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Das Internet-Magazin von Erhard Metz

Archive for November, 2007

PRIMA KLIMA!

Montag, 19. November 2007

Jüngst sagte Yvo de Beer, Leiter der UN-Klimarahmenkonvention, auf der Konferenz des Weltklimarates (Intergovernmental Panel on Climate Change IPCC) in Valencia:

Den Klimawandel zu leugnen und nichts zu tun, um ihn zu bremsen, ist kriminell verantwortungslos.

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(Foto: Zakysant; wikimedis commons GFDL)

Porträts – Ina Holitzka

Donnerstag, 15. November 2007

Räume, Abformungen, Schritte
Ina Holitzka erkundet die Raumzeit

Die Künstlerin, wunderbar neugierig auch nach einem zwei Jahrzehnte umfassenden schöpferischen Prozess, auf der Suche nach immer neuen Möglichkeiten des Raum- und Zeitausmessens, überzeugt, Grenzen, die ihre bisherigen künstlerischen Erfahrungen aufgezeigt haben, versetzen und aufbrechen zu können, bereit zu Umbrüchen und Neuansätzen: Ina Holitzka.

Es erweist sich unversehens als schwierig, im Rahmen unserer kaleidoskopartigen “Porträts” dem künstlerischen Werk Ina Holitzkas gerecht zu werden, weil sich dieses Oeuvre über den angedeuteten Zeitraum von zwanzig Jahren erstreckt, weil der eine Werkzyklus auf dem anderen aufbaut und die Beschreibung eines solchen Prozesses eine eingehende monografische Befassung erforderte. Weil wir erst dann, wenn wir alle diese Schritte mitzuvollziehen versuchen, im Sinne der künstlerischen Intention unsere räumlichen Seh- und Interpretationsgewohnheiten hinterfragen und uns dabei auf eine neue, den altgewohnten Rahmen sprengende Betrachtungsweise, ein neues Verständnis von Raum – und auch Zeit – und zugleich auf eine neue, lustvoll-bereichernde ästhetische Erfahrung einlassen können.

Ina Holitzka, 1957 in Offenbach geboren, studierte an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste – Städelschule – in Frankfurt am Main bei Michael Croissant Bildhauerei und bei Herbert Schwöbel Fotografie. Ihre anschliessende freie künstlerische Arbeit baut wesentlich auf Erfahrungen auf, die sie im Umgang mit dem Herausbilden plastischer Objekte machte: beispielsweise mit der Erkenntnis, dass beim Bronzeguss die die Tonform umkleidende Gipsummantelung zerstört werden musste. Die Ummantelung gewann Eigenständigkeit und führte in folgerichtigen Schritten zur Technik des Abformens mit Papier. Konsequent wandte sich Ina Holitzka nicht mehr dem geschlossenen Volumen einer Plastik zu, sondern gleichsam deren ausgehöhlter Oberfläche. Sie betrat damit gestalterisches Neuland.

Die Künstlerin realisierte diese Erkenntnisse alsbald in monumentalen Werken, beispielsweise der Abformung eines mächtigen, vielfach gerippten gotischen Pfeilers im Frankfurter Dominikanerkloster. Wie sehen wir dieses architektonische Gebilde, seine statischen Aufgaben, Decken- und Dachlasten aufzunehmen und in die Fundamente weiterzuleiten? Zunächst nur seine äussere Gestalt. Sehen, erleben wir den Pfeiler als Raum, umgeben wiederum von Raum? Wie grenzen sich diese beiden Räume, in ihrem wechselseitigen Prozess des Korrespondierens, von- und gegeneinander ab? Ina Holitzka nimmt von dem Pfeiler Abformungen, mit dünnem Papier und Leim. Verfestigt zeigt uns die Abformung von der einen Seite wiederum die äussere Pfeilergestalt, von der anderen Seite betrachtet enthüllt sie uns hingegen die Ansicht von innen auf die imaginierte “Hülle”, die den Pfeiler umgibt. Wir gewinnen auf diese Weise eine gänzlich andere Wahrnehmung des Pfeilers als Raum, im Raum.

Diese Technik der Abformung kennzeichnet bereits ein frühes, klein dimensioniertes, intim erscheinendes Werk Ina Holitzkas: die Ecke. Eine Zimmerecke in einem früheren Atelier. Wieder nehmen wir beide Räume wahr, den massiven Raum von Wänden und Zimmerdecke, zugleich den Raum, den Wände und Decke umschliessen, ja erst ermöglichen. Den Raum also, in dem wir atmen und leben.

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Ecke (Abformung)

Ein gewaltiger, zugleich ungemein reizvoller Kontrast wohnt der Abformung der “Ecke” inne: Wir wissen um die Schwere der beiden Wände, die Schwere der Decke, die auf deren rechtwinkeligem Zusammentreffen lastet. Mit ihrem Werk dokumentiert Ina Holitzka die dem konstruktiven Zusammenhalt dieser drei architektonischen Elemente innewohnende Kraft, macht diese Kraft in ihrer Räumlichkeit erlebbar – aber auf welch atemberaubende Weise: Die Abformung scheint zu schweben – ein hauchzartes, ja zärtliches, ein verletzlich, zerbrechlich anmutendes Gebilde, von manchem Tages- und Nachtlicht wunderbar patiniert, man wagt es nicht zu berühren, befürchtet man doch, dass es darauf zu Staub zerfiele. Wucht und Zerbrechlichkeit, Dynamik und Anmut – in einem kleinen Meisterwerk versammelt!

Ecken: Was bedeuten uns eigentlich diese geheimnisvollen Raumgebilde? Flüchten, kuscheln wir uns in sie hinein, Schutz, Geborgenheit, Liebe suchend? Aber bedrängen-beengen sie uns dann nicht auch in ihrer Ausweglosigkeit, die allein die Flucht nach vorne zulässt, eine Flucht, die uns aber wieder in die kalte Welt der Auseindersetzung und der Verletzbarkeit führt? Ina Holitzka lebt und arbeitet in diesem Spannungsverhältnis, die nachstehende Zeichnung ihrer Ecke macht es uns sinnlich-erfahrbar.

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Ecke (Zeichnung)

Räume – wir erleben sie, leben in ihnen, durchschreiten sie – mit den Füssen! Indem wir ihn mit den Füssen erkunden, be-greifen wir den Raum – im wahrsten Sinne des Wortes. Schreiten nimmt Zeit in Anspruch: Raum-Zeit. Der Fuss verbindet Mensch und Raumzeit. Wie es ohnehin den Raum nur in der Zeit gibt. In einer eigenen Werkgruppe Quo vadis untersucht Ina Holitzka dieses Phänomen.

“Dem architektonischen Raum”, schreibt sie, “in dem wir uns definieren, abgrenzen und organisieren, galt über viele Jahre meine Aufmerksamkeit. Heute liegt mein Fokus auf unserem Körper-Raum; genauer auf dem Bereich, mit dem wir den Raum durchschreiten. Dem beachtenswerten unteren Endpunkt unseres Körpers, den Füssen. Zwei Füsse, ein Paar, stehen in Beziehung zueinander. Füsse bewegen sich – auf Menschen / Situationen zu oder auch von ihnen fort. Füsse bewegen mich. Durchs Leben, durch den Raum und in meiner Arbeit.”

Ina Holitzka arbeitet dazu mit einem haptisch warmen, sympathischen Material: Teppichfilz, in den beiden Farben dunkel-weinrot und tief-dunkelblau. Der besondere Reiz dieser Arbeiten: Die Füsse schreiten aus der zunächst zeichnerischen – wie wir wissen fiktiven – Zweidimensionalität in den Raum als dritte Dimension. Die Ausschnitte geben wiederum den Raum hinter dem Objekt frei, die Wand wird zu einem Teil des Objektes. Spielerisch-leicht verselbständigen sich die Ausschnitte-Ausschritte zu gaukelnden, gleichsam lebendigen Wesenheiten.

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step out Schritt
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step out Baumler III

Simili – eine jüngere Werkgruppe der Künstlerin. Sie verfeinert in ihr ihre Filzschnitt-Technik zu filigranen Gebilden. Wiederum steckt sie mit diesen neuen Arbeiten Positiv- und Negativ-Räume ab. Die jüngsten simili “scheinen eigene organische Strukturen geworden zu sein, die hängend, wabbernd oder schlabbernd wie neurobiologische Systeme um sich greifen” (Beate Kemfert). Eigentümlich der Reiz, der sich aus den Schichtungen der Filze ergibt: Assoziationen an Ablagerungen, Sedimente, an Erd- und Gesteinsschichten vergangener Urwelten werden wach. Aus ihnen erwächst in der Gegenwart ein spielerisch-buntes Treiben.

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simili XIII

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simili XIV

Von den simili ist der Weg nicht weit zu den Fotomontagen Neuro, Ausdruck der interdisziplinären Fragestellungen der Künstlerin, die sich seit längerem sowohl mit meditativen als auch mit neuro- und molekularbiologischen Phänomenen befasst. Erkennbar bauen die Neuro-Arbeiten auf den simili auf, ein Wesenszug des gesamten Schaffensprozesses von Ina Holitzka.

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Neuro 1

Ina Holitzkas Arbeiten irritieren uns in einem positiven Sinne. Mit ihren Anstössen wecken sie uns auf aus Wahrnehmungsgewohnheiten. Alle, ja wirklich alle ihre Arbeiten sind schön, von sinnlich-ästhetischer Schönheit.

In zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen hat Ina Holitzka die Ergebnisse ihres künstlerischen Arbeits- und Lebensprozesses aufgezeigt. Viele ihrer oft mit Preisen versehenen Werke haben den Weg in öffentliche Räume und zu privaten Sammlern gefunden. Ihre monumentalen Installationen und ihre fotografischen Arbeiten haben wir in diesem kleinen Porträt aussparen müssen. Die Liste der sich mit ihrem Schaffen auseindersetzenden Bibliografien ist lang. Die Kataloge in ihrem Atelier laden zum Studium ein. Ina Holitzka gibt ihre künstlerischen Erfahrungen in Lehraufträgen und in ihrer Kunstschule “fein art” an andere, insbesondere an junge Menschen weiter. Nicht nur dieser Gestus macht sie als Künstlerin und Mensch liebenswert.

Ina Holitza ist eine Künstlerin, die nicht stehen bleibt. Eine Grenzgängerin hat man sie genannt. Wir dürfen gespannt sein auf ihr künftiges Oeuvre, wie es unseren Verstand und unsere Gefühle in Anspruch nehmen, wie es uns zu neuen intellektuellen Herausforderungen und zu neuen sinnlich-ästhetischen Wahrnehmungen führen wird.

(Bildnachweis: © Ina Holitzka)

Sechs Suiten und Konzerte für Orchester von Johann Christoph Pez

Mittwoch, 14. November 2007

Ein neuer musikalischer Leckerbissen auf
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Johann Christoph Pez (nicht zu verwechseln mit dem 1639 in Glatz geborenen und 1694 in Bautzen verstorbenen Musiker und Komponisten Johann Christoph Pezel) kam 1664 in München zur Welt. Pez wurde bereits als Knabe in den Fächern Laute, Gambe und Gesang ausgebildet und war ab 1676 zunächst Turmbläser, anschliessend Kantor an der Kirche St. Peter in München. 1688 berief ihn der bayerische Kurfürst Maximilian II. Emanuel zum Musiker an seinen Hof. Er ermöglichte Pez in den Jahren 1689 bis 1692 ein Studium in Rom.

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Residenz München

1694 wechselte Pez in die Dienste des Kurfürsten zu Köln mit dem Auftrag nach Bonn, die dortige kurfürstliche Kapelle zu reformieren. 1695 ernannte ihn der Kölner Kurfürst zum Kapellmeister und verlieh ihm den Titel eines kurfürstlichen Rates. 1701 kehrte Pez nach München zurück, wo er bis 1706 als Musiker an der Hofkapelle wirkte. Anschliessend trat er in die Dienste des Herzogs von Württemberg ein. Er bekleidete die Stelle eines Oberkapellmeisters in Stuttgart, wo er 1716 starb.

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Altes Schloss in Stuttgart

Wie viele Musiker und Komponisten seiner Zeit pflegte auch Pez in seinen Kompositionen den so genannten französischen Stil: Man zählte ihn deshalb zu den sogenannten Lullysten, die den grossen französischen Komponisten Jean-Baptiste Lully (1632 bis 1687) zum Vorbild hatten. Kein geringerer als Georg Philipp Telemann nannte Pez in einem Zusammenhang mit Komponisten wie Georg Friedrich Händel.

Peter van Heyghen schreibt über Johann Christoph Pez: “Ab und zu geschieht es offenbar noch immer, dass musikalische Perlen aus der Vergangenheit, die jahrhundertelang unter dem Schleier der Geschichte verborgen blieben, wiederentdeckt werden. Dies ist zweifellos mit den Concerti und Ouvertüren von Johann Christoph Pez der Fall. In seinen Concerti und Ouvertüren zeigt Pez, dass er zu viel mehr fähig war, als sich nur die Kompositionsstile seiner berühmteren Zeitgenossen zu eigen zu machen. Seine bemerkenswerte Persönlichkeit entfaltet sich besonders in der großen dramatischen Kraft seiner französischen Ouvertüren, die eines Keisers oder frühen Händels würdig sind; in seiner sublimen Verbindung von französischen und italienischen Stilelementen, mit der er seines deutschen Zeit- und Stilgenossen Muffat wenigstens ebenbürtig scheint; und in seiner scheinbar unerschöpflichen melodischen Intensität, der nach seinem Tod in Deutschland nur eine Größe wie Telemann gleichkam. Alles in allem ist Johann Christoph Pez nicht einfach einer von vielen möglichen Komponisten, der nun um der Originalität Willen ‘vom Staube befreit’ wird: sein Oeuvre ist zweifellos von viel größerer Bedeutung als bisher allgemein anerkannt, und seine Concerti und Ouvertüren bilden hiervon wenn vielleicht nicht den wichtigsten, so doch den abwechslungsreichsten und attraktivsten Teil.”

Das Ensemble Les Muffatti entstand aus dem Bestreben junger Brüsseler Musiker, eine professionelle Arbeitsgemeinschaft mit Schwerpunkt auf der Ausführung von barockem Orchesterrepertoire zu schaffen, in der elementare Spielfreude, handwerkliche Verfeinerung und inhaltliche Vertiefung gleichermaßen Aufmerksamkeit finden sollen. Ihr Enthusiasmus, ihr persönlicher Einsatz und Idealismus fanden ein Echo bei dem Barockspezialisten Peter van Heyghen, der zum festen Dirigenten und Coach des Orchesters wurde. Seit dem Debütkonzert im Juni 2004 in Brüssel spielte das Orchester in Belgien, den Niederlanden, Frankreich, Deutschland, Italien und Portugal. Es wurde bereits wiederholt ins Concertgebouw Brügge, auf das Festival Musica Sacra in Maastricht und auf die renommierten Festivals in Brügge und Utrecht eingeladen.

Der Name des Ensembles gründet auf den kosmopolitischen Komponisten Georg Muffat (1653 bis 1704), der in der Musikgeschichte eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung des Orchesters einnimmt und der als einer der ersten die Unterschiede zwischen den französischen und italienischen Musikstilen und deren Aufführungspraxis theoretisch untersuchte und miteinander verband.

In seiner Aufführungspraxis strebt das Ensemble nach der perfekten Beherrschung einer musikalischen Gestik, die vollständig auf dem Prinzip der jeglicher barocken Kunst wesentlichen und inhärenten Theatralität aufbaut. Seine Zielsetzung reicht weit über die bloss “korrekte” Ausführung einer Partitur hinaus. Das Ensemble ist davon überzeugt, dass diese auf Affektenlehre und Rhetorik gegründete Sprache von Gestik und Theatralität nicht nur ein unumgehbares Charakteristikum barocker Ästhetik ist, sondern einen eigenen, essentiellen und universellen Charakter besitzt. Eingehende Stilkenntnis, die Beherrschung angepasster Spieltechniken und die sorgfältige Wahl passender Instrumente sind für Les Muffatti unverzichtbare Mittel, um ein barockes Repertoire dem heutigen Hörer in unterhaltsamer, anrührender und überzeugender Weise nahezubringen.

Peter van Heyghen studierte Blockflöte und Gesang am Konservatorium in Gent. Er entwickelte sich zu einem international anerkannten Spezialisten für Historische Aufführungspraxis von Barock- und Renaissancemusik. Er konzertiert weltweit als Solist, mit dem Blockflöten-Consort Mezzaluna, dem Kammermusikensemble More Maiorum und als Ko-Leiter des niederländischen Vokalensembles Cappella Pratensis. Van Heyghen ist regelmäßig auf verschiedenen Festivals für Alte Musik zu Gast, so zum Beispiel in Brügge, Antwerpen, Utrecht und St. Petersburg. Im Jahre 2005 wurde er zum “Festivalstar” des Brügger Musica Antiqua Festivals gekürt. Ab 2007 ist er für drei Jahre mit seinen Ensembles Artist in Residence im Zentrum für Alte Musik Augustinus in Antwerpen.

Peter van Heyghen ist ausserdem als Musikwissenschaftler, Publizist und Lehrer aktiv. Er unterrichtet Historische Aufführungspraxis an den Königlichen Konservatorien in Den Haag und Brüssel und gibt regelmässig Meisterkurse, Workshops und Gastvorlesungen im In- und Ausland. In den letzten Jahren trat er zunehmend als Dirigent und Lehrer auf dem Gebiet der Barockoper auf. Er ist eingeladen, im Februar 2009 am Badischen Staatstheater Karlsruhe die künstlerische Ko-Leitung für die Produktion der Händel-Oper Radamisto zu übernehmen.

Porträts – Zygmunt Blazejewski

Sonntag, 11. November 2007

Das kollektive Gedächtnis:
Zygmunt Blazejewskis Rollenbibliothek “Anima mundi” in der Galerie der Frankfurter Heussenstamm-Stiftung

(Kunst-)Museen sind unverzichtbar als das kollektive Gedächtnis der Menschheit, sagt Jean-Christophe Ammann. Gleiches gilt für Bibliotheken, nach den mündlich überlieferten Mythen, den bereits aufgezeichnet überkommenen Epen des Altertums die bedeutendsten in Schriftform manifestierten kollektiven Gedächtnisse. Auch die Bibel – “Buch der Bücher” – ist eine solche Bibliothek. Sie sind verschollen, die im Altertum weltweit gerühmten Grossbibliotheken von Alexandria oder Pergamon, die Celsus-Bibliothek von Ephesus oder die Hadrians-Bibliothek in Athen. Welche Anstrengungen unternehmen wir heute, um die schmerzhaften Brandverluste der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar in überschaubaren Grenzen zu halten!

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Celsus-Bibliothek (Foto: Michi wikimedia commons CC)

Zygmunt Blazejewski entwickelte in den Jahren ab 1992 eine Bibliothek der besonderen Art: eine Bibliothek “Anima mundi” als kollektives Gedächtnis, als Bibliothek der Bilder, wichtiger vielleicht, der Farbe, eines der wesentlichen Elemente, wenn nicht das Wesentliche eines Bildes.

Blazejewski erbaute seine Bibliothek aus Rollenbildern. Wieder erinnern wir uns der antiken Vorbilder: der rotuli, der Rollen. Die Bibliotheken bestanden aus Papyrus- oder Pergamentrollen. Wir denken an die Rollen von Qumran. Rollen haben etwas Geheimnisvolles : Zunächst verbergen sie ihre jahrhunderte, jahrtausende alten Inhalte, ihre Botschaften, die sie uns vermitteln wollen, sie verbinden Zukunft und Vergangenheit. Diese Inhalte, diese Botschaften sind wertvoll, sind eine wichtige Grundlage für unser Selbstverständnis und für die Entwicklung nachfolgender Kulturen. Auf den Punkt gebracht: Erst müssen wir sie entrollen, diese rotuli, um deren Inhalte wahrnehmen und verstehen zu können.

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Einem grösseren Publikum bekannt wurde die Bibliothekskonzeption “Anima mundi” durch die dritte Etappe ihrer Ausstellungsgeschichte im Jahre 2004: der Präsentation im ehemaligen IG Farben-Haus der Frankfurter Universität in Gestalt eines nachempfundenen riesigen Rhönrades. Vorangegangen waren eine horizontale Präsentation im Deutschen Architekturmuseum, Frankfurt am Main, und eine vertikale in der Balthasar Neumann-Kirche St. Cäcilia in Heusenstamm. Die Bibliothek in ihrem endgültigen Zustand soll sieben nebeneinander angeordnete Rollenstelen mit jeweils 30 Bilderrollen übereinander umfassen, also 210 Rollenbilder, eine Wand von zwölf mal sechs Metern.

Sieben Stelen – eine magische Zahl: In der christlichen Zahlensymbolik bedeutet sie Gnade, Ruhe, Frieden – gebildet aus der Drei (Dreifaltigkeit) und der Vier (vier Elemente, Wind- und Himmelsrichtungen). Die Sieben steht für den Menschen in seiner Gesamtheit von Leib und Seele. An Gräbern und Grabkapellen symbolisiert das Siebeneck ewige Ruhe. Die Bibel spricht von der Erschaffung der Welt in sieben Tagen, wir würdigen die sieben Weltwunder des Altertums. Auch die moderne Verhaltensforschung weist die Sieben als die beliebteste Zahl aus. Sie haben die Sieben bewusst gewählt? “Ja, sicherlich”, sagt Zygmunt Blazejewski. Und die 210 Rollen? “Auch diese Zahl ergibt sich nicht zufällig. Sie weist mit der ‘21′ bewusst in das 21. Jahrhundert.”

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In der Galerie baute Blazejewski jetzt eine Art Modul, ein Modell für den künftigen Ausbau: die räumlichen Gegebenheiten begrenzen dieses Modul derzeit auf eine senkrechte Stele, in die 25 Rollen eingelagert sind.

Die Rollen: Röhren aus Kunststoff, umwickelt mit den bemalten Leinwänden. Andere Rollen stehen in Gruppen senkrecht auf dem Boden. Weitere Bilder sind auf Rahmen aufgezogen und in der Galerie konventionell gehängt. Auf einer hölzernen Platte aufeinander geschichtet liegen schliesslich die übrigen der 210 Rollenbilder, durch Nummernschildchen geordnet. Wir erinnern uns an sorgfältig gepflegte Bibliothekskataloge.

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Rollenbild Nr. 1

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Rollenbild Nr. 167

Die Bilder: Sie entstanden in den Jahren von 1992 bis 1997 im Rhein-Main-Gebiet. Sie spiegeln in ihrer geistigen und schöpferischen Kraft gleich einem Kaleidoskop diesen pulsierenden Lebens- und Wirtschaftsraum und die künstlerischen Erfahrungen und Entwicklungen Blazejewskis wider. Sie sind, im Format etwa 110 mal 135 Zentimeter, in Acryl in Mischtechnik als Bemalung oder Druck, mitunter mit Elementen der Collage, auf Leinwand ausgeführt. Geheimnisvoll das wiederkehrende Motiv der runden Scheibe, als Widerpart der Köpfe der Figuren, diese mitunter auch verdeckend, in einer Dreidimensionalität Gestirne, Planeten assoziierend? In den 210 Varianten einer menschlichen Figur in den verschiedensten Bezugsräumen schlagen die Bilder, wie Blazejewski ausführt, “einen Bogen vom Amphibischen zum Menschlichen”.

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Rollenbild Nr. 173

Alle 210 Rollenbilder hat Blazejewski fertiggestellt. In ihrer künftigen Konfiguration sollen die Bilderrollen aus dem Stelengerüst entnehmbar und aufzurollen sein, sie können – in ihrer Beziehung untereinander oder zu dritten Objekten – in einen immer neuen Kontext gestellt werden. Eine Bibliothek der Bilder, der Farbe in Bewegung! Diese künftige monumentale Bibliothek stellt ein integriertes Gesamtwerk dar. Einzelne Elemente sind daher nicht erwerbbar. Wohl aber ist der Künstler bereit, ähnliche Elemente in neuen Zusammenstellungen zu kreieren.

In seiner Eröffnungsansprache stellte der bekannte Kunstwissenschaftler und Kurator Elmar Zorn auf die besondere Auseinandersetzung Blazejewskis mit der Farbe ab. Der Künstler befrage dieses Phänomen noch einmal von Grund auf, wie dies bereits Goethe in seiner noch heute bedeutsamen Farbenlehre, in jüngerer Zeit beispielsweise Kasimir Malewitsch mit dem Schwarzen Quadrat oder Yves Klein mit der existentiellen Absolutsetzung der Farbe Blau getan hätten.

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Rollenbild Nr. 183

In den zerebralen Speichern der Menschen, Bildmagazinen gleich, werden, ich zitiere Elmar Zorn, “Farben und Formen gerollt und entrollt, verglichen, verändert, abgelegt. Diese hochspannenden und hochkomplexen Vorgänge auf eine einfache und rituelle – weil verlangsamende – Darstellungsebene gebracht zu haben, also unser Bilderrepertoire aller tatsächlichen und möglichen Bildfantasien mit einem Modell aus durchaus handgefertigten Objekten kurzgeschlossen zu haben zu einem von ihm Rollenbibliothek genannten Kunstraum, ist das Verdienst von Zygmunt Blazejewski.

Wie jeder Künstler hat er ein quid pro quo gesucht in seinem Arbeiten, eine selektive Präsentation, gleich ob als Metapher, Symbol, Allegorie, Zeichen, um gerade in der Darstellung eines Aufbewahrungs- und Nutzortes, eines Archivs und Speichers aufgezeichneter Farbwelten weitere aufzurufen und möglich zu machen, wie ja jeder künstlerisch -poetische Akt, der etwas bezeichnet, das Bezeichnete damit befreit für neue Kombinationen.

Die Vergewisserung, dass wir alle solche magischen Akte der Befreiung des festgelegten Objektes oder der festgelegten Bezeichnung jederzeit leisten können, angeregt und angestiftet und auch belohnt vom Künstler (Schönheit ist eine Belohnung), wenn wir uns unserer Speicher bewusst sind und sie wahrnehmen, ohne sie je voll zu nutzen zu können, so wie wir viel mehr Bücher in unseren kollektiven und persönlichen Bibliotheken besitzen als wir eigentlich brauchen: Dieser Besitz stellt die Grundlage unserer Kulturüberlieferung dar.

‘Anima mundi’, diese Rollenbibliothek in ihrer geschlossenen und ihrer entfalteten, entrollten Form aufgeblätterter Rollenbilder, diese jeweils mit einer Menschensilhouette durchdeklinierten malerischen Pastiches der Conditio humanae, ist im Ansatz eine solche Darstellung, ja mehr noch: eine Einübung der Rettung unserer diversen Kultursprachen beziehungsweise eine Gebrauchsanleitung, wie die Sprache der Farben, also die Sprache der Malerei und damit auch die Sprache der Aufzeichnung auf Leinen gerettet werden könnte. Denn Voraussetzung für die Rettung, also den Fortbestand der Kultur und damit der Menschen, da sie ohne Kultur letztendlich nicht lebensfähig sind in ihrem Humanum über das Animalum hinaus, ist das Bild, das sie von sich selbst und in sich tragen, der Geist, also lateinisch ‘Anima’, der sie beseelt in ihrem Dasein und in der kulturellen und zivilisatorischen Reproduktion dieses ihres Daseins.

Der Künstler, dieser kleine Schöpfer, hat die Mittel, aber auch die Aufgabe bekommen, die Bilder zu schaffen, diese ‘Anima mundi’ zu beschwören und zu bewahren mit all den Visionen wie auch den Speicher für die Visionen. In diesem Sinn reiht sich Zygmunt Blazejewskis ‘Anima mundi’ ein in die Reihe künstlerisch herausragender Positionierungen.”

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Rollenbild Nr. 210

Zygmunt Blazejewski wurde 1953 in München geboren. Er studierte Kunstgeschichte und Architektur in München. Es folgte ein Studium für Bühnenbild an der Hochschule für darstellende Kunst und in der Meisterklasse für Malerei in Graz. Als freischaffender Künstler befasste er sich seit 1978 unter anderem mit Bühnenbildarbeiten für verschiedene Theaterprojekte. In der Galerie der Heussenstamm-Stiftung ist Blazejewski kein Unbekannter: 2001 erhielt er den Kunstpreis der Stiftung. Seine Werke präsentierte er in zahlreichen Ausstellungen in Hessen sowie in Städten wie Leipzig und München.

(Bildnachweis: Galerie der Heussenstamm-Stiftung, © Zygmunt Blazejewski)

9. November 2007 – Die deutsche Einheit wird volljährig!

Freitag, 9. November 2007

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Ist sie damit auch schon erwachsen?