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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for Juli, 2007

Weisheiten / 64

Donnerstag, 19. Juli 2007

 

WILLIAM SHAKESPEARE 

I hear, yet say not much, but think the more. 


Weisheiten / 16

Mittwoch, 18. Juli 2007

Aller höhere Humor fängt damit an, daß man die eigene Person nicht mehr ernst nimmt.

Hermann Hesse (1877 bis 1962), Schriftsteller, Träger des Nobelpreises für Literatur

Fides Becker

Donnerstag, 12. Juli 2007

Fides Becker – in ihrem Atelier mitten in Frankfurt

Fides Becker – eine Malerin mit Leib und Seele. “Ich lebe mit mir und meiner Welt in Einklang, wenn ich malen kann.”

Ein Bekenntnis, das bei vordergründiger Betrachtung Fesseln anzulegen scheint, in Wirklichkeit aber Freiräume eröffnet. Es passt zu ihr, die ihre Malerei mit präzisen Überlegungen und Skizzen vorbereitet, dann in eine Phase des Hantierens und Spielens mit den Materialien eintritt und anschliessend ihre Werke mit kompositorischem Verstand, Sinnlichkeit und Gefühl (den “Bauch” mag sie keinesfalls ausschalten) sowie mit hoher handwerklicher Qualität so ausführt, dass sie sagen kann: Ja, das ist es.

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Eine gute, fundierte Ausbildung hat Fides Becker, 1962 in Worms geboren, durchlaufen: Städelschule in Frankfurt am Main, Academie van Beeldenden Kunsten Rotterdam, Hochschule der Künste Berlin. Renommierte Stipendien bereiteten ihr Wege unter anderem nach Amsterdam, New York und Salzburg. Weit über zwanzig Einzel- und Gruppenausstellungen bezeugen die Wertschätzung, die ihre Arbeiten im In- und Ausland geniessen. Viele ihrer Werke fanden bereits den Weg in private wie öffentliche Sammlungen.

Fides Becker schwimmt gegen den Mainstream. Man hat sie einen “Solitär in der zeitgenössischen Kunstszene” genannt. Zu Recht.

Ihr Atelier liegt mitten in Frankfurt, unmittelbar am “Bauchnabel” der Stadt: der Kleinmarkthalle. Im Vorderhaus ein sympathisches kleines Café. Das Atelier lichtdurchflutet, durchaus aufgeräumt, mit freundlichem Sitzmobiliar.

Wir treten ein und sind überrascht: Realismus und Traumwelt ineinander verschränkt. Visualisierte Galanterien. Motive wie Rokoko-Kronleuchter, gerüschte Reifröcke über Krinolinen, geplusterte Perücken, Pavillons und Tempelchen, Roccaillen an Wänden und Decken, das Schokoladenmädchen aus einem Wiener Caféhaus – Nostalgie? Nein. Ironie? Sicher ein wenig. Symbole für Verlust, Sehnsucht nach Unwiederbringlichem? Vielleicht schon eher, aber analysiert, decouvriert. Fides Beckers Spiel mit dem Ornamentalen, Dekorativen darf uns nicht verwirren: Es zerbricht das Schimmernde, reflektiert den (schönen?) Schein, baut auf Entlarvtem und Zerlegtem mit ausgewählten Elementen ein Neues, in Erinnerung wohl Erträumtes, vielleicht auch Vermisstes?

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Intensiv befasst sich Fides Becker mit dem Zusammenwirken unterschiedlicher Kulturen und dessen Auswirkungen: “Das ist für meine Malerei sehr wichtig, denn Kern meiner inhaltlichen Auseinandersetzung ist die Tradition unserer alltäglichen Kultivierung und wie sich diese in der Geschichte der Malerei, der Fotografie und in der Werbung manifestiert. Besonders interessant finde ich die Spannung zwischen dem Verlust alter Traditionen, was sowohl Befreiung, als auch Irritation bewirken kann, und den durch Migration hinzukommenden Kulturen. Für mich stellt sich die Frage nach dem Sinn von Traditionen heute, und ich greife die Sehnsucht nach Vergangenem und Zukünftigem und die damit verbundene empfundene Leere im Hier und Jetzt auf; die Vielfältigkeit von Möglichkeiten und das Vakuum durch das Wegbrechen allgemein gültiger Normen spiegle ich in meiner Malerei wider: Ich fragmentiere Alltagsszenen und überlagere auf verschiedenen Bildebenen Gegenstände, Landschaften, Figuren und Ornamente und mache damit die Faszination für Harmonie und Schönheit, Hoffnungen und Sehnsüchte und deren Fragwürdigkeit erfahrbar.” Es geht Fides Becker um das Spannungsverhältnis zwischen Verlust und Befreiung, wobei das eine mit dem anderen untrennbar einhergeht. In und mit ihrer Malerei lebt – und hält – sie es aus.

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So verwundert nicht der Titel ihrer jüngsten, vor kurzem zu Ende gegangenen Ausstellung in der Kunsthalle Emden “Die Sehnsucht nach anderswo”. Bemerkenswert übrigens die gemeinschaftliche Förderung dieser Werkschau durch das Frankfurter Amt für Wissenschaft und Kunst, die Hessische Kulturstiftung und das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur Rheinland-Pfalz. Nicht minder bemerkenswert der Katalog, den man gar nicht mehr aus der Hand legen möchte, erschienen im Hatje Cantz Verlag.

Durchaus mittel- und grossformatig können ihre Bilder sein – gern greift sie auf das Oval zurück. Meist sind es Collagen, aus Leinwänden und Stoffen, die einzelnen Bahnen und Flächen penibel miteinander vernäht, die offenen, fransigen Kanten nach aussen gewendet, Narben gleich, die Zerrissenes, Zerschnittenes zusammenfügen, verheilen, ohne zu verbergen; aber auch zuvor nicht zueinander Gehöriges vereinen, und das Zusammenwachsen, die Synthese zum Neuen, sichtbar machen. Auffallend das grosse zeichnerische und malerische Können. Die Leinwände, die sorgsam ausgewählten Baumwoll- und Dekostoffe meist mit Acryl und Eitempera bemalt, die Farbpalette charakteristisch in rötlich-orangener-gelb-zartvioletter Dominanz, moderiert von verschiedem Blau und Grün.

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Ob die Bilder, die Motive, die pastellenen Farben feminin seien? “Nein”, sagt Fides Becker, “keineswegs. Jedenfalls nicht bewusst”. Die Farben stellen sich intuitiv, wie von selbst ein. Und die Motive, die Figurinen, überwiegend Frauen? Zweifellos setzt sich die Malerin immer wieder mit der Rolle der Frau auseinander, mit den Klischees des “typisch Weiblichen”. Auffällig auch das wiederkehrende Motiv des kleinen, chinesisch anmutenden Sonnenschirms. Verspieltes Accessoire? Ein Zitat, etwa nach Francisco de Goyas “Der Sonnenschirm”? Symbol für Vergangen-Dekadentes, für Behütung und Schutz, oder die Suche danach?

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Fides Beckers Malerei fordert auf ihre ganz eigene Weise den Betrachter heraus, sich mit dem Gestern und dem Heute auseinanderzusetzen und sich auf die Suche nach dem eigentlichen, für ihn wichtigen Jetzt zu begeben.

(© Fides Becker; Fotos: Horst Ziegenfusz)

⇒ ⇒ ⇒  “Mitternachtsblau”: Fides Becker bei Heike Strelow

Der alltägliche sprachliche Unsinn

Mittwoch, 11. Juli 2007

Kein sprachlicher Unsinn scheint dermassen gross zu sein, dass ihn nicht die Medien – Radio, Fernsehen, Print gleichermassen – regelmässig pflegten. Ein trauriges Beispiel: Allenthalben ist im Journalismus (leider auch im volkstümlichen Sprachgebrauch) von “sterblichen Überresten” die Rede, wenn man Tote oder Teile von Toten meint. Gewiss, dem Thema sollte man sich mit der gebotenen Pietät nähern.

Aber nun zum Srachunsinn: Was sind “Überreste”? Es gibt sie natürlich nicht. Reste sind eben Reste. Reste vom Rest? Quatsch!

Was ist “sterblich”? Alles, was sterben kann, folglich noch nicht gestorben ist. Also kann Totes, können Tote nicht “sterblich” sein!

Ergo: “sterbliche Überreste” kann es nicht geben. Ist das so schwer zu begreifen?

Journalisten, geht bitte sorgfältiger mit der Sprache um! Ihr solltet insoweit ein Vorbild sein.

Der gläserne Abgeordnete

Dienstag, 10. Juli 2007

- oder die Freiheit des Parlamentariers

Die Wahrheit im Leben liegt – wie so oft – in der Mitte.

Man tut bei allem gut, mit dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland zu beginnen. Artikel 38 Absatz 1 legt fest: “Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages . . . . Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.”


(Foto: Johann H.Addicks)

Um das Wesen dieser Bestimmung zu erfassen, bedarf es nicht der Lektüre vieler zigtausender Seiten an Literatur und Judikatur, sondern der alten Weisheit von Immanuel Kant: “Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.”

Weil wir eben genau dies tun wollen, wissen wir längst: Die hehre Forderung des Grundgesetzes ist graue Theorie. Der einzelne Abgeordnete vertritt in der rauhen Lebenswirklichkeit eben nicht das ganze Volk, sondern die Bürgerinnen und Bürger, die ihn wählen, und vor allem die Ziele der politischen Partei, die ihm ein solches Mandat überhaupt erst ermöglicht. Er ist in der Lebenspraxis sowohl an Aufträge wie an Weisungen gebunden, nämlich diejenigen seiner Wähler und seiner Partei, sonst brauchte er sich um ein Folgemandat erst gar nicht mehr zu bemühen. Möglicherweise aber auch zusätzlich noch an seine “Arbeitgeber”, wobei wir bei den viel diskutierten Nebeneinkünften der Mandatsträger sind.

Dies alles muss der Abgeordnete allerdings mit seinem freien Gewissen in Einklang zu bringen versuchen, was niemandem a priori abgesprochen werden soll und kann.

Der Abgeordnete ist auf Zeit gewählt, er wird für die Dauer seines Mandats ordentlich alimentiert. Aber was danach? Vernachlässigt er seinen “Brotberuf” über vier oder fünf Jahre oder noch länger, kann ihm dies erhebliche existenzielle Nachteile bereiten, wenn er aus dem Parlament wieder ausscheidet. Wenn er jetzt seine Einkünfte aus diesem Beruf offenlegen muss, kann ihm auch dies erhebliche wettbewerbliche Nachteile bringen. Nicht zu vergessen der Grundsatz der Berufsausübungsfreiheit. Und: Wenn der Abgeordnete von seinem “Brotberuf” auch in Zukunft leben kann, macht ihn dies nicht erst wirklich frei in seinen Entscheidungen als Mandatsträger?

Umgekehrt: Ein Abgeordneter hat durch berufliche Tätigkeiten und Wirtschaftsmandate erhebliche Nebeneinkünfte, die er zweifellos nicht erhielte, wenn er nicht Lobbyarbeit für seine Geldgeber verrichtete. Aber wer wollte es ihm verdenken? Gleichwohl – zu Recht verlangen hier Gesetzgeber und Rechtsprechung eine Offenlegung in gewissem Umfang; damit der Wähler wirklich Bescheid darüber weiss, für welche Interessengruppen derjenige – auch – tätig ist, dem er seine Stimme gibt.

Von woher aber ist die Gewissens- und Entscheidungsfreiheit eines Abgeordneten denn nun gravierender bedroht – von seinen anderen beruflichen Tätigkeiten, oder viel mehr noch vom “Fraktionszwang” der politischen Parteien bei den parlamentarischen Abstimmungen, die ihn – um ein schlimmes Wort zu zitieren – oft genug zum “Stimmvieh” degradieren wollen?

Eine ebenso heikle Frage: Wie viele Wähler interessieren sich denn überhaupt für diese Problematik, wie viele machen sich die Mühe, sich entsprechend zu informieren? Oder gar ihre Wahlentscheidung davon abhängig? Im realen Leben wohl nur eine Minderheit.