bezeichnung “5, Rue Saint-Benoît”, der uns als eine abstrakte Wohnsituation erscheint: Kleine Schränkchen, mobil auf Rollen gelagert, bis auf eines ohne einen oberen abschliessenden Boden, ein hoher vertikaler Schrank (oder eine Duschkabine?), ein wiederum kleineres Objekt an der Wand, an einen Boiler erinnernd, ein an die Wand geschraubtes, einem Heizkörper ähnliches Element, sämtliche Objekte in ihrem Inneren beleuchtet. Und wieder Lamellenrollos: Dieses Mal verschliessen sie, auch sie heruntergelassen, aber in der Lamellenstellung ein wenig bis halb geöffnet, eine Seite der Schränkchen. Deren andere Wände bestehen aus mit Lochmustern durchstanzten, ebenso transparanten Flächen. Sie lassen den Blick in das Innere der Schränkchen zu: auf verschlungene Elektrokabel mit Glühbirnen. Im hohen Objekt befinden sich merkwürdige, an eine kämpferische Maskulinität erinnernde Gebilde. Manche der kleineren Behältnisse wiederum beherbergen kuschelig, vielleicht feminin anmutende Gegenstände, Wollgarnwickel, überhaupt Garne, Federbüschchen, kleine bunte Spielereien. Auch das Rollo an einem der Schränkchen ist kunterbunt.

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Wir befinden uns in der zweiteiligen Installation “Siblings and Twins” der Konzeptkünstlerin Haegue Yang. Auch MMK-Direktor Udo Kittelmann fand sich zu deren Vernissage am vergangenen Freitag ein. Und mit ihrer aktuellen Ausstellung unterstreicht die Frankfurter Kunsthalle Portikus erneut ihren Anspruch, zu den bedeutenden Institutionen dieser Art in der internationalen Kunstszene gerechnet zu werden.

Haegue Yang, 1971 in Seoul als Tochter einer Schriftstellerin und eines Journalisten geboren, nahm nach Abschluss der Schulzeit und einem Aufenthalt in New York das Studium an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste (Städelschule) in Frankfurt am Main auf, das sie 1999 als Meisterschülerin von Professor Georg Herold abschloss. Die Künstlerin, die in Berlin und Seoul lebt und arbeitet, beschäftigt sich über ihre Objekte und Installationen verschiedenster Art hinaus auch mit Foto- und Videoarbeiten.

Yang stellte über Frankfurt am Main hinaus in nahezu allen grossen Städten Deutschlands aus. Im Ausland ist sie mit ihren Ausstellungen in Kopenhagen, Amsterdam, Utrecht und Brüssel, in Paris, Basel, Prag und Wien, in London, Minneapolis und Pittsburgh und selbstverständlich in Seoul bekannt.

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Mit der Installation “Siblings and Twins” – und deren beiden Teilen “Red Broken Mountainous Labyrinth” sowie “5, Rue Saint-Benoît” (der gleichnamige Pariser Wohnadresse von Marguerite Duras) knüpft Haegue Yang an den koreanischen Freiheitskämpfer Kim San und die französische Schriftstellerin an, genauer gesagt an die Personenpaare Kim San und Nym Wales sowie Marguerite Duras und Robert Antelme. Kim San kämpfte im chinesischen Untergrund gegen die japanische Besatzung Koreas, die Journalistin Nym Wales begleitete ihn als Biografin. “Red Broken Mountainous Labyrinth” steht für die Begegnung dieser beiden Menschen. Die Arbeit erinnert an eine – ohne Wales journalistische Begleitung wohl in Vergessenheit geratene – Epoche der koreanischen Geschichte. Die in Vietnam geborene Duras schloss sich der französischen Résistance an, ihr zeitweiliger Ehepartner Antelme, ebenfalls Résistance-Kämpfer, überlebte die Konzentrationslager Buchenwald und Dachau. “5, Rue Saint-Benoît” ruft die Wohnung von Duras und Antelme als einen Ort politischer Arbeit gegen die deutsche Besetzung Frankreichs ins Bewusstsein.

Yang untersucht in ihren Arbeiten die Spannweite zwischen künstlerischer Existenz und menschlicher Autonomie, die Wahrnehmungs- und Kommunikationsstrukturen des Alltags, die Möglichkeiten der Sprache und deren Abstraktion, wie auch die Grenzen zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum. Sie bedient sich dabei einer abstrahierenden Sprache, die in den beiden dargestellten, miteinander verknüpften Installationen einen ebenso universellen wie zugleich beredten Ausdruck findet. Wieder verwendet sie “arme”, gebrauchsgegenständliche Materialien des Alltags. Bei allem überzeugt Yangs – der zwischen der europäischen und der asiatischen Welt Wandernden – von uns als “asiatisch” wie zugleich “abendländisch” empfundene suggestive Bildsprache.

Die derzeit im Portikus gezeigte Arbeit ist Teil eines grösseren Projektes der Künstlerin, das in diesem Jahr an verschiedenen Orten wie dem Kunstverein Hamburg, der Cubitt Gallery in London, dem Carnegie Museum of Arts in Pittsburgh, der Gallery Red Cat in Los Angeles und der Sala Rekalde in Bilbao weitere Installationen vorsieht.

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PORTIKUS
Alte Brücke 2 (Maininsel), 60594 Frankfurt am Main; www.portikus.de;
Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr.
Die Ausstellung läuft bis zum 29. Juni 2008.

(Bildnachweis: Portikus Frankfurt; Fotos: Katrin Schilling; © Haegue Yang)

Deutsches Sprak – schweres Sprak

Freitag, 16. Mai 2008

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Tja, was man so an Übersetzungen im Textilbereich finden kann . . .

. . . aufgelesen bei Ute und Christian aus Slowenien.

Dreieck – Rätsel

Dienstag, 13. Mai 2008

Liebe Leserinnen und Leser,

wieviele Dreiecke enthält diese Graphik?

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(Vorlage: Bundesverband Gedächtnistraining e.V.)

Der Beobachter mit der richtigen Lösung (bei mehreren solchen innerhalb von 10 Tagen Losentscheid) erhält eine Flasche Rheingauer Riesling, nicht vom billigsten, klar?

Heute vor 75 Jahren … Berlin, 10. Mai 1933, Bücherverbrennung

Samstag, 10. Mai 2008

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(Flugblatt des Nationalsozialistischen Studentenbundes, das 1933 zur Bücherverbrennung verbreitet wurde)

Die “Feuersprüche”

1. Rufer:

Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Marx und Kautsky.

2. Rufer:

Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.

3. Rufer:

Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat, für Hingabe an Volk und Staat!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Friedrich Wilhelm Förster

4. Rufer:

Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Sigmund Freud.

5. Rufer:

Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten, für Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Emil Ludwig und Werner Hegemann.

6. Rufer:

Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung, für verantwortungsbewusste Mitarbeit am Werk des nationalen Aufbaus!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Theodor Wolff und Georg Bernhard.

7. Rufer:

Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkriegs, für Erziehung des Volkes im Geist der Wehrhaftigkeit!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Erich Maria Remarque.

8. Rufer:

Gegen dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache, für Pflege des kostbarsten Gutes unseres Volkes!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Alfred Kerr.

9. Rufer:

Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist!
Verschlinge, Flamme, auch die Schriften von Tucholsky und Ossietzky!

Zitiert nach dem “Neuköllner Tageblatt” vom 12. Mai 1933)

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(Micha Ullman, Mahnmal zur Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz, heute Bebelplatz; Foto Micha Ullman (?) wikimedia commons GFDL)

Bertolt Brecht: Die Bücherverbrennung

Als das Regime befahl, Bücher mit schädlichem Wissen
Öffentlich zu verbrennen, und allenthalben
Ochsen gezwungen wurden, Karren mit Büchern
Zu den Scheiterhaufen zu ziehen, entdeckte
Ein verjagter Dichter, einer der besten, die Liste der
Verbrannten studierend, entsetzt, daß seine
Bücher vergessen waren. Er eilte zum Schreibtisch
Zornbeflügelt, und schrieb einen Brief an die Machthaber.
Verbrennt mich! schrieb er mit fliegender Feder, verbrennt mich!
Tut mir das nicht an! Laßt mich nicht übrig! Habe ich nicht
Immer die Wahrheit berichtet in meinen Büchern? Und jetzt
Werd ich von euch wie ein Lügner behandelt! Ich befehle euch, Verbrennt mich!

Bibliothek verbrannter Bücher

Zum 75. Jahrestag der Bücherverbrennung am 10. Mai 2008 erscheinen im Georg Olms Verlag in Zusammenarbeit mit dem Postdamer Moses Mendelssohn Zentrum die ersten zehn Titel einer “Bibliothek Verbrannter Bücher” in einer Kassette.