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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Ein Auge für die Kamera, ein Auge für die Truppe

Die Berichterstattung über Kriege, Krisen- und Konfliktherde gehört leider zu unserem Alltag. Sie stellt Journalisten und Reporter vor besondere Herausforderungen. Heute deshalb ein interessanter Gastbeitrag der Journalistin

Claude Piel:
Ein Auge für die Kamera, ein Auge für die Truppe

Journalistenkurse im Ausbildungszentrum der Vereinten Nationen

„Spion der KFor!“, brüllt der Mann mit der schwarzen Maske. Mit einer Pistole im Nacken ist jeder Widerstand zwecklos. Der Mann zählt bis drei und drückt ab. Oliver, freier Journalist, zuckt zusammen.

„Übungsende!“, schreit ein Oberfeldwebel. Die Geiselnahme ist vorbei. Endlich. Zum Glück sind die Geiselnehmer nicht echt. Wir sind im fränkischen Hammelburg am Standort der Infanterieschule und des Ausbildungszentrums der Vereinten Nationen (VN).

Am ersten Tag des Nato-Einmarsches in den Kosovo wurden im Juni 1999 die beiden Stern-Reporter Gabriel Grüner und Volker Krämer erschossen. Seitdem werden auch Journalisten in Hammelburg ausgebildet. Die Geiselnahme ist Teil der fünftägigen „Basiseinweisung: Verhalten von Journalisten in Krisengebieten“. 43 getötete und 125 gefangene Journalisten weltweit, so die bisherige Schreckensbilanz 2007 der internationalen Organisation „Reporters Without Borders“, belegen leider die Notwendigkeit eines solchen Lehrganges.

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Wichtiger als jedes Foto

„Ein Auge für die Kamera, ein Auge für mich“, prägt Oberst Hans-Jürgen Folkerts, Leiter des VN-Ausbildungszentrums, den Teilnehmern immer wieder ein, während sie sich zwischen den „kämpfenden Truppen“ bewegen. Weder Internationale Presseausweise noch Menschenrechtserklärungen schützen vor Geiselnahmen, Minen, Scharfschützen, Autobomben oder Giftgas. Oberstes Gebot ist: Das eigene Leben ist wichtiger als jede Reportage oder jedes Foto. Das weiß auch Michael Franzke. Der Afrika-Korrespondent des WDR gibt seine Erfahrungen in dem Kurs weiter: Es sollte ein Melderhythmus zur Heimatredaktion vereinbart sowie ein Tagebuch geführt werden. Vor allem aber sollte man vor Ort unauffällig bleiben.

Nicht immer sicherer Schutz

Mit Stahlhelm und Fernglas ausgerüstet, erleben die Journalisten, wie die Kugeln und Granaten aus Maschinengewehren, Panzerfäusten und Schützenpanzern knapp über die Köpfe hinweg fliegen. In einem Schützengraben banges Warten in der Hocke. Das macht mürbe, niemand weiß, wie viele Stunden es auszuharren gilt. Sprengstoff explodiert in nächster Nähe. Die Druckwelle fährt in die Körper, die Münder stehen offen, um sie durchzulassen. Bis zu fünf Kilo sind da detoniert, erfahren die Reporter später.

Gerät man zwischen die Fronten, ist schnelle Deckung und Orientierung angesagt: „Wo, wer und was zielt auf mich?“ Nicht überall findet sich sicherer Schutz: Normale 7,62 mm-Gewehrmunition durchschlägt Bäume mit einem Durchmesser von 60 Zentimetern, Panzerglas, Ziegelmauern und – bei senkrechtem Aufschlag – einen Stahlhelm. Auch Gebäude können tödlich sein. Schnell gebastelte Sprengsätze finden sich an der Tür, unter dem Teppich, in Schubladen, unter der Klobrille oder unter dem Waschbecken. Die Gefahr lauert auch im freien Gelände. Warnzeichen für Minenfelder gibt es genug. Ein orangefarbenes Fähnchen, eine Coladose auf einem Stock oder einfach nur ein Häufchen Äste. Daher sollte man auf freigegebenen Straßen bleiben, keine Straßenränder begehen, keine Andenken sammeln und das Verhalten der Einwohner beobachten.

An diesem Freitag herrscht ein reges Geschäft auf dem Markt in „Bonnland“, dem Übungsdorf der Bundeswehr. Hier und da unterhalten sich Journalisten mit „Einheimischen“, als plötzlich eine Detonation alle erschüttert: Keine Zeit in Deckung zu gehen. Die Landung auf dem Betonboden ist hart. Dem Knall folgt eine Rauchwolke. Es war eine Autobombe, kein Giftgas. Bei Gasangriffen hat man sieben Sekunden zwischen Alarm und Anziehen der Gasmaske: Atem anhalten, Augen schließen, Gasmaske anziehen, Filter anbringen, kräftig ausatmen, Augen aufmachen…


(Das „Blaue Haus“ in „Bonnland“)

Nicht ohne Versicherung

Ohne ausreichenden Versicherungsschutz sollte kein Krisengebiet begangen werden, betont Christian Sprotte von der Berufsgenossenschaft Druck und Papierverarbeitung am vorletzten Tag der Ausbildung. Journalisten stehen bei ihrer Arbeit, wie alle Arbeitnehmer, unter dem Versicherungsschutz der Berufsgenossenschaften (BG). Fotografen und Printjournalisten sind bei der BG Druck und Papierverarbeitung versichert. Für elektronische Medien ist die BG Feinmechanik und Elektrotechnik zuständig. Der Versicherungsschutz gilt auch, wenn man zeitlich begrenzt im Ausland arbeitet. Für die BG Druck und Papierverarbeitung ist der Schutz der Journalisten so wichtig, dass eine Kooperation mit der Bundeswehr vereinbart wurde: Seit März 2003 übernimmt die Berufsgenossenschaft die Kosten der Kurse, denn Vorbeugen ist besser als Heilen.

Ein Kommentar zu “Ein Auge für die Kamera, ein Auge für die Truppe”

  1. Ursula Günther
    19. Januar 2008 09:43
    1

    Wahnsinn!

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